04.06.1991 Shanghai – eine Kirche und die Kulturrevolution

Shanghai

Moore Memorial Church

Ich bin schon bald zurück in Shanghai, denn ich muss ja meine Fähre nach Japan erreichen, die am 08. Juni abfährt. Noch immer gibt es Sehenswürdigkeiten in Shanghai, die ich noch nicht gesehen habe. Doch am schönsten sind die Tage, an denen ich einfach durch die Straßen Shanghais laufe und mich treiben lasse. Aus meinem Reisetagebuch:

Auf einem dieser Ausflüge entdecke ich vom Volkspark aus ein großes Kreuz, das schon von weitem sichtbar ist. Das macht mich neugierig: Eine Kirche direkt hier am zentralsten Platz in Shanghai?! Gar nicht zu übersehen mit dem riesigen Kreuz. Als ich neugierig am Gitter vor dem Eingang stehe, öffnet mir ein alter Mann die Tür und winkt mich hinein. Die Kirche, von außen ein mächtiger Bau im neugotischen Stil, macht von innen einen eher schlichten Eindruck. Es gibt keine Bilder, keinen Altar. Ich setze mich in eine der Holzbänke, um einer Frau zuzuhören, die auf einem alten Harmonium Kirchenlieder spielt. Ein Ort der Ruhe mitten in der Megametropole!

Bald darauf setzt sich eine ältere Chinesin zu mir. Sie ist klein und grauhaarig. Freundlich spricht sie mich in einem exzellenten Englisch an. Nach den üblichen Fragen, woher ich komme, ob ich verheiratet bin und ob ich Kinder habe, kommt sie auf das zu sprechen, was ihr am Herzen liegt, nämlich ihre Kirche. Sie erzählt mir, dass sie Pastorin dieses methodistischen Gotteshauses ist. Die Kirche wurde 1929 gebaut und wird von Methodisten, Baptisten und anderen Protestanten genutzt. Während der Kulturrevolution 1966 – 76 wurde die Kirche geschlossen und zum Teil zerstört. Danach wurde sie erst als Aula einer Mittelschule genutzt und schließlich 1979 als erste protestantische Kirche in Shanghai wieder geöffnet. Die Pastorin hatte schon vor der Kulturrevolution hier gepredigt und wurde 1981 wieder eingesetzt. Mit leuchtenden Augen berichtet sie von den ersten Gottesdiensten 1979, als die Kirche gedrängt voll war und sie viele alte Bekannte wieder traf. Ihr persönliches Schicksal während der Kulturrevolution übergeht sie. Sie erwähnt nur, dass man sich in dieser Zeit möglichst nicht als Christ zu erkennen geben durfte. Die Gemeindemitglieder hatten keinen Kontakt mehr zueinander. Man durfte sich nicht mehr auf der Straße grüßen, nicht mehr miteinander beten. Sie habe sehr darunter gelitten, erzählt sie.

Mit Begeisterung lobt sie die jetzige Regierung, die nicht nur die Religionsfreiheit garantiert, sondern auch dafür sorgt, dass genügend Papier da ist, damit Bibeln und Gesangbücher gedruckt werden können. Jetzt sind die Gottesdienste an den Sonntagen sehr gut besucht. Zu einem Jugendkreis treffen sich jede Woche ca. 200 Jugendliche. Im Mai gab es 18 Hochzeiten! Die Dame ist über alle entsprechenden Statistiken gut informiert. Sie nennt beeindruckende Zahlen. In Shanghai gibt es zurzeit (1991) 24 protestantische Kirchen, eine wurde erst kürzlich fertiggestellt. Mich überrascht es sehr, dass so viele christliche Kirchen existieren, denn es heißt, dass in China das Christentum nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Schade, dass ich Sonntag nicht mit eigenen Augen sehen kann, wie viele Menschen den Gottesdienst besuchen! Da bin ich schon unterwegs nach Japan.

Infos: Die Kirche, die ich besucht habe, existiert noch und wird gut besucht. Ich habe sie 2011 noch einmal angeschaut. Es handelt sich um die Moore Memorial Church (沐恩堂 Mu En Tang). Sie wurde 1887 von amerikanischen Missionaren gegründet. 1925 wurde sie an ihrer heutigen Stelle erbaut und 1931 erweitert, um Platz für rund 1000 Personen zu bieten. Sie ist keiner besonderen protestantischen Richtung gewidmet, aber anscheinend ist der Schwerpunkt die Methodistische Kirche. Sie wird auch heute noch von einer Frau als Pastorin geleitet. 

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8 Kommentare

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  • Wir mögen Kirchen, Tempel, aber auch heidnische Stätten. Sie sind Orte der Ruhe und der Geschichte. Und oft wissen die Menschen dort viel zu erzählen.

    Nun bin ich gespannt, wie es dir in Japan ergangen ist. 😉

  • Danke, ich wollte schon lange mal recherchieren wie diese Kirche heißt (bin selbst schon oft vorbeigekommen und habe das ein oder andere Foto davon)!

    Ich bin auch immer wieder erstaunt darüber, wie viele Christen es hier gibt. Mir haben schon überraschend viele junge Leute erzählt, dass sie regelmäßig in die Kirche gehen …

    Ich freue mich schon auf weitere Begegnungen, wirklich interessant!

    • Danke! Da bin ich froh, dass ich einem „alten Hasen“ mit Informationen dienen konnte.
      Ich gehe gerne in Kirchen und Tempel und unterhalte mich auch gerne mit Menschen über ihren Glauben. Das ergibt immer sehr schöne Gespräche und Begegnungen.
      Beste Grüße nach Shanghai
      Ulrike

  • Nun, dass das Christentum dort ein untergeordnete Rolle spielt habe ich auch gedacht, aber als Theologin weiss ich, dass die kath. Kirche in China sehr stark wächst – und man dieses Land als eines der zukunftträchtigsten ansieht. Der Anteil der Katholiken steigt dort unglaublich. Die christlichen Kirchen haben Antworten auf Fragen, die viele – nicht nur junge Chinesen – inzwischen stellen, vor allem was Moral und Etik angeht. Ich denke, da ist mit der Kulturrevolution sehr viel kaputt gegangen. Aber auch Gemeinschaft wird gesucht.

    • Ja, das ist richtig. Aber nicht nur das Christentum auch die übrigen Religionen haben verstärkt Zulauf. Buddhistische Tempel, die ich 1987 noch als menschenleer gesehen haben, sind heute sehr lebendige Orte des Gebets und der Verehrung. Alte Traditionen werden neu belebt. Das zeigen auch die großen traditionellen (konfuzianischen) Zeremonien, die bei vielen Gelegenheiten zelebriert werden. Da fallen mir gleich noch ein paar Begegnungen ein. Das muss ich mir gleich notieren. Kommt demnächst auf diesem Blog!

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