09.02. – 18.02.92 Indien – ich komme!

Ich präsentiere stolz mein T-Shirt mit der Straßenbahn von Calcutta - Das T-Shirt habe ich immer noch.

Ich präsentiere stolz mein T-Shirt mit der Straßenbahn von Calcutta – Das T-Shirt habe ich immer noch.

Die letzten Tage in Bangkok vergehen wie im Flug. Ich kann endlich mein Visum für Indien in Empfang nehmen. Letzte Besorgungen, letzte Besichtigungen, ein letzter Gang zum General Post Office, dann geht es los!
Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf: Wie wird Indien sein? Werde ich wirklich meine Freunde Ulrike und Jürgen treffen? Ich habe das deutliche Gefühl, dass ich mich in ein neues Abenteuer voller Ungewissheit und möglichen Gefahren stürze. Und eines möchte ich betonen: Wenn ich nicht gleich zu Anfang Tony, den fröhlichen Briten, kennen gelernt hätte: wer weiß, was passiert wäre! Tony, der all den Schmutz, die Armut, die Aufdringlichkeit der Inder mit einem Lachen wegwischt, der großartige Geschichten erzählen kann und mir hilft, mit dem Kulturschock zurecht zu kommen. Wir haben uns noch einige Jahre lang geschrieben. Dann habe ich ihn aus den Augen verloren. Schade!
Wenn ich heute diese Tagebucheintragungen von meinen ersten Tagen in Calcutta lesen, stelle ich fest, dass ich doch mit einer gewissen Naivität an die Herausforderung Indien herangegangen bin. Ich war wenig informiert und kaum vorbereitet. Kulturschock pur!

Hinweis: Es war 1992, das ist nun schon 23 Jahre her. Manches mag sich geändert haben und heute besser oder anders aussehen!

Aus meinem Reisetagebuch:

13.02. – 18.02.92 Calcutta, meine ersten Schritte in Indien

Mit dem Minibus, der auch von einem Reisebüro in der Khao San Road  organisiert wird, fahre ich schließlich zum Flughafen. Wieder geht ein Reisekapitel zu Ende! Ich bin nun fast ein Jahr unterwegs. Ich habe das Gefühl, schon beinahe auf dem Rückweg zu sein. Auch wenn ich manchmal des Reisens und vor allem der langen Busfahrten müde bin und auch viel darüber maule, habe ich mich doch an die Freiheit gewöhnt. Das Reisen in Thailand ist sehr einfach, da viele Leute Englisch sprechen, es genügend preiswerte und vor allem saubere Unterkünfte gibt und man auch viele Traveller trifft.

Nun bin ich also auf dem Weg nach Indien. Wie wird es dort sein? Bin ich denn wirklich schon bereit für Indien? Ich habe mich lange dagegen gesträubt, nach Indien zu reisen. Ich habe immer Angst vor der Armut und dem Dreck in Indien gehabt. Ohne die Aussicht, dort Ulli und Jürgen zu treffen, wäre mir die Entscheidung sicher sehr viel schwerer gefallen.

Während der Fahrt zum Flughafen bewegt mich außerdem noch eine ganz banale Befürchtung: wird man mein Handgepäck auch wiegen wollen? Wie viel wiegt eigentlich mein Rucksack? Mehr als 20 kg? Werde ich Übergepäck bezahlen müssen?? Ich muss wieder mal daran denken, wie Steve auf Koh Phangan gesagt hat, dass man sehr viel Zeit im Leben damit verschwendet, sich Gedanken und Sorgen um Dinge zu machen, die noch gar nicht passiert sind. Mit einem Ruck versuche ich, meine Befürchtungen zu vergessen.

Tony
Als ich in der Schlange beim Einchecken stehe, denke ich trotzdem nur noch daran, dass ich gar kein Geld für Übergepäck habe. Ganz langsam schiebt sich die Schlange nach vorne. Es wird wohl mindestens eine Stunde dauern, bis ich endlich an der Reihe bin. Hinter mir steht ein Mann und wartet anscheinend auch auf den Flug nach Calcutta. Er ist schlank, ca. 50 Jahre alt und hat leuchtend weißes Haar. Als er sieht, dass ich ihn gedankenverloren mustere, lacht er mich mit einem strahlenden Lachen an und fragt mich, ob ich auch nach Calcutta fliege. Schnell sind wir in ein interessantes Gespräch übers Reisen vertieft. Er heißt Tony und ist Engländer.

Das Einchecken verläuft ganz problemlos. Obwohl mein Rucksack 24kg wiegt, wird keine Gebühr für das Übergewicht erhoben. Ein gutes Beispiel dafür, dass ich mir völlig unnötig Gedanken gemacht habe. Tony lacht nur zu meinen Sorgen. Wir haben während des Fluges Plätze nebeneinander.

Bis wir in Calcutta landen, haben wir beschlossen, dass wir uns ein ordentliches Zimmer mit Dusche teilen werden, in allen Ehren natürlich! Ich bin ganz froh, dass ich meine ersten Schritte in Indien nicht alleine gehe. Tony macht über alles Witze und lacht sein ansteckendes Lachen dazu. Er ist ein großer Eisenbahn- und Straßenbahn-Fan und reist durch die Welt, um sich überall die örtlichen Straßenbahnen anzusehen. Calcutta hat sogar eine U-Bahn! Das hätte ich ohne Tony gar nicht gewusst.

CalcuttaIn Calcutta angekommen, machen wir als erstes Bekanntschaft mit der indischen Bürokratie. Es dauert sehr lange, bis wir endlich durch alle Kontrollen sind. Dann wollen wir Geld wechseln. Ich habe mir den Flughafen einer Millionenstadt ganz anders vorgestellt, moderner, mit Computern. Aber hier: Am Schalter endlose Schlangen. Jede Quittung muss mit der Hand ausgefüllt werden. Altmodische Rechenmaschinen stehen da statt Computern. Ich werde ganz ungeduldig, als der Beamte meinen Travellerscheck prüft und langsam und genüsslich das indische Geld zählt. Dem Mann ist anzusehen, dass er seine Macht genießt. Nur Tony ist es zu verdanken, dass ich nicht wütend werde.

Endlich sitzen wir im Taxi und fahren in die Stadt. Eine vierspurige Straße ist der direkte Weg. Mitten zwischen all den Autos und dem Müll steht in Ruhe eine Kuh und kaut an einem Stück Plastik. Aha, eine heilige Kuh! Ich empfinde tiefes Mitleid mit dem mageren Tier. Die Straße ist in einem katastrophalen Zustand. Schlaglöcher überall! Die Taxen und auch viele andere Autos sind von der Marke Admiral und sehen aus wie die Autos in den 50er Jahren. Dazwischen fahren Eselskarren, laufen dürre Hunde und spielen Kinder im Dreck des Wegesrandes. Die Häuser rechts und links sehen verfallen aus, irgendwie unfertig. Im sanften Licht des Sonnenuntergangs leuchten die bunten Saris der Frauen. Über allem liegt ein leicht verbrannt riechender Duft.

Schließlich erreichen wir die Sudderstreet, wo wir aussteigen. Sudderstreet ist Calcuttas Pendant zur Khao San Road. Naiverweise habe ich mir die Sudderstreet auch genauso wie die Khao San Road vorgestellt. Aber es gibt nur 3, 4 Restaurants und einige kleine Hotels, die auf die Rucksackreisenden eingestellt sind. Nach einigen vergeblichen Versuchen finden wir endlich ein Zimmer im 9. Stock eines modernen Gebäudes direkt an der großen Markthalle in einer Nebenstraße. Das Zimmer ist sehr sauber, verfügt über zwei getrennte Betten und ein schönes Badezimmer. Es ist nicht ganz billig. Auch wenn wir uns das Geld teilen, ist es mir eigentlich zu teuer. Tony besteht darauf, zwei Drittel des Preises zu zahlen, da er das Zimmer unbedingt möchte. Das nehme ich gerne an.

Beim Indischen Museum

Beim Indischen Museum

Nachdem wir unsere Rucksäcke abgelegt haben, gehen wir in ein Restaurant in der Nähe, um endlich etwas zu essen. Danach machen wir einen Spaziergang durch die Straßen rund um die Sudderstreet. Ganz in der Nähe liegt auch das Indische Museum und die einstige Prachtstraße Parkstreet. Wie ich gehört habe, ist es in der anderen Richtung nicht weit bis zum Sterbehospiz von Mutter Theresa. Als wir auf dem Rückweg zum Hotel am Indischen Museum vorbeigehen, ist es schon spät und dunkel. An der Mauer des Museums bewegen sich dunkle Schatten. In Decken eingerollt schlafen dort Menschen auf dem Bürgersteig. Wenn sie sehen, dass Touristen vorbeikommen, strecken sie ihnen ihre Hände entgegen. Ich setze meine Füße vorsichtig auf den Boden, immer in der Angst, auf eine der formlosen Gestalten zu treten. Ich senke den Blick, mag mich nicht umgucken und genau hinsehen. Ein Grauen überkommt mich. Ich muss an Horror-Filme denken, die ich gesehen habe. Auch Tony fallen keine Witze mehr ein. Wir sind froh, dass wir uns aus dieser bedrückenden Umgebung in unser ordentliches Zimmer flüchten können.

Hostel der Heisarmee

Hostel der Heisarmee

Am nächsten Morgen müssen wir wieder am Indischen Museum vorbei. Die Menschen, die an der Mauer leben, sind nun wach. Sie sitzen um kleine Feuer herum, essen etwas oder waschen sich an der Pumpe am Straßenrand. Sie strecken uns ihre Hände entgegen, als sie sehen, dass wir Westler sind. Nicht weit ist das Guesthouse der Heilsarmee, eine billige und sehr beliebte Travellerunterkunft. Ursprünglich hatte ich auch überlegt, dass ich dort schlafen wollte, da es heißt, dass es sehr sauber sein soll. Aber glücklicherweise habe ich Tony!

Wir erkunden gemeinsam die Umgebung. In der großen Markthalle stürzen sich sofort die Händler auf uns. Von allen Seiten stürmen junge Männer auf uns ein und wollen uns den Bazar zeigen. Wir versuchen, uns dagegen zu wehren, und gehen alleine weiter. Aber die Jungs hängen sich an uns. Der Bazar ist sehr interessant: aus den Gewürzläden strömt der Duft Asiens: Zimt, Nelken, Kardamom und Kreuzkümmel und vieles, was ich gar nicht kenne. Es gibt auch Läden, die Stoffe und Saris verkaufen und vieles mehr. Eine überwältigende Fülle von Farben, Düften und Eindrücken!

Auf dem Weg zum GPO sehen wir viele alte Gebäude, die offensichtlich aus der Zeit der Engländer stammen. Die meisten sind in einem sehr schlechten Zustand. Tony meint, alles erinnert ihn an das London nach dem 2. Weltkrieg, einschließlich der Ruinen. Auf dem Postamt habe ich leider nur ein paar Briefe, keiner von Ulli und Jürgen. Rund um das GPO bieten Schreiber ihre Dienste an. Sie schreiben die Briefe und helfen beim Ausfüllen von Formularen für diejenigen, die selbst nicht schreiben können.

Ein Plan der U-Bahn von Calcutta
Tony möchte sich beim Büro der Metro einen Plan der Straßenbahn und der U-Bahn von Calcutta holen. In den engen Straßen des Stadtzentrums finden wir schließlich die Hauptverwaltung der Metro Calcuttas. Es ist ein großes Haus aus der Kolonialzeit. Innen sitzen hinter hohen Gittern die Beamten, die die Fahrkarten verkaufen. Es ist sehr dunkel. Die Wände sind vom Alter dunkelbraun. Unter der hohen Decke kreisen träge die Ventilatoren. Als wir nach einem Plan fragen, bringt uns eine Frau in die hinteren Büros. Dort herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Laufburschen tragen Berge von Akten hin und her. In den Regalen stapeln sich Papiere, die von dicken Staubschichten bedeckt sind. Spinnen haben ihre Netze darüber gewebt. Nachdem wir eine Weile gewartet haben und ich schon zu Tony meine, dass es so einen Übersichtsplan gar nicht gibt, werden wir in das Büro des Leitenden Ingenieurs geführt. Dieser, ein großer Inder in einem tadelosen dunklen Anzug, begrüßt uns mit einem strahlenden Lächeln. Wir bekommen Tee und dann sollen wir erst mal erzählen, wie uns Calcutta gefällt und warum wir den Streckennetzplan haben möchten. Der Ingenieur freut sich ganz offensichtlich, dass sich Ausländer für seine U-Bahn interessieren. Sein Büro wirkt sehr altmodisch auf mich. Die Wände und Möbel sind dunkel. Ein Computer ist weit und breit nicht zu sehen. Ich sage, dass ich es gut finde, dass es diese Straßenbahn gibt, da es sich um ein sehr umweltfreundliches Verkehrsmittel handelt. Der Inder stimmt mir begeistert zu. Ich habe das Gefühl, dass er ganz verwundert ist, dass wir „reichen“ Westler uns für Straßenbahnen interessieren. Auch Tony ist ganz in seinem Element. So vergeht schnell eine Stunde bei einem freundlichen Plausch. Ich wundere mich, dass der Ingenieur sonst nichts zu tun hat. Schließlich bringt uns ein Laufbursche tatsächlich den gewünschten Plan. Ich hatte ja eigentlich nicht geglaubt, dass es so was gibt. Wir brauchen nichts dafür zu bezahlen, dem Ingenieur war es eine Ehre, uns behilflich sein zu können. Wir verabschieden uns und gehen durch die dunklen Gänge zurück auf die Straße.

Nun müssen wir noch zum Büro der Eisenbahn, um uns unsere Fahrkarten für die Weiterreise zu kaufen. Tony will nach Darjeeling weiter, wo es eine interessante Schmalspurbahn gibt. Ich will mit dem Nachtzug nach Varanasi. Im Laden der Bahn gibt es eine spezielle Abteilung für Touristen und Erste-Klasse-Passagiere. Wir werden freundlich aber bestimmt dorthin geleitet. Ein freundlicher Beamter kümmert sich nur um uns. Er besorgt uns die gewünschten Fahrkarten und Reservierungen. Natürlich bezahlen wir einen etwas höheren Touristenpreis.

In der Nähe unseres Hotels finden wir ein vegetarisches Restaurant, das uns mit seinen strahlendweißen Kacheln beeindruckt. Es wird für die nächsten Tage unser Lieblingsrestaurant. Wir essen dort Thali. Das ist ein typisch indisches Menü, das aus Reis, Chapattis (Fladenbrot), Dal (Linsengemüse), Curry und Raita besteht. Raita besteht so ähnlich wie Zaziki in der Hauptsache aus Joghurt und Gurke. Wenn man Thali bestellt, bekommt man so viel, wie man möchte, zu einem Pauschalpreis. Man kann sich auch mehrmals einen Nachschlag geben lassen. Dazu trinkt man reines, kühles Wasser.

Am Nachmittag schleppe ich Tony ins Indische Museum. Die Ausstellungen machen den Eindruck, als hätte sich seit 100 Jahren niemand mehr drum gekümmert. Renoviert scheinen nur die Anthropologische und die Ägyptische Abteilung zu sein. In der Anthropologischen Abteilung, die einige Räume umfasst, sind die ethnischen Minderheiten Indiens dargestellt. Ich bin davon ganz überrascht, hatte ich doch immer gedacht, dass Indien nur von Indern bewohnt wird. Doch es gibt in den Wäldern im Zentrum Indiens noch viele Stämme, die zum Teil sehr einfach und im Einklang mit der Natur leben. In Assam und anderen an Staaten wie Bhutan und Nepal angrenzende Staaten gibt es Nepali, Tibeter und thailändisch wirkende Minderheiten.

In alten hölzernen Vitrinen sind Mineralien und Fossilien ausgestellt. Der Staub tanzt in den wenigen Sonnenstrahlen, die den Weg in diese Räume finden. Vieles ist kaum zu erkennen und die Zettel mit der Beschriftung sind im Laufe der Jahre verblichen. Doch die Zimmer sind voller junger Inder, die sich alles mit großen interessierten Augen angucken.

Ein Spaziergang in der warmen Sonne bringt uns zum alten, britischen Fort Williams, das fast am Howrath-Fluss liegt. Leider kann man das Fort nicht besichtigen, da es immer noch dem Militär untersteht. Am Flussufer gehen wir unter großen alten Bäumen am Ufer entlang. Die neue Brücke, die über den Fluss gebaut wird, ist noch nicht fertig. Von beiden Ufern aus hat man die Brücke angefangen. In der Mitte fehlt noch ein großes Stück. Es sieht merkwürdig aus, wie diese Brücke so unfertig mit zwei Halbbögen den Fluss überspannt. Im Gras des steilen Ufers wohnen Menschen, deren ganze Habe nur aus ein paar Aluminium-Töpfen, einigen Decken und ihren Kleidern besteht. Doch sie sehen alle sehr sauber aus. Jedes Gewässer in der Stadt wird zum Baden und Wäsche waschen genutzt. Auch wenn der Fluss oder so mancher Teich schmutzig wirkt und nicht gerade zum Baden einlädt.

CalcuttaCalcutta stellt hohe Anforderungen an unsere Toleranz und Leidensfähigkeit. Bei jedem Schritt werden wir mit der großen Armut des Landes konfrontiert. Entsetzlich verbogene Krüppel betteln uns an. Winzige Läden, in denen der Händler auch wohnt, gibt es an jeder Ecke. Auf kleinen Straßenmärkten bieten dürre Frauen eine Handvoll Kartoffeln oder ein paar Tomaten feil. Dazwischen stehen Ziegen auf Müllhaufen und fressen Plastiktüten. Mit stoischer Ruhe halten die heiligen Kühe dem dichten Verkehr stand. Alle Autos machen große Bögen um sie. Denn die Tiere werden zwar nicht gepflegt aber doch respektiert und verehrt. Es soll schon vorgekommen sein, dass jemand, der eine Kuh tot gefahren hatte, von einer aufgebrachten Menschenmenge gelyncht worden ist.

Am nächsten Tag gehen wir jeder alleine unseren Interessen nach. Tony macht mit der Straßenbahn einen Ausflug und ich gehe noch einmal ins Indische Museum. Dann streife ich durch die Straßen. In einem Geschäft kaufe ich mir einen Sari. Die strahlenden Farben der Stoffe faszinieren mich. Dieser hat allerdings fast keine Farben sondern ein dunkles Blumenmuster auf überwiegend weißem Grund. Ich habe nicht die Figur für einen Sari. Deshalb werde ich ihn auch nicht als Kleid tragen. Ich habe vor, mir aus dem langen Stück Stoff einen Schlafsack zu nähen. Da es hier zu warm ist für meinen alten Schlafsack, den ich immer noch mit mir rumschleppe, möchte ich einen Überzug haben, den ich gebrauchen kann, wenn mir die Bettwäsche nicht sauber erscheint. Außerdem kaufe ich mir ein Punjabi-Gewand aus einem festen Baumwollstoff, der mit kleinen Blümchen bedruckt ist. Das Gewand besteht aus einer Pluderhose und einem knielangen Überkleid. Als ich es anziehe, fühle ich mich wie eine Prinzessin. Leider hat das Kleid keine Taschen und ist dadurch etwas unpraktisch im täglichen Traveller-Leben.

Zufällig komme ich an einem neuen Gebäude vorbei, das irgendeine britische Institution beherbergt, die heute eingeweiht wird. Eine Menschenmenge steht davor, Polizisten sperren den Zugang ab. Ganz kurz erhasche ich einen Blick auf ein elegantes Kostüm. Prinzessin Diana soll das Gebäude einweihen. War sie das? Als ich weitergehe, bin ich voll von all den bunten Eindrücken des Tages.

CalcuttaDas Reisefieber hat mich gepackt. Obwohl Calcutta an meinen Nerven zerrt, fühle ich mich sehr zufrieden und glücklich heute. Bei einem Foodstall am Wegesrand kaufe ich mir eine Eggroll, einen Teigfladen, der mit einem gekochten Ei, Zwiebeln und einer würzigen Soße gefüllt ist. Als ich mich genüsslich hineinbeißend zur Straße wende, stolpere ich beinahe über einen verkrüppelten Bettler, der sich nur mühsam auf Händen und Füßen vorwärts bewegt. Er streckt seine Hand bettelnd zu mir hinauf. Mir bleibt der Bissen im Hals stecken. Plötzlich bin ich aus meiner Glückseligkeit zurück in der indischen Realität.

Nirgendwo habe ich auf meiner Reise bisher so viele und so schrecklich entstellte Bettler gesehen wie in Calcutta. Mir fällt auf, dass immer, wenn ich die Parkstreet entlang gehe, mir der gleiche Bettler eine Strecke lang folgt. Immer an der gleichen Stelle verschwindet er dann. Kurz darauf kommt der nächste und hängt sich an mich. Auf mich wirkt das so, als ob die Bettler organisiert seien. Jedem ist anscheinend eine bestimmte Stelle zum Betteln zugewiesen.

Ich bin froh, als ich abends mit Tony nett essen gehe und dann in unserem sauberen Zimmer weit weg von all dem Elend und Schmutz bin. Diese Nacht wird allerdings gegen 1 Uhr von lautem Tröten und Trommeln unterbrochen. Als wir neugierig aus dem Fenster gucken, sehen wir eine lange Prozession hinter einem Wagen mit einem prächtig herausgeschmückten jungen Mann, einem Bräutigam. Die Hochzeitsgesellschaft wird von einer Musikkappelle begleitet, deren Musik mehr laut als schön ist.

In meinem neuen Punjabi-Kleid begleite ich am nächsten Tag Tony auf seiner Tour durch Calcutta mit U- und Straßenbahn. Wie in Hannover fährt die Straßenbahn teilweise unterirdisch und wird damit zur U-Bahn. Auch wenn das Gewand etwas unpraktisch ist, so habe ich doch den Eindruck, dass die Inder mich nun mehr respektieren. Manche Frau scheint anerkennend mit dem Kopf zu nicken.

Tony ist ganz begeistert, als er bei einer Straßenbahn entdeckt, dass der Wagen aus dem Jahr 1932 stammt, wie eine Plakette sagt. Ein richtiges Museumsstück! Und fährt immer noch! An einer Station steigen wir aus, weil wir schon von weitem gesehen und gehört haben, dass dort eine große Prozession statt findet. Auf einem Wagen mit riesigen Lautsprechern, aus denen laute Musik dröhnt, steht das große Portrait eines Mannes. Frauen in ihren bunten Saris gehen getrennt von den Männern. Jemand erklärt, dass heute der Geburtstag von einem Gott ist, der hier gefeiert wird. Aber wer ist der Mann auf dem Portrait?

Kali Tempel

Kali Tempel

Früh am nächsten Morgen sind wir mit der Straßenbahn zum Tempel der Göttin Kali unterwegs. Kali ist eine gefürchtete Göttin, die wie viele indische Götter zwei Seiten hat. Häufig wird Kali als schwarze blutdürstige Göttin dargestellt mit einer roten herausgestreckten Zunge. Sie kann aber auch beschützen vor allem möglichen Übel. Auf jeden Fall hat sie eine sehr große Macht. In dem düsteren Tempel überwiegt die rote Farbe: rote Blütenkränze bedecken die Göttin und ihre Altäre. Ich habe das unheimliche Gefühl, dass dies Rot früher von blutigen Tieropfern kam. In der Nähe gibt es das erste Hospiz von Mutter Theresa. Wir werfen nur einen kurzen  Blick von außen darauf. Ich mag nicht noch mehr Elend sehen als das, was ich schon jede Minute auf der Straße sehe.

In den Tiefen des Bazars
Zurück beim Hotel gehen Tony und ich noch einmal in den großen Bazar. Natürlich stürzen sich sofort die jungen Männer auf uns, um uns irgendetwas zu zeigen und zu verkaufen. Uns geht das sehr auf die Nerven. Tony macht sich einen Spaß mit den Jungs, indem er sagt, dass wir ein T-Shirt kaufen möchten, auf dem die Straßenbahn von Calcutta drauf ist. Natürlich glauben wir nicht eine Sekunde, dass es so etwas gibt. Wir wollen einfach, dass die Jungs aufgeben, wenn sie merken, dass sie unsere Wünsche nicht erfüllen können. Doch dann meldet sich ein etwa 14jähriger Junge und sagt sehr bestimmt, dass er weiß, wo wir ein solches T-Shirt kaufen können. Ungläubig folgen wir ihm. Er führt uns immer tiefer in den Bazar hinein. Ich habe Angst, dass wir uns verlaufen, aber Tony beruhigt mich. Er ist neugierig, was uns der Junge zeigen wird. Schließlich kommen wir zu einem kleinen Laden, der bis zur Decke mit T-Shirts vollgestopft ist. Der Junge spricht kurz mit dem Ladeninhaber. Der nickt und zieht aus den Stapeln ein blaues T-Shirt. Es ist unglaublich! Da ist tatsächlich eine Zeichnung der Straßenbahn drauf! Wir können gar nicht anders, wir kaufen gleich mehrere. Tony ist total glücklich. Ich  komme aus dem Staunen gar nicht raus. Der Junge bekommt von uns ein dickes Trinkgeld und vom Verkäufer sicher auch noch eine Provision

In der Nacht regnet es. Es ist unser letzter Tag in Calcutta. Die Straßen sind zwar feucht, aber der Regen hat nichts am Schmutz geändert. Tony möchte gleich morgens zum Bahnhof, um sich anzugucken, wo sein Zug abfährt, damit er abends nicht so lange sein Gleis suchen muss. Also gehen wir zu Fuß dorthin. Es ist 8:30 Uhr. Die Züge mit den Pendlern kommen gerade an. Tausende Menschen strömen uns entgegen, als wir den Bahnhofsvorplatz erreichen. Die Menge ist so groß und dicht, dass wir nicht dagegen ankommen. Schließlich geben wir auf, uns gegen den Strom zu stemmen. Die nächste Straßenbahn ins Stadtzentrum ist so voll, dass wir nur noch einen Platz auf dem Trittbrett finden. Tony springt auf und zieht mich mit. Ich halte mich mit einer Hand an ihm und mit der anderen an einem Griff fest. Glücklicherweise fährt die Bahn nicht sehr schnell. Der Schaffner, der uns, weil wir in der Tür zur ersten Klasse hängen, auch den erster Klasse-Preis abverlangt, ist nicht begeistert, dass wir da so über der Straße hängen. Ich fühle mich von Tony festgehalten und beschützt und genieße diese abenteuerliche Fahrt als großen Spaß.

Nach einem kurzen Besuch im GPO, wo immer noch kein Brief von Ulli ist, fahren wir ein wenig mit der Straßenbahn. Zufällig kommen wir an einem alten britischen Friedhof aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts vorbei, den wir uns natürlich angucken. Eine kleine Broschüre auf Englisch, die ich mir am Eingang bei einem alten Gärtner kaufe, bietet einige Erläuterungen zu den Gräbern. Große Grabsteine und manchmal sogar kleine Mausoleen markieren die Gräber von britischen Offizieren und deren Frauen. Mir fällt auf, dass viele der Männer nicht älter als 45 Jahre alt wurden. Vor allem die Frauen sind früh gestorben. Die meisten schon mit weniger als 30 Jahren. Kleine Grabsteine erinnern auch an die vielen Kinder, die nur wenige Jahre alt wurden. In dem Prospekt steht, dass den britischen Soldaten und vor allem ihren Frauen die fieberverseuchten Sümpfe, die hier früher waren, zu schaffen machten. Da die Hygiene nicht sehr gut war, sind viele Frauen damals im Kindbett gestorben und viele ihrer Kinder gleich nach der Geburt. Die Gräber machen einen fast gepflegten Eindruck. Ein Gärtner kümmert sich um die Anlage und die alten Bäume. Mitten in dem Lärm der Großstadt haben wir hier ein ruhiges, idyllisches Fleckchen mit vielen Bäumen und Blumen gefunden.

CalcuttaDen Rest des Tages hängen wir in den Cafes der Sudderstreet ab. Unsere Rucksäcke haben wir gepackt und im Hotel zur Aufbewahrung gegeben. Im Blue Sky Café komme ich mit drei irischen Mädchen ins Gespräch, die seit drei Monaten in Indien unterwegs sind. Sie sind voller Horrorgeschichten über das Land und die indischen Männer. Calcutta sei die beste Stadt, die sie in Indien gesehen haben. Ich werde nachdenklich. Was wird da noch auf mich zukommen??? Dann verabschiedet sich Tony. Sein Zug fährt bald. Ich fühle mich plötzlich einsam und verlassen.

Da betritt Michael Jackson das Cafe! Ich schaue ihn völlig fasziniert an. Der junge Inder sieht tatsächlich Michael Jackson zum Verwechseln ähnlich! Er weiß das auch und hat sich entsprechend mit einer hautengen Lederhose bekleidet. Seine Augen sind geschminkt und sein Haar hat die richtige Länge. Er geht von Tisch zu Tisch und sonnt sich in der Bewunderung der jungen Reisenden.

Schließlich muss auch ich aufbrechen. Die drei Irinnen wünschen mir viel Glück. Sie werden sich in ein paar Tagen auf den Weg nach Nepal machen. Ich habe nicht bedacht, dass jetzt am frühen Abend die Rush Hour einsetzt. Ich bin glücklicherweise zwei Stunden zu früh und habe Zeit, an der Parkstreet auf ein Taxi zu warten. Doch die meisten Taxen, denen ich winke, fahren sofort weiter, wenn sie hören, dass ich zum Howrath-Bahnhof auf der anderen Seite des Flusses will. Die neue Brücke ist ja noch nicht fertig und die alte um diese Zeit immer verstopft. Schließlich findet sich doch noch ein Taxi, das mich zusammen mit drei Indern mitnimmt. Bis zur Brücke braucht der Wagen mehr als eine halbe Stunde. Endlos wirkende Minuten stehen wir ganz, dann geht die Fahrt sehr langsam weiter. Zentimeter für Zentimeter quält sich der Wagen über die Brücke. Dichte Abgaswolken dringen durch die offenen Fenster. Ich bin froh, dass ich mich so früh auf den Weg gemacht habe. Trotzdem fange ich an, mir Gedanken darüber zu machen, was passiert, wenn ich den Zug verpasse.

Ich erreiche dann doch rechtzeitig den Bahnhof. Ich muss sogar noch eine Weile auf dem Bahnsteig warten, ehe mein Zug einfährt. Während ich am Gleis stehe, nähert sich auf allen Vieren ein Bettler. Der junge Mann hat ein schönes Gesicht mit strahlenden dunklen Augen. Seine Beine sind verdreht, die Füße zeigen nach hinten. Er streckt mir seine Hand, die voller Münzen ist, entgegen. Ich schüttele den Kopf. Bin ich zu hart? Wie soll ich mich nur verhalten? Ich habe für mich beschlossen, dass ich grundsätzlich kein Geld an Bettler geben will. Ich nehme mir fest vor, sobald ich nach Deutschland zurückkehre und wieder Geld verdiene, dem Hospiz von Mutter Theresa etwas zu spenden. Ich halte das für sinnvoller, als jetzt dem Bettler etwas zu geben, an dem dann doch ein Krimineller wahrscheinlich am meisten verdient.

Im Zug finde ich schnell mein Bett. Der Liegewagen ist ähnlich wie der Hardsleeper in China ohne Abteiltüren ausgestattet. Doch jenseits des Ganges befinden sich weitere Betten. Ich habe ein oberes Bett. Da es kaum Platz für das Gepäck gibt und ich meinen Rucksack auch nicht gerne aus der Hand lassen möchte, teile ich mir das Bett mit meinem Rucksack. Es ist schwierig, für mich und mein Gepäck Platz auf der Liege zu finden. Aber ich schaffe es. An Schlafen ist kaum zu denken. Das Licht wird nicht ausgeschaltet. Der Ventilator surrt direkt neben meinem Kopf. Immer wieder geht ein Teeverkäufer durch die Wagen und ruft laut „Chai!“, um auf sich aufmerksam zu machen. Wenn man so tut, als ob man schläft, dann ruft er das einem auch direkt ins Ohr, damit man ihn auch ja nicht überhört!

Wenn der Zug in einem Bahnhof hält, steigen Leute zu, die kleine Snacks oder Limonade verkaufen. Auch sie wollen nicht, dass man vor lauter Schlafen ihre Angebote verpasst. Die Reisenden, die jetzt zusteigen, haben keine Reservierung. Aber das macht nichts! Auf so einer Liege haben mindestens vier Inder Platz! Den indischen Reisenden scheint das kaum etwas auszumachen. Ich komme mir fast selbstsüchtig vor, weil ich Wert darauf lege, alleine in meinem Bett zu liegen. Ich wache häufig davon auf, dass sich jemand auf meine Beine setzt oder dass mir jemand ins Ohr schreit. Ich sehne mich nach China zurück und nach den Schaffnerinnen dort, die sich immer so gründlich darum kümmern, dass niemand einsteigt, der keine Reservierung hat, und dass Ruhe und Ordnung herrschen.

Als ich mal aufs Klo muss, bitte ich einen Engländer, auf meine Sachen und mein Bett aufzupassen. Die Zugtoilette will ich hier lieber nicht beschreiben. Bei meiner Rückkehr muss ich feststellen, dass der Engländer den Kampf verloren hat. Mit sanfter Gewalt schmeiße ich die jungen Inder aus meinem Bett.

Zum Anfang meiner Großen Asienreise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 09.02.1992: Von Fröschen und der Death Railway

Zur nächsten Etappe: 19.02. – 02.03.92 Aufregendes Indien

Zu meinen Erfahrungen in Indien gibt es auch noch diese Artikel:
Als Frau alleine durch Indien?
Indiens Frauen

Jedem, der mehr über Indien wissen will, empfehle ich das Buch „Indien verdrängte Wahrheit“

 

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