U-Bahn fahren in China – ein Abenteuer?

Ich liebe es, chinesische Städte mit der U-Bahn zu erkunden. U-Bahnen in den großen Städten sind sauber und schnell. Da die meisten Linien erst in den letzten 20 Jahren entstanden sind, sind sie außerdem auch sehr modern und mit Dingen ausgestattet, die man in Deutschland nicht kennt, zum Beispiel einer aktuellen Anzeige, wo man sich gerade befindet.

Peking U-Bahn-Station Xidi

Peking U-Bahn-Station Xidi

Doch der Reihe nach. Wie nutze ich die U-Bahn in einer Stadt, die ich nicht kenne und deren Sprache ich nicht verstehe? Zunächst einmal: Überall, wo ich die U-Bahn genutzt habe, wie Peking, Shanghai oder Chengdu, sind alle Haltestellen und andere Schilder auch in Pinyin zu lesen, also in lateinischer Schrift. Das macht die Orientierung recht einfach. Auch viele Durchsagen kommen in Englisch.

U-Bahn-Haltestellen

Die U-Bahn-Haltestellen finde ich mittels Stadtplan und dem entsprechenden Zeichen. Ausnahme ist Chengdu. Da scheint man anzunehmen, dass man die charakteristischen Stationen, die wie ein rundes „Größer als“-Zeichen gestaltet sind, nicht übersehen kann und sie auch gleich als U-Bahn-Station erkennt. Naja. An einer Stelle in Chengdu war ich doch sehr froh, dass ich chinesische Schriftzeichen lesen kann und so den Weg zu der Station, die im Keller eines Kaufhauses lag, fand.

Hinweis zur U-Bahn in Chengdu

Hinweis zur U-Bahn in Chengdu

地铁 ditie = U-Bahn

U-Bahn-Stationen: Links und Mitte Chengdu, rechts Peking

U-Bahn-Stationen: Links und Mitte Chengdu, rechts Peking

Tickets kaufen

Dann geht es also hinunter in die eigentliche Station, nicht immer und überall mittels Rolltreppe. Kurze Pause zur Orientierung: Wo sind die Ticketautomaten? Habe ich Kleingeld für den Automaten? In der Regel kostet die Fahrt zwei Yuan RMB (soll sich in Peking bald ändern). Diese hatte ich selten als Münzen vorrätig. Meistens können die Automaten sogar Englisch oder es gleich jemand da, der einem hilft. Aber ohne Münzen? In Peking ist es mir passiert, dass ich einfach 5 Tickets für 10 Yuan kaufte, weil ich dachte, dass ich die in den nächsten Tagen noch nutzen könnte. Doch alle 5 Tickets waren nur für diesen einen Tag gültig und so oft wollte ich gar nicht fahren. Egal, 10 Yuan sind etwas mehr als 1 Euro, also war der Verlust zu verschmerzen.

So, immer noch kein Ticket, weil kein Kleingeld oder weil man nichts versteht? Dann gibt es die Schalter, an denen ein netter Mensch sitzt und einem live die Fahrkarte verkauft. Wenn man nur Scheine hat, also großes Geld, tut man gut daran, den Schein mit einem freundlichen Lächeln und dem erhobenen Zeigefinger (für 1, Zeige- und Mittelfinger für 2) durch den Spalt in der Scheibe zu schieben. Den Zielort muss man sich nicht merken, da bislang die Fahrkarte gültig ist, egal wohin man will und wie weit man fährt (Anmerkung 2015: Das hat sich zumindest in Peking geändert. Es gibt unterschiedliche Reichweiten für unterschiedliche Preise. Da sollte man ungefähr wissen, wo man hin will). Heutzutage erhält man dann eine Fahrkarte in der Form einer Plastikkarte von der Größe einer Kreditkarte.

Tickets kaufen: Links Chengdu, rechts Shanghai

Tickets kaufen: Links Chengdu, rechts Shanghai

Hinunter zum Bahnsteig

Hurrah, der erste Schritt ist geschafft! Wohin nun? Da die Bahnsteige alle in der Mitte zwischen den Linien liegen, ist die Fahrtrichtung hier noch nicht von Bedeutung. Als nächstes kommt der Sicherheitscheck. Wie im Flughafen muss man seine Tasche, eventuell auch Jacke usw. auf ein Band legen, das in einer Durchleuchtungsanlage verschwindet. Auch hier gibt es viel Personal, das einem hilft, wenn man nicht genau versteht, was man tun soll. Hinter dem Bildschirm sitzt ein meist gelangweilt aussehender Beamter (oder eine Beamtin), der wahrscheinlich so viele Tascheninhalte in seinem Leben gesehen hat, dass ihn das alles gar nicht mehr interessiert. Mir ist immer ein wenig unheimlich, weil ich meine geliebte Kamera und die Tasche mit allem Lebenswichtigen loslassen muss, und ich freue mich sehr, wenn alles heil und vollständig auf der anderen Seite wieder rauskommt. Aufpassen, wenn Gedränge herrscht!

Nun kommen die Kontrollautomaten dran. Wie hier in manchen Museen oder schon bekannt, schiebt man die Karte in einen Schlitz, und schwups kommt sie oben aus einem anderen Schlitz wieder raus! Nicht vergessen, die Karte wird später noch benötigt! Damit es nicht zu einer Unterbrechung des stetig fließenden Stroms von Reisenden kommt, nur weil da so ein Ausländer mit der Automatik nicht klar kommt, steht auch hier (manchmal) jemand bereit, um die Karte richtig rum reinzustecken. Danach kann man durch die schmale, mit Stahlbügeln gesicherte Sperre treten.

Auf dem Bahnsteig

Mit der möglicherweise vorhandenen Rolltreppe (die in China schneller ist als in Deutschland und häufig nur nach oben fährt) geht es noch ein Stockwerk tiefer zu dem Bahnsteig. Dort sollte man sich die Zeit nehmen, alles in Ruhe mal anzuschauen. Neben dem unglaublichen Gewimmel kommt man vor allem bei den neuen Stationen wie in Chengdu aus dem Staunen kaum heraus. Werbung und Fahrgastfernsehen wohin man schaut. Seltsame Glaswände verhindern, dass man in dem Gedränge auf die Gleise purzelt.

Auf dem Bahnsteig in Chengdu

Auf dem Bahnsteig in Chengdu

In regelmäßigen Abständen direkt vor den Türen in der Glaswand sind Zeichen und Pfeile auf dem Boden zu finden. Sie sollen auch dem ungeübten U-Bahn-Fahrer zeigen, dass man an der Seite wartet, während die Leute aus der Bahn steigen. Mir war das gar nicht so bewusst und habe in Hamburg dann genau geguckt, ob wir das hier, so ganz ohne Pfeile, auch so machen. Ja, meistens klappt das! In Chengdu habe ich den Eindruck gewonnen, dass man das Prinzip des Schlange Stehens verstanden hat. An einem Tag durfte ich erleben, dass Schülerinnen und Schüler, gekennzeichnet mit einer Schärpe, neben den Pfeilen standen und die Fahrgäste freundlich auf die speziellen Sitten beim Ein- und Aussteigen hinwiesen.

Peking: In der U-Bahn

Peking: In der U-Bahn

Die Fahrt

Anhand der Hinweise in lateinischer Schrift habe ich nun die Richtung festgestellt, in die ich fahren will. Die Bahn fährt ein, sanft und ruhig. Einige hektische Lautsprecher-Durchsagen, die ich im plötzlich entstehenden Durcheinander nicht verstehe, dann öffnen sich die Türen in der Glaswand. Die U-Bahn hat präzise so gehalten, dass die Bahntüren genau an der richtigen Stelle sind. Die einen Fahrgäste drängen hinaus, die anderen hinein. Die gerade noch ruhig in Reihen wartende Menge löst sich auf und drängelt. Die Pfeile werden nun ignoriert. Auch ich drängele mit und stehe endlich in der Bahn.

Es gibt nur wenige Sitzplätze und wer einen solchen erobert hat, gibt ihn so schnell nicht auf. Platz freimachen für Alte, Gebrechliche? Eher selten! Fahrgastfernsehen, Werbung, Durchsagen: Auch wenn manches in Englisch durchgegeben wird, so tue ich mich schwer, alles zu verstehen. Doch irgendwo blinkt die elektronische Anzeige, wo man gerade ist und in welche Richtung man fährt. Also steige ich genau da aus, wo ich hin wollte.

U-Bahn SchilderNach dem Aussteigen geht es hinauf auf die Zwischenebene. Hier braucht man seine Fahrkarte, die man in einen Schlitz am Durchgang steckt. Diesmal verschwindet sie auf Nimmerwiedersehen und man kann durch die Sperre hinaus. Orientierung? Am besten man hat sich schon vor der Fahrt gemerkt, durch welchen Ausgang man sein Ziel am besten erreicht. Die Ausgänge sind mit Buchstaben gekennzeichnet. So hatte ich von dem Hostel in Chengdu erfahren, dass ich den Ausgang A nehmen sollte. Das war gut zu wissen, denn oben herrschte aufgrund einer Baustelle ein großes Durcheinander.

U-Bahn in China für Rollstuhlfahrer

Rollstuhlfahrer sind in China eher selten anzutreffen. Man richtet sich zwar immer mehr auf Behinderte ein, aber das wird noch ein langer Prozess sein. Zum Beispiel gibt es in den U-Bahn-Stationen keine Aufzüge. In Chengdu habe ich eine interessante Einrichtung an der U-Bahn-Station entdeckt: Einen Treppenlift! Ob der funktionierte und genutzt wird, kann ich nicht sagen. Die Frage ist auch: Wie geht es danach weiter?

Treppenlift und Bedienungspanel in Chengdu

Treppenlift und Bedienungspanel in Chengdu

Hinweis:
Um die U-Bahn-Fahrt richtig genießen zu können, sollte man die Rush-Hour vermeiden, wenn man nicht gerade Lust hat, zu erleben, was Millionen von Chinesen für ein Gedränge entstehen lassen können.

p.s. Die meisten Schilderungen stammen aus meinen Erfahrungen in Peking, Shanghai und vor allem in Chengdu. Es muss nicht immer und überall so ablaufen, wie ich es beschreibe. Es bleibt spannend!

U-Bahn fahren in Deutschland? Schaut mal hier

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U-Bahn fahren in Shanghai, Xi’an, Chengdu

8 Kommentare

  • Pingback: Grauenhaft: Mein erster Tag in China

  • Dein Bericht ist sehr interessant! Es gibt wirklich viel Einblick in den Ablauf und die örtlichen Gepflogenheiten, bzw. einem zukünftig Reisenden die Sache ganz erheblich.
    Ich habe nicht gewusst, dass Sicherheitskontrollen beim U-Bahn-Fahren üblich sind (Gepäckkontrolle). Und was den Treppenlift angeht und deine Frage, was danach (mit dem Benutzer) passiert: Ich denke, es ersetzt keinesfalls einen Aufzug, den Rollstuhlfahrer bräuchten. Und Sie werden auch nicht auf den Treppenlift umsteigen, während jemand den Stuhl separat herunterhüsert. Doch viele Menschen können laufend noch recht gut vorwärts kommen, aber würden Stufen nicht schaffen. Wenigstens für die ist die Treppe dann keine Hürde mehr.

    Liebe Grüße
    Michèle

    • Hallo Michele, danke für deinen Kommentar. Der Treppenlift ist so gebaut, dass man mit dem Rollstuhl drauf fahren kann.Nur nach weiter unten gab es den nicht.
      LG
      Ulrike

      • Danke schön für deine weitere Erklärung dazu, liebe Ulrike. Dann ist das natürlich etwas merkwürdig. Ich hatte angenommen, es sein nur eine Art Sitz zum selber draufsetzten, nicht zum Transport des Rollstuhls selbst geeignet.
        LG Michèle

  • Betrachterauge

    Darf ich meine Erfahrung dazu sagen? 🙂

    In Peking ist es uns aufgefallen, dass in der Stationen kaum Sitzbänke zu finden sind. Die Chinesen gehen einfach in die Hocken, was besonders bei Frauen sehr merkwürdig aussieht.

    Aber was uns am meisten überraschte, waren Regenschutzmäntel aus Plastik, die die Polizei in den U-Bahn-Stationen vor dem Ausgang während eines Schauers kostenlos verteilte. Dazu muss man fairerweise hinzufügen: Die Mäntel rissen schon beim Anziehen auseinander.

    • Naklar darfst Du! Solche eigenen Erfahrungen finde ich sehr interessant.Dass Polizisten Regenmäntel verteilen hab ich noch nicht erlebt. Aber bei plötzlich eimsetzendem Regen stehen sofort Händler bereit, um Capes und Regenschirme zu verkaufen. Vor zwei Jahren gab es sogar die Meldung. dass kostenlose Flipflops ausgegeben werden, weil so viele diese in der Hitze des Sommers in der U-Bahn verloren.
      Und Du hast recht: es gibt so gut wie keine Sitze auf den Bahnsteigen. Danke für den Hinweis!

  • Reiseberichte mag ich immer sehr. Das lässt mich mit erleben. Hast du große Unterschiede zum U-Bahn fahren in Japan festgestellt?

    • Ich weiß, dass ich in Tokyo und auch anderswo in Japan U-Bahn gefahren bin. Aber ich kann mich kaum noch daran erinnern. Habe damals auch noch nicht darauf geachtet
      LG
      Ulrike

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