04.05.1991 Der erste Reisekoller – auf dem Yangtze

Heute (2014) vor 23 Jahren war ich in Chongqing angekommen, immer die beiden Jungs von der Transsib im Schlepptau. Sie waren sehr nett und wir hatten viel Spaß zusammen. Aber sie ließen gerne auch den Mann heraushängen und hielten sich schon aufgrund der Tatsache, dass sie Männer waren, für fähig, mir zu sagen, was ich zu tun und was ich zu lassen hätte. Vielleicht zerrte das an meinen Nerven, aber auch die nicht so schönen chinesischen Eigenschaften wie das morgentliche Rotzen und Spucken wurden mir immer bewusster. Dazu kam jetzt nach vier Wochen die Erkenntnis, dass ich nicht einfach nach Hause fahren konnte. Ja, meine Toleranzspanne war damals noch recht kurz. Aber lest selbst!

Der Yangtze 2005

Der Yangtze 2005

Aus meinem Reisetagebuch:

Zurück in Chongqing ist es zwar kalt, aber es regnet wenigstens nicht mehr. Trotzdem macht es gar keinen Spaß, den schweren Rucksack stundenlang durch die Stadt zum Schiffsanleger zu schleppen, nur weil die Jungs die 4,- DM für das Taxi sparen wollen. Ich wäre auch bereit gewesen, den ganzen Betrag alleine zu zahlen. Aber ich kann sie nicht zu einem Taxi überreden. Ich weiß nicht, wem die Jungs was beweisen wollen. Wütend laufe ich hinter ihnen her. Für einen Augenblick überlege ich, ob ich nicht alleine ins Taxi steige. Aber erstens finde ich keines sofort, und zweitens will ich es nicht zum Eklat kommen lassen. Ich bin ja trotz allem ganz froh, mit den beiden zusammen zu reisen.

Im Hafenbüro bekommen wir schnell und ohne große Probleme Dritter-Klasse-Fahrkarten für ein Schiff, das am nächsten Morgen den Yangtze hinab fährt. Da es schon unten am Ufer liegt, fragen wir nach, ob wir bereits heute Nacht auf dem Schiff schlafen können. Wir finden jemand, der uns erklärt, dass das ohne weiteres gegen eine kleine Gebühr möglich ist. Geduldig warten wir mit einigen Chinesen darauf, dass wir an Bord gehen dürfen. Ich bin ziemlich erschöpft. Es ist so ungemütlich, auf den Treppenstufen zum Ufer zu sitzen und zu warten. Natürlich fehlen auch die neugierigen Chinesen nicht, die immer wieder an uns vorbei gehen und uns anstarren.

Warten in Chongqing 1991

Warten in Chongqing 1991

Als es dunkel wird, dürfen wir endlich über die lange, schmale Laufplanke aufs Schiff in unsere 3. Klasse-Kabine gehen. 3. Klasse bedeutet, dass wir Betten in einer 8-Bett-Kabine mit Waschbecken und direktem Zugang nach außen haben. Ich lasse mich gleich auf mein Bett fallen. Als Jo vorschlägt, dass wir uns das Deck ansehen sollten, blaffe ich ihn nur an: „Lasst mich in Ruhe! Ich möchte endlich mal wieder mit einer Frau sprechen! Ihr geht mir nur noch auf die Nerven!“ Mit diesen Worten drücke ich mein Gesicht ins Kissen und heule ein wenig. Der erste Reisekoller?? Nachdem ich mich ein wenig erholt habe, packe ich meinen Schlafsack aus. Ich will nicht in den dünnen, leicht angeschmuddelten Decken schlafen. Glücklicherweise habe ich ja für solche Situationen meinen Schlafsack, der mir ein wenig Komfort und Sauberkeit bietet.

In unserer Kabine 1991

In unserer Kabine 1991

Am nächsten Morgen kuschele ich mich noch einmal in meinen Schlafsack, als unser Schiff losfährt. Aber schließlich muss ich mich der Morgentoilette stellen. Die Gemeinschaftstoiletten in der Mitte des Schiffes sind gerade noch erträglich. Löcher im Boden, aber einigermaßen sauber. In den Duschen gibt es kein Licht. Nur ein paar mickrige Sonnenstrahlen finden ihren Weg durch die schmutzigen Fenster. Auf dem Boden steht zentimeterhoch das Schmutzwasser. Also verzichte ich auf die Dusche! In unserer Kabine, die 4 doppelstöckige Betten hat, ist ein Waschbecken. Das reicht mir für eine Katzenwäsche. Die Jungs schlafen noch. Ich sitze auf meinem Bett und schaue mich um. Da sehe ich in der Kabinentür eine junge westliche Frau. Es ist doch eine Frau? Sie hat so kurzgeschnittene Haare, dass ich sie beinahe für einen Jungen gehalten hätte.

Ich falle ihr vor Begeisterung beinahe um den Hals: Endlich eine Frau zum Reden!! Sie heißt Desiree und ist aus Holland. Ihr Deutsch ist sehr gut. Wir setzen uns in eine windgeschützte Ecke auf dem Hinterdeck, wo auch einige Körbe mit kleinen, flauschigen Küken stehen, und reden stundenlang. Danach fühle ich mich gleich sehr viel besser.

Küken als lebendige Fracht

Küken als lebendige Fracht

Desiree hat 4. Klasse gebucht. Das sind dunkle Räume gerade über der Wasserlinie. Bei einem Erkundungsgang finde ich die 5. Klasse im Bauch des Schiffes. Da gibt es keine Fenster und kaum Lüftung. An Stelle von Wänden schließen Holzgitter die Kabinen zum Gang ab. Ganze Familien mit schreienden Kindern und ihrem Hausrat sind hier untergebracht. Mich erinnert das an die schlimmsten Schilderungen von den Zwischendecks der Auswandererschiffe im 19. Jahrhundert.

Eine 2. Klasse gibt es auch. Völlig abgeschirmt und von einem Steward bewacht liegen die Kabinen im vorderen Teil des Schiffes. Wir Westler werden ohne Nachfragen durchgelassen. Anscheinend ist dort eine Reisegruppe aus Deutschland untergebracht. Diese Leute lassen sich nur selten blicken. Sie machen auch nicht den Eindruck, dass sie sich zwischen den vielen Chinesen wohl fühlen. Ich schaue kurz in die 2. Klasse hinein: Vorne ein schöner Aussichtssalon mit großen Glasfenstern. Westliche Toiletten. Alles sauber und ruhig – zu ruhig für meinen Geschmack.

Am ersten Tag geht die Fahrt noch durch verhältnismäßig flaches Land. Doch bald wird es mehr und mehr gebirgig. Die Gegend ist dicht besiedelt. Überall Dörfer inmitten von Bambuswäldern und Bananenplantagen. Die Felder sind bis hoch auf die Berge in die Hänge geschnitten. Nur wo der Abhang zu steil für Ackerbau ist, wächst dunkler Nadelwald. Über dem ruhig fließenden Yangtze kreisen Raubvögel, die plötzlich in die Tiefe schießen und sich einen Fisch aus dem Fluss holen. Manchmal sehen wir auf den Berggipfeln hohe, schlanke Pagoden, wie Schornsteine. Wir haben Glück, denn gegen Abend findet die Sonne einen Weg durch die dicken Wolken. Auf diese Weise kommen wir in den Genuss eines glanzvollen Sonnenuntergangs mit dramatischen Wolkengebilden. In goldenen Strahlen trifft das Licht auf den ruhig fließenden Yangtze. Kleine Boote überqueren schwarzen Scherenschnitten gleich das Wasser.

Die Chinesen wecken mich früh am nächsten Morgen mit ihrer Unruhe: die berühmten Yangtze-Schluchten! Ich winde mich aus meinem warmen Schlafsack und stelle mich ungewaschen und ungekämmt an die Reling. Die Berge rücken immer dichter an das Schiff. Die Strömung wird zusehends schneller. An den fast senkrechten Abhängen gibt es jetzt natürlich keine Siedlungen mehr zu sehen.

Die erste Schlucht 2005

Die erste Schlucht 2005

Als wir immer tiefer in die Schluchten hineinfahren, ziehen sich die Wolken zusammen. Der Himmel verdüstert sich. Dann bricht plötzlich ein Gewitter mit Blitz und Donner über uns herein. Es gießt in Strömen. Die Berge sind kaum noch hinter den dichten Regenschleiern zu erkennen. Um uns herum kracht es, als sei der Weltuntergang gekommen. Ich stehe mit vor Aufregung trockenem Mund an der Reling und merke kaum, dass ich bald bis auf die Haut durchnässt bin. Die Schluchten wirken unglaublich dramatisch im gleißenden Schein der Blitze. Der Donner scheint von den Bergen aufgefangen und von einer Seite zur anderen geworfen zu werden. In den Stromschnellen der engsten Stelle rollt das Boot hin und her. Dann haben wir die erste einer ganzen Reihe von Schluchten hinter uns. Auch das Gewitter lässt langsam nach.

Irgendwann halte ich die Kälte nicht mehr aus und verkrieche mich in meinem Bett. Ich habe eine China-Krise. Erstes Anzeichen dafür ist, dass mir das Essen nicht schmeckt. Ich habe zwar Hunger aber keinen Appetit. Dauernd muss ich an westliches Essen denken. Mit Desiree zusammen hatte ich leider einen allzu aufschlussreichen Einblick in die Schiffsküche, wo wir uns aussuchen sollten, was wir essen wollten. Ich konnte gar nicht genau auf die rußigen Töpfe und Schüsseln mit undefinierbarem Inhalt schauen. Womöglich hätte ich mir das Essen dann ganz abgewöhnt! Außerdem geht mir das Schlürfen und Schmatzen der Chinesen im Speisesaal auf die Nerven. In der Kabine gibt es auch immer jemanden, der gerade hustet oder rotzt. Überall stehen große Abfallbehälter rum. Die werden regelmäßig geleert – in den Fluss! Das sind so die Kleinigkeiten, die sich summieren und manchmal kaum auszuhalten sind. (siehe auch Abfallbeseitigung auf dem Yangtze)

Am Yangtze 2005

Am Yangtze 2005

Leider haben wir uns nun in Yichang von Josef und Olaf verabschiedet, die zum Wudang Shan weiter wollen. Dank Desiree bin ich aber glücklicherweise nicht alleine. Trotzdem ist mir der Abschied von „meinen“ beiden Jungs nicht leichtgefallen. Besonders in der Nacht, wenn ich in der Kabine alleine mit den Chinesen bin, vermisse ich sie. Ich schlafe unruhig und wache bei jeder Bewegung auf.

Ich hatte das Glück, eine komfortable Yangtze-Kreuzfahrt auf einem der älteren Schiffe machen zu können. Davon sind einige Fotos. Um zu sehen, wie komfortabel heute eine Yangtze-Kreuzfahrt ist, schaut mal hier: blog.feelchina.de Den Bericht hat eine Freundin von mir geschrieben.

Zum Anfang der Geschichte: 06.04.1991: Es geht los!

Zur nächsten Etappe: 11.05.1991 Ein schönes Hostel in Shanghai

Zur vorhergegangenen Etappe: Die Buddhas von Dazu

11 Kommentare

  • Pingback: 25.04.1991 Schlaflose Nächte in Xi’an | bambooblog hamburg

  • Super Bericht, liest sich toll!

  • Wenn ich deine Berichte lese, bin ich immer wahnsinnig froh, dass ich mit dir da passiv langreisen kann und nicht selbst hin muss. 🙂 Die Natur muss atemberaubend sein, das würde ich natürlich schon gerne mal live erleben. Aber die komplette Andersartigkeit der Kultur, auf engstem Raum geteilt – dafür bin ich auch zu weichgespült, fürchte ich…

    Liebe Grüße,
    Lena

    • „Weichgespült“ bin ich auch im Vergleich zu manchen Abenteurern. 😉 . Manchmal muss man eben so einiges in Kauf nehmen, wenn man was unbedingt sehen will.
      Und mit Kindern unterwegs zus ein, dazu gehört auch viel Mut!
      Liebe Grüße
      Ulrike

  • Und wieder ein spannender Bericht, liebe Ulrike. Und wieder weiß ich, dass ich so nie reisen könnte. Toleranz ist etwas, dass ich durchaus habe. Aber vor Jahren war ich auch sehr emotional und sehr schnell auf 180. Asien hat andere Sitten, als es Deutschland und Europa kennt. Auch in Japan werden Nudeln geschlürft, was nicht mein Ding ist. Dafür haben sie dort andere Sitten verfeinert und blicken nicht sehr freundlich, auf andere Völker herab. Japan eben und eine gewisse Arroganz.

    Du schreibst übrigens so spannend, dass man wirklich glaubt mit auf der Reise zu sein. Hast du je darüber nachgedacht, deine Erlebnisse als Buch herauszubringen? eBook vielleicht. Nur so eine Idee. 🙂

    • Danke für Deine lieben Worte. Ich schätze Deine Kommentare und Deine Sicht der Dinge sehr. Ja, ein Buch habe ich auch schon überlegt. Aber wer will noch die alten Geschichten lesen? Deshalb ist mir der Blog im Moment eine gute Möglichkeit des Ausprobierens und Sammelns der Geschichten. Und vielleicht wird dann eines Tages ein eBook draus 😉

      • Du wärst vielleicht überrascht, wer alles Fernweh nach fremden Ländern hat. Und China steht bei vielen Menschen hoch im Kurs, das weiß ich aus meinen Kampfsport Clubs. Dort ist es zwar hauptsächlich das Interesse an „Kung Fu“, was aber auch Teil der Kultur dort ist. Leider etwas einseitig betrachtet. Aber Asien hatte nun mal eine recht kriegerische Vergangenheit.

      • Wenn ich so weiter schreibe über die Reise, die 23 Jahre zurück liegt, dann bin ich ab Juni in Japan unterwegs…

      • Auch dann, aber natürlich auch bis dann und noch weiter, darfst du auf mich (uns!) als Leserin zählen. Wir wollen im Sommer wieder nach Japan fliegen. Natürlich zu Familie. Das kostet Unterkunft nichts. Nur Geschenke, Lachen und Herzlichkeit.

        Ich hatte letztes Jahr einen Dreiteiler aus unserer Reise gemacht. Wenig spannend. Einfach nur ein Bericht, den nicht viele Leute lasen. Vielleicht werde ich auch dieses Jahr über Japan schreiben. Aber ich verherrliche im Gegensatz zu vielen Europärn (mein) Japan nicht. Ich sehe das Land kritischer mit dem Abstand der Jahre und Wohnort.

      • Oh, da werde ich später mal gucken, was Du über Japan geschrieben hast. Und es tut mir leid, das zu sagen: Mir hat Japan nicht besonders gut gefallen. Warum und weshalb schreibe ich ab ungefähr Mitte Juni. War vielleicht damals auch nicht die beste Idee, ausgerechnet im regnerischen Juni in Japan zu reisen.

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