Li Yü – Die vollkommene Frau

vollkommenefrauLi Yü lebte im China des 17. Jahrhundert. Die Mandschu hatten gerade die Qing-Dynastie gegründet, da zog Li Yü mit einer Theatergruppe durch die Lande, dichtete und wurde bekannt mit erotischer Literatur. Man las seine Werke gerne. Und wer wäre besser dazu berufen gewesen, ein Buch mit dem Titel „Die vollkommene Frau“ zu schreiben.

Nun habe ich das Buch geschenkt bekommen und mit viel Staunen und Schmunzeln gelesen. Was ist eine vollkommene Frau im China des 17. Jahrhunderts? Das Buch ist anscheinend als liebevolles Lehrbuch für den Mann gedacht, der seine Ehefrau und seine Nebenfrauen zu mehr Schönheit und Vollkommenheit an Körper und Geist anleiten will.

Da geht es in den einzelnen Kapiteln um Anmut, Aussehen und um die gebundenen Füße, die Li Yü sehr wichtig findet. Auch das Waschen und das Schminken wird ausführlich behandelt. Ein ganzes Kapitel ist der Bildung der schönen Frau gewidmet. Ohja, zur Schönheit einer Frau trägt es erheblich bei, wenn sie lesen kann. Schreiben kommt später. Und welche Freude, wenn sich der Ehemann mit seiner Gattin über Literatur unterhalten kann und sich an den selbstgeschriebenen Gedichten seiner Frau erfreut!

Die Liebe und das Zusammenkommen spielen eine große Rolle. Soll man sich mit einer jungen oder alten Frau zusammentun? Wie schädlich ist es, sich heftig zu verlieben? Liebe machen: besser im Sommer oder im Winter?

Da findet man so schöne Sätze wie:

„Anmut macht nicht nur eine schöne Frau noch schöner, eine berückende Frau noch berückender, sie macht auch eine alte Frau jung und eine hässliche schön.“

„Schlaffe Haut ist nur schlaff, weil zu wenig Fleisch und Blut da sind. Man muss sie nähren, dann ist das, als wenn man Schuhe spannt oder ungebügelte Seide bügelt. Sobald wieder genügend Fleisch und Blut da sind, sieht die Haut nicht mehr so aus. Daher sage ich, dass schlaffe Haut einfacher hell zu machen ist als feste.“

„Aber auch ein armer Mann mit einer schönen Frau sollte doch, wenn neben seinem Haus nur ein bisschen Platz ist, dort Blumen und Pflanzen anbauen, damit seine Frau Blumen für ihr Wolkenhaar finden kann.“

Ja, er findet Blumen als Schmuck viel schöner als Edelsteine und Gold. Dunkelblau ist Li Yüs Lieblingsfarbe. Er empfiehlt sie für die Kleider der Frauen.

Zu den gebundenen Füßen hat Li Yü ganz überraschende Ansichten. Er findet es u.a. schrecklich, wenn durch das Binden die Frauen nicht mehr gehen können. Auch mag er es gar nicht, wenn diese Füße stinken und schmutzig sind. Doch klein müssen die Füße sein! Die wirklich kleinen, perfekten Füße fand Li Yü bei seinen Reisen nur in Lanzhou und Datong, schreibt er.

Das Buch vermittelt einen tiefen Einblick in modische Aspekte des Lebens im alten China, in Sitten und Gebräuche. Wenn man sich mit chinesischer Geschichte beschäftigen will, ist das Buch eine herrliche Ergänzung.

Das Buch kann man über den Verlag Die Waage beziehen:

Li Yü 李漁 (1610 – 1680)

Das chinesische Schönheitsideal.
Aus dem Chinesischen übersetzt von Wolfram Eberhard.

136 Seiten mit 20 Holzschnitten aus einer alten Fassung der Porträts der „Hundert berühmtesten Schönheiten des Reiches“.
Leinen mit Schutzumschlag.

12 Kommentare

  • Das Schönheitsideal der Lotusfüße lässt mich immer tief Luft holen, wenn ich darüber lese. Aus heutiger Sicht war es extrem grausam, was Mann Frau angetan hat.

  • Die Ansicht, dass die Bildung viel zur Schönheit einer Frau beitrage, ist sehr fortschrittlich verglichen mit der Einstellung Frauen gegenüber, die im 17. Jahrhundert in Europa herrschte. 😉

    • bambooblog

      Hmm, das ist aber auch eine eher zweifelhafte Ansicht, denn es geht um die BIldung wie sie eine Geisha hat. Alles zum Wohle des Mannes. 😉

  • Danke für die Buchvorstellung. Gerade die Ansichten zum Füße binden hätte ich so nicht erwartet und werde mir das Buch näher zu Gemüte führen. ^^

  • Toll! Ich habe mal ein paar alte chinesische Zitate gelesen, die in eine ähnliche Kerbe schlugen. Vielleicht waren die auch aus diesem Buch.

    Das erinnert mich an den Lateinunterricht, in dem wir irgendwann einmal Schminktipps für die moderne Römerin übersetzen mussten. Ich habe mich zwar nicht für Make-up interessiert, aber so einen Text über den damaligen Alltag und dann noch aus der damaligen Sichtweise verfasst fand ich einfach viel spannender als das übliche Kriegsblabla.

    • bambooblog

      Hach, solche Texte hatten wir nie im Latein-Unterricht. Dafür Cicero, Caesar und Ovid. Das hat mir eigentlich damals immer gefehlt: der Einblick ins tägliche Leben.

      • Die von dir genannten haben wir auch immer gelesen. Die Alltagstexte gab’s nur bei einem echt coolen Lehrer, aber leider auch nur 2-3 Stunden mal. Stand ja wahrscheinlich nicht im Lehrplan …

  • Toll! So eine Lektüreempfehlung findet man hier selten, das liest sich aber sehr reizvoll!

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