25.01.–2.02.1992 Thailand: Tiere, Menschen, Entscheidungen

Mein Abschied vom Meditationszentrum gleicht fast einer Flucht. Ich eile an den Strand, miete mir eine Hütte unter Palmen. Es ist als habe ich die letzten Tage in einer anderen Welt gelebt. Herrlich diese große Hütte! So viel Platz und ein großes weiches Bett! Meine Freunde, die Ameisen haben mich auch gleich entdeckt und begrüßen ich freudig, indem sie eine neue Ameisenstraße direkt über mein Kopfkissen einrichten. Da kommt mir meine Giftkreide zur Hilfe. Tja, vom Buddhismus habe ich während der Retreat anscheinend noch nicht viel aufgenommen, sonst würde ich die armen Tierchen nicht vergiften wollen. Und auch das herrliche kalte Bier würde mir nicht sooo gut schmecken! Denn Buddhismus heißt auch: Keinem Lebewesen ein leid antun und sich von alkoholischen Getränken fernhalten. Aber noch bin ich kein Buddhist.

Ich genieße auf Koh Phangan ein paar ruhige Tage, den herrlichen Strand, die berauschenden Sonnenuntergänge, die tropische Natur. Doch dann wird es plötzlich wieder hektisch. Mein Thailand-Visum läuft ab und zwar jetzt! Dann ist da noch die Frage, wo soll es jetzt hingehen? Nach Süden: Malaysia, Indonesien mit Bali? Hmm, lockt mich nicht so sehr, denn tropische Idylle hatte ich in Thailand erstmal genug. Oder nach Osten: Vietnam, Kambodscha, Laos? Dorthin ist die Einreise 1992 nicht so einfach. Nach Westen? Indien? Nepal…? Ich treffe Leute, die mich mit ihren Geschichten aus Indien und Nepal ganz neugierig machen. Bin ich schon bereit für Indien? Werde ich das Elend und den Dreck aushalten und doch das Schöne entdecken?

Zu all diesen unruhigen Überlegungen kommen einige liebe tierische Besucher, die mich nachts nicht schlafen lassen. Lest selbst!

Aus meinem Reisetagebuch:

Am nächsten Tag fahre ich mit einem klapprigen Sammeltaxi über die unbefestigte Straße nach Tongsala, dem größten Ort auf Koh Phangan, und kaufe mir ein Bund von den leckeren kleinen Bananen, ein wenig Toast-Brot und süße Kondensmilch.

Sonnenuntergang am Strand

Sonnenuntergang am Strand

Ich freue mich an meinen wiedergewonnenen Freiheiten, schwimme im Meer und wandere in die Berge der Insel. Abends mache ich mir einen leckeren Salat aus den Bananen und der Kondensmilch. Die offene Dose stelle ich dann in meinen mit Wasser gefüllten Emaille-Becher, damit die Ameisen nicht drankommen.

Für die Nacht hänge ich die Tüte mit dem Brot und die Bananen an einen Balken im Zimmer, damit keine Viecher sie erreichen können. Doch mitten in der Nacht wache ich von leisem Knistern auf. Als ich das Licht einschalte, sehe ich eine riesige Kakerlake, die an der Brottüte hängt und schon ein Loch ins Plastik gebissen hat. Ich packe die Tüte und gehe mit ihr auf die Veranda. Dort schleudere ich die Kakerlake weg, packe das Brot noch in eine Stofftasche und hänge sie nun dort an einen Balken. Die Bananen kommen gleich daneben. Beruhigt schlafe ich wieder ein. Nach kurzer Zeit wache ich auf, diesmal weil ich aufs Klo muss. Als ich die paar Schritte durch den Sand gehe, wundere ich mich, dass mitten in der Nacht ein Vogel um meine Hütte flattert. Als ich zurückkomme, sehe ich das Tier wieder. Das ist kein Vogel, das ist eine Fledermaus! Da sie sich so offensichtlich für meine Hütte interessiert, gucke ich mir meine Lebensmittel genau an. Eine der Bananen ist angebissen!! Ich werfe diese Banane auf den Sand vor der Hütte, nehme das Bündel und packe es zum Brot in die Stofftasche, die ich erneut auf der Veranda aufhänge. Nach dieser aufregenden Nacht bin ich am nächsten Morgen unausgeschlafen und schlecht gelaunt. Ich beschließe, mich vorerst nicht mehr selbst zu verpflegen.

Aufbruch nach Surathani

Nach zwei Tagen stelle ich überrascht und zu meinem Entsetzen fest, dass mein Visum abläuft. Hier auf der Insel kann ich es nicht verlängern lassen. Dazu muss ich zurück nach Surathani. Irgendwie habe ich gar nicht bedacht, dass Samstag ist, als ich in der lebhaften Stadt ankomme. Ich muss also bis Montag hier bleiben, um dann zur Behörde zu gehen. Montag ist auch der allerletzte Tag, an dem mein Visum gültig ist.

In Surathani finde ich ein nettes, sauberes Zimmer direkt neben einem Kino. Das Kino bemerke ich leider erst, als ich abends schlafen will. Es ist ziemlich laut vor meinem Fenster durch die jungen Kinobesucher.

Am Sonntag fahre ich zum Tempel Wat Suan Mokk. Das letzte, was ich von meinem ehemaligen Kollegen Cord gehört hatte, war, dass er sich in diesem Tempel als Mönch aufhalten soll. Die Busfahrt dorthin dauert ungefähr eine Stunde. Wat Suan Mokk ist auch ein Tempel, der Meditations-Retreats für Westler durchführt. Die Gebäude liegen in einem großen Gelände unter alten Bäumen. Ich frage einen westlich aussehenden Mönch, ob er Cord kennt. Ja, aber Cord ist mittlerweile in einem Kloster im Norden Thailands. Schade!

Ich wandere lange durch den Wald des Klosters. Ich kann mir gar nicht vorstellen, hier eine solche Retreat zu machen. Alles ist sehr viel größer als auf Koh Phangan. Der Wald wirkt ein wenig düster und streng. Der Tagesablauf scheint auch sehr viel anstrengender, wie ich auf dem aushängenden Stundenplan sehen kann. Die Sitzperioden dauern eine Stunde und mehr. Im Wat Kao Tham waren es maximal 45 Minuten. Und die waren schon schwer genug für mich.

Bald sitze ich im Bus zurück nach Surathani. Der Busfahrer hat einen kleinen Fernseher neben dem Lenkrad und schaut häufig auf den Bildschirm, wo eine thailändische Serie läuft. Ich frage mich, ob ich nicht besser aussteige. Aber wir fahren auf einer Autobahn, wo man nicht anhalten kann. Ich lenke mich durch ein Gespräch mit einem netten jungen Mädchen ab. Sie ist ganz erstaunt, als ich ihr erzähle, dass ich gerade eine Retreat hinter mich gebracht habe. Hier in Thailand machen das viele Jugendliche. Es scheint so etwas wie unser Konfirmationsunterricht zu sein. Traditionell verbringen die Kinder 4 Wochen im Tempel.

Ich bin froh, als ich nach dieser riskanten Fahrt heil in Surathani ankomme. Mein Abendessen suche ich mir auf dem Nachtmarkt zusammen. Alles ist frisch und sehr billig. Ich mache mir Gedanken darum, ob ich morgen wirklich so einfach mein Visum verlängern kann. Aber dann fällt mir ein, dass Steve während der Retreat gesagt hat, dass man sehr viel Zeit darauf verschwendet, sich unnötig Gedanken um Dinge zu machen, die noch gar nicht geschehen sind. Man weiß doch gar nicht vorher, ob nicht alles ganz einfach verläuft.

Na ja, ganz so einfach wird es dann nicht mit der Visums-Verlängerung, denn das Amt ist am Montag erst ab mittags geöffnet. Auf meinem Umweg, den ich mache, um dorthin zu kommen, habe ich auch einen Blick auf das örtliche Gefängnis werfen können. Das sieht ganz modern aus mit frisch gestrichenen Mauern. Aber ich möchte nicht in Thailand im Gefängnis sitzen. In Bangkok habe ich die Zettel gesehen in den Guesthouses, mit denen die Backpacker gebeten werden, ihre Landsleute im Gefängnis zu besuchen. Ich halte mich davon fern. Denn viele sitzen wegen Rauschgiftdelikten. Ich habe wenig Mitleid mit diesen Leuten, da jeder hier weiß, wie streng in Thailand mit Drogendealern und Süchtigen umgegangen wird. Deshalb mag ich auch gar nicht in Kontakt mit Leuten geraten, die Rauschgift nehmen.

Mittags gehe ich also noch einmal zum Rathaus. Jetzt ist das Büro mit drei wichtig aussehenden Thailändern besetzt. Sie schauen sich gerade ein Basketball-Spiel im Fernseher an. Sie sind ganz erstaunt, dass sie von einer Westlerin gestört werden. Sie bedeuten mir, dass der zuständige Beamte noch nicht da ist, und wenden sich wieder dem Fernseher zu. Endlich kommt der Mann, der mich damit überrascht, dass er ein wenig Deutsch spricht. So sind wir gleich Freunde und die Visaverlängerung geht zügig vonstatten.

Zurück in Surathani besuche ich noch einen Tempel im Zentrum. Ich habe das Gefühl, dass ich mich neuerdings mit einer anderen Einstellung diesen Tempeln nähere. Ich setze mich still in eine Ecke und versuche zu meditieren. Je mehr Abstand ich von der Retreat habe, desto mehr werden mir die guten Seiten der Meditation bewusst. Ich habe eine insgesamt positivere Einstellung zu mir selbst gefunden.

An diesem Abend steige ich in den Nachtbus nach Bangkok. Aus dieser Fahrt drückt sich eine Kante des Sitzes schmerzhaft in meine Oberschenkel. Ich lege eine Decke darüber. Aber auch das hilft nicht viel. Mitten in der Nacht halten wir zur obligatorischen Pause. Das Essen sieht unappetitlich aus und riecht merkwürdig. Ich gehe ein paar Schritte an der Straße auf und ab. Als ich zurückkomme, ist großes Theater im Bus. Ein junger Japaner hatte seine Video-Kamera auf seinem Sitz liegengelassen. Jetzt ist sie weg! Selbst schuld! Aber nun muss die nächste Polizeistelle aufgesucht werden. Eine Stunde vergeht mit fahren, anhalten, rangieren in engen Straßen. Nach einem längeren Stop vor einer Polizeiwache geht die Fahrt endlich weiter.

Zurück in Bangkok

Zurück in Bangkok möchte ich nur noch schlafen und mich ausruhen. Ich habe mir diesmal ein Bett in einem Dreibett-Zimmer des My-House-Guesthouse genommen. Ein Bett gehört einem Kanadier, der ganz nett ist. Den Inhaber des dritten Bettes lerne ich erst so gegen 5:00 Uhr morgens kennen, als er zusammen mit einem anderen Mann ins Zimmer kommt. Sie machen ziemlich viel Krach und rauchen zu allem Überfluss Ganja – Marihuana. Ich sage ganz entschieden, dass sie sich verziehen sollen. Der eine meint, dass er gar nicht weiß, wohin er soll, denn unten im Restaurant dulden sie nicht, dass er raucht. Ich mache ihm klar, dass ich das ganz bestimmt auch nicht dulde. Der Kanadier, der von dem Lärm schließlich wach wird, stimmt mir zu. Verärgert ziehen die beiden ab.

Ich habe die Nase voll von diesem einstmals so ruhigen und netten Guesthouse. Am Abend hatte ich noch zwei Mädchen aus Koh Phangan wieder getroffen. Die hatten mir erzählt, dass sie in einem Guesthouse direkt an der Khao San Road wohnen. Der Wirt achte dort darauf, dass nach Mitternacht das Tor abgeschlossen ist und Ruhe herrscht. Das hört sich gut an! Ich entschließe mich, dorthin umzuziehen.

Ich bekomme ein Bett im 5-Bett-Zimmer. Dort treffe ich auch die beiden von gestern. Wie schön, da kann ich mich heute Abend noch ein wenig unterhalten! Mit dem Expressboot fahre ich zum GPO. Skeptisch gucke ich auf den Fernseher direkt am Führerstand. Mir fällt ein, dass ich in den letzten Tagen in der Bangkok Post gelesen habe, dass eines dieser Boote gegen einen Brückenpfeiler gefahren ist. Dabei hat es mehrere Tote gegeben. Ob der Fahrer auch Fernsehen geguckt hat? Bei all diesen gefährlichen Fahrten wird mir doch sehr unheimlich. Auf dem Postamt erhalte ich einen Brief von Ulli. Sie ist mit Jürgen schon in Indien. Sie werden Ende Februar in Agra und dann Anfang März in Delhi sein.

Dieser Brief gibt den Ausschlag: ich entschließe mich endgültig, sobald wie möglich nach Indien zu fliegen. Doch bevor es so weit ist, muss ich mir ein Visum für Indien besorgen. Genervt stelle ich fest, dass sich die Indische Botschaft am anderen Ende der Stadt befindet. Ich muss also früh aufbrechen, damit ich nicht zu spät dort bin. Es gibt einen klimatisierten Expressbus, der aber gedrängt voll ist. Express heißt auch nur, dass er nicht überall hält, dass er aber trotzdem eine Stunde braucht. Dann noch ca. 10 Minuten zu Fuß und ich bin endlich in der Indischen Botschaft. Dort gibt es drei Schalter, vor denen lange Schlangen stehen. Ich muss mich einreihen und warten. Dann bekomme ich meine Formulare. In der Zwischenzeit habe ich mich dank der vielen Aushänge informieren können, wie teuer die Visabeantragung ist und wie lange es dauert. Da die indischen Behörden eine Unbedenklichkeitsbescheinigung per Fax aus dem Heimatort des Antragstellers benötigen, dauert die Prozedur ungefähr 10 Tage. Diese Bescheinigung kostet natürlich eine Gebühr. Meine Laune sinkt ins Bodenlose, auch weil die Gebühren mein Budget ein wenig übersteigen. Glücklicherweise behalten sie nicht meinen Pass ein, so dass ich in der Zwischenzeit reisen kann.

Mira, eine von den beiden aus Koh Phangan, zeigt mir im Guesthouse einige Fotos von Indien. Ich wünschte, ich könnte sofort los fahren! Stattdessen stürze ich mich ganz in die Vorbereitungen. Auch wenn ich noch gar nicht weiß, ob ich mein Visum wirklich bis dahin erhalte, buche ich meinen Flug nach Calcutta für den 13.02. Ich hab keine Bedenken wegen des Datums, ich bin so wenig abergläubisch, dass es mir gar nicht weiter auffällt. In einem der Secondhand-Buchläden auf der Khao San Road kaufe ich mir einen Reiseführer über Indien, natürlich vom Lonely Planet-Verlag. Ich verkaufe, was ich an alten ausgelesenen Büchern habe, u.a. auch meinen Chinesisch Sprachführer. Mein Chinesisch macht gute Fortschritte, deshalb habe ich den Mut zu diesem Schritt. Da ich eine neue Jeans habe, schmeiße ich die alte weg. Meine Schuhe lasse ich endlich mal ordentlich putzen.

Zum Beginn meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorhergegangenen Etappe: 11. – 25.01.1992 Meditationsretreat auf Koh Phangan

Zur nächsten Etappe: 09.02.1992 Von Fröschen und der Death Railway

5 Kommentare

  • Pingback: 09.02.1992 Von Fröschen und der Death Railway

  • und das alles ganz alleine. großen respekt! 🙂

    • bambooblog

      Das war noch easy! Demnächst geht’s los mit meinen Erlebnissen in Indien, damals 1992.

      • bin gespannt. ich lese deinen blog grade quer, weil mein freund ab august wahrscheinlich ein semster in thailand, bangkok verbringen wird. und sein zweites auslandssemster will er auch in asien machen, deswegen nehme ich so viele erfahrungen von anderen mit die ich kriegen kann. 🙂 auch wenns quasi nicht mehr „aktuell“ ist, so ändern sich manche dinge vom prinzip her ja nicht, glaube ich. 🙂

      • bambooblog

        Ich glaube auch, dass sich manches nicht so schnell ändert; Die Menschen und manche Sitten bleiben. Na, denn viel Spaß für Deinen Freund! Thailand ist wunderschön!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.