28.08. – 01.09.1991 Taipeh – Essen, Museum und Smog

Abschied von Seoul

Am letzten Abend in Korea gehe ich noch einmal ins Badehaus. Mein allergischer Hautausschlag hat sich dank der Tabletten zurückgebildet. Ich genieße die Sauna und das heiße Wasser. Also fahre ich am nächsten Morgen frisch gebadet und mit sauberer Wäsche im ordentlich gepackten Rucksack zum Flughafen. Jetzt bin ich schon ganz gespannt auf Taipeh. Taiwan interessiert mich nicht wirklich, und eigentlich möchte ich so schnell wie möglich zurück  in mein geliebtes China. Nur das Palastmuseum in Taipeh muss ich mir unbedingt vorher noch ansehen!

Rückblick:
Fast zwei Wochen bin ich in Seoul gewesen, habe mich so an das Inn Daewon gewöhnt, dass es mir wie ein Zuhause vorkommt. Natürlich habe ich mich nicht nur dem süßen Traveller-Leben hingegeben. Natürlich habe ich auch viele Sehenswürdigkeiten besucht. Das Nationalmuseum mit seinen Schätzen aus den verschiedenen Königreichen habe ich mir zwei Mal angesehen. Dort konnte ich meine Eindrücke aus Puyo und Kyongju vertiefen. Das Freilichtmuseum war ein großes Erlebnis mit all den alten Häusern und traditionellen Handwerken, die dort ausgestellt sind. Im Goethe-Institut habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder deutsche Zeitungen gelesen. Eine neue Hose habe ich nicht gefunden. Und nun geht es endlich nach Taipeh! Ich bin aufgeregt, weil dies einer der erträumten Höhepunkte meiner Großen Reise sein wird. Aber das chinesiche Essen war zuerst dran, hatte ich doch in Seoul auch viel Fastfood und sogar Schnitzel gegessen.

Aus meinem Reisetagebuch:

Taipeh: Endlich wieder chinesisches Essen!
Der Flug mit Cathay Pacific von Seoul nach Taipeh ist eine erholsame Abwechslung für mich! Das Essen, es gibt Lachsfilet mit Kartoffeln und Gemüse, ist sehr lecker. Dazu kann ich Sekt trinken, so viel ich möchte. Wann hatte ich das letzte Mal Sekt!!! Schade nur, dass der Flug so schnell vorbei ist!

Schon vom Flugzeug aus sehe ich die dunkle Smog-Wolke, die über Taipeh liegt. Uii! Das sieht nicht gut aus! Nach der Landung lasse ich mir Zeit zur Orientierung. Die Touristinformation hat eine Liste mit den preiswertesten Hotels in der Stadt. Das kommt mir sehr gelegen, denn ich habe es nicht für nötig gehalten, mir für die paar Tage einen Reiseführer über Taiwan zu kaufen. Einen Stadtplan erhalte ich glücklicherweise auch. Meinen Weiterflug nach Hongkong kann ich gleich bestätigen, dann sitze ich bereits im Bus in die Stadt. Schnell finde ich das Hostel, in dem ich mir ein Bett habe reservieren lassen. Obwohl ich in einem Mehrbettzimmer schlafe, habe ich dieses Zimmer doch für mich alleine. Ich freue mich: es ist ein richtiges Bett mit sauberen Baumwolllaken.

StrasseEindrücke von 1991: Zum Geldwechseln gehe ich in die Stadt. Taipeh ist völlig anders als Seoul oder Tokyo, obwohl Taiwan auch als recht westlich orientiert bekannt ist. Taiwan ist schon auf den ersten Blick nicht so sauber wie Korea. Es ist offensichtlich, dass die Chinesen nicht so viel Wert auf Äußerlichkeiten legen. Überall sehe ich alte Häuser mit verfallenen schwarzen Kolonialstilfassaden, an die wild angebaut wird. Im Gegensatz zu Korea, wo die Autos alle modern und gepflegt wirken, fallen in Taipeh die älteren Modelle auf, von denen viele Beulen oder Rostflecke haben – in Korea undenkbar. Dazwischen flitzen Motorräder umher, die Fahrer ohne Helm. Wo in der Volksrepublik China Fahrradparkplätze wären, steht hier Motorrad neben Motorrad.

In einer kleinen Seitengasse finde ich den Foodmarket, den mir mein Wirt empfohlen hat. Erst hier merke ich, wie sehr mir das chinesische Essen gefehlt hat. Ich schlage mir mit großem Appetit den Bauch voll: Eier mit Tomaten, Schweinefleisch mit Paprika, sauerscharfe Gemüsesuppe! Ich kann mich kaum bremsen. Hinterher ist mir ganz schlecht von dem vielen Essen. Trotzdem: es war einfach gut!!

Palastmuseum

Palastmuseum

Dann der Höhepunkt: Das Palastmuseum
Nachdem ich in dem weichen Bett wunderbar geschlafen habe, fahre ich natürlich am nächsten Morgen gleich voll freudiger Erwartungen zum Palastmuseum. Hier werden die Dinge ausgestellt, die die Kuomintang aus China mitgenommen haben, als sie vor Maos Truppen fliehen mussten. Es handelt sich meistens um Dinge, die man gut tragen kann: also Porzellan, Dosen, Rollbilder, Schmuck. Alles wunderschön!

Am allerschönsten ist das Teehaus im obersten Stockwerk! Der Tee ist nicht ganz billig, aber dafür ist die Atmosphäre sehr angenehm. Dunkle, gepflegte Möbel mit seidenen blauen Bezügen, dazu glänzender Parkettfußboden und eine kleine Ausstellung über Teeherstellung und Zubereitung. In den Ecken hängen Käfige mit lebhaft singenden Kanarienvögeln. Ich finde es traumhaft, hier zu sitzen, meinen Tee zu trinken und in den Informationsblättern des Museums zu lesen.

Foto: Palastmuseum Taipeh

Foto: Palastmuseum Taipeh

Die Porzellanabteilung beeindruckt mich am meisten. Ich liebe die schlichten Formen und strahlenden Farben des chinesischen Porzellans. Schon in Shanghai habe ich angefangen, mir die Namen für die Formen und Stile einzuprägen. Leider kann ich dies Wissen jetzt nur mit Schwierigkeiten umsetzen, denn die taiwanesische Umschrift ist anders als die in der Volksrepublik. Aber was soll’s! Meine geliebten Porzellanpferde aus der Tang-Dynastie erkenne ich auch so!

Eine interessante archäologische Ausstellung mit der Rekonstruktion des Grabes eines bewaffneten Mannes finde ich im Erdgeschoss. Die englischsprachigen Erklärungen sind ausführlich und helfen mir beim Verständnis der Exponate. Doch was ist ein „Halberd“?? Mein Ehrgeiz lässt mir keine Ruhe: ich will es wissen. Doch als ich zwei Engländer frage, die gerade vorbeikommen, wissen die das auch nicht. Ich denke mir, dass es sich um eine Hellebarde handelt. Doch was war das denn noch?!

Ich möchte mir gerne ein Buch über das Museum kaufen. Aber erstens sind die Bücher alle sehr teuer und zweitens groß und schwer. Mein Rucksack wiegt 20 kg, wie die Cathay Pacific gestern gewogen hat. Ich kann doch nicht noch mehr mit mir rumschleppen! Ich verstehe gar nicht, dass mein Rucksack immer noch so schwer ist. Er scheint mir doch schon so viel leichter als am Anfang meiner Reise! Ich wage gar nicht, mir auszumalen, was der vorher gewogen hat!

Organisatorisches: Mittlerweile bin ich gut organisiert, was mein Gepäck betrifft. Viele überflüssige Dinge habe ich nach Hause gesandt oder einfach irgendwo zurückgelassen. Ich habe nur noch ein warmes Sweatshirt, alle dicken Pullover sind weg. Aber immer noch ist mein Schlafsack dabei – für den Fall, dass die Bettwäsche mal nicht ganz sauber ist oder dass es auch mal kalt ist. Es wird Herbst, was ich auch an den Temperaturen merke. Aber ich will mich von nun an ja mehr im Süden bewegen.

Als ich abends zurück im Hostel bin, bin ich auf angenehme Art und Weise satt und müde. Ich habe ausgiebig auf dem Foodmarket gegessen. Taipeh gefällt mir trotz Lärms und Drecks sehr gut. Die chinesisch geprägte Umgebung wirkt vertraut auf mich. Das Essen ist lecker, die Menschen sind sehr nett. Ich freue mich schon darauf, bald in China zu sein. Heimweh nach Deutschland habe ich gar nicht mehr. Ich mache Pläne für Hongkong und China. Dann breite ich mal wieder die große Asienkarte aus: “Wenn ich schon hier bin, dann könnte ich auch nach…“

Zum zweiten Mal: das Palastmuseum.
Aber zunächst fahre ich noch einmal zum Palastmuseum. Noch einmal sehe ich mir mit Muße die vielen Ausstellungsräume an. Als ich um 15:00 Uhr in der Halle auf eine Museumsführung warte, stellt sich heraus, dass ich die einzige bin, die sich dafür interessiert. Mit der jungen Führerin spreche ich ab, dass sie nicht die übliche Führung für mich machen wird, sondern mir einige Besonderheiten zeigt und speziell auf meine Fragen eingeht. Das gefällt mir sehr gut!

Ich lerne sehr viel an diesem Nachmittag z. B. über Kalligrafie, die in China eine ganz andere Bedeutung hat. Wir übersetzen Kalligrafie mit „Schönschrift“. In China dagegen ist Kalligrafie eine Kunst, mit der der Schreiber seine Individualität ausdrückt. Deshalb sind die Rollen auch nicht immer schön anzusehen und trotzdem werden sie von den Chinesen gepriesen.

Auf dem Nachtmarkt
Eigentlich bin ich völlig erledigt, als ich ins Hostel zurückkomme. Doch Jean, ein Kanadier, fragt mich, ob ich mit ihm zu einem Nachtmarkt gehen möchte. Na klar! Ich fühle mich plötzlich ausgesprochen unternehmungslustig und freue mich, Begleitung zu haben. Der  Nachtmarkt hat sich anscheinend auf Seafood und Schlangen spezialisiert. Alle gaffen mit offenem Mund, wenn ein Metzger die Schlange hochhält und ihr bei lebendigem Leibe die Haut abzieht. Ein Vater hält seine kleine Tochter hoch, damit sie alles auch genau sehen kann. Ich halte mich für ziemlich abgehärtet, was solche Dinge betrifft. Aber hier habe ich das Gefühl, dass um mich herum die Menschen nur dabei sind, Tiere auf grausame Art zu töten. Ich verliere schnell die Lust am Schauen und bin froh, als wir zurück gehen.

Weiter geht’s!
An meinem letzten Tag in Taipeh bummele ich durch die lebhaften Straßen der Innenstadt. Mehr durch Zufall finde ich das Provinzmuseum, in dem einige verstaubte ausgestopfte Tiere vor sich hin modern. Eine interessante Ausstellung befasst sich mit den Ureinwohnern Taiwans. Aber auch die sieht vernachlässigt aus. Auch Tempel sehe ich einige. Aber dann ist schon die Zeit vorbei und ich fliege nach Hongkong.

Links:

Palastmuseum Taipeh: Öffnungszeiten, Anfahrt, Preise usw. alles auf Deutsch!. Lesenswert auch die Artikel zur Geschichte des Museums!

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991: Es geht los!

Zur vorangegangenen Episode: 21.08.1991 Ratten, Fernsehen und mehr aus dem Backpacker-Alltag

 

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