April 1992: Ich wage es! Trekking den Annapurna-Circuit

Ende März 92 lasse ich mit ein wenig Bedauern den schönen Chitwan-Nationalpark hinter mir. Dort war es so schön warm und entspannt! Aber irgendetwas treibt mich vorwärts, eine Kraft, die mich nun schon seit fast einem Jahr begleitet. Die nächste großartige Begegnung, das nächste Abenteuer liegt immer hinter der nächsten Ecke.

5 Tage irgendwo abzuhängen wird schon fast zu viel. Doch in Pokhara, dem Ausgangspunkt meiner geplanten Trekking- Tour, werde ich durch eine Erkältung ausgebremst. Wieder gelingt es mir nicht, jemanden zu finden, der mit mir auf Wanderung geht. Ich schiebe meinen Aufbruch immer weiter hinaus. Spielt da nicht auch ein wenig die Sorge eine Rolle, dass ich mich da auf ein ziemlich riskantes Abenteuer einlassen will?

Alleine unterwegs im Himalaya

Alleine unterwegs im Himalaya

So ganz alleine den Annapurna-Circuit zu gehen, ist ein gewagtes Unternehmen, wie mir alle sagen. Aber, was ich mir einmal vorgenommen habe, ziehe ich auch durch! Ich werde nicht wirklich alleine sein, denn der Annapurna Circuit ist einer der beliebten „Teahouse-Treks“ mit guten Wegen, vielen Gasthäusern, kleinen Orten und fantastischen Bergpanoramen. Es gibt viele mögliche Treks im Gebiet des Annapurnas. Ich habe mir den längsten und schwierigsten ausgesucht: Den Annapurna-Cicuit, also einmal rund um den Annapurna. Das beinhaltet auch die Überquerung des Thorung La-Passes (5416m). Das ist der gefährlichste Teil und schwierig für mich alleine. Doch es werden sicherlich noch andere Wanderer unterwegs sein. Natürlich nehme ich mir vor, ganz besonders vorsichtig zu sein, Auf jedes kleine Anzeichen von Höhenkrankheit will ich schauen.

Andererseits hat das Alleine gehen auch so seine Vorteile. Ich bin mittlerweile sehr gerne alleine unterwegs. Dann kann ich mein Tempo selbst bestimmen, muss mit niemanden diskutieren, wann ich morgen aufstehen und aufbrechen möchte. Und ich kann da übernachten, wo ich will. Nach 2 Stunden Wanderung oder auch nach 6 Stunden. Vor niemandem muss ich mich rechtfertigen, wenn ich mich nach 2,3 Stunden schon müde fühle, wenn ich noch eine Stunde länger auf der Bank in der Sonne sitzen will. Ich weiß auch, dass ich für den geübten Wanderer ein Graus bin, denn ich bleibe gerne stehen, schaue den Schmetterlingen oder den Wolken nach, möchte die Landschaft ganz in mich aufnehmen. Nein, es geht nicht darum, dass ich nicht geübt bin oder nicht schneller gehen kann, sondern ich will die Wanderung genießen.

Meine Trekking-Tour, von ich hier den ersten Teil erzähle, wird so zu einem recht entspannten Abenteuer. Zumindest eben in dieser ersten Hälfte.

Aus meinem Reisetagebuch 1992

23.03 – 29.03.1992 Pokhara

Mir ist zwar weiterhin nach Abhängen zumute, aber ich denke, dass ich das besser in Pokhara, dem Ausgangspunkt für meine geplante Trekkingtour, mache. Die stundenlange Busfahrt vom Chitwan Nationalpark dahin nehme ich mit stoischer Gelassenheit hin. Mein Rucksack ist ungewohnt leicht, als ich in Pokhara noch eine halbe Stunde laufe, bis ich eine nette Pension gefunden habe. Sauberes Zimmer, saubere Toilette und eine schrecklich nette nepalesische Wirtsfamilie. Der Mann spricht perfekt Englisch, denn er hat in der britischen Armee gedient.

Von der Pension sind es nur wenige Schritte bis zu einer German Bakery und einem Laden, wo ich gebrauchte Bücher kaufen kann. In der Bäckerei verbringe ich den Nachmittag bei leckerem ganz frischem Käsekuchen. In diesem kleinen Bereich fühle ich mich sehr wohl. So könnte es bleiben! Doch…

Machhapuchchhre (Fischschwanzberg) 6997m

Machhapuchchhre (Fischschwanzberg) 6997m

Hinter Pokhara liegen Berge, die alle um die 8000 Meter hoch sind. Besonders der Machapuchhare, der Fischschwanzberg, wirkt beindruckend. Welcher der schneebedeckten Gipfel der Annapurna ist, weiß ich nicht. Ist mir heute auch egal. Ich habe meine Tage, bin deprimiert und huste immer noch. Das scheint also doch eine Erkältung zu sein und keine Allergie. Trotzdem kann ich nicht anders: ich muss in dieser fantastischen Umgebung einfach glücklich sein! Der Anblick der majestätischen Berge lässt mich meine Depressionen vergessen.

Mit wenig Energie erledige ich in den nächsten Tagen eine weitere Visaverlängerung. Ich bemühe mich auch, jemanden zu finden, der den Trek mit mir macht. Doch die eine Deutsche, mit der ich darüber spreche, geht schon am nächsten Tag los. Ich aber habe Fieber und verschiebe meinen Aufbruch. Zwei Tage verbringe ich im Bett. Nur morgens gehe ich kurz zur German Bakery, um mir dort Käsekuchen zu kaufen. Gegen 11:00 Uhr kommt er immer ganz warm aus dem Ofen.

Die meiste Zeit aber liege ich auf meinem Bett und lasse mir das Essen aufs Zimmer bringen. Viel Appetit habe ich nicht. Zudem bringt mich eine Mücke fast um den Verstand. Immer summt sie direkt an meinem Ohr. Doch wenn ich sie erschlagen will, ist sie weg. So komme ich kaum zum Schlafen. Endlich erwische ich die Mücke. Doch am nächsten Abend ist eine neue da. Ich bekämpfe meine Erkältung mit heißer Milch mit Honig und etlichen Aspirin, die ich in der nahen Apotheke kaufe. Dort kann ich mich auch wiegen. Ja, ich habe schon gut abgenommen! Jetzt bin ich gespannt, wie viel ich nach dem Trekking wiegen werde.

Als ich erfahre, dass ein Engländer in der Pension abgestiegen ist, setze ich mich zu ihm auf die Dachterrasse. Er hat eine Flasche Whiskey dabei, von der er mir großzügig einschenkt. Es ist wundervoll, sich so nett zu unterhalten und dabei auf die Berge zu blicken! Die Luft ist angenehm mild. Der Engländer meint, dass man normalerweise die Berge jetzt im März gar nicht sehen kann, weil sie dann im Dunst verschwinden. Was habe ich doch für ein Glück!!

29.03.92 Annapurna-Circuit:  Es geht los!

Am nächsten Morgen will ich aufbrechen, egal wie schlecht es mir geht. Doch der Whiskey scheint geholfen zu haben. Ich wache ohne Kopfschmerzen und ohne Fieber auf! Ich bin ganz nervös, als ich mich von meinen Wirtsleuten verabschiede und zum Busbahnhof gehe. Dort entscheide ich mich für den etwas komfortableren Mini-Bus. Allerdings muss ich eine Fahrtkarte bis Kathmandu bezahlen, auch wenn ich schon nach 1 Stunde in Dumre aussteige. Aber so teuer ist das gar nicht. Irgendwie habe ich ein etwas ungutes Gefühl, weil ich mich so ganz alleine auf den Weg mache, und versuche mich mit möglichst viel Komfort und Annehmlichkeit zu beruhigen.

In Dumre, was eigentlich nur ein großes Dorf an der Hauptstraße nach Kathmandu ist, gibt es ein paar Läden und LKWs. Ich frage nach dem Bus nach Besisahar. Besisahar ist der Ort, wo die Straße in den Bergen endet und von wo aus man nur noch zu Fuß weiter kann. Bus? Nein, es gibt nur einen LKW mit einer offenen Ladefläche, mit dem man für wenig Geld mit fahren kann! Mühsam klettere ich auf die Ladefläche und suche mir einen Platz an der hohen Wand. Es sind noch andere Westler da, die, um besser sehen zu können, teilweise halb draußen hängen oder sich auf dem Dach des Führerhauses festhalten. Dazu kommen noch viele Einheimische. Es gibt kaum Platz zwischen uns. Als der LKW los fährt, bekommen wir schnell die Folgen der letzten trockenen Tage zu spüren. Von der unbefestigten Straße werden große Mengen Staub aufgewirbelt. Wie gut, dass ich immer ein Kopftuch dabei habe! Das wickele ich mir so um meinen Kopf und mein Gesicht, dass ich gerade noch gucken kann.

Auf der LKW-Ladefläche

Auf der LKW-Ladefläche

Als der Wagen an einem Kontrollpunkt hält, klettere ich mit den anderen Westlern raus. Denn wir müssen unser Trekking-Permit vorzeigen und von den Soldaten abstempeln lassen. Ich habe Mühe, anschließend wieder auf die Ladefläche zu kommen. Meine Beine sind ganz steif und ich merke auch, dass ich noch nicht fit bin. Die nepalesischen Mitreisenden wirken etwas verärgert, weil nur wegen der Westler ein paar Mal angehalten wird. Ich verzichte nach dem 2. Mal auf die Kletterei. Auch wenn die anderen mich erst mal verwundert angucken, es passiert nichts. Kein Polizist kümmert sich um mich. Draußen habe ich genug gesehen, um froh zu sein, dass ich nichts von der Landschaft sehe. Die Straße windet sich an einem Abhang in engen Kurven hinauf in die Berge.

 

Der Ziegenbock

Der Ziegenbock

Erneut hält der Wagen an. Ein Hirte steigt mit seiner Ziegenherde zu. Als der Mann immer mehr Ziegen auf die Ladefläche hebt, protestieren die Nepali. Doch schließlich fährt der Wagen mit einer zusätzlichen Ladung von 10 Ziegen weiter. Die Ziegen lassen vor lauter Aufregung ihre Köttel fallen und entleeren ihre Blasen. Ich sitze einigermaßen trocken. Aber ein Ziegenbock mag mich besonders. Er guckt mich aus bösen gelben Augen an. Ich kann seinen Atem in meinem Gesicht spüren und versuche, ihn wegzuschubsen. Daraufhin dreht er mir sein Hinterteil zu, das ich, weil ich auf der Fläche sitze, direkt vor meiner Nase habe. Ich gebe mir alle Mühe, mir das Vieh auf Distanz zu halten. Ich habe damit mehr Glück als mancher meiner Mitreisenden, die in unangenehm riechenden Pfützen sitzen.

Dann passiert, was uns allen gerade noch gefehlt hat: ein Reifen ist platt! Wir sollen alle aussteigen und der Fahrer sagt, wir sollen warten, bis er das Rad geflickt und aufgepumpt hat. Allerdings gibt es andere, die meinen, dass es bis Besisahar nur noch ungefähr eine Stunde zu laufen ist. Wir Westler gehen zusammen los. Ich bin langsamer als sie, da ich noch etwas wacklig auf den Beinen bin.

Doch auch ich erreiche Besisahar nach ungefähr einer Stunde. In einer einfachen Lodge bekomme ich ein Zimmerchen. Die Wände sind aus Holzbrettern, zwischen denen das Licht durchscheint und der Wind zieht. Das Bett scheint aus Brettern zusammengenagelt zu sein. Eine dünne Matratze und eine Decke sind das Bettzeug. Schrank oder andere Möbel gibt es nicht. Ich packe meinen Schlafsack aus.

In der Lodge serviert man ein einfaches, aber schmackhaftes Essen, das aus Kartoffeln und Blumenkohl besteht. Um 18:00 Uhr wird es schlagartig dunkel. Es gibt nur für ein paar Stunden Strom. Als ich früh ins Bett gehe, liege ich im Dunkeln. Ich kann nicht einschlafen. Immer wieder schrecken mich unbekannte Geräusche auf. Ein Knistern und Rascheln bringt mich auf die Idee, dass hier sicher auch Ratten leben. Nun bin ich völlig wach. Ich krame meine Teelichter aus und zünde eins an. Kaum brennt das Licht, hören die Geräusche auf. Ich schlafe endlich ein. Doch ist das Teelicht abgebrannt, fängt das Rascheln erneut an. Ich zünde das nächste an. Am nächsten Morgen weiß ich, dass diese Teelichter drei Stunden lang brennen, denn ich musste noch ein drittes anzünden. Wie gut, dass ich die dabei habe!

Heute ist der erste richtige Trekking-Tag. Ich habe mir nicht viel vorgenommen und rechne mit ca. 2 Stunden Wandern. Ich will mich am Anfang noch schonen. Dabei steht auch die erste Hängebrücke auf dem Programm. Ich mag keine Hängebrücken, denn ich habe Höhenangst. Für die erste habe ich die Wahl zwischen der alten und der neuen Brücke. Um letztere zu erreichen, muss man einen Umweg von ca. einer halben Stunde gehen. Den nehme ich gerne in Kauf.

Der Weg führt am Anfang weitgehend durch Wald, entlang an einem Fluss. Hier ist das Tal noch dicht besiedelt. Mir begegnen Einheimische, die mit schweren Lasten leichtfüßig an mir vorbeilaufen. Ein Mann hat 4 Kästen Coca Cola auf dem Rücken!! Mit vollen Flaschen!! Die Luft ist angenehm warm. Es lässt sich gut laufen auf dem breiten Fußweg. Ich halte häufig an, um mir die wunderbare Landschaft anzusehen. Der Wald ist nicht sehr dicht. Rhododendron sehe ich allerdings nicht, obwohl in meinen Unterlagen davon geschwärmt wird. Links von mir die Hänge der Himalaya-Berge. Rechts rauscht unten der Marsyangi-Fluss. Die schneebedeckten Gipfel der Siebentausender sind nicht zu sehen, so eng ist das Tal hier.

Das Wetter ist schön: trocken, kühl und, wenn die Sonne scheint, angenehm warm. Ein gutes Wetter zum Wandern. Viele der Leute, die ich in Besisahar gesehen habe, überholen mich während meiner Pausen. Ich bin sehr früh aufgebrochen, aber sie sind schneller als ich. Ich bin ganz zufrieden damit, dass ich alleine gehe, denn so kann ich dann Pause machen, wann ich will, und brauche auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Oder gar hinter jemanden herhecheln, der viel schneller laufen will als ich kann.

Dann erreiche ich meine erste Hängebrücke. Sie ist nicht besonders lang und auch nicht besonders hoch über dem dünnen Flüsslein. Ich schaue sie mir genau an. Will ich wirklich darüber??? Wenn ich’s nicht tue, kann ich den ganzen Trek vergessen. Ich warte, bis niemand mehr auf der Brücke ist. Dann gehe ich langsam und vorsichtig auf die Planken. Die Seile, an denen die Brücke hängt, sind zu weit weg, als dass ich mich daran festhalten könnte. Ich breite vorsichtig meine Arme aus. Es gibt keinen Halt. Schritt für Schritt taste ich mich vorwärts. Zwischen den Brettern kann ich den Fluss unten sprudeln sehen. Nur nicht hingucken!! Immer nur das andere Ende der Brücke im Auge behalten! Ich merke, wie mir der kalte Angstschweiß auf die Stirn tritt. Ich habe fast die Mitte erreicht, als die Brücke ins Schwingen gerät. Hinter mir sind Leute auf der Brücke!! Ich bleibe wie erstarrt stehen. Unwillkürlich laufen mir Tränen die Wangen hinunter. Ich trete einen Schritt beiseite, um den beiden einheimischen Frauen Platz zu machen, die hochbeladen an mir vorbei huschen. Als sie das andere Ende erreicht haben, bleiben sie stehen und drehen sich um. Die eine Frau legt ihre Kiepe ab und kommt zurück auf die Brücke. Warum kommt sie wieder??? Kann sie nicht drüben bleiben, damit die Brücke aufhört zu schwingen???? Mir klopft das Herz bis zum Hals. Steif bleibe ich stehen. Da steht die Frau vor mir, lächelt und reicht mir ihre Hand. Zögernd ergreife ich sie. Eigentlich wäre ich lieber alleine mit meiner Angst. Doch diese Hilfe kann ich nicht ausschlagen. Langsam und mit einem aufmunternden Lächeln führt mich die Frau Schritt für Schritt über die Brücke. Als ich endlich drüber bin, heule ich hemmungslos. Die Frauen schultern ihre Kiepen, winken noch einmal freundlich und sind schon weiter, bevor ich dazu komme, ihnen zu danken.

Nur ein paar Minuten sind es bis zum nächsten Ort, wo ich eigentlich übernachten wollte. Doch es ist noch nicht einmal Mittag. Ich setze mich vor einem Restaurant auf eine Bank, trinke einen Zitronentee und beruhige mich langsam. Ich habe eine Liste dabei, auf der ich sehen kann, wie viele Kilometer es von Ort zu Ort sind und wie lange man dafür braucht. Ich schreibe hinter diese Zahlen genau, wie lange ich für die Strecke gebraucht habe. Ich will wissen, ob ich schneller oder langsamer bin als vorgesehen und als die anderen Wanderer. Außerdem kann ich dann besser einschätzen, wie lange ich für manche vor mir liegende Strecke brauche.

Nachdem ich mich eine Weile ausgeruht habe, nehme ich meinen Rucksack und gehe weiter bis zum nächsten Ort Bulbule: eine Stunde Marsch und eine weitere Hängebrücke warten auf mich. Ich erfreue mich an der schönen Landschaft, auch wenn ich in dem engen Tal nicht viel davon sehen kann. Die Sonne scheint. Die Luft ist erfüllt von dem Gesang der Vögel. Hoch oben zieht ein Raubvogel seine Kreise. Hier sind überall noch viele Leute unterwegs: Einheimische und Westler.

Die zweite Hängebrücke an diesem Tag ist sehr viel höher und weiter als die erste. Wieder stehe ich minutenlang vor ihr und warte, bis sie ohne Menschen ist. Das ist sie eigentlich die meiste Zeit. Trotzdem kann ich mich nicht entschließen hinüber zu gehen. Auf der anderen Seite befindet sich ein Guesthouse mit einer Terrasse hoch über dem Fluss. Das sieht so aus, als könne ich da gut den Nachmittag verbringen. Doch ich stehe immer noch auf der anderen Seite. Ich weiß ja, dass es ziemlich dumm von mir ist, so lange zu zögern, und dass die Angst dadurch noch schlimmer wird.

Das Foto: Ulrike auf ihrer zweiten Hängebrücke im Himalaya

Das Foto: Ulrike auf ihrer zweiten Hängebrücke im Himalaya

Ich hole tief Luft und gehe los. Hier habe ich wenigstens die Möglichkeit, mich an einem Seil festzuhalten. Trotzdem wieder das gleiche: ich strecke beide Arme aus und balanciere mich Schritt für Schritt über die Bretter. Ein, zwei Male muss ich stehen bleiben, weil mich jemand überholt. Ich bin ruhiger jetzt, kein Angstschweiß, keine Tränen. Drüben, auf der Terrasse der Lodge sitzen einige Leute, die meinen Fortschritt aufmerksam verfolgen. Als ich fast die Hälfte geschafft habe, steht ein junger Mann auf und geht mir auf der Brücke entgegen. „Was will der Idiot?“ denke ich böse. Der Mann bringt ja nur die Brücke zum Schwingen und ich fange an zu schwitzen. Da hat er mich erreicht. Er sagt ganz freundlich zu mir, wenn ich ihm meinen Fotoapparat geben würde, dann würde er ein Foto von mir auf der Hängebrücke machen. Ich blaffe ihn ziemlich unhöflich an, dass er von der Brücke verschwinden und mich in Ruhe lassen solle. Mein Fotoapparat befindet sich ganz unten im Rucksack und ich denke nicht im Traum daran, mitten auf dieser wackeligen Hängebrücke den Rucksack abzunehmen und meine Kamera auszupacken! Er guckt ganz erschrocken und dreht um. Ich gehe ihm langsam hinterher. Mit jedem Schritt wird mir bewusster, dass so ein Foto als Dokumentation meiner Abenteuer und meines Mutes gar nicht so schlecht wäre.

Endlich habe ich es geschafft! Ich gehe auf die Gruppe junger Leute zu, setze meinen Rucksack ab und entschuldige mich für mein ruppiges Verhalten von eben. Nachdem ich alles erklärt habe, kann mir der junge Mann, ein Franzose, verzeihen. Er ist sogar bereit, doch ein Foto zu machen. Dazu gebe ich ihm meinen Fotoapparat, setze den Rucksack noch einmal auf und gehe ein paar Meter zurück auf die Brücke. Dann kann ich mich endlich in Ruhe auf der Terrasse niederlassen. Ich trinke einen Zitronentee und esse ein leckeres Curry aus Blumenkohl und Kartoffeln. Ein Bett für die Nacht bekomme ich hier auch.

Es ist so schön, hier zu sitzen und zu beobachten, wie andere Wanderer die Brücke bewältigen! Ich bin anscheinend nicht die Einzige, die Schwierigkeiten mit Hängebrücken hat. Ich kann es gar nicht fassen, dass ich hier 4 Stunden von der nächsten Straße entfernt mitten im Himalaya sitze!! Mir tut ein wenig der Rücken weh. Aber ich habe das Gefühl, dass mir das Wandern sehr gut bekommt. Ich fühle mich stark und gesund. Nur die Nacht wird wieder sehr unruhig. Unter meinem Zimmer befindet sich anscheinend ein Ziegenstall. Da der Wind durch alle Ritzen zieht, ist der Gestank nicht so schlimm. Aber der Lärm weckt mich häufig. Ich habe natürlich auch wieder Angst vor Ratten. Doch meine letzten Teelichter will ich mir für Notfälle aufheben.

Ich bin am nächsten Morgen die erste, die wach wird. Ich lasse mir von der Wirtin eine Kanne Zitronentee kochen, die ich in meine Wasserflasche umfülle. Dann gehe ich beim ersten Licht der Dämmerung los. Die Luft ist klar und frisch.

Annapurna 4Zuerst geht es meistens bergauf. Das ist ziemlich anstrengend. Aber wenn es bergab geht, rutsche ich mit meinen Schuhen auf dem Sand. Ich gehe langsam und mit vielen Pausen. Wieder überholen mich die anderen Wanderer. Aber nach meinen Unterlagen bin ich nicht langsam, sondern befinde mich genau in den angegebenen Zeiten. Nach der ersten Hängebrücke an diesem Tag geht es steil bergauf nach Bahundanda. Die Hängebrücke liegt noch bei 950 m Höhe, Bahundanda dann schon auf 1300 m. Bevor ich den Ort erreiche, der auf dem Gipfel eines kleinen Bergrückens liegt, mache ich eine späte Frühstückspause. Bei strahlendem Sonnenschein sitze ich vor dem Restaurant auf einer einfachen Holzbank, trinke meinen Tee und esse ein bisschen Fladenbrot. Das Tal ist weit genug, um einen Blick auf die im Sonnenlicht glitzernden Schneefelder der Gipfel zuzulassen. An den Hängen sind Felder in Terrassen angelegt. Ziegen zupfen an den trockenen Büschen. Schwarzweiße Kühe, die mich an Deutschland erinnern, stehen auf den grünen Weiden. Ich kaufe mir bei einem Jungen einen schönen Wanderstab. Ich habe ein schlechtes Gewissen deshalb, denn ich weiß, dass dafür, also für uns Touristen, junge Bäume zerstört werden. Aber der Stock ist mir bei diesen schwierigen Pfaden eine große Hilfe.

Immer höher, immer weiter! Nette und nicht so nette Wanderer, Akklimatisierung an die Höhe und Höhenkrankheit, Ein Flug durch den Himalaya… Wie es weiter geht, lest Ihr nächste Woche!

Wikipedia:

Die komplette Runde kann von durchschnittlich akklimatisierten und konditionell vorbereiteten Trekkern in 18 bis 21 Tagen begangen werden und gilt als eine der schönsten und abwechslungsreichsten der Welt. Der größte Teil der Strecke führt durch das Gebiet des Annapurna Conservation Area Project (ACAP), dem ersten und größten Landschaftsschutzgebiet Nepals.[1]

Die meisten Trekker starten von Besisahar (780 m) es geht über die Orte Khudi (820 m), Tal (1620 m), Pisang (3180 m) und Manang (3530 m) auf den Pass Thorong La (5416 m). Über den heiligen Pilgerort Muktinath (3790 m), die Distrikthauptstadt Jomsom (2770 m), und Marpha (2680 m) kommt man schließlich nach Tatopani (790 m), welches für seine heißen Quellen berühmt ist. Ein letzter Aufstieg über den Ghorepani Deorali (Pferdetränkenpass) auf 2874 m führt zum 1070 m hoch gelegenen Endort Birethanti, von dem aus Taxis oder Busse nach Pokhara fahren.

Der Trek führt die meiste Zeit – mit Ausnahme der direkten Umgebung des Thorong La − durch kultiviertes, besiedeltes Land. Einkehr- und Schlafmöglichkeiten sind überall in reichem Maße vorhanden, so dass der Trek logistisch kein Problem darstellt. Trotzdem kann er auch mit sogenannten Porterguides gegangen werden, die nicht nur einen Teil des Gepäcks tragen, sondern auch kulturelle Vermittler sind

Zum Beginn meiner Großen Reise: 06.04.1991 – Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 19.03. – 23.03.1992 Nashörner im Chitwan Nationalpark

Zur zweiten Etappe meine Annapurna-Circuit: April 1992: Der Annapurna-Circuit Teil 2

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