10.06.1991: Kulturschock in Kyoto!

Zwei Nächte auf der Fähre nach Kobe in Japan haben mich nur wenig auf das vorbereitet, was mich in Japan erwartete. Das Schiff war außerordentlich sauber, die Stewardessen sehr freundlich und hilfsbereit. Ich hatte es allerdings vorgezogen, in einer Kabine westlichen Stils zu schlafen, obwohl es auch die gab, wo man ganz japanisch auf dem Boden nächtigen konnte. Das Schiff war ziemlich leer. Es waren viele Japaner und ein paar Chinesen an Bord. Da sie es vorzogen, sich auch tagsüber in ihren Kabinen aufzuhalten, hatte ich  die Aufenthaltsräume und die Decks fast für mich alleine. Ich genoss das träge Leben an Bord. Die meiste Zeit verbrachte ich gemütlich in einem der Liegestühle auf dem Sonnendeck. Die Sonne schien. Je näher die japanischen Inseln kamen, desto diesiger wurde es. Einmaliger Höhepunkt war der kreisrunde Regenbogen um die Sonne herum. Das nahm ich als gutes Zeichen und freute mich sehr auf Japan.

Doch dort trifft mich zunächst ein heftiger Kulturschock. Nach einer Zugfahrt von Kobe komme ich am Mittag in der alten Kaiserstadt Kyoto an. 

Aus meinem Reisetagebuch:

Um zur Jugendherberge von Kyoto zu gelangen, muss ich durch eine belebte Einkaufsstraße gehen. Laden reiht sich an Laden. Exklusive Boutiquen werben mit eleganten Schaufensterpuppen. In einer hell erleuchteten Konditorei locken phantasievoll verzierte Torten und Gebäck in makellos sauberen Glasvitrinen. Ich gehe wie im Traum weiter. Auch der Verkehr macht mich schwindelig: Linksverkehr! In den Straßen kein Gedränge, keine Fahrräder. An den Kreuzungen wartet jeder ruhig, bis die Ampel den Weg frei gibt. Alles wirkt sehr zivilisiert.

Als ich die Jugendherberge erreiche, ist sie wie üblich um diese Zeit geschlossen, aber ich darf meinen Rucksack schon dort abstellen. Voller Erwartungen und um einiges leichter will ich mich in der Gegend umschauen. Gleich nebenan gibt es eine Markthalle. So etwas habe ich überhaupt noch nicht gesehen: Das Gemüse wirkt wie aus dem Bilderbuch. Jede Tomate, jeder Apfel ist makellos schön. Das Gemüse ist in ordentlichen Reihen aufgestapelt. Mohrrüben mit perfekter konischer Form liegen jeweils zu fünft zusammen. Nichts stört das bunte, harmonische Gefüge der Auslagen. Kein Abfall, keine braune Stelle, keine übermäßig gebogene Banane beeinträchtigen den Eindruck der Vollkommenheit. In den Fleischläden glitzert alles vor Hygiene. Mir läuft beim Anblick von den hauchzarten Scheiben roten Schinkens das Wasser im Mund zusammen. Eine Dame im Kimono geht mit einem Einkaufskorb über dem Arm vorbei. Der kleine weiße Hund, den sie an der Leine führt, sieht so weich und kuschelig aus, dass ich ihn spontan streichle. Er fühlt sich an wie weichgespült. In einem Supermarkt will ich mir Ersatz für mein ausgelaufenes Waschmittel kaufen. Die Auswahl ist riesig. Ich bin völlig überfordert. Verwirrt verlasse ich das Geschäft, ohne etwas gekauft zu haben.

Auf dem Markt in Japan: Das Gemüse ist perfekt!

Auf dem Markt in Japan: Das Gemüse ist perfekt!

Vor einem kleinen Restaurant bleibe ich stehen. In einem Schaufenster sind die angebotenen Speisen ausgestellt. Erst als ich genauer hinschaue, entdecke ich, dass die lecker aussehenden Gerichte aus Plastik bestehen. In der Hoffnung, dass ich drinnen so ein Reisgericht aus wirklichem Reis bekomme, trete ich ein. Eine mütterliche Frau kümmert sich sofort ganz rührend um mich. Ich bin es gar nicht mehr gewöhnt, dass ich zuvorkommend und äußerst höflich bedient werde. Fast ist es mir ein wenig unangenehm. Vor allem, dass sich die Verkäufer und Kellner dauernd vor mir verneigen, ist mir peinlich. Aber hier ist Japan und da ist das normal! Ich werde mich daran gewöhnen müssen!

Endlich öffnet die Jugendherberge ihre Pforten. Ich bekomme ein Bett in einem 8-Bett-Zimmer zugewiesen. Das kostet mich pro Tag ca. 45,- DM. Ich schlucke, als ich den Preis höre. Das ist erheblich mehr, als ich geplant habe. Dass Frühstück und Abendessen im Preis eingeschlossen sind, kann mich nur wenig trösten. Ich könnte auch in die etwas preisgünstigere Jugendherberge am Stadtrand gehen. Aber dann hätte ich die zusätzlichen Kosten für den Bus. Von hier aus kann ich wenigsten zu den meisten Sehenswürdigkeiten zu Fuß gehen.

Ich stelle schnell fest, dass ich schon seit Jahren in keiner Jugendherberge mehr abgestiegen bin. Mit den meisten Routinen bin ich nicht vertraut: 22:30 Uhr heißt es „Licht aus“! Um 6.00 Uhr wird geweckt, um 6:40 Uhr soll man endgültig aufgestanden sein. Die Herbergsmutter kommt persönlich vorbei, um das zu kontrollieren. Das Bett muss ich selber machen und helfen, das Zimmer und die Küche aufzuräumen. Um 9:00 Uhr morgens werde ich unnachgiebig vor die Tür gejagt. Was mache ich nur, wenn ich hier krank werde oder wenn es in Strömen gießt?!

Andererseits bietet diese Jugendherberge auch eine Menge Annehmlichkeiten: ein großes, sauberes japanisches Bad, einen Haarfön im Waschraum, abends Videofilme in Englisch und einige Münzwaschmaschinen. Das Essen ist ein Gemisch aus westlichen und japanischen Gerichten. Die Handhabung der japanischen Essstäbchen, die vorne etwas spitzer zulaufen als die chinesischen, ist am Anfang etwas schwierig. Besonders der breiige Kartoffelsalat, der am ersten Abend serviert wird, will nicht auf meinen Stäbchen bleiben. Neben einer Reihe von japanischen Studenten sind auch ein paar Westler da. Am Abend nach dem Essen und einem ausgiebigen Bad hängt man wieder einmal um den großen Tisch im Aufenthaltsraum über den Landkarten und macht Pläne.

Die ersten Tage in Japan sind warm und sonnig trotz der gerade herrschenden Regenzeit. Jeden Morgen mache ich mich sofort nach dem Frühstück auf Besichtigungstour.

Auch wenn ich jeden Tag völlig k.o. bin von den langen Fußmärschen und den vielen exotischen Eindrücken, genieße ich den Besuch der Tempel. Fast täglich werde ich Zeuge von kleinen Zeremonien. Wie aus einer vergangenen Welt wirken die Shinto-Priester mit ihren hohen schwarzen Kopfbedeckungen und den glänzenden Holzschuhen, die nur ein würdevolles Schreiten zulassen. Viele Frauen gehen im Kimono gekleidet in die Tempel. Die Hallen sind dann erfüllt von dem hellen Klang der Glocken und dumpfen Trommelschlägen. Immer gibt es Bänke, wo ich in Ruhe sitzen und auf die Landschaft schauen kann. Manchmal setze ich mich auch auf die sauberen Tatami-Matten.

JapanKinderÜberall treffe ich auf ganze Schulklassen, die unterwegs sind, um die Tempel und Gärten zu besichtigen. Selbst die Jüngsten, die noch im Kindergartenalter sind, verhalten sich ruhig und diszipliniert. Nur in der Nijo-Burg in Kyoto machen sie mit ihrem Getrappel auf dem „Nachtigallenboden“ einen fürchterlichen Lärm. Dieser Fußboden wurde so gestaltet, dass er bei jedem Schritt laut quietscht, daher der Name. Dieser Krach sollte die Bewohner früher vor ungebetenen Eindringlingen warnen.

Mich überkommt ein Gefühl der Unwirklichkeit. Es ist alles wie ein Traum. Bin ich wirklich in Japan?? Oder wache ich gleich zuhause auf und muss ins Büro? Ich kann es manchmal gar nicht fassen, dass ich es wirklich geschafft habe. 2 Monate schon unterwegs und keine Ende abzusehen…

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorhergegangenen Etappe: 04.06.1991: Shanghai – eine Kirche und die Kulturrevolution

Zur nächsten Etappe: Kyoto bis Nara – Verwirrende Tage

8 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.