April 1992: Annapurna-Circuit 2

Weiter geht’s! Höher, immer höher! Die Gletscher der Siebentausender scheinen zum Greifen nah. Das Schönste ist es, ganz früh morgens im ersten Sonnenlicht unterwegs zu sein. Die noch kalte, knierschende Luft tief einzuatmen und in die überwältigende Natur zu schauen. Von Tag zu Tag, Stunde zu Stunde fühle ich mich stärker. Ich genieße es, alleine unterwegs zu sein, fühle mich fast gestört, wenn ich mal einige Zeit nicht alleine gehe. Alleine kann ich bei jeder Eidechse, jedem Schmetterling stehen bleiben, staunend dem Flug der Adler folgen und mich auch mal hinsetzen und glücklich dem Gluckern eines kleinen Baches lauschen. Je höher ich komme, desto häufiger liegen am Wegesrand die sog. Om-Steine, die ein Gebet in den Himmel schicken. Es ist eine sehr tibetisch geprägte Gegend, mit Stupas und eben diesen Om-Steinen. Ich fühle mich glücklich und beschwingt am Annapurna-Circuit bis, ja bis…

Gebetsmühlen

Aus meinem Reisetagebuch 1992

Bis Bahundanda bin ich ungefähr drei Stunden unterwegs. Im Ort schaue ich mich nur kurz um, dann gehe ich weiter. Der Pfad hinunter ist ein ausgetrocknetes Bachbett, sehr schwierig zu gehen. Es geht sehr steil hinunter. Ich bin froh, dass ich den Stock habe. Als ich endlich unten bin, zittern mir die Knie. Es ist anstrengender, hinunter als rauf zu gehen. Jetzt ist der Weg eben und bis Syange auch ohne große Höhenunterschiede. Nach Bahundanda kommt natürlich noch eine Brücke. Und als ich eigentlich auch bald Syange erreichen müsste, kommt noch eine.

Wieder eine Hängebrücke, die hoch oben über den tosenden Marsyangi-Fluss führt. Schon von weitem sehe ich eine Herde Ziegen, die ein Hirte über die Brücke treibt. Die Ziegen habe lange, zottige Haare. Unter lautem Gemecker und dem Bimmeln der Glocken, die sie umgebunden haben, staken sie hinüber. Ich warte, bis sie am anderen Ende angekommen sind, bevor ich die sanft schwingende Brücke betrete. Sie ist in einem schlechten Zustand. Die Planken sehen nicht sehr zuverlässig aus. An manchen Stellen sind kurze Bretter über weite Löcher genagelt. Zwischen den Planken kann ich unten, weit unten, den Fluss wie ein schmales Band zwischen dicken Felsbrocken sehen. Wieder taste ich mich Schritt für Schritt über die Brücke. Angestrengt bemühe ich mich, meinen Blick immer nur auf die nächsten zwei Schritte zu richten. Ich habe zwar das Gefühl, dass es mit jeder Brücke besser wird. Aber diese Brücke stellt hohe Anforderungen an meine Nerven. Sie ist besonders lang und besonders hoch.

Da ich denke, dass Syange ein richtiger Ort ist, gehe ich an den zwei, drei Lodges, die ich hier sehe, vorbei und weiter am Flussufer entlang. Der Himmel bewölkt sich zusehends. Hohe, dunkle Wolken ziehen auf. Es wird schon dunkel. Ich bin ziemlich erschöpft von den 7 Stunden Wanderung heute. Syange ist immer noch nicht in Sicht. Der Ort sollte doch ganz dicht bei der Brücke sein! Ich habe auch seit einer halben Stunde keinen Menschen mehr gesehen. Endlich kommt mir ein Einheimischer entgegen. Ich frage ihn nach Syange. Er bedeutet mir, dass ich schon dran vorbei bin. Bis zum nächsten Ort ist es noch mehr als eine Stunde. Die ersten Blitze eines nahenden Gewitters sind zu sehen. Da kehre ich doch lieber um!

Als ich zurück an der Brücke bin, in den zwei, drei Hotels den Ort Syange erkenne und eine Lodge betrete, fängt es an zu schütten. Ein Gewitter in den Bergen ist ein besonderes Erlebnis: es grollt ohrenbetäubend und blitzt gleißend. Ich bin froh, dass ich eine trockene Unterkunft habe. In dem von Petroleumlampen spärlich beleuchteten Restaurant freue ich mich über Kartoffeln und Gemüse.

Als der Regen nachlässt, versammeln sich die Bewohner des Dorfes, das anscheinend hinter der Biegung flussabwärts hinter einem kleinen Hügel liegt, auf der Brücke. Im Rot und Gelb des kurzen Sonnenuntergangs singen sie und die Kinder tanzen auf der Brücke.

Eine Gruppe junger Männer trifft mit großem Lärm ein und zerbricht den Zauber. Sie meckern über alles: die einfachen Betten, das lauwarme Bier, das Essen, die kalten Duschen. Dann kommt auch ihr Träger an: ich stelle fest, dass die drei jungen Männer, groß und muskulös wie sie sind, ihre drei dicken Rucksäcke einem einzigen Sherpa aufgeladen haben. Ich habe schnell keine Lust mehr auf das dumme Gerede der drei und sage ihnen meine Meinung. Sie lachen natürlich nur über mich. Ich setze mich zu dem Sherpa und unterhalte mich mit ihm. Er ist hier nur unterwegs, um das Geld für den Lebensunterhalt seiner Familie zu verdienen. Er sagt jetzt schon, dass er sich morgen von den Männern trennen wird. So schweres Gepäck und nur wenig Verdienst!

Ich gehe etwas frustriert ins Bett und lausche noch lange auf den Lärm. Auf dem harten Plankenbett kann ich kaum richtig liegen. Mir tut alles weh. Mein Schlafsack ist zu warm. Aber er bietet eine weiche Unterlage. Ich bin so erschöpft, dass ich schließlich doch ruhig und tief schlafe.

Begegnung unterwegs

Begegnung unterwegs

Am nächsten Morgen bin ich die erste, die aufbricht. Ich wasche mich kurz in einer Schüssel mit eiskaltem Wasser. Ich sehne mich nach einer Dusche, aber ich will bewusst auf viel heißes Wasser verzichten, weil die Leute hier zum Erhitzen Holzfeuer benutzen, das heißt, sie fällen Bäume, um den Reisenden ein wenig Komfort zu bieten. Aber bei der nächsten Gelegenheit werde ich mir die Haare waschen!

Ich genieße die frische Morgenluft. Die Berge sind klar und deutlich zu erkennen. Es ist so schön, dass ich morgens alleine unterwegs bin! Bunte Vögel begleiten mich mit ihrem Gesang. Auf den Schneefeldern glüht gelb die aufgehende Sonne. Ich könnte die ganze Welt umarmen!

Die Landschaft wird immer fremder. Die meiste Zeit gehe ich weit oben am steilen Hang auf einem schmalen Trampelpfad. Der Weg ist breit genug, dass ich mich sicher fühle. Das Tal ist sehr eng, gleicht einer Schlucht. An manchen Stellen verschwindet der Fluss unter dicken Steinbrocken. Trotzdem ist immer das Brausen des Wassers zu hören.

Ich bin fast ständig allein. Einmal gehe ich für eine Stunde mit einer Australierin, die alleine ist, weil ihre Freunde zu langsam sind. Sie möchte die ganze Zeit beim Gehen reden. Ich habe dafür nicht genug Luft. Ich möchte auch viel lieber die Ruhe der Berge genießen und mal wieder Pause machen. Da geht sie eben alleine weiter. Manchmal begegnen mir Maultierkarawanen. Bergauf sind die Tiere schwer mit Reissäcken beladen, bergab sind sie ohne Last. Die Maultiere haben große Glocken um den Hals gebunden, die ich schon von weitem höre.

Als das Tal etwas breiter wird, führt der Weg durch dünne Wälder. Laut meinem Reiseführer sollen das Eichenwälder sein. Doch von Eichen keine Spur. In der Ferne ist das Schlagen der Äxte zu hören. Es ist ein Geräusch wie aus einem Alptraum. Es erinnert mich daran, dass die Wälder Nepals in rapidem Tempo durch Abholzung verschwinden.

Am frühen Nachmittag erreiche ich Tal. Dieser Ort, der erst durch die vielen Trekking-Touristen entstanden ist, liegt an einer Stelle, wo ein kleiner Fluss in den Marsyangi mündet. Auf einer flachen Wiese stehen ein paar Häuser. Von den steilen Berghängen ringsum fällt ein schmaler Wasserfall. Schon jetzt ist die Sonne hinter den Bergen nicht mehr zu sehen. Der ganze Ort liegt im kühlen Schatten.

Nachdem ich meinen Rucksack in der Lodge abgelegt habe, gehe ich die „Hauptstraße“ entlang. Es gibt einige kleine Restaurants und Souvenirläden. Obwohl ich mir eigentlich keine Souvenirs kaufen will, kann ich an dem Stand einer freundlichen Tibeterin nicht widerstehen. Ich kaufe mir einen Silberring. Dabei komme ich mit ihr ins Gespräch. Ihr Mann arbeitet als Träger für Touristengruppen. Mit dem Geld, das sie verdienen, finanzieren sie die Ausbildung ihrer drei Kinder. Selbst das Jüngste, das erst 5 Jahre alt ist, lebt in einem Internat in Kathmandu. Natürlich vermisst die Frau ihre Kinder, doch sie ist ganz stolz darauf, dass ihre Kinder eine gute Schule besuchen. Einige alte Tibeter gesellen sich zu uns. Sie fragen die üblichen Fragen nach meinem Woher und Wohin, nach meinem Alter und der Zahl meiner Kinder. Die Tibeterin, die gut Englisch spricht, übersetzt für uns. Ich bin beeindruckt von der Ruhe, die die Männer ausstrahlen, und ihren von dem langen Leben an der frischen Luft geprägten Gesichtern.

Ich frage sie, ob ich sie fotografieren darf. Sie nicken erfreut. Natürlich notiere ich mir ihre Adresse mit Hilfe der Tibeterin und verspreche, dass ich ihnen Abzüge schicken werde. Ich weise darauf hin, dass es eine Weile dauern kann, bis ich die Fotos schicke, denn das will ich erst nach meiner Rückkehr nach Deutschland machen (ich habe ihnen tatsächlich 3 Abzüge geschickt, für jeden einen. Aber   ich weiß nicht, ob sie die bekommen haben.)

Ich bin früh müde und gehe bald ins Bett. Die Nacht ist merklich kühler als die vorhergegangenen. Doch mein leichter Schlafsack wärmt mich ausreichend. Ich beschließe, am nächsten Tag nicht so viel zu laufen. Kein Knistern stört meinen Schlaf. Ich habe auch nicht mehr genug Teelichter für eine tägliche Rattenabwehr…

So gehe ich also am nächsten Tag nur ca. 3 Stunden bis Bagarchap. Unterwegs fallen mir die vielen Eidechsen auf. Am häufigsten sind kleine graubraune mit blauen Beinen und einem blauen Schwanz. Ich bleibe oft stehen, um sie mir anzusehen.

Bagarchap ist ein etwas größerer Ort. In der netten Lodge, in der ich absteige, heizt und kocht man mit Propangas. Es ist erst Mittag. Aber ich mache Schluss für heute, da ich auch mal Haare waschen und meine Wäsche säubern muss. Gerade für die Wäsche brauche ich Zeit, damit sie trocknet. Ich bekomme eine Waschschüssel und nutze das Wasser aus einem klaren Bach. Es ist eiskalt. Aber ich kann ein wenig warmes Wasser vom Wirt bekommen. Ich finde eine Leine für die nasse Wäsche auf dem Balkon, der sich im ersten Stock um das Haus zieht.

Das Duschen wird zu einem Abenteuer. Ich melde mich frühzeitig an, denn dann gibt es ein wenig warmes Wasser. Die Dusche selbst ist ein Holzverschlag auf der anderen Seite der „Straße“. Das fließende Wasser kommt von besagtem Bach. Ich erhalte einen Eimer mit heißem Wasser. Dann stehe ich in der Bretterbude, weiß nicht so recht, wo ich meine Sachen hinlegen oder aufhängen kann, damit sie nicht nass werden. Ich winde mich aus meiner Hose und hänge sie zusammen mit allem anderen an einen Nagel in der Wand. Dann übergieße ich mich mit Wasser. Das warme Wasser nehme ich nur für die Haare. Ich bemühe mich, so wenig Shampoo und Seife zu benutzen wie möglich, da das Abwasser in den Bach zurückfließt. Lange kann ich mich nicht in der Dusche aufhalten, denn die Luft ist kühl und das Wasser eiskalt.

Fröstelnd aber frisch gewaschen lege ich mich auf mein Bett und kuschele mich in meinen Schlafsack. Als ich von meinem Nachmittagsschlaf aufwache, ist mein Haar trocken. Dass es nicht besonders gut liegt, interessiert mich schon seit langem nicht mehr.

In der Lodge sind weitere Wanderer eingetroffen. Ich wundere mich, was die Leute alles mit sich in die Berge schleppen! Die meisten scheinen sehr viel mehr Gepäck als ich zu haben. Sogar Kartenspiele haben sie dabei! Ich profitiere davon, denn ich spiele mit. Viele der jungen Leute, die ich unterwegs spreche, klagen über Durchfall und Erkältungen. Das habe ich glücklicherweise schon hinter mir! Ich fühle mich ausgesprochen gesund und stark.

Als ich am nächsten Morgen aufbreche, habe ich einen schlechten Start. Ich vergesse meinen Stock. Den brauche ich auch gar nicht auf diesen Strecken, denn meistens ist der Weg recht flach. Doch ich denke, dass der Weg auch wieder schwieriger wird. Dann werde ich ihn gut gebrauchen können. Also muss ich umkehren und verliere ca. 20 Minuten. An einer Quelle fülle ich meine Wasserflasche. Natürlich gebe ich gleich ein paar Mikropur-Tabletten hinzu. Dann gehe ich durch das Tal, das hier breit und hell ist. Überall gibt es Felder und Weiden.

Eine Stunde ist vergangen und ich denke, dass mein Quellwasser nun trinkbar ist. Auf einer kleinen Rast trinke ich das Wasser, das unangenehm nach Mikropur schmeckt. Danach geht es auf einem bequemen breiten Weg immer bergauf. Nadelwälder und Getreidefelder wechseln sich ab. Manchmal sehe ich dazwischen das leuchtende Rot des Rhododendrons. In dieser Höhe (2.400m) sind die Farben sehr intensiv. Die Sonne strahlt auf die Gletscher, deren Weiß einen blendet, wenn man drauf guckt. Im Schatten wird es recht kühl. Es weht ein scharfer, kalter Wind.

In Chame soll es eine heiße Quelle und ein gutes Hotel geben. Ich träume schon wieder von einer heißen Dusche und einem weichen Bett. Doch als ich in Chame ankomme, muss ich feststellen, dass sich das Hotel, dessen großes Gebäude ich schon von weitem erkenne, auf der anderen Seite des Flusses befindet. Man erreicht es nur über eine lange Hängebrücke. Ich habe heute keine Lust mehr auf Hängebrücken. Da es auch auf dieser Seite ein kleines Dorf gibt und ein paar Lodges, bleibe ich hier.Annapurna

Ich sitze auf einer Bank vor der Lodge und schaue auf die vorbeiziehenden Wanderer. Ich erkenne Leute wieder, die ich schon unterwegs gesehen habe, und winke ihnen zu. Es scheint, als sei ich nicht langsamer als sie. Das beruhigt mich. Ich mache nur häufiger Rast, um die Landschaft auf mich wirken zu lassen. Ich wundere mich immer wieder über die Leute, die ich sehe. Da ist eine junge, elegant gekleidete Frau, die offensichtlich alleine mit einer ganzen Schar von Trägern und Maultieren unterwegs ist. Auf einem der Tiere thront ein roter Kosmetikkoffer. Die vorbeiziehenden Israelis fallen durch ihre Lautstärke auf. Meistens haben sie einen Träger dabei, der gleich mehrere Rucksäcke trägt. Warum tragen diese jungen, starken Männer ihre Rucksäcke nicht selbst?

Als der Wirt mich fragt, was ich essen möchte, sage ich, dass ich kein Fleisch esse. Das ist hier kein Problem, dann gibt es eben Kartoffeln mit Blumenkohl. Mir schmeckt das sehr gut. Dazu trinke ich wieder Zitronentee. Später kommt noch ein Franzose. Wir sitzen gemütlich am Feuer in der Küche und erzählen uns von unseren Abenteuern. Die Flammen werfen ein warmes flackerndes Licht auf den Franzosen, den Wirt und mich. Es ist sehr gemütlich und warm. Dann bietet der Franzose von seiner mitgebrachten luftgetrockneten Wurst an. Welch ein Duft!! Ich werde schwach. Es ist mir egal, was der Wirt von mir denkt. Obwohl ich gesagt habe, dass ich kein Fleisch esse, nehme ich dankend das Angebot an. Köstlich!! Wie lange habe ich schon nicht mehr so eine leckere Wurst gegessen??!!

Den nächsten Morgen gleich mit einer Hängebrücke zu beginnen, ist nicht einfach. Doch die Hängebrücken gehe ich mittlerweile zielstrebig an. Ich warte nicht mehr lange und lasse keine Angst mehr in mir aufkommen. In der zunehmenden Höhe ist es auch tagsüber trotz der Sonne kühl. Ich ziehe mich wärmer an.

Ich schaffe den Aufstieg hinter der nächsten Hängebrücke innerhalb kürzester Zeit. Manchmal geht nun ein Mann mittleren Alters mit mir. Diesmal bin ich die schnellere und lasse ihn manchmal weit hinter mir. Aber wenn ich Pause mache, holt er mich wieder ein. Er ist sehr nett und es ist schön, mal für eine Strecke eine interessante Begleitung zu haben. Wenn der Weg flach und eben ist, komme ich gut vorwärts. Nur bei den kleinen Steigungen gerate ich schnell außer Atem, wahrscheinlich wegen der Höhe. Bis nach Pisang auf 3.200m Höhe brauche ich fast 6 Stunden.

Die Berge mit ihren Gletschern scheinen jetzt schon fast zum Greifen nahe. Weiße Stupas mit bunten Gebetsfahnen säumen den Weg. In den Dörfern gibt es immer eine Reihe von Gebetsmühlen. Wie schade, dass manche der alten kupfernen Gebetsmühlen durch Milchpulverdosen ersetzt werden mussten! An einer Stelle sehe ich eine Gebetsmühle, die von einem kleinen Bach angetrieben wird.

Pisang ist ein netter kleiner Ort. Ein winziges Wasserkraftwerk sorgt sogar für Strom. Doch fürs Kochen wird Holz benutzt. Da es abends sehr kalt wird, sitzen wir Traveller in der dunklen Stube direkt am flackernden Feuer. Ich gehe früh ins Bett, weil ich Kopfschmerzen habe. Kommen die von dem Feuer oder von der Höhe?? Schließlich bin ich hier schon in mehr als 3.000m Höhe. Nachts muss ich auf die Toilette. Die ist ca. 100 m entfernt auf einer Weide. Ich kenne den Weg vom Nachmittag her. Meine Taschenlampe ist fast am Ende. Bei ihrem schwachen Licht kann ich den dünnen Trampelpfad kaum erkennen. Es ist eisig kalt. Ich bin froh, als ich wieder in meinem Bett liege, wo ich eine zusätzliche Decke über meinen Schlafsack ziehe. Ein paar mal wache ich auf, weil ich keine Luft bekomme und starkes Herzklopfen habe. Höhenkrankheit?? Ich überlege kurz, ob ich besser umkehren sollte. Doch so schlimm ist es auch wieder nicht.

Am nächsten Morgen sind die Bänke vor dem Haus von Raureif überzogen. Im Wassereimer hat sich eine Eisschicht gebildet. Ich lasse mir eine Kanne Zitronentee für meine Wasserflasche kochen und setze mich, bis der Tee fertig ist, ans Feuer. Mit brummendem Schädel breche ich auf. In der frischen Luft wird mein Kopf bald klarer. Wahrscheinlich kommen die Kopfschmerzen nicht von der Höhe sondern vom Rauch des Feuers.

Der Weg geht heute durch dünnen Nadelwald. Die Vegetation wird immer spärlicher. In Omre, wo es ein kleines Flugfeld gibt, ist eine Polizeistation, wo ich mein Trekking-Permit abstempeln lassen muss. Die Polizisten in ihren schmucken Uniformen sind sehr nett. Ich nutze die Gelegenheit für eine kurze Pause.

Hier sieht die Landschaft schon fast wüstenartig aus. Das Tal ist sehr breit. Rundherum die Berge. Die Schneefelder reichen fast bis an den Weg. Die Sonne strahlt intensiv vom blauen Himmel. Ich bin froh, dass ich meinen Hut habe. Die Sonnenbrille habe ich irgendwo verloren. An einer Stelle geht es auf die andere Seite des Flusses. Diesmal ist es eine normale Steinbrücke, die ich überqueren muss. Nicht weit ist es bis Braga, einem Ort, der sich malerisch einen Berghang hochzieht. Überall wehen Gebetsfahnen im kalten Wind.

Noch geht es mir gut. Doch auch die Akklimatisationstage in Manang auf 3.500m Höhe werden mich nicht vor der Höhenkrankheit bewahren. Die nächste etappe wird spannend!

Zur ersten Etappe meiner Großen Reise: 06.04.1991: Es geht los!

Zur ersten Etappe des Annapurna-Circuit: April 1992: Ich wage es! Trekking den Annapurna-Circuit

Auf der nächsten Etappe erlebe ich den Supergau: Von der Angst unterwegs: Höhenkrankheit!

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