01.09. – 09.09.91 Hongkong – Eine lange Hose und ein kurzer Job

Hongkong – glitzernde Metropole: Meine erste China-Reise 1987 begann hier. Diesmal steige ich in einem Hostel, das nicht besonders schön ist, aber preiswert. Jedes Mal, wenn ich die enge Treppe hinaufsteige, frage ich mich, was passiert, wenn hier mal ein Feuer ausbricht. Einen richtigen Fluchtweg gibt es nicht. Doch ansonsten ist es ok, sogar fast sauber. Das Hostel ist ein Treffpunkt für Reisende aus aller Welt. Hier erfahre ich das neueste aus China. Jemand empfiehlt mir Bücher zum Chinesisch lernen. Die kaufe ich mir auch sofort. Hier also beginnt mein Weg, der mich bis zum Chinesisch-Studium nach Peking und weiter zu China Tours Hamburg brachte. Mit Begeisterung lerne ich meine ersten Schriftzeichen.

Aus meinem Reisetagebuch:

Hongkong lockt mit seinen vielen Einkaufsmöglichkeiten. Da ich schon von Seoul her darin geübt bin, suche ich mir immer den schnellsten Weg durch die Einkaufspassagen – nur diesmal nicht unterirdisch, sondern immer so ca. im 2. oder 3. Stockwerk. Von einem Hochhaus zum anderen führen Fußgängerbrücken über die vierspurigen Straßen. Ich bin begeistert! In einer Drogerie falle ich fast in einen Kaufrausch. Zahnpasta, Shampoo – alles muss ich mir neu kaufen. Überall stehen Test-Flakons mit Parfüm. Es ist unglaublich. Als hätte mir das alles wirklich gefehlt! Die beste Erwerbung ist eine Schlafmaske. Eigentlich habe ich diese Dinger bislang immer für ziemlich albern gehalten. Aber unterwegs wird sie mir wirklich nützlich sein.

Ich finde endlich auch eine neue Hose: bunt mit großen Blumen! Für meine Kamera kaufe ich mir ein neues Objektiv, da das alte nicht mehr funktioniert. Natürlich gehe ich bald zum American Express Office auf Hongkong-Island, das ich als meine Postadresse für Hongkong angegeben habe. Meine Mutter hat mir einen langen Brief geschrieben. Von allen zuhause gebliebenen vermisse ich sie am meisten.

Reisemüde?
Das Wetter scheint von Tag zu Tag heißer und schwüler zu werden. Wenn der Schlafsaal nicht so düster und wenig einladend wäre, könnte ich mich wahrscheinlich oft nicht zur nächsten Besichtigung aufraffen. Ich habe Zeit zum Grübeln. Jetzt bin ich schon 5 Monate unterwegs. Es scheint mir manchmal, als wäre ich mein ganzes Leben lang gereist. Ich bin diese Heimatlosigkeit, das Umherziehen, Weiterfahren manchmal so leid! Wenn ich ehrlich zu mir bin, dann muss ich zugeben, dass zwar 4 Wochen Urlaub zu wenig für mich sind, aber mehr als 3 Monate sind viel zu lang. Andererseits habe ich nur diese eine Gelegenheit, mehr als vier Wochen zu verreisen. Ich bin überzeugt davon, dass ich diese Gelegenheit nie wieder haben werde. Also muss ich weiter!

Frauenschlafsaal im Hostel

Frauenschlafsaal im Hostel

Es ist Illusion zu glauben, dass auf dieser Reise immer nur die Sonne scheint, dass es nur Glück gibt. Sicher, die Probleme sind nicht besonders beeindruckend: Streitereien mit Mitreisenden, dreckige Toiletten, düstere Schlafsäle, Durchfall… Mehr fällt mir wirklich nicht ein. Aber man muss sich ständig anpassen, nichts wird wirklich zur Routine. Immer neue Mitreisende, neue Unterkünfte, fremde Länder, fremde Sprachen, fremde Währung. Jeden Tag werden neue Forderungen an meine Belastbarkeit, Toleranz und Flexibilität gestellt. Wenn z. B. neben mir auf der Couch ein riesiger Amerikaner an seinen nackten Zehen knibbelt, während ich esse.

Dann habe ich auch noch meine Tage! Das scheint mir für Frauen unterwegs, oder jedenfalls für mich, ein zentrales Thema zu sein, über das aber meistens niemand spricht. Z. B. kann ich jetzt meine Weiterreise erst für die Zeit „danach“ planen. Denn ich mag nicht die chinesischen Toiletten in den Zügen benutzen. Ich muss daran denken, mich in Hongkong mit genügend Binden einzudecken, weil es die in China nicht in dieser Qualität gibt. Ich würde auch zu gerne mal wieder eine eigene saubere Toilette haben! (Mehr zu dem Thema: Erdbeertage, mit Tante rosa unterwegs)

Aber: „Ich hab’ noch einen Koffer in… Shanghai!“ Jaja, auch wenn ich eigentlich keine Lust dazu habe, ich muss nach Shanghai, weil ich dort im Pujiang-Hotel eine Tasche mit ein paar Sachen wie z.B. meinem China-Reiseführer gelassen habe. Ob die noch da ist?! Außerdem bin ich hier in Hongkong nützlich beschäftigt! Ich brauche ein Visum für China, ein Bootsticket nach Kanton, eine Fahrkarte für den Zug nach Shanghai.

An einem Abend taucht Calvin auf, den ich von Seoul her kenne. Er taucht auf, wir gehen miteinander essen. Er hält eine Verabredung nicht ein und verschwindet. Das gibt den anderen im Hostel und mir Rätsel auf. Wir machen uns Sorgen. Aber ich werde nie herausfinden, was passiert ist. Auch ein Schweizer Paar, das ich bereits in Peking kennen gelernt habe, steigt im Victoria-Hostel ab. Wie klein die Welt doch ist! Da fehlt nur noch Olaf, aber der ist bestimmt schon fast in Nepal.

Taifun-Warnung!
Abends sitzen wir meistens alle zusammen vor dem Fernseher und sehen uns die Nachrichten an. Taifun-Warnung! Es ist erst die erste Stufe. Also ist der Sturm noch so ca. 800 km entfernt. Doch das Wetter schlägt um: es wird zusehends trüber. Jeden Tag regnet es. Ich könnte nur noch schlafen.

Überall in der Stadt sieht man Schilder mit der Taifun-Warnung. In einem Kaufhaus sind die Fontainen eines Springbrunnens so angeordnet, dass dort die Worte „Signal 0001“ gebildet werden. Nach ein paar Tagen wird dies zur Stufe 3. Jetzt stürmt es wirklich. Es wird ziemlich ungemütlich, wenn ich mit der Fähre nach Hongkong-Island muss, um zur Chinesischen Handelsvertretung oder zum American-Express-Büro zu gehen. Da sind die Ladenpassagen sehr nützlich, denn dort merkt man nichts von dem heftigen Wind. Die Temperaturen sind auch gefallen. Ich bekomme prompt eine starke Erkältung mit Husten und Kopfschmerzen. Dazu habe ich immer noch Bauchschmerzen. Das hebt natürlich nicht gerade meine Stimmung.

Arbeit!
Also liege ich an einem Samstag Mittag auf meinem Bett und döse so vor mich hin, als Douglas den Raum betritt. Er sieht mich und fragt: „You speak German? – You speak English?!“ Als ich bejahe, fragt er mich, ob ich Lust hätte, für einen österreichischen Geschäftsmann zu dolmetschen. Der offizielle Dolmetscher des Nikko-Hotels, einem 5-Sterne-Luxushotel, hat keine Zeit (und wohl auch keine Lust), den Mann am Samstag Nachmittag bei seinen Souvenirkäufen zu begleiten. Ich würde sogar Geld dafür bekommen! Ich bin erst skeptisch, spreche dann aber mit dem Dolmetscher am Telefon und finde, dass ich es mal ausprobieren kann.

Die ganze Aktion stellt mich vor erhebliche Probleme: ich habe für ein Luxus-Hotel nichts angemessenes anzuziehen! Ich entscheide mich für meine neue Hose. Dazu ein passendes sauberes T-Shirt und die Sandalen, die ich die ganze Zeit mit mir rumschleppe aber kaum benutze. Eine kleine Handtasche, Wimperntusche und Lippenstift habe ich für den Ernstfall glücklicherweise dabei. Es bleibt auch genügend Zeit, mir die Haare zu waschen. Sie sind zu lang, aber irgendwie habe ich nie Zeit bzw. Geld, um zum Friseur zu gehen.

Kowloon 2009

Kowloon 2009

Ich gebe es zu: ich habe auch ein wenig Angst. Ich kenne die Leute ja nicht. Aber was soll ein Mädchenhändler mit mir „alten“ Frau anfangen? Außerdem entspreche ich sicher nicht dem allgemeinen Schönheitsideal. Diese Überlegungen geben mir ein wenig Sicherheit. Eigentlich habe ich nur ein wenig Lampenfieber, als ich das Hotelfoyer betrete.

Der Dolmetscher begrüßt mich und stellt mich dem Österreicher vor. Die erste Stunde verbringe ich auf dem Zimmer des Österreichers und höre seinen Telefonaten mit seiner Ehefrau, seiner Geliebten und anderen Leuten in Österreich zu. Das Zimmer ist ungefähr so groß wie der Schlafsaal, in dem ich wohne. Mir kommt es vor, als habe ich seit Ewigkeiten keinen solchen Luxus oder keine solche Großzügigkeit mehr gesehen. Dann schreibe ich ein Fax auf Englisch an den taiwanesischen Geschäftspartner.

Schließlich brechen wir auf, um für Ehefrau, Geliebte und Sekretärin Souvenirs zu kaufen. Ich bin fassungslos, als ich sehe, wie dieser Mann sein Geld verschleudert. Er weigert sich zu handeln! Ich versuche, trotzdem einen günstigen Preis für ihn zu erhalten, um wenigstens ein bisschen das Geld wert zu sein, das er mir bezahlt. Denn sonst sind dieser Nachmittag und Abend eigentlich nur Spaß. Ich gehe über die Nachtmärkte, die ich sowieso besuchen wollte.

Als es dunkel ist, gehen wir an der Uferpromenade entlang. Es ist richtig romantisch, nur leider passt mein Partner nicht dazu. In einer ruhigen Bar erzählt mir der Österreicher von seinem Leben. Er hat sein Vermögen mit dem Handel mit Werbeartikeln gemacht. Seine Geschäftspartner sind in Hongkong, Taiwan und in Thailand. Er spricht kein Wort Englisch, aber er kann es sich leisten, einen Dolmetscher zu bezahlen. Eigentlich mag er gar nicht reisen, viel lieber ist er am Wolfgangsee, wo er ein Haus hat und ein Motorboot. Und das ist etwas besonderes, denn nicht jeder bekommt eine Lizenz für ein Motorboot auf dem Wolfgangsee! Er redet und redet. Dabei versucht er, mich mit seinem Geld und seinen Besitztümern zu beeindrucken. Ich sage nichts dazu, aber er tut mir leid. Er hat so gar keine Freude an den fremden Ländern, die er sieht. Sein Leben besteht daraus, seine Frau und seine Geliebte zufrieden zu stellen. Zwischendurch deute ich an, wie ich lebe, erzähle von dem dunklen Schlafsaal und den langen Busfahrten. Er hört kaum zu, will nur erzählen. Der Höhepunkt des Abends ist für ihn, dass wir vor dem Intercontinental-Hotel auf Hongkong Island den Rolls Royce des Gouverneurs von Hongkong sehen. Das Auto hat anstelle des Nummernschildes eine Krone. Leider will der Österreicher gar nicht essen. Gegen Mitternacht gehe ich hungrig in meinem Schlafsaal zu Bett.

Für den nächsten Morgen sind wir zum Frühstück verabredet. Jede Stunde, die ich mit ihm zusammen bin, kostet ihn Geld. Ich genieße mein Frühstück in der gepflegten Atmosphäre des Nikko-Hotels. Anschließend helfe ich ihm noch bei ein paar Faxe an seine Geschäftspartner zu senden, dann treffen wir den Dolmetscher. Ich bekomme mein Geld und verabschiede mich. Ich bin eigentlich ganz froh, als ich in meinen „dunklen“ Schlafsaal zurückkehre. Hier fühle ich mich nach all den Monaten des Low-Budget-Reisens wie Zuhause.

Mit dem Geld kaufe ich mir ein Schweizer Taschenmesser. Und ich rufe meine Freundin Geli in Hannover an! Sie hat schon einen Flug nach Bangkok für Weihnachten gebucht und freut sich sehr darauf, mich wiederzusehen. Ich finde es toll, mit ihr zu sprechen, und kann es gar nicht mehr abwarten, sie zu treffen.

Mir gibt dies Gespräch den Schwung, erneut auf Besichtigungstour zu gehen. Nun war ich so lange in Hongkong und habe doch noch nicht viel gesehen! Der Taifun ist an Hongkong vorbeigezogen. Das Wetter wird besser.

Der Zoo auf Hongkong-Island gefällt mir sehr gut. Eigentlich ist er mehr ein Botanischer Garten, wo unter großen, alten Bäumen Affen und anderes Getier in Käfigen leben. Auf einer Parkbank sitzend schaue ich in mein Chinesisch-Lehrbuch. Eine ältere Frau sieht mir über die Schulter. Sie lacht erfreut, als sie sieht, dass ich Chinesisch lerne. Ich bedaure es sehr, dass ich – noch – nicht mit ihr reden kann..

Als ich von Hongkong aufbreche, um mit dem Schiff nach Kanton zu fahren, habe ich eine nette Begleiterin aus dem Hostel. Cheryl hat das Bett über meinem. Das Schiff fährt durch den hell erleuchteten Hafen von Hongkong. Langsam versinken die Lichter der Skyline hinter uns im Dunkel der Nacht. Schattenhaft tauchen andere Boote auf. Unsere Betten befinden sich in einem großen Schlafsaal, der voller Menschen ist. Auf den Betten liegen keine Laken sondern dünne Bastmatten. Ich rolle meinen Schlafsack aus. Die Luft ist feucht und stickig. Die ganze Nacht lang gibt es keine Ruhe unter den Passagieren.

Zum Beginn meiner Großen Reise: 06.04.1991 – Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 28.08. – 01.09.1991 Taipeh – Essen, Museum und Smog

Zur nächsten Etappe10. – 12.09.1991 Shanghai: Bedbugs und Japaner 

6 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.