15. – 29.11.91: Reisebericht aus Südchina: Meine Laune fährt Achterbahn

Kunming – Yangshuo – Hongkong
Die wenigen Tage, die ich diesmal in Kunming bin, wohne ich in einem schönen sauberen Dreibett-Zimmer in einem ordentlichen Hotel. Wenn ich nicht unterwegs Marion, eine Kanadierin, kennen gelernt hätte, würde ich allerdings wohl die meiste Zeit im Bett verbringen. Denn meistens plagen mich Bauchschmerzen, leichte Übelkeit und auch Kopfschmerzen. Ich denke, dass ich eine Grippe entwickle oder einfach zuviel der guten ballaststoffreichen Kost in Lijiang und Dali gegessen habe. Ich kann Tsampa-Müsli und Bratkartoffeln einfach nicht widerstehen! Marion, die ein schönes Einzelzimmer mit Badewanne hat, kümmert sich rührend um mich. Ich komme zweimal in den Genuß eines richtiges Bades. Sie geht mit mir essen. Dadurch lerne ich eine einfache aber total leckere Hühnersuppe kennen, die mir ein wenig Aufschwung gibt. In diesen Tagen geschieht auch etwas, was ich gar nicht mehr so gerne erzähle, denn es hat mir später den Ruf eingetragen, gewalttätig zu sein. 😉Yangshuo 2011

In Yangshuo, dieser touristischen Hochburg im Süden, fühle ich mich fast wie Zuhause. Doch die Bauchschmerzen kommen und gehen. In Yangshuo erreichen sie ihren Höhepunkt. Es ist schon ziemlich mühsam, mit einem deutlichen Krankheitsgefühl unterwegs zu sein. Ich mache auch den Fehler, dass ich, kaum dass es mir etwas besser geht, reichlich und vor allem westlich esse. Das führt immer wieder dazu, dass ich mich krank fühle. Dieser Zustand, mal gut mal schlecht, hält wegen meiner Unvernunft noch einige Wochen an.

Und so geht mein Reisebericht aus China weiter: Aus meinem Reisetagebuch

Kunming

Unser Bus schafft die Strecke von Dali nach Kunming in guter Zeit. Aber so ca. 500m vor dem Busbahnhof bleibt er liegen. Wir müssen unseren Busfahrer mühsam überreden, uns unsere Rucksäcke aus dem Kofferraum zu geben, denn er meint, wir sollten auf den Ersatzbus warten. Marion geht dann ins Kunming-Hotel, wo sie ein Zimmer reserviert hatte. Ich nehme mir wieder ein Bett im Dreibett-Zimmer des Three Leaves. Aber natürlich gehen wir abends zusammen essen. Wir finden ein nettes, einfaches Restaurant in der Altstadt. Dank Marions Chinesisch haben wir auch bekommen, was wir bestellt hatten. Ich esse zwar mit großem Hunger, aber der rechte Appetit will mir noch nicht kommen. Mir ist wieder flau im Magen.
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Hühnersuppe 2015 in Shanxi

Hühnersuppe 2015 in Shanxi

Hier ein Rezept, das ungefähr der Hühnersuppe in Kunming entspricht. Dort gab es allerdings nur diese wunderbare Brühe mit dem ausgelösten, knochenfreien Hühnerfleisch (also nicht ganz so wie in dem Foto). Ein paar kleingeschnittene Frühlingszwiebeln drüber: fertig und lecker! Ich hab mir in Kunming dann noch ein wenig Reis druntergerührt. Perfekt, wenn man sich nicht wohl fühlt!
Hühnersuppe wird in der Traditionellen Chinesischen Medizin gegen Erkältung empfohlen und gilt als Energiespender
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Nachts wird es jetzt richtig kalt. Morgens kleide ich mich nach der chinesischen Methode: ich trage mehrere Schichten übereinander. Im Laufe des Tages wird es dann so warm, dass ich Schicht für Schicht ablege.

Marion bietet mir an, in ihrem warmen und schönen Badezimmer ein Bad zu nehmen. Das ist einfach herrlich! Ich genieße dieses heiße Bad mit Badeschaum. Am meisten gefällt mir, dass ich dies Bad ganz alleine für mich habe! Das Wasser ist warm und weich. Der feine Duft des Schaumbads ist ein unglaublicher Luxus. Ob ich mir nicht doch mal ein schönes Zimmer mit Bad in einem guten Hotel nehme? Mit Wehmut denke ich an die großen bequemen Badewannen in Japan. Das scheint schon unendlich lange her zu sein.

Dann fahre ich mit einem Taxi zum Three Leaves zurück. Das Taxi verfügt zu meinem Erstaunen über einen kleinen Schwarzweißfernseher. Noch mehr bin ich erstaunt, als ich sehe, was da gerade läuft: da reiten Ben und Little Joe über den Bildschirm! Bonanza auf Chinesisch! Ich mache mir ein wenig Sorgen, da der Fahrer dauernd nach dem Bildschirm schielt. Glücklicherweise erreichen wir unversehrt mein Hotel!

Am nächsten Tag schüttelt mich ein trockener schmerzhafter Husten wach. Nun hat es mich also erwischt! Zusammen mit meinen leichten Bauchschmerzen und der Appetitlosigkeit ist das eine Kombination, die mich fast lähmt.

Der steile Abhang zum See - Kunming 2011

Der steile Abhang zum See – Kunming 2011

Doch ich bin mit Marion zu einer Wanderung in den Westbergen beim Dragon’s Gate verabredet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich einem längeren Fußmarsch gewachsen bin. Doch nach den ersten Schritten geht es mir gleich besser. Auf den Bergen westlich von Kunming wächst dichter Nadelwald. Dazwischen finden wir eine Landschaft, die ein wenig an den berühmten Steinwald erinnert mit seinen spitzen Felsen. Ich freue mich an der frischen Luft. So einen schönen Wald habe ich schon lange nicht mehr erlebt! Außerdem tut die Luft meinem Hals gut. Mein Husten ist bald vergessen. Marion und ich gehen mit raschen Schritten den Waldweg entlang. In den nächsten zwei Stunden begegnen wir keinen Menschen.

Schließlich erreichen wir einen Hügel, auf dessen Gipfel ein kleiner Fernsehturm steht. Von der Wiese rundum haben wir einen wunderschönen Ausblick auf die Ebene von Kunming. Eine Dunstglocke zeigt uns die Stelle, wo die Stadt in der Ferne liegt. Wir sitzen gerade ein paar Minuten auf dem Gras, als zwei Soldaten wie aus dem Nichts bei uns auftauchen. Sie wollen uns mit heftigen Armbewegungen verscheuchen. Anscheinend ist der Fernsehturm eine militärische Anlage. Nichts ist eingezäunt und kein Zeichen sieht aus wie ein Verbotsschild. Die Soldaten wirken ziemlich ärgerlich. Marion versucht, mit ihnen zu reden. Wir geben uns Mühe, uns nicht von ihnen beeindrucken zu lassen. Aber nach kurzer Zeit geben wir auf. Uns ist die Pause und die schöne Landschaft verleidet.

Nun kommt der anstrengendste Teil unserer Wanderung: wir befinden uns direkt über dem steilen Abhang, an dessen glatter Wand sich der Drachentempel klammert. Über viele Stufen führt der Weg hinab. Es ist Samstag heute und so sind wir hier so nahe dem Tempel nicht mehr alleine. Viele chinesische Touristen klettern mit uns an diesem Hang herum. Kinder schreien und Liebespärchen schmusen in den Ecken.

Der See, die Ebene und der einzige Bus weit und breit

Nach Hunderten von Stufen erreichen wir endlich mit vor Anstrengung zitternden Knien die Ebene. Zwischen uns und Kunming liegt ein flacher See, über den uns ein Ruderboot, das von einem alten Mann und seiner Frau gerudert wird, bringt. Auf der anderen Seite des Sees gehen wir über einen langen schmalen Damm und finden schnell eine Bushaltestelle. Es ist eine Endstation und deshalb hoffen wir, dass wir Sitzplätze finden werden, wenn der Bus ankommt. Nach und nach sammeln sich bei der Haltestelle viele Chinesen. Aufgeregt drängen sie sich zusammen, als der Bus auf den Platz einbiegt. Wie ein riesiger Bienenschwarm hängen sich die Menschen in Trauben an den Bus, als er hält. Kaum gehen die Türen auf, versuchen sie alle gleichzeitig einzusteigen. Es scheint, als ob sie einer Katastrophe entkommen müssten. Schnell sind wir Westlerinnen an den Rand der Menge abgedrängt.

Von meinem Platz aus sehe ich, wie einige junge Männer auf die Frauen vor ihnen einschlagen, um schneller einsteigen zu können. Ich bin mit meiner Geduld am Ende: ich habe keine Lust mehr, weiter zuzugucken, wenn Frauen so brutal geschlagen werden. Ich lange von ganz hinten nach einem jungen Mann, der einem Mädchen gerade eine runterhaut, packe ihn an seinem Jackenkragen und zerre ihn mit Schwung aus der Menge. Verdutzt steht er von einem Moment zum anderen ganz außen und starrt mich mit offenem Mund an. Endlich kommt Bewegung in die Leute. Bald bin auch ich in dem vollen Bus. Marion hat sich selbst durchgedrängelt und tatsächlich einen Sitzplatz gefunden. Bis auf zwei Sitze, die ein jugendlicher Rüpel für seine Freunde frei hält, indem er sein Bein drüberlegt, ist alles besetzt. Beflügelt von meinem „Erfolg“ lasse ich mich langsam auf einen dieser Plätze fallen. Der Junge zieht in letzter Sekunde sein Bein weg. Auch er ist vor lauter Überraschung sprachlos. Dagegen ernte ich anerkennende Blicke und ein wenig Applaus von unseren anderen Mitreisenden.

In Kunming gehen wir in unser Lieblingsrestaurant. Ich habe nach all den heutigen Anstrengungen großen Hunger. Aber beim Anblick der Speisen verspüre ich keinen Appetit mehr. Also reicht wieder eine Hühnersuppe für mich. Bei Marion darf ich noch einmal baden. Dann muss ich mich von ihr verabschieden. Sie fliegt morgen nach Hongkong weiter. Schade!

Den nächsten Vormittag verbringe ich damit, ein Paket nach Hause zu schicken. Das ist eine anstrengende Arbeit. Erst muss ich einen Karton kaufen, dann diverse Zollformulare ausfüllen. Endlich habe ich es geschafft! Ich gehe noch mal in das Restaurant, wo ich nur eine Hühnersuppe bestelle. Ich habe immer noch keinen Appetit und leichte Bauchschmerzen. Die liebe Kellnerin kann gar nicht verstehen, dass ich wirklich nur Suppe, Reis und eine Cola möchte. Immer wieder kommt sie an meinen Tisch und fragt nach. Am Abend treffe ich Leute, die ich schon aus Dali kenne. Kunming scheint voller Backpacker zu sein und alle sind unterwegs nach Yangshuo so wie ich.

Yangshuo

Ich wache auf und es geht mir gut. Dieses gute Gefühl beflügelt mich, aufzuräumen. Ich leere meinen Rucksack auf mein Bett, schmeiße Sachen weg und finde andere wieder. Mein Rucksack sieht ziemlich mitgenommen aus nach knapp 8 Monaten unterwegs. Sein dunkles Blau ist verblasst und auch mit einem Lappen kann ich den Staub der Straße nicht mehr abwischen.

Li-Fluss bei Yangshuo 2011

Li-Fluss bei Yangshuo 2011

Mit dem Flughafenbus fahre ich hinaus zum Flughafen. Ich bin ziemlich früh. Doch diesmal kenne ich schon das Prozedere und habe alle Formalitäten schnell erledigt. Als die Tür aufgeht und man die Passagiere aufs Gelände zum Flugzeug lässt, geht das große Gerangel los. Doch Soldaten halten die Leute in Schach. So kann jeder ganz friedlich seinen Platz finden. Das Wetter ist wunderschön. Es gibt sogar einen kleinen Imbiss. Als wir dann über Guilin fliegen, können wir die berühmte Märchenlandschaft im dunstigen Sonnenlicht sehen. Die Chinesen finden das auch alle ganz spannend und toll. Sie verlassen ihre Sitze, obwohl schon lange das „Fasten Seat-Belt“-Zeichen leuchtet. Alle gehen sie rüber auf die linke Seite und schauen hinaus. Das Flugzeug legt sich in eine weite Linkskurve. Ich sitze auf meinem Platz und halte mich fest. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich mich nach rechts lehnen muss, damit das Flugzeug nicht nach links kippt. Doch es geht alles gut. Wir landen heil und im Stück in Guilin. Ich finde schnell mein Gepäck und einen Minibus nach Yangshuo.

Mit dem Minibus dauert die Fahrt nicht lange. Die eigentümlichen Berge, die grünen Reisfelder – alles ist so bekannt für mich! Vor vier Jahren war ich schon einmal hier, damals als ich mich auf meiner ersten Chinareise so total in dieses Land verliebt habe! In Yangshuo scheint sich einiges verändert zu haben. Der Ort wirkt größer auf mich, lebhafter. Die Straßen breiter und die Geschäfte zahlreicher. Susannah’s Cafe gibt es nicht mehr, aber manches Restaurant erscheint bekannt.

Beerdigung

Beerdigung

Ich erhalte schnell ein Bett in einem Dreibettzimmer in einem Hotel an der Hauptstraße. Mir macht es kaum etwas aus, dass Tag und Nacht die Lkws draußen vorbeidonnern. Ich genieße Bratkartoffeln und ein Bier in einem der vielen Restaurants, dann falle ich todmüde ins Bett. Es ist November und die Nächte sind auch in Südchina nicht besonders warm. Beim Morgengrauen kuschele ich mich deshalb nur noch tiefer in meine Bettdecke. Später werde ich durch lauten Trommelklang geweckt. Neugierig trete ich ans Fenster: eine merkwürdige Prozession bewegt sich langsam die Straße entlang. Es handelt sich ganz offensichtlich um eine Beerdigung. Von sechs Männern wird der Sarg getragen, der mit Girlanden und Papierblumen bedeckt ist. Vor dem Sarg gehen Frauen rückwärts mit dem Gesicht zum Verstorbenen. Sie tragen weiße Binden um den Kopf, werden geführt und rechts und links gestützt von jungen Männern. Manchmal bricht eine Frau laut wehklagend auf dem Boden zusammen und wird wieder hochgehoben. Hinter dem Sarg trägt ein Mann das Bild des Verstorbenen. Eine Kapelle mit Trommeln, Becken und Trompeten beschließt diesen eindrucksvollen Zug.

Nun bin ich wach und ich stehe auf. Auch wenn ich erneut ein merkwürdiges Gefühl im Bauch habe, genieße ich das Western Breakfast im Restaurant. Yangshuo bietet mir die ideale Umgebung zum Abhängen. Die Restaurants sind gemütlich. Ich finde auch viele Leute, mit denen ich mich unterhalten kann. Yangshuo ist für die einen die erste Station ihrer Chinareise. Sie sind aufgeregt und neugierig. Für die anderen ist es die letzte Station. Viele von ihnen sind fertig mit China. Sie haben so viel Negatives erlebt, dass sie nur noch den Wunsch haben, endlich nach Hongkong zu kommen. Natürlich wird viel über die Chinesen geschimpft, aber viele sind auch glücklich über die Abenteuer, die sie erlebt haben.*

Und dann gibt es da noch die Pauschaltouristen aus aller Welt, für die Yangshuo nur das Ende einer kurzen Schifffahrt auf dem Li-River ist. Sie kommen fast gar nicht mit uns Backpackern in Kontakt. Für sie gibt es eine eigene Straße mit Souvenirständen. Am Ende davon stehen die Busse, mit denen sie schnell nach Guilin in ihr komfortables Hotel zurückfahren. Ich gucke mir das an einem Tag mal an. Dann bin ich froh, in meinem Restaurant abzuhängen. Ich treffe die beiden Briten vom Bahnhof in Kunming wieder. Sie haben sich auch Flugtickets gekauft. (Siehe Fahrkartenschwarzmarkt)

Ich habe keine Lust, viel Zeit in Yangshuo zu verbringen. Deshalb kaufe ich mir ein Ticket für übermorgen nach Kanton: ein Tag mit dem Bus nach Wuzhou und dann mit dem Schiff nach Kanton. Ich möchte gerne ein paar Tage in Kanton bleiben. Die Stadt ist schon auf meiner Reise vor vier Jahren zu kurz gekommen. Danach will ich nach Macao. So der Plan, aber…

Beim Arzt (1)

Doch dann wache ich in meiner vorletzten Nacht in Yangshuo so gegen 4:00 Uhr auf, weil ich schreckliche Rückenschmerzen habe. Ich kann gar nicht mehr liegen, so weh tut mir nicht nur mein Rücken sondern auch mein Bauch und meine linke Brustseite. Außerdem habe ich Durchfall. Ich kann nicht liegen, nicht sitzen. Schließlich finde ich mich halb schlafend auf- und abgehend im Flur vor dem Zimmer wieder. Nach ein paar Stunden lässt der Schmerz ein wenig nach. Ich kann klarer denken. Ich nehme meine Tabletten gegen Durchfall ein und eine Schmerztablette. Was soll ich nur tun? Was sind das für Schmerzen? Herzinfarkt, Blinddarmentzündung oder was? Hepatitis verursacht keine Schmerzen – oder doch? Ich bekomme richtig Angst. Hier in China möchte ich nicht krank werden.

Ich erinnere mich an das Schild eines Arztes in der Nähe, der damit Werbung macht, dass er auch Englisch sprechen kann. Kaum öffnen die ersten Restaurants, bin ich unterwegs und warte ungeduldig darauf, dass der Arzt sein Schild auf die Straße stellt. Endlich! Der Arzt ist ein junger Mann in einem dunklen Büro, in dem eine Liege steht. Er kann nicht ein Wort Englisch! Aber er besitzt ein großes medizinisches Wörterbuch, in dem alles Nötige auf Chinesisch und auf Englisch steht. Ich traue dem nicht so recht. Aber ich lege mich brav auf die Liege und schiebe mein T-Shirt hoch. Der Mann hört meinen Bauch ab. Ich verstehe kein Wort von dem, was er erklärt. Er gibt mir einige Tabletten, macht klar, dass ich nichts Schlimmes habe und schickt mich weg. Tatsächlich geht es mir wenig später so gut, dass ich mir ein Fahrrad miete und ein wenig in der Gegend herumfahre. Aber gegen Abend ist mir schon wieder übel.

4. Klasse auf dem Schiff nach Kanton. Mir schmeckt wieder das Bier

4. Klasse auf dem Schiff nach Kanton. Mir schmeckt wieder das Bier

Ich habe Mühe, den Rucksack zu packen am nächsten Tag. Aber ich habe gut geschlafen und auch keinen Durchfall mehr. Die lange Busfahrt nach Wuzhou am Perlfluss wird dadurch halbwegs erträglich. Auf dem Schiff habe ich einen Platz in der 4. Klasse. Das heißt, dass so ca. 30 Personen auf engen Betten neben- und übereinander liegen. Männer und Frauen zusammen. In der Mitte ist ein wenig Platz für die großen Säcke und das übrige Gepäck. Die Luft ist heiß und stickig. Es sind noch ein paar andere Backpacker bei mir, so dass ich mich nicht so alleine und ausgeliefert fühle unter den Chinesen. Ich trinke ein Bier und versuche zu schlafen.

Am nächsten Morgen ist mir wieder schlecht. Die heiße, stickige Luft hat mir fürchterliche Kopfschmerzen gebracht. Als ich in Kanton an Land gehe mit dem schweren Rucksack und die vielen Menschen sehe, habe ich plötzlich gar keine Lust mehr, hier zu bleiben, und nehme mir gleich ein Taxi zum Bahnhof. Dort kaufe ich mir eine Fahrkarte nach Hongkong. Vielleicht kann ich von dort aus noch nach Macao fahren.

Hongkong

Der Frauen-Schlafsaal im Victoria-Hostel in Hongkong 1991

Der Frauen-Schlafsaal im Victoria-Hostel in Hongkong 1991

In Shenzhen, wo ich umsteigen muss, sind die Arbeiten am Umbau des Bahnhofs voll im Gange. Mühsam schleppe ich meinen Rucksack über endlose Trampelpfade an Bauzäunen entlang und finde auch endlich den richtigen Fahrkartenschalter und den richtigen Zug. Todmüde und erschöpft komme ich im Victoria-Hostel an, wo ich wirklich das letzte Bett im Frauen-Dormitory erhalte. Es ist ein oberes Bett. Ich habe sehr viel Mitleid mit meiner Unterschläferin, die sichtlich genervt ist am nächsten Morgen, weil ich so unruhig geschlafen habe.

Mir geht es immer noch nicht gut. Trotzdem gehe ich zum Thailändischen Konsulat, damit ich ein Visum bekomme. Da das deutsche Konsulat auch in der Nähe ist, gehe ich dort mal rein. Vielleicht können die mir einen deutschsprechenden Arzt in Hongkong nennen. Das tun sie auch. Aber der Arzt hat seine Praxis in einem Vorort. Das ist mir zu weit.

Beim Arzt (2)

Auf dem Weg zum American Express Büro komme ich an einem Büro vorbei, an dem steht, dass dort ein Allgemeinmediziner praktiziert, der in London studiert hat. Na, der wird ja wohl wenigstens Englisch sprechen! Also betrete ich kurzentschlossen das Büro. Nach einer kurzen Wartezeit kann ich zum Arzt, der mir auch den Bauch abhört. Er teilt mir lapidar mit, dass ich eine Magendarmentzündung hätte und dass das gar nicht verwunderlich sei. Das hätten viele, die aus China kommen. Er gibt mir Schmerztabletten und noch eine Medizin, die er mir nicht weiter erklären möchte. Außerdem sagt er, dass ich die nächsten Tage Diät leben soll: kein gebratenes Fleisch, keine scharfen Gerichte, kein Obst, kein Alkohol. Ich verordne mir daraufhin die McDonalds-Diät: Eiscreme und Brötchen und Cola. Mit einer aktuellen Herald Tribune setze ich mich bei McDonalds hin und habe auch nicht die Absicht, dort heute noch mal wegzugehen. McDonalds hat viele Vorteile für mich: es ist ein Ort, wo keiner einen fragt, wenn man nur sitzt, Zeitung liest und Kaffee trinkt. Außerdem gibt es eine Toilette. Ich treffe sogar Leute, die ich schon in Dali kennen gelernt habe. Angeregt unterhalte ich mich mit ihnen. Als wir zusammen das Restaurant verlassen, kippe ich aus Versehen meine Medizin zusammen mit dem Abfall weg. Vielleicht ist das ganz gut so, denn wer weiß, was diese geheimnisvolle Medizin war! Ich bin sehr beruhigt, dass ich nicht schwer krank bin, und kann mir gut vorstellen, Diät zu leben.

Das Wetter in Hongkong ist die meiste Zeit angenehm warm und sonnig. Ich gehe öfters zum General Post Office und zu American Express, um nach meiner Post zu sehen und neue Reiseschecks zu besorgen. Ich mache mir langsam Gedanken darüber, dass Geli nicht schreibt. Sie will mich doch Weihnachten in Thailand besuchen. Langsam möchte ich wissen, ob das wirklich klappt. Allerdings schreibt Ulli, dass sie mit Jürgen im Februar nach Indien will. Wenn ich überlege, was ich nach Thailand machen will, denke ich auch daran, wie schön es wäre, Ulli und Jürgen wiederzusehen.

Weihnachtsdekoration 1991

Weihnachtsdekoration 1991

Hongkong ist überall weihnachtlich geschmückt. Zu den Reklame-Lichtern gesellen sich St. Claus und seine Rentiere als bunte Lichterketten. Ich mache abends eine Fotoexpedition, um diese schöne Stimmung festzuhalten. Das Historische Museum und das Kunstmuseum liegen nicht weit weg. Ich genieße diese interessanten und gepflegten Museen. Aber meistens habe ich nicht viel Lust, etwas zu unternehmen. Ich buche meinen Flug nach Bangkok und freue mich, dass es weiter geht.

 

 

 

 

Yangshuo 2011

Yangshuo: Paradies und Touristenhochburg

*Anmerkung zu Yangshuo: Der kleine Ort hat sich weiterentwickelt. Es gibt noch mehr Hotels, Gasthäuser, McDonald’s, Pizza-Hut und KFC. Die Hauptstraße wird von chinesischen und westlichen Touristen durchstreift. Viele Touristengruppen übernachten hier. Die Backpacker haben sich in die Randbezirke zurückgezogen. Doch noch immer gibt es das charmante Örtchen mit seinen freundlichen Einwohnern und großartigen Möglichkeiten, die wundervolle Karstkegellandschaft zu erkunden. Man muss nur ein paar Schritte in die Nebengassen tun… 😉

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 7. – 14.11.1991: Lijiang: Noch ein Paradies

Nächste Etappe: 29.11.1991 Thailand – Traum und Wirklichkeit

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