09.03. – 18.03.1992 Kathmandu, der Hippie-Trail

Ich bin froh, als ich Indien verlasse. Zu viel Elend, zu viel Armut, zu viel Schmutz. Und die Anmache! Das Elend macht mich hilflos. Die indischen Männer nerven, ich mag mich nicht mehr wehren gegen die ewige Anmache der Verkäufer und Rickscha-Fahrer. Ich brauche dringend Ruhe vor all dem Dreck und Leid. Doch wird das in Nepal anders sein? Nepal ist doch auch nicht anders als Indien, denke ich resigniert.

Doch neue Abenteuer rufen! Werde ich mich wirklich an ein Trekking trauen? Berge, vor allem hohe Berge, sind ja nicht so meins. Doch einen Badeurlaub hab ich hinter mir. Und mal ausprobieren, wie das so ist, mehrere Tage zu wandern, abgelegene Bergdörfer zu besuchen – das reizt mich sehr.

Geschichten, Reiseabenteuer aus den 1970er gehen mir nicht aus dem Kopf. Damals sind viele meiner Freunde über Land nach Indien gefahren. Meine Sehnsucht folgte ihnen, aber den richtigen Mut hatte ich nicht, mitzufahren. Und nun bin ich hier und tauche noch einmal ganz tief in die abenteuerliche Welt der Backpacker und Abenteurer ein.

Aus meinem Reisetagebuch 1992:

Delhi: Nachdem ich in Ruhe gefrühstückt habe, fahre ich gegen Mittag mit einem Taxi zur Abfahrtstelle des Busses. Die Fahrt geht durch viele Stadtteile Delhis, denn der Bus fährt von einem Campingplatz außerhalb ab. Mich fasziniert das bunte Treiben in den lebhaften Straßen. Es gibt kaum Hochhäuser. Die zwei- bis dreistöckigen Gebäude sehen alle so aus, als müssten sie dringend renoviert werden. Elektrische Kabel hängen in einem erschreckenden Wirrwarr zwischen den Häusern und an Pfählen. Alte Plastiktüten wirbeln im Fahrtwind, an den Straßenrändern türmt sich der Abfall. An vereinzelten Pumpen waschen sich nackte Kinder. Dazwischen stehen stoisch die mageren Heiligen Kühe und lassen die Autos an sich vorüberbrausen.

Auf dem Campingplatz, der seit Jahrzehnten unter den westlichen Indienreisenden bekannt ist, steht der Bus schon bereit. Hier campten die Aussteiger der 1970er Jahre, nachdem sie erfolgreich ihren VW-Bus über den Iran und Afghanistan bis nach Indien gefahren hatten. Auch ich haben diesen Reisenden damals hinterhergeträumt. Es hat was, nun selbst an einem solchen Sehnsuchtsort des alten Hippie-Trail zu stehen.

Mit großem Hallo versammeln sich auch heute wieder einige Westler, die sich auf den Weg nach Kathmandu machen wollen. Dann sitze ich im Bus. Überwiegend scheinen Nepali und Inder an Bord zu sein. Es gibt 2 Busfahrer und einen Jungen, der für die Drecksarbeit zuständig ist. Die Fahrt geht los, sie soll 36 Stunden dauern. Ich versuche, es mir auf dem engen Sitz gemütlich zu machen.

Zuerst geht die Fahrt durch die schier endlos scheinenden Vororte von Delhi: keine Hochhäuser nur weiße flache Gebäude. Dazwischen passieren wir ein trockenes Flussbett, das offensichtlich als Müllkippe genutzt wird. Natürlich sehe ich auch die Papp- und Wellblechdächer der Slums. Als wir Delhi verlassen, breiten sich rechts und links der Straße weite Felder aus. Diese Landschaft ist ziemlich eintönig. Die Straße ist wenig befahren. Viele Menschen sind zu Fuß unterwegs. Graue Büffel gehen langsam am Wegesrand.

Unterwegs nach Kathmandu

Unterwegs nach Kathmandu

Ich nutze die Zeit zum Nachdenken, wo ich in Kathmandu übernachten will und was ich in Nepal alles tun möchte. Ich studiere meinen Reiseführer für Nepal. Es gibt die alten Straßen südlich vom zentralen Durbar Square, wo zu den Hippiezeiten die Backpacker in der Freakstreet oder der Pig Alley wohnten. Diese Straßen scheinen etwas aus der Mode gekommen zu sein. Jetzt ist der Stadtteil Thamel nördlich vom Durbar Square angesagt. Doch ich denke, dass ich mir ein Hotel in der Freakstreet suchen werde, denn da ist es ruhiger und ich bin näher am Durbar Square mit seinen Tempeln und dem Königspalast.

Und welchen Trek will ich machen? Ich habe wenig Erfahrung mit Trekking Touren. Außerdem ist mir bewusst, dass ich nicht alleine gehen sollte. Ich werde bestimmt jemanden finden, dem ich mich anschließen kann! Ich denke, ich werde den Jomson-Trek machen. Diese Tour am Annapurna scheint mir am einfachsten und am meisten besucht. Da sind genügend Leute unterwegs, denen ich mich anschließen kann.

Nach einigen Stunden Fahrt tauche ich in Gorakhpur aus meinen Träumereien auf. Irgendetwas scheint schief zu laufen. Ich beobachte, wie die Busfahrer untereinander heftig diskutieren. Schließlich wendet der Bus. Wir haben uns verfahren! Manchmal hält der Bus an. Manchmal gibt es Polizeikontrollen. Dabei kann ich beobachten, wie einige Geldscheine vom Busfahrer zu den Polizisten wechseln. Auch wenn wir zwei Busfahrer an Bord haben, sitzt doch meistens derselbe am Steuer. Aber der fährt sehr ruhig und sicher. Auf den schlechten Straßen kann man sowieso nicht schnell fahren.

Manchmal wird zum Essen angehalten. Doch die Hütten, die als Restaurant dienen, machen keinen guten Eindruck. Ich esse indisches Nan-Brot, das frisch aus dem Ofen kommt, und halte mich an meine Kekse. Ich habe auch eine Wasserflasche dabei. Doch es gibt überall unterwegs Wasser in verschlossenen Plastikflaschen zu kaufen. Man muss nur prüfen, ob der Verschluss wirklich original verschlossen ist. Ich trinke nicht sehr viel, da ich keine Lust habe, unterwegs öfter als unbedingt nötig aufs Klo zu müssen. Denn es gibt keine Klos. Immer, wenn der Bus hält, stehen die Männer am Straßenrand und pinkeln. Wir Frauen müssen uns einen Busch oder eine geschützte Ecke suchen.

Die erste Nacht unterwegs verläuft ruhig. Nur die Pausen stören mich. Ich traue mich nicht, meine Schlafmaske aufzusetzen, da ich immer sofort alles sehen möchte, wenn ich durch irgendetwas geweckt werde. Der junge Mann, der neben mir sitzt, lässt seinen Kopf immer wieder auf meine Schulter fallen. Ich schubse ihn weg. Schläft der wirklich oder will der was von mir? Irgendwann versteht er, dass ich seine Annäherung nicht mag. Ich bin froh, als er an der nepalischen Grenze aussteigt und nicht zurück kommt.

Am späten Nachmittag des nächsten Tages erreichen wir die Grenze. Hier müssen wir durch die Grenzkontrollen und zu Fuß über die Grenze gehen. Die Beamten sind sehr gründlich. Es dauert ewig, bis wir alle durch sind. Dann geht es auf der anderen Seite bei den Nepali genauso langsam weiter. Ich will die Wartezeit zum Geldwechsel nutzen. Doch der Bankbeamte schließt mit einem hämischen Grinsen den Schalter, kaum dass er gehört hat, dass ich nur 20,- USD tauschen will Er hat jetzt Feierabend. Na, das fängt ja gut an!

In der einsetzenden Dämmerung kann ich erkennen, dass wir langsam in die Berge hineinfahren. Wir haben unsere Uhren um eine Viertelstunde weitergestellt. Durch diese kleine Zeitverschiebung demonstriert Nepal, dass es unabhängig von Indien ist. Mühsam quält sich der Bus nun die Berge hinauf. Ich bin völlig erschöpft, mein Rücken und mein Po tun weh. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich einigermaßen bequem sitzen soll. Ich döse unruhig vor mich hin. Gegen 3 Uhr nachts hält der Bus an einer einsamen Hütte. Eigentlich sollten wir längst in Kathmandu sein. 36 Stunden sind schon lange vorbei.

Wir steigen aus und atmen tief die frische, kalte Bergluft ein. Es ist kaum etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Ich kann nur erahnen, dass wir uns an einem steilen Abhang befinden, denn direkt hinter der Tee-Hütte fällt der Boden abrupt ab, wie ich auf der Suche nach einem dunklen Plätzchen bemerke. Ich trinke einen Tee, stark und herrlich duftend. Dabei versuche ich, meine um diese Uhrzeit normale schlechte Laune in den Griff zu bekommen. Nach einiger Zeit wundere ich mich, dass die Fahrt nicht weiter geht. Beim Bus stehen einige Leute beim Fahrer vorne. Der hat sich über zwei Bänke hingelegt und wacht nicht mehr auf. Irgendwer entscheidet, dem Busfahrer eine Stunde Schlaf zu geben. Der arme Kerl ist ja auch fast die ganze Zeit gefahren! Ich ergebe mich in mein Schicksal. Besser ist es, wenn der Busfahrer wenigsten eine Stunde schläft. Ich habe keine Ahnung, wie weit es noch bis Kathmandu ist.

Endlich wird der Busfahrer wach gerüttelt. Er trinkt eine heiße Tasse Tee, dann geht die Fahrt weiter. Es ist noch nicht 6 Uhr, da müssen wir wieder halten. Eine Polizeikontrolle. Was kontrolliert wird, weiß ich nicht. Von hier aus dauert es nur noch eine halbe Stunde, dann erreichen wir nach 42 Stunden Fahrt endlich Kathmandu.

Die anderen Westler im Bus wollen alle nach Thamel. Ich habe keine Lust, mitzugehen. Ich verabschiede mich schnell und schultere meinen Rucksack. Durch den kühlen Morgennebel gehe ich in die Stadt. Es ist schon hell. Doch so früh ist noch niemand unterwegs. An einer Ecke steht eine Heilige Kuh und kaut an einem Stück Papier. Hoffentlich finde ich jetzt gleich ein Hotel!

Als ich in der Freakstreet bei der Annapurna Lodge (die gibt es immer noch: 2015) ankomme, die ich mir aus meinem Reiseführer ausgesucht habe, muss ich einige Male klopfen, bis mir endlich ein verschlafener junger Mann öffnet. Er ist sehr nett. Ich bekomme sofort ein Zimmer im 2. Stock. Die Toilette ist auf dem Flur. Aber das macht mir nichts aus. Das Zimmer ist einfach eingerichtet mit einem Bett, einem kleinen Tisch und einem Regal. Anders als sonst lasse ich diesmal meine Sachen nicht im Rucksack, ich packe alles aus und richte mich häuslich ein.

Nachdenklich betrachte ich anschließend das hübsche Arrangement aus Büchern, meinem Blechteller, der Tasse und meiner Zahnbürste. Warum habe ich plötzlich diesen Drang, einen „ordentlichen“ Haushalt einzurichten? Ist das nicht ein deutliches Zeichen, dass ich mich danach sehne, ein Nest zu haben, eine Wohnung? Kann das sein, dass mir so mein Unterbewusstsein klar machen will, dass es Zeit wird, nach Hause zu fahren?

Ordnung im Zimmer

Ordnung im Zimmer

Egal! Wie immer juckt es mich in meinen Füssen. Ich gehe die wenigen Schritte zum Durbar Square, dem zentralen Platz Kathmandus. Es ist noch ruhig. Kaum ein Mensch zu sehen. Die warme Sonne hat die Nebel aufgelöst. Der Platz ist voller Tempel und Pagoden. Auf der einen Seite begrenzt der Königspalast den Platz, auf der anderen liegt der Palast der Kumari. Die Kumari ist ein kleines Mädchen, das bis zu seiner Pubertät als Göttin verehrt wird.

Ganz besonders neugierig bin ich auf meine Post. Kaum, dass ich annehmen kann, dass das GPO geöffnet hat, gehe ich hin. Schon früh stehe ich in dem düsteren   Raum, wo in großen Holzkästen die Briefe und Postkarten an die vielen Traveller ordentlich nach Namen sortiert sind. Ich gucke vorsichtshalber sowohl unter H wie Hecker als auch unter U wie Ulrike nach. Es sind einige Briefe von meinen Eltern und Freunden da. Die lese ich beim Frühstück.

Ich habe mir eine Karte von Nepal gekauft und überlege nun, wann ich was machen will. Trekking – auf jeden Fall! Chitwan Nationalpark – wahrscheinlich. Dann gibt es auch noch die vielen Orte und Tempel hier im Kathmandu-Valley. Meine Reisepläne hängen von vielen Dingen ab. Bald ist Ostern bzw. Passah. Das ist ein Feiertag, an dem viele israelische Traveller in Kathmandu sein werden, um in der israelischen Botschaft zu feiern. Von den ausgelassenen Feiern dort habe ich schon in Delhi gehört.

Bald ist auch Holi, das Frühlingsfest, und Feiertag in Nepal. Dann laufen vor allem die Jungens durch die Straßen und werfen mit Wasser-Beuteln und Farbe. Das möchte ich gerne erleben! Ich bin mir auch noch nicht ganz klar, welchen Trek ich machen möchte. Wohl den Jomsom, denn der wird als relativ einfach und gut besucht beschrieben. Allerdings gibt es da auch noch den Annapurna-Circuit: in drei Wochen einmal rund um den Annapurna gehen – das reizt mich sehr. Aber da müsste ich dann über einen Pass, der mehr als 5000 m hoch ist. Ob ich das schaffe??

Zunächst bleibe ich für einige Tage in Kathmandu. Ich brauche auf jeden Fall eine Visaverlängerung. Dazu ist ein Mindestumtausch von 20,- USDollar pro Tag notwenig. Doch das Geld muss ich nur für die Verlängerungstage tauschen, so dass ich das auch für die 4 Wochen nutzen kann, für die ich schon ein Visum habe. Im gleichen Büro kann ich auch mein Trekking-Permit beantragen. Es gibt einen speziellen Schalter für diese Kombination aus Verlängerung und Trekking-Permit, an dem die Schlange der Wartenden viel kürzer ist als für nur Trekking-Permit. Da bin ich ganz schnell wieder draußen. Das Permit gilt für die gesamte Annapurna-Region, also kann ich mir noch Zeit lassen mit der endgültigen Entscheidung.

Vor der Behörde haben fliegende Händler ihre Stände aufgebaut. Sie verkaufen alles, was man für eine Trekking-Tour braucht: Sonnenbrillen, Hüte, Handschuhe… Ich suche mir einen Hut aus. Denn das ist das nächste, was ich mir organisieren muss: hier in der Höhe von mehr als 2000 Meter ist die Sonnenstrahlung sehr intensiv. Ich brauche auch noch eine Sonnenbrille. Außerdem ist meine Bekleidung nicht aufs Hochgebirge ausgerichtet. In den nächsten Tagen finde ich nicht nur eine Sonnenbrille, die ich auf meine eigentliche Brille aufstecken kann, sondern auch noch lange Unterhosen und ein paar dicke, handgestrickte Socken. Ich kaufe bzw. leihe mir auch Bücher und Karten vom Annapurna und über die Höhenkrankheit. Ich kopiere mir die Seiten, die ich für meine Tour brauchen werde. Denn dann muss ich keine schweren Bücher mitschleppen.

Morgens ist es ziemlich kalt. Ich komme nur schwer aus meinem warmen Bett. Das Frühstück im von einer hohen Mauer umschlossenen Hof des Hotels taut mich dann auf. Im Thamel finde ich außerdem ein Cafe, wo ich ganz leckeren Schokoladen- und Apfelkuchen bekomme. Dort treffe ich Leute wieder, die ich aus Calcutta und Südchina kenne. Die Welt scheint ein Dorf hier in Kathmandu. Aber mit keinem unterhalte ich mich länger. Eigentlich möchte ich gerne jemanden kennen lernen, mit dem ich die Trekking-Tour machen kann. Aber die meisten Leute kommen gerade aus den Bergen oder haben ganz andere Touren vor. Ich hoffe, dass ich in Pokhara, dem Ausgangpunkt für jede Trekkingtour im Annapurna-Gebiet, jemanden finden werde.

Jetzt widme ich mich erst mal den Sehenswürdigkeiten in Kathmandu und Umgebung. Ich finde es gar nicht schlimm, alleine zu Fuß oder mit dem Fahrrad die Gegend zu erkunden. So kann ich häufig stehen bleiben und in Ruhe alle Eindrücke in mich aufnehmen.

Im Kumari-Palast kann ich mich einer privaten Führung für ein nettes amerikanisches Ehepaar anschließen, denen sich das kleine Mädchen sogar am Fenster zeigt. Ich bin ganz fasziniert von den kunstvoll geschnitzten Balken des Palastes. Ein wenig verwundert höre ich, dass das 4-jährige Mädchen, die Kumari, Buddhistin ist. Sie wird aber von den Hindus als Göttin verehrt

An einem wunderschönen Morgen miete ich mir ein Fahrrad, mit dem ich nach Boudhanat fahren will, wo es eine berühmte tibetische Stupa gibt. Erst als ich schon fast raus bin aus der Stadt merke ich, dass das Fahrrad nicht viel taugt. Die Reifen verlieren Luft. Aber es geht noch. Ich bin anscheinend irgendwo falsch abgebogen und weiß nicht mehr, wo ich bin. Ich fahre über schmale Pfade zwischen den Gemüse-Feldern. Hier sieht es nicht so aus, als ob ich irgendwann eine Fahrradwerkstatt finde. Mühsam und langsam komme ich voran. Dann erreiche ich eine große lebhaft befahrene Straße. Einige hundert Meter muss ich schließlich das Fahrrad schieben. Dann lasse ich es an einer kleinen Werkstatt aufpumpen. Richtig reparieren lassen möchte ich es nicht.

Bei der Stupa lasse ich es stehen und gehe zu Fuß um dieses weiße, beeindruckende Gebäude. Viele tibetische Pilger gehen mit mir und drehen die Gebetsmühlen, die rundherum angebracht sind. Ich komme mir wie in einem Film vor. Alles scheint unwirklich. Die Luft ist vom Duft der Räucherstäbchen und dem Klappern der Gebetsmühlen erfüllt. In einem kleinen Restaurant direkt an der Stupa setze ich mich eine Weile hin und beobachte das bunte Treiben. Ich könnte heulen, so glücklich bin ich!! In einem nahen Tempel sehe ich tibetische Mönche. Gongs und Trommeln erklingen.

Resigniert steige ich bald wieder auf mein Fahrrad, denn wer weiß, wie lange ich für den Rückweg brauchen werde! Es ist anstrengend mit den fast leeren Reifen die Hügel zwischen Boudha und Kathmandu zu überwinden. Meistens schiebe ich die Karre. Auch wenn ich mich auf dem Hinweg so verirrt habe, kann ich nicht   anders, als an einer Stelle eine Abkürzung auszuprobieren. Auf dem Trampelpfad zwischen den Wiesen kann ich das Fahrrad nur schieben. Jeder der mir entgegen kommt, grüßt mich freundlich lächelnd. Ich fühle mich viel sicherer als in Indien. Die Männer sind einfach nur freundlich und nichts mehr. Ein junger Mann, der eine Herde Kühe vor sich her treibt, spricht mich mit einem sehr guten Englisch an. Ich genieße es, dass ich mich so nett unterhalten kann, ohne dass das gleich die Aufforderung zum Tanz ist! Der Junge fragt mich, woher ich komme und was ich so mache – also das übliche. Er bestätigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg nach Pashupatinath bin.

In einem von Affen bevölkerten Wald finde ich viele kleine Grabmale. Von dort kann ich auch schon auf den Fluss hinunter schauen. Der Fluss führt um diese Jahreszeit kaum Wasser. Gleich dahinter ist ein großer Shiva-Tempel. Am Ufer sind Scheiterhaufen aufgestapelt. Diese Stelle ist genauso wie der Ganges in Varanasi ein guter Platz, um die Verstorbenen zu verbrennen. Das garantiert ihnen eine gute Wiedergeburt. An einer Stelle brennt der Stapel. In den Shiva-Tempel komme ich als Ungläubige nicht hinein.

Die Wände von Tempeln und Wohnhäusern sind mit Graffiti beschmiert. Es scheint gerade Wahl gewesen zu sein. Die einzelnen Parteien haben Symbole, mit denen auch der Analphabet weiß, wer gemeint ist. Diese Symbole sind an alle Hauswände gemalt.

Auch im nahen Patan, wo ich an einem anderen Tag zu Fuß hin gehe, sind die Wände voller Graffiti. Patan scheint noch schöner zu sein als Kathmandu. Hier gibt es nicht so viel Verkehr, nicht so viele Menschen. Der große Platz von Patan ist von reich geschnitzten Tempeln und Pagoden umgeben. Es gibt ein Cafe, wo ich auf einer Terrasse im zweiten Stock sitzen und die Umgebung von oben beobachten kann. Ein Hochzeitszug mit einer Braut im roten Sari überquert den Platz. Laute Musik. Ich bin hingerissen. Auf dem Rückweg fallen mir die runden Fladen auf, die an die Hauswände geklebt sind. Sie zeigen deutlich die Fingerspuren der Menschen, die sie herstellen. Das sind Dungfladen, die zum Trocknen an die Wände gepappt sind und anschließend als Brennmaterial benutzt werden. Der Rauch aus diesen Feuern verbreitet einen beißenden unangenehmen Gestank.

Im Hotel treffe ich zwei junge Männer aus Deutschland. Wir sitzen zusammen im Hof des Hotels und erzählen von unseren Reisen. Sie sind ganz beeindruckt, als ich erzähle, dass ich in China war. Sie wollen bald weiterreisen. Doch das verzögert sich dann, denn an einem der Tage werden sie auf einem Ausflug bestohlen. Der eine hat es noch rechtzeitig bemerkt, dem ist nichts passiert. Doch dem anderen wurde im vollen Bus der Tagesrucksack, den er auf dem Rücken trug, aufgeschnitten. Jetzt sind Geld, Reiseschecks, Ticket und Pass weg. Die beiden klagen mir ihr Leid und wollen Mitleidsbekundungen von mir. Ich halte mich damit zurück. Als sie nicht nachlassen, sage ich ihnen dann doch deutlich, dass sie selbst schuld sind. Wie kann man diese wichtigen Dinge im Tagesrucksack oben drauf mit sich rumschleppen und dann den Rucksack im vollbesetzten Bus auf dem Rücken behalten!!

Viel Zeit verbringe ich in Kathmandu mit Abhängen in den netten Cafes. So leckeren Kuchen habe ich schon lange nicht mehr gegessen! Dabei schreibe ich Briefe und Tagebuch. Das Wetter ist wunderschön. Nur nachts ist es etwas kalt.

Holi, das Frühlingsfest in Nepal

Dann ist endlich der Tag des Holi-Festes gekommen. Schon vorher habe ich öfters kleine Jungens getroffen, die kichernd mit Wasserbeuteln geworfen haben. Ich bin allerdings noch nicht nass geworden. Heute ist also der Höhepunkt. Ich werde vom Wirt und anderen Einheimischen gewarnt, nicht aus dem Hotel zu gehen, da die Straßen der Innenstadt vollkommen in der Hand der jugendlichen Banden ist. Ich kann es natürlich trotzdem nicht lassen. Allerdings nehme ich nur meine Kamera in die Hand. Ein wenig Geld stecke ich in meine Hosentasche. Mehr nehme ich nicht mit. Dann mache ich mich auf den Weg nach Thamel. Die Straßen sind wie leer gefegt. Nur einige nasse und mit großen Farbflecken versehene junge Männer sind zu sehen, die sich sofort lachend und schreiend auf mich stürzen. Aus sicherer Distanz werfen sie ihre mit Wasser gefüllten Luftballons nach mir. Ich werde nur wenig nass und schaffe es, ein Cafe in Thamel zu erreichen.

Lachend und auch erleichtert setze ich mich und trinke einen Kaffee. Die anderen Westler, sofern überhaupt welche da sind, schauen mich verwundert an. Bin ich tatsächlich die einzige, die sich hinaus traut?? Nach einer kurzen Pause stehe ich auf und mache mich auf den Rückweg. Jetzt sind noch mehr Jugendliche unterwegs. Ich versuche, immer eine Hauswand im Rücken zu haben, damit keiner von hinten an mich kann. Das Wasser aus den Ballons riecht manchmal etwas merkwürdig. Einige scheinen auch nicht nur Farbpuder zu werfen, sondern richtigen Lack zu benutzen. Mir gelingt es, den schlimmsten Attacken und dem Lack zu entgehen. Ich lache mit den Jungens. Bald bin ich völlig nass. Ich habe nicht bedacht, dass mein T-Shirt, wenn es nass wird, ein wenig durchsichtig wird und eng am Körper anliegt.

Das reizt die frechen Teenager noch mehr. Ein paar stürmen auf mich zu. Der mutigste kneift mich in die Brust. Das tut weh! Ich versuche bei allem, meine Kamera zu schützen und Ruhe zu bewahren. Wenn ich den Jungen in die Augen schaue und auf meine Kamera und meine Brille deute, dann lassen sie von mir ab. Schließlich wird mir in meinen nassen Klamotten kalt. So warm ist die Sonne hier doch nicht, dass sie wirklich wärmt.

Ich flüchte in mein Hotel. Der Wirt lacht nur und freut sich, dass mir nicht passiert ist. Ich gehe so wie ich bin in die Dusche. Eine halbe Stunde stehe ich voll bekleidet unter dem warmen Wasser. Dann geht es mir besser. Ich werfe mein schwer in Mitleidenschaft gezogenes T-Shirt in den nächsten Abfalleimer, ziehe mich um und gehe essen. Nun kann ich allen erzählen, welche Abenteuer ich heute bestanden habe. Alle sind sich daraufhin einig, dass sie heute nicht mehr aus dem Hotel gehen.

Mittlerweile habe ich mich doch dazu entschieden, den Annapurna-Circuit zu wagen. Da wird es sicher ziemlich kalt in den Nächten. Ich überlege ernsthaft, ob ich mir richtige Trekking-Boots kaufe. Doch die sind mir zu teuer. Ich finde auch keine, die mir passen. Meine alten Lederturnschuhe sind gut eingelaufen. Sie reichen bis über die Knöchel und geben genug Halt. Nur haben die Sohlen kaum Profil. Doch die Wege sollen überwiegend flach und bequem sein. Ich nehme bewusst das Risiko in Kauf, dass ich mit meinen Schuhen ausrutschen kann, und nehme mir vor, besonders vorsichtig zu gehen.

Das nächste Problem ist, dass ich nicht mein gesamtes Gepäck mitnehmen kann. Ich bin fest entschlossen, nur meinen großen Rucksack mitzunehmen, und alles auf insgesamt 12 Kilogramm zu reduzieren. Da ich sowieso noch mal nach Kathmandu zurückkehren will, kann ich alles Überflüssige im Gepäckraum des Hotels lassen.

Also stehe ich vor meinem leeren Rucksack und überlege, was ich hier lassen kann und was ich unbedingt mitnehmen muss. Ich muss mein Gepäck um weit mehr als die Hälfte erleichtern, damit ich die 12 Kilo erreiche. Meine große Kamera muss mit. Meine Chinesisch-Bücher brauche ich auch nicht. Ich habe mir ein Büchlein aus dem leichten Nepalesischen Papier gekauft, das ich als Tagebuch benutzen werde. Mir fällt es nicht leicht, belichtete Filme und mein Tagebuch im Hotel zu lassen. Das sind mir die wichtigsten Dinge, die hoffentlich noch da sind, wenn ich zurückkomme!

Ich suche mir die wärmsten Sachen heraus, die ich noch habe. Ein Sweater, ein Anorak, drei T-Shirts, das muss reichen. Unterwäsche werde ich mit Seife waschen. Shampoo fülle ich in eine kleine Plastikflasche. Ich kaufe auch noch eine Wasserflasche und Mikropur-Tabletten zum Desinfizieren von nicht abgekochtem Wasser. Ich habe mich so an all die mehr oder weniger nützlichen Dinge, wie z. B. meine Bücher, das Waschpulver, Besteck und Gewürze, die ich mit mir rumschleppe, gewöhnt, dass mir die Vorstellung, mich von so vielem   für 4 Wochen zu trennen, ganz unheimlich ist. Schließlich habe ich doch auch von diesen Sachen immer geglaubt, dass sie das Minimum sind, was ich brauche! Ich habe auch noch einige Tee-Lichter ganz unten im Rucksack gefunden. Habe ich die wirklich die ganze Zeit mit rumgeschleppt?? Aber in den Bergen können sie wirklich nützlich sein! Meine Sachen, die endlich im Lagerraum des Hotels abgebe, umfassen mehrere Plastiktüten und meinen Tagesrucksack.

Dann mache ich mich um einiges erleichtert auf den Weg. Zunächst einmal in Richtung Süden und flaches Land – zum Chitwan Nationalpark.

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 08.03.1992 Internationaler Frauentag in Delhi

Zur nächsten Etappe: 23.03.1992: Nashörner im Chitwan-Nationalpark

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