Der Li-Fluss: Wo China ein Gemälde ist

“Die Landschaft von Guilin ist die schönste unterm Himmel“
 桂林山水甲天下   Guìlín shānshuǐ jiǎ tiānxià

So lautet ein gerne wiederholter Spruch in China. Auch für viele Touristen hat Guilin eine große Anziehungskraft. Ich selbst bin bereits vier Mal in Guilin gewesen. Die Fahrt auf dem Li-Fluss, die mitten hinein in diese Zauberlandschaft führt, habe ich zwei Mal erlebt. Schon auf meiner ersten China-Reise habe ich die Bootsfahrt gemacht. Dann noch einmal 2011. Wenn man nun denkt, dass 1987 alles noch ganz ruhig und einsam war, so täuscht man sich. In einer schier endlosen Reihe fuhren die Touristenboote den Fluss hinunter. Die sahen damals auch nicht anders aus als heute.

Die Landschaft am Li-Fluss

Und die Landschaft? Die Karstberge stehen dort schon seit knapp 55 Millionen Jahren, als sich der Boden hob und das Wasser eines Urmeeres abfloss. Die Erosion bearbeitete hartes und weiches Gestein. Übrig blieben die bizarren Karstkegelberge, alle fast gleich hoch, mit vielen Höhlen und steilen Abhängen. Das ist eine Landschaft, wie sie einem auch in der Gegend um Guiyang (Guizhou) und in der Ha Long-Bucht (Vietnam) begegnet. Die Karstlandschaft bei Guilin ist genauso wie die Ha Long-Bucht UNESCO Weltnaturerbe.

Als ich 1987 dort war, regnete es in Strömen und auch 2011 war es trübe und regnerisch. „Oh, wie schade!“ ruft jetzt so mancher. Doch, nein! Der Regen und die tiefhängenden Wolken geben der Landschaft einen besonderen mystischen Reiz. Die Berge erscheinen in verschiedensten Grautönen und wirken so wirklich wie in einem alten chinesischen Tusche-Bild. Man braucht nicht viel Phantasie, um in den Bergen legendäre Gestalten und Tiere zu erkennen. Da gibt es die „Glückliche Hochzeit am Biya Shan“ zu sehen oder den Gemäldeberg mit den Neun Pferden. Wenn man Glück hat, hat man einen guten Reiseleiter, der einem die Bilder zeigt und erklärt. Am Ufer kann man spielende Kinder, graue Wasserbüffel und picknickende Familien beobachten.

Li-Fluss Impressionen 2011

Li-Fluss und 20 Yuan Schein

20 Yuan RMB mit der Landschaft des Li-Flusses

Irgendwann kommt der Höhepunkt: der Moment, wo jemand den 20 Yuan-Schein hochhält und ihn mit den Bergen am Ufer vergleicht. Ja, nicht nur zahlreiche chinesische Maler und Dichter haben in mehr als 2.000 Jahren diese wunderschöne Landschaft festgehalten, sondern sie schmückt auch einen Geldschein.

Die Bootsfahrt ist ungefähr 54 km lang und dauert rund 4 bis 5 Stunden. Eine solche Fahrt sollte man sich nicht entgehen lassen, auch wenn der Gedanke an eine massentouristische Veranstaltung nahe liegt.

„Die Landschaft ist bei jedem Wetter schön.“, heißt es in manchem Reiseführer. Das kann ich nur bestätigen. Ich habe den Li-Fluss auch schon bei strahlendem Sonnenschein erlebt. Aber, ganz ehrlich, ich ziehe das trübe Wetter eines Regentages vor, wenn die Wolken wie Wattebäusche um die Berggipfel hängen und der Bambus regenschwer sich zum Fluss neigt.

Li-Fluss 1993 bei schönstem Sonnenschein:

Die Karstkegelberge im Sonnenlicht

Aus meinem Reisetagebuch 1987

Unsere Gruppe besteht aus einigen Schweden – wie könnte es auch anders sein! – und ein paar Auslandschinesen aus Amerika. Mit denen sitze ich an einem Tisch. Einer von ihnen hat mich besonders unter seine Fittiche genommen. Ich werde eingeladen, mit ihnen zusätzlich zu dem im Preis enthaltenen Mittagessen die Spezialitäten wie Schnecken, Fisch und Krebse, die sie bestellen, zu essen. Dabei werde ich auch gefragt, ob man eine Schildkröte bestellen solle. Ich mache freundlich aber bestimmt deutlich, dass ich keine Schildkröte essen würde, weil diese Tiere unter Schutz stehen. Ich habe schon die Befürchtung, dass ich meine Gastgeber beleidigt haben könnte, aber nach einer kurzen Verhandlung verzichten sie zu meiner Erleichterung auf die Schildkröte.

Langsam fährt das flache Boot durch das Tal des Li-Rivers. Über Lautsprecher werden die Sehenswürdigkeiten erklärt, allerdings auf Chinesisch. Meine amerikanischen Freunde übersetzen für mich. Die bizarren Formen der Berge sollen aussehen wie Pferde oder Kamele. Wie Kragen liegen die tief hängenden Wolken um die Gipfeln. An den Ufern wächst hellgrüner, fedriger Bambus. Wasserbüffel stehen bis zum Bauch im seichten Uferwasser. Manchmal fahren wir an kleinen Dörfern vorbei, von denen nur die Strohdächer über dem dichten Bambus zu sehen sind. Eine alte klapprige Fähre überquert schwankend den Fluss. Vor und hinter uns befinden sich weitere Touristenboote auf dem Fluss. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse fotografiere ich immer wieder. Dann wird das Essen serviert. Der amerikanische Chinese nötigt mir jede Delikatesse und Leckerei auf. Schliesslich bin ich vollkommen satt. Der Tisch sieht aus wie ein Schlachtfeld.

Den Rest der Fahrt verbringe ich auf dem vor dem nicht enden wollenden Regen geschützten Oberdeck.

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