31.07.1991 Reisegeschichten aus Südkorea

In Puyo-Buyeo lässt es sich aushalten! Die Pension ist ruhig, die Terrasse lädt zum Rumhängen und Klönen ein. Der Ort bietet so einiges: natürlich auch grüne runde Königsgräber aus der Baekje-Zeit (18. v. bis 660 n. Chr.), ein schönes Museum, die Reste einer Festung und einige ruhige Parks. Außerdem ist Buyeo idealer Ausgangspunkt für Ausflüge zu abgelegenen Tempeln und schönen Nationalparks. So bin ich jeden Tag mit Carsten, Ron, Adinda und Annemarie unterwegs.

Aus meinem Reisetagebuch:

Mit dem Bus und Umsteigen in Gongju sind wir zum Magok-Sa-Tempel gefahren.  Obwohl ich immer öfter denke, dass diese langen Busfahrten nicht mein Ding sind, so muss ich heute zugeben, dass sich die Fahrt gelohnt hat. Wir haben anscheinend in Gongju nicht den direkten Bus nach Magok-Sa bestiegen sondern einen Local Bos, der einen Umweg gefahren ist. Schließlich ging es über eine unbefestigte Straße durch ein einsames Tal mitten durch dichten Wald. Wunderschön!

Magoksa

Magoksa

Der Magok-Sa wird in meinem Reiseführer als abgelegen und wenig besucht beschrieben. Das war einmal. Jetzt (1991!) muss man durch eine lange mit Souvenirläden und Restaurants gut ausgestattete Straße gehen. Sogar eine Reisegruppe aus Deutschland treffen wir hier!

Der Tempel schließlich ist doch sehr für sich gelegen, die Wände leuchten in einem sanften Gelb, Balken und Ziegel sind grün und mit bunten Malereien geschmückt. Alles strahlt Würde und Ruhe aus. In der Großen Halle gibt es vergoldete Buddha-Statuen, vor denen sich die zahlreichen Gläubigen verneigen. Zwischen den uralten Bäumen zirpen die Zikaden und zwitschern Vögel. Carsten liest aus seinem Reiseführer vor. Ich fühle mich zufrieden und glücklich.

Weitere Besichtigungen und Wanderungen folgen:
Da ist z. B. der Taedon-Nationalpark, wo wir sehr schön wandern können, Berge rauf und runter. Ron läuft zu Höchstform auf, seitdem er entdeckt hat, dass Ginseng-Limonade ihm zusätzliche Kraft gibt. Unermüdlich kraxelt er die Berge rauf. Die Sonne scheint, viele Schüler nutzen das schöne Wetter und die Ferien zu Ausflügen. Den Gipfel erreicht man nur über zwei Hängebrücken und Leitern. Das erspare ich mir.

Nach dem Taedon-Park folgen in den nächsten Tagen Wanderungen am Kapsa-Tempel und die Besichtigung des Gwanchuk-Tempels mit einem eigenartigen Steinbuddha. Es ist alles sehr schön, es macht mir viel Spaß, aber dann möchte ich auch mal einen Tag lang meine Ruhe haben. Als die anderen zum Popchu-Sa Tempel fahren wollen (insgesamt ca. 8 Stunden Busfahrt hin und zurück), klinke ich mich aus. Das stößt nicht unbedingt auf Verständnis. Ich fühle mich langsam etwas unbehaglich bei all den Gruppenzwängen, denen ich neuerdings unterliege. Außerdem habe ich das Gefühl, dass bei all diesen Tempelbesichtigungen der Besuch von Märkten und das Beobachten des täglichen Lebens viel zu kurz kommen.

KnoblauchAuf den Märkten in Buyeo und anderswo in Südkorea fallen mir die riesigen Berge von Knoblauch auf. Das Land scheint überall nach Knoblauch zu duften. Und dann sind da noch die engen Käfige mit Hunden. Hundefleisch wird in Korea sehr gerne gegessen. Da dies aber sehr, sehr teuer ist, gerate ich gar nicht in die Situation, mal aus Versehen Hund zu essen. Doch die Käfige mit den armseligen Tieren zerren an meinen Nerven. Da kommen einem schon merkwürdige Gedanken, wenn man den kleinen Hund in der Pension sieht:

Der Suppenhund
Direkt vor unserer Terrasse liegt der kleine feine Garten der Pension mit ein paar Blumen, Büschen und Nadelbäumen. In einer Ecke wohnen die Besitzer in einem Haus koreanischen Stils. Häufig haben wir schon die Familie beim Essen beobachten können. Dazu (zur Familie, nicht zum Essen!) gehört auch ein Hundewelpen, er ist noch sehr klein, sozusagen im Wollknäuelstadium. Die einzigen Laute, die wir von ihm hören, sind ein leises Quietschen und Jaulen sowie das kleine Glöckchen, das er an seinem Halsband trägt. Wir denken bei seinem Anblick immer an die Märkte und die Hunde dort. Halb im Spaß haben wir den kleinen wuscheligen Hund unserer Pension den „Suppenhund“ getauft. Er scheint keiner besonderen Rasse anzugehören und sieht mit seinem matschgelben Fell den Markthunden ähnlich. Er ist süß und verspielt. Wenn wir vorbei kommen und ihn streicheln, springt und jault er vor Freude. Wir sind uns sicher, dieser süße Hund kommt nicht in die Suppe! Denn er wird auch von der Pensionsfamilie liebevoll gepflegt. Er hat sogar ein richtiges Haus für sich mit einem rot lackierten Dach und einer bequemen Matratze.

Und noch eine Geschichte möchte ich heute erzählen. Da ich allen Freunden und meiner Familie geschrieben hatte, dass ich um diese Zeit in Seoul sein würde, hoffe ich auf einige Briefe im Poste Restante dort. Doch bis ich dahin komme, werden noch ein paar Wochen vergehen. Trotz aller meiner Abneigung gegen lange Busfahrten erwäge ich, an einem Tag nach Seoul zu fahren und setze dies in die Tat um, als Carsten nach Seoul fährt, weil er wieder nach Deutschland zurück muss. Dabei erlebe ich eine der schrecklichsten Busfahrten während meiner Großen Reise. Eigentlich gehört diese Geschichte in das Kapitel „Von der Angst unterwegs“.

Aus meinem Reisetagebuch:

Ausflug nach Seoul
Als Carsten am nächsten Tag nach Seoul fährt, um nach Deutschland zurückzufliegen, begleite ich ihn trotz der langen Busfahrt. Ich bin einfach zu gespannt, was auf dem GPO in Seoul auf mich wartet. Vielleicht hat Geli endlich geschrieben! Die Busfahrt ist langweilig. Lange geht es über gut ausgebaute Autobahnen Richtung Norden

Seoul TorDer Besuch beim GPO (General Post Office) hat sich gelohnt: 7 Briefe, 3 Postkarten. Na ja, wenn ich so meine eigene Statistik aufstelle, so habe ich bislang 111 Postkarten und 33 Briefe geschrieben. Davon gehen die meisten natürlich an meine Eltern, denen ich regelmäßig schreibe, damit sie immer wissen, wo ich bin, und damit sie sich keine Sorgen machen. Um immer auf dem Laufenden zu sein, wem ich gerade geschrieben habe, und von wem ich Post erhalten habe, mache ich mir eine Liste. So kann ich erreichen, dass keiner zu kurz kommt. Eigentlich ist es erstaunlich, wie viel Bürokratie ich mir auf dieser langen Reise nach und nach aneigne: Posteingang/-ausgangsbuch, Kassenbuch, Tagebuch mit genauen Einträgen über das Wetter und die besichtigten Tempel und Orte. Das meiste wird verursacht durch mein schlechtes Gedächtnis. Wenn ich nicht Tagebuch schreiben würde, wüsste ich wahrscheinlich schon in zwei Monaten nicht mehr, wo ich überall gewesen bin und was ich alles erlebt habe.

In Seoul kaufe ich mir einen netten Krimi, der mir bei der langen Rückfahrt die Zeit vertreibt. Wegen Stau auf der Autobahn muss der Busfahrer einen Umweg über Landstraßen fahren. Ich habe den Reiseleitersitz ganz vorne. Das ist bei mindestens 60km/h und vielen Kurven nicht unbedingt der beste Platz. An einer Brücke, die sich noch im Bau befindet, ist der Busfahrer so nett und lässt uns zu Fuß rübergehen, bevor er vorsichtig hinterherfährt. Danach geht es mit größtmöglicher Geschwindigkeit weiter. In Chonan steigen ein paar Leute aus, dafür aber ca. 50 Personen zu. Ich muss meinen Sitzplatz aufgeben, weil der Bus zu voll ist. Jetzt hänge ich direkt vor der Windschutzscheibe, halte mich mit einer Hand irgendwo über mir am Gepäckhalter fest. Mein rechter Fuß baumelt über den Stufen in der Luft. Wenn es um Kurven geht, werden wir alle gut durchgeschüttelt. Bis Gongju bin ich eigentlich schon ganz erledigt. Dort steigen einige Leute aus, genug dass ich mit beiden Füßen Halt finde – aber mehr auch nicht.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. In den spärlich besiedelten Hügeln zwischen Gongju und Buyeo ist die Nacht pechschwarz. Das hindert den Busfahrer nicht daran, ohne Beleuchtung mit unverminderter Geschwindigkeit um die Kurven zu brausen. Die Koreaner scheinen sowieso zu glauben, dass das Einschalten der Scheinwerfer dem Motor schaden könnte. Also wird Licht nur dann gemacht, wenn es unbedingt sein muss, z. B. im Fall, dass möglicherweise einem jemand entgegenkommt. Ich habe ernsthaft Angst während dieser letzten Stunde. Und überlege, ob ich nicht doch aussteigen sollte. Aber es gibt nirgendwo einen Ort, das weiß ich, denn ich bin nun schon ein paar Mal auchbei Tageslicht hier entlang gefahren. Den Koreanern scheint das alles nichts auszumachen. Nur ich mache mir Gedanken, was passiert, wenn der Bus mal plötzlich bremsen muss. Dann fliege ich direkt durch die Scheibe. Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken. Ich versuche, nicht nach vorne zu schauen und mich auf andere Dinge zu konzentrieren, z. B. meine Briefe, die ich noch ungeöffnet in der Tasche trage. Ich bin unendlich erleichtert, als gegen 21:00 Uhr die Lichter von Buyeo vor uns auftauchen.

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorherigen Etappe: 25.07.1991 Eine Schrift, die man lernen kann

Zur nächsten Etappe: 05.08. – 08.08.1991 Korea mit Umwegen

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