Der Zauber von Mawangdui

马 王 堆   Mǎwángduī   Der Hügel des Königs Ma (Pferd)

Mawangdui steht für eine der beeindruckendsten Ausgrabungen des 20. Jahrhunderts in China. 1972 entdeckte man in einem Vorort von Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan, ein, nein drei Gräber aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Dies war die Epoche der Westlichen Han-Dynastie (207 v. bis 9 n. Chr.), der Dynastie, die auf die Qin-Dynastie des ersten Kaisers von China folgte.Vitrinen der Mawangdui-Ausstellung in Rom

Diese Zeit rund um die Zeitenwende gilt als eines der Goldenen Zeitalter Chinas. Kunst und Kultur blühten, Wohlstand herrschte in weiten Teilen des Reiches. Für diesen Wohlstand und die hohe Kunstfertigkeit stehen die Funde von Mawangdui. Aus verschiedenen Artefakten in den Gräbern wie Siegeln und auch anderen Inschriften weiß man, dass dies die Gräber der Familie des „Marquis von Dai“ Li Cang sind.

Die Gräber sind besonders sorgfältig erbaut worden und haben ihren Inhalt unglaublich gut erhalten. Besonders bekannt ist die fast wie gerade erst gestorben wirkende Leiche der Lady von Dai. Muskeln, Organe und sogar der Mageninhalt sind komplett vorhanden, so dass die Forschung umfangreiche und wichtige Erkenntnisse zu dem Leben einer wohlhabenden Frau vor mehr 2.000 Jahren gewinnen konnten.

Die „Mumie“ der Lady von Dai bildet heute das Zentrum des Hunan-Provinzmuseums in Changsha. Doch das war gar nicht der Grund, warum ich 1991 das Museum besuchte. Changsha ist keine besonders interessante Stadt mit wenigen Sehenswürdigkeiten. Als ich damals in Changsha strandete und nicht sofort weiter fahren konnte, kam für mich als Zeitvertreib fast nur der Besuch des Provinzmuseums infrage. Natürlich habe ich auch die Mumie gesehen, aber was die Dame als Grabbeigaben mitbekommen hatte, überwältigte mich! Rund 700 Gegenstände hat man ausgegraben und mittlerweile im Provinzmuseum ausgestellt.

Ganze Essgeschirre mit wunderbar bemalten Tellern und Schüsseln waren ausgestellt! Alles aufs Feinste mit Lack bedeckt und mit eleganten Ornamenten und Zeichnungen versehen. Die Oberflächen funkelten wie neu. Der Gegensatz zwischen schwarzen Flächen und roten Zeichnungen faszinierte mich. Ich konnte mich von den einmaligen Ausstellungsstücken kaum trennen.Rom: Mawangdui AusstellungRom: Mawangdui AusstellungRom: Mawangdui Ausstellung

 

Die Nutzung von Lack war bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. in China bekannt. Die Herstellung von Lack war so komplex und aufwändig, dass sich nur reiche Familien Gegenstände aus Lack leisten konnten. Lack wird aus dem Rindensekret des Lackbaumes gewonnen, der in Zentralchina wächst. Neueste Forschungen haben übrigens ergeben, dass die Terrakotta-Krieger des 1. Kaisers von China auch mit einer dünnen Lackschicht überzogen waren.

Es gab noch mehr zu sehen: Bedruckte, bemalte und bestickte Seidenstoffe, deren Muster so fein sind, wie es auch heute niemand besser machen könnte! Die Stoffe glänzten noch im Licht der Beleuchtung. Ich versank geradezu in den feinen Mustern.Rom: Mawangdui Ausstellung

Mawangdui: Bemaltes Seidenbanner

Mawangdui: Bemaltes Seidenbanner

Rom: Mawangdui Ausstellung

 

China hatte im 3. Jh. v.Chr. erst mit der Zucht der Seidenraupen und dem Herstellen von Seidenstoffen begonnen. Die Kunde von den glänzenden Stoffen, auf denen Farben eine große Leuchtkraft entwickelten, sprach sich schnell in der ganzen Welt herum. Die Römer nannten die Chinesen „Seres“, was für „die Menschen der Seide“ steht. Sie mussten bald den Gebrauch von Seidenstoffen einschränken und teilweise verbieten, weil die leuchtenden Stoffe so viel Begeisterung bei den Römern auslöste, dass sie viel Gold dafür ausgaben und so langsam sogar die Staatsfinanzen in Richtung Osten verschwanden. Ein Stein des Anstoßes war vielleicht auch, dass die Stoffe aus dem fernen Seres fast durchsichtig waren. Plinius der Ältere schreibt im 1. Jahrhundert v. Chr.: „Fern ist dieses Land, aus dem diese Stoffe kommen, die es erlauben, dass selbst ältere Damen in durchsichtigen Kleidern in die Öffentlichkeit gehen können.“ Wer sich die Stoffe und Kleider aus leichter, glänzender Seide aus dem Mawangdui-Grab anschaut, der wird das nachvollziehen können. Ich war jedenfalls begeistert!

Außerdem fanden die Archäologen zahllose Texte auf Bambus-Stäben und Seide. Eine vollständige Ausgabe des I Ging, des Buchs der Wandlungen, war darunter. Eine riesige Fundgrube für die Geschichtsforschung!

Anhand der Speisen, die man den Toten mitgegeben hatte, und die man gut erhalten in den Kästen und Schüsseln fand, kann man sagen, dass die Lady von Dai eine Feinschmeckerin war. Es wurden u.a. die Knochen von Schwänen gefunden, die als Delikatesse galten. Letztendlich scheint ihr die Freude am Essen zum Verhängnis geworden zu sein. Sie war fett und ihre Arterien verkalkt. Dies führte zu ihrem frühen Tod im Alter von ungefähr 50 Jahren. Ihr Körper ist so gut erhalten, dass man sogar noch Parasiten wie Bandwürmer in ihren Därmen nachweisen konnte. Gallensteine machten ihr Leben zur Qual.

Der Museumsbesuch hat damals einen großen Eindruck bei mir hinterlassen. Als ich nun erfuhr, dass in Rom einige der Funde von Mawangdui ausgestellt würden, war sofort mein Wunsch geweckt, dies zu sehen. Ein supergünstiger Flug ließ diesen Wunsch Wirklichkeit werden. Die Ausstellung im Palazzo di Venezia ist nicht besonders groß, es werden rund 10% der Funde ausgestellt. Aber diese stehen beispielhaft für die großartigen Funde aus dem Grab der Lady von Dai. Auf vielen Tafeln werden die verschiedenen Aspekte genau und auch auf Englisch beschrieben. Zu meinem allergrößten Bedauern gibt es leider keinen Ausstellungskatalog. Die Ausstellung geht noch bis zum 16. Februar. Und dann kann man ja auch immer nach Changsha reisen und sich das Museum dort ansehen! Es lohnt sich auf jeden Fall!

Zu der interessanten ZDF-Dokumentation über die Lady von Dai: Das Rätsel der Lady von Dai

Ein wenig Information über die Ausstellung im Palazzo di Venezia in Rom: Die Schätze von Mawangdui

Zum Hunan-Provinzmuseum geht es hier lang: Hunan Provincial Museum Diese Webseite ist in Englisch und wirklich sehenswert!Rom: Mawangdui Ausstellung

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