That’s the Way I Like it! – Musik unterwegs

Ich sitze am Schreibtisch, draußen ist es kalt, mein Bildschirm leuchtet in der Dunkelheit. Es ist Advent und aus dem Radio klingt das übliche Weihnachtsliedersammelsurium. Ich höre kaum hin. Es ist Hintergrundmusik, die ich dudeln lasse, um nicht ganz alleine zu sein. Ohne Musik kann ich gar nicht arbeiten. Allzu anspruchsvoll darf sie nicht sein, sonst lenkt sie ab.

Thailand: Raleigh Beach in der Nähe von Krabi

Thailand: Raleigh Beach in der Nähe von Krabi

Vertraute Klänge

Doch dann passiert es! Vertraute Klänge. Ein Bild entsteht vor meinem inneren Auge: Ein Strand im tropischen Thailand, das Rauschen der Wellen, Palmen, eine Strandbar. Ein warmer Wind scheint meine Schultern zu streicheln, der Duft von Jasmin und Mekong-Whiskey liegt in der Luft. Es ist alles so gegenwärtig, als säße ich wirklich in ein dünnes Strandgewand gehüllt auf meinem Barhocker am Strand von Krabi. Was ist geschehen? Nach meiner Einleitung werdet Ihr es schon ahnen: Im Radio spielen sie einen Song, ein ganz besonderes Lied.

Ich wag es kaum zu nennen: „I’m dreaming of a White Christmas…“ von Bing Cosby tönt durch mein Wohnzimmer. Zeit und Raum verschmelzen: Damals 1991 am Strand bei Krabi, am Heiligabend, waren alle Palmen weihnachtlich geschmückt und aus den Lautsprechern tönten Weihnachtslieder, auch „I’m dreaming of a White Christmas…“ Es war ein Song, der mir die Absurdität des Augenblicks bewusst machte: Mindestens 25 Grad auch am späten Abend, Weihnachten.

Ja, auch ich träumte damals von weißen Weihnachten. Hier, in Krabi, das konnte doch alles nicht wahr sein! Weihnachten? Jetzt? Hier? Nein, das war kein Weihnachten! Mir liefen ein paar Tränen über’s Gesicht und ich gab mich kurz meiner Sehnsucht hin. Klar, auch daheim in Hannover, gibt es höchst selten weiße Weihnachten, aber die Kälte, die kurzen Tage mit Nebel und Nieselregen – nur so kann für mich die Weihnachtszeit aussehen! Jemand aus Australien mag das anders sehen, aber für mich wird es immer die Sehnsucht nach einer weißen Weihnacht geben.

Musik unterwegs

Auch andere Musik lässt Bilder von unterwegs bei mir aufkommen. Ein flotter Sirtaki erinnert an laue Nächte in Griechenland und kommt mit dem Duft von Wein und Knoblauch. Oder ein sehnsüchtiges spanisches Lied, ein Flamenco und schon bin ich mit meinen Gedanken in der kleinen Kneipe in Sevilla, wo sich eine junge Frau ein Tuch über die Jeans schlang und auf den knapp zwei Quadratmetern zwischen Tresen und Tischen einen fantastischen Flamenco tanzte. Oder die endlosen irischen Balladen, vorgetragen in einem ganz normalen irischen Pub. Oder… oder…oder…

Mit all dieser Musik ist die Sehnsucht nach der Ferne verbunden. Meistens stehen mir dann sofort Tränen in den Augen und die Erinnerung ist stark. Eine zeitlang gab es in Hannover einen chinesischen Erhu-Spieler, der in der Fußgängerzone seine seltsame Musik spielte. Hach, da ging mir das Herz auf! Oder einmal verzauberte mich in Hamburg-Altona eine Band aus der Mongolei mit ihrer traditionellen Oberton-Musik.

Und ich werde immer mal Modern Talking hören, eine Musik, die ich eigentlich nicht so toll finde. Doch 1987 war dies die Musik, die die Chinesen großartig fanden. Aus allen Läden und Restaurants hörte ich „Brother Louis“ oder „Geronimo’s Cadillac“ und seitdem gehört Modern Talking für mich zu China. Ist so!

Zwei ganz besondere Situationen und Songs haben einen ganz speziellen Wert für mich.

Sri Lanka 1985

Sri Lanka - Kokonüsse am Wegesrand

Sri Lanka – Kokonüsse am Wegesrand

Ich war nach Sri Lanka gereist und hatte mich für die ersten drei Tage im komfortablen Robinson Club eingebucht. Herrlich! Das Essen war fantastisch! Der Strand ein Traum! Für alles war gesorgt, ich brauchte mir um nichts Gedanken zu machen. Doch dann kam der Tag, an dem ich weiterreisen wollte. Stundenlang hatte ich drüber nachgedacht, ob ich nicht verlängere. Groß war meine Scheu, die Organisation mit all ihrer Verantwortung und Anstrengung wieder selbst zu übernehmen. Es lockte die Bequemlichkeit.

Doch dann packte ich meinen Rucksack, ging hinaus zur Straße, ließ die komfortable Hotelanlage hinter mir. Am nächsten Busbahnhof musste ich lange auf den richtigen Bus warten. Zeit genug für mich, um wieder darüber nachzudenken, in die Komfortzone des Robinson-Clubs zurückzukehren. Doch dann kam der Bus. Ich fuhr los, vorne saßen einige gelb gewandete buddhistische Mönche, Einheimische schauten mich neugierig an und lächelten. Draußen flogen endlose Palmenhaine am Fenster vorbei. Kokosnüsse waren zu hohen Haufen aufgestapelt und wurden als Erfrischungsgetränk am Straßenrand verkauft. Graue Wasserbüffel grasten unter blühender Bougainvillea. Es war einfach schön! Und wie um meine Stimmung zu unterstreichen, kam mir folgender Song in den Kopf und blieb dort während der nächsten Stunden: „On the road again“ von Willie Nelson:

On the road again
Just can’t wait to get on the road again
Life I love is makin‘ music with my friends
And I can’t wait to get on the road again
On the road again
Goin‘ places that I’ve never been
Seein‘ things that I may never see again,
And I can’t wait to get on the road again.

On the road again
Like a band of gypsies we go down the highway
We’re the best of friends
Insisting that the world be turnin‘ our way
And our way
Is on the road again
Just can’t wait to get on the road again
The life I love is makin‘ music with my friends
And I can’t wait to get on the road again

On the road again
Like a band of gypsies we go down the highway
We’re the best of friends
Insisting that the world be turnin‘ our way
And our way
Is on the road again

Just can’t wait to get on the road again
The life I love is makin‘ music with my friends
And I can’t wait to get on the road again
And I can’t wait to get on the road again

Dieser Song steht seitdem für mich für Freiheit und unterwegs sein. Und manchmal summe ich ihn leise, wenn ich wieder mal unterwegs bin.

Hongkong 1987

Noch ein Song ist für mich mit den unerwarteten Eindrücken, die eine Reise mit sich bringt, verbunden.

Hongkong, ich war unterwegs zu meiner ersten China-Reise. Die paar Tage, die ich in Hongkong verbrachte, nutzte ich für ausgedehnte  Besichtigungen und Ausflüge. An einem der Tage fuhr ich nach Stanley, wanderte stundenlang durch den Ort und in die Umgebung. Irgendwann musste ich aufs Klo. Klar! Naiv ging ich davon aus, dass es bei dem großen Markt auch eine öffentliche Toilette geben musste.

Schließlich fand ich die. Auf den ersten Blick ein tolles Etablissement! Sauber, weiß gekachelt, grelle Neonröhren. Aber dann: Ich runzelte die Stirn: rechts und linke eine durchgehende Rinne. Ja, gekachelt! Quer drüber hüfthohe Mäuerchen. Ja, auch diese picobello sauber gekachelt! Aber wo waren die Türen? Es gab keine! Irgendwie war ich nicht darauf vorbereitet, sozusagen öffentlich mein Geschäft zu verrichten. Dass das so in China völlig normal ist, das hatte mir mein Reiseführer verschwiegen. Völlig erstarrt stand ich in dem grellen Licht der Neonröhren und schaute auf die Wasserrinne, durch die in regelmäßigen Abständen ein Schwall Wasser schwappte und alles einmal quer durch alle „Abteile“ bis zum Abfluss am anderen Ende spülte. Ich hatte nicht mehr viel Zeit zum Überlegen, ich musste! Also biss ich die Zähne zusammen, guckte mich um. Es war außer mir ja niemand da!

Da ging mir der Refrain eines Songs durch den Kopf: „That’s the way – aha – aha – I Like it!“ (Kc and the sunshine band 1975). Schnell war alles dringende erledigt. Dass chinesische Toiletten noch viel schlimmer, vor allem viel dreckiger sein können, hab eich erst nach und nach erfahren. Und manchmal, wenn ich heute so eine gewöhnungsbedürftige Toilette sehe, dann tönt es in meinem Kopf „That’s the way – aha – aha – I like it!“

Öffentliche Toilette irgendwo unterwegs. Die in Hongkong war sauberer, aber die Mäuerchen waren niedriger.

Öffentliche Toilette irgendwo unterwegs. Die in Hongkong war sauberer, aber die Mäuerchen waren niedriger.

 

 

Wie ist das mit Euch? Habt Ihr spezielle Songs, Musik unterwegs , die Ihr mit besonderen Erlebnissen verbindet oder die Euch magisch gleich in Reiselaune versetzen? Schreibt mir darüber!

12 Kommentare

  • Robert Hildebrand

    Es gibt da so einige Lieder, die bei mir Fernweh erzeugen oder ganz einfach den Traum, wieder zu auf Reise zu gehen, anfangen lassen. Wenn zB im Radio die ersten Takte von „Far Far away“ von Slade erklingen, dann ist das so, oder von den B52’s „Roam“.

  • Über die Isle of Skye Bridge rüber nach Skye fahren und der Busfahrer spielt eine Dudelsackversion von Amazing Grace. Und schon wird hemmungslos geheult 😉

  • Wenn ich japanische Musik höre bin ich sofort auf der Reise. Aber das geht mir mit Musik immer so. Nur nicht mit deutscher Volksmusik. Da nehme ich dann Reißaus 😉

  • In jedem Fall auch „On The Road Again“. 😉 Überhaupt mag ich auf Reisen Country Music, die hat so etwas entspannendes.

  • Hört sich jetzt sicher doof an: Der Happy-Song in Peru. Der spiel unser Guide immer auf einer langen Busfahrt, und wir waren alle voll glücklich und haben mit gesungen.
    Kid Rock „All summer long“ mit meiner Reise durch den Südwesten der USA. Der war damals gerade aktuell und hat so gut als „Road Trip“ Musik gepasst, dass er auch täglich mindestens einmal lief. Sowie Bryan Adams „Summer of 69“, der lief nicht im Auto, den sangen wir dafür jeden Abend auf dem Camping-Platz, mit Gitarre und Lagerfeuer (ja, kitschig… aber was soll’s?).
    Und zu guter Letzt natürlich Salsa. Da kommt mir immer Kuba in den Sinn. Immerhin habe ich nach dieser Reise ja auch mit Salsa Tanzen und Spanisch lernen begonnen (ja, das Land hat mich definitiv beeindruckt).

  • Früher auf langen Autobahnstrecken im Sommer in Frankreich: The Byrds und The Beachboys (Holland). Und in diesem Sommer war es ein Zusammenschnitt der „Sommerlieder“, die ich nach meiner Tour entlang der Ostseeküste (von Kiel bis zur Insel Rügen) immer wieder auf NWR2 gehört und in der darauffolgenden Zeit mixtapemäßig zusammengestellt habe.

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