25.04. – 01.05.1992 Das fängt ja gut an: Zurück in Indien

Ende April scheint alles auf den Monsun zu warten. Die Luft ist wie elektrisiert, die Menschen nervös. Ich leide unter der unglaublichen Hitze. Fast 40 Grad und es wird immer wärmer! Nach dem freundlichen und ruhigen Nepal ist Indien ein Schock: Gedränge, Dreck und Nerverei! Ich hatte mir doch vorgenommen, mit mehr Freundlichkeit, Toleranz und Geduld in Indien zu reisen. Doch ich habe ganz schnell wieder genug von dem Land und seinen Menschen. Ich meide die Starßen, nehme gerne die Angebot der Touristinformation für preiswerte geführte Ausflüge in Anspruch und ziehe mich häufig auf mein Hotelzimmer zurück. Schön ist auch der Aufenthalt in Lucknow, auch wenn ich dort einige Anlaufschwierigkeiten habe und den örtlichen Bahnhofspolizeichef kennen lerne. Lucknow ist eben ein wenig abseits der Touristenpfade, die Leute sind wenig Touristen gewohnt und bleiben meistens auf Distanz. Absolutes Highlight sind die reifen gelben Mangos, die man an jeder Ecke kaufen kann! Bei der Hitze könnte ich mich fast ausschließlich von den herrlich süßen Früchten ernähren!
So erlebe ich nach dem Anfangsschock einige richtige Glücksmomente in Indien.Varanasi - am Ganges

Aus meinem Reisetagebuch 1992:

25.04. – 29.04.1992 Varanasi

Ich bin müde, mir tun alle Glieder weh, und ich bin schlecht gelaunt, als ich vor dem Bahnhof von Varanasi aus dem Bus steige. Ein Engländer holt mir meinen Rucksack vom Dach. Kaum dass die Ersten ausgestiegen sind, scharen sich Rikscha-Fahrer um sie. Auch ich werde bedrängt. Viele Hände strecken sich nach mir aus. Sie fassen mich an meiner Bluse und zerren mich hin und her: „Rikscha – Madam!“ „Good Hotel – Madam!“ Ich kann mich gar nicht rühren in dem Gedränge. Als mir mein Rucksack gereicht wird, schleudere ich ihn einmal um mich, um überhaupt genügend Platz zu haben, den Rucksack aufzusetzen. Sicherlich bekommt der eine oder andere Inder dabei einen Schlag ab. Sie scheinen mich verstanden zu haben, denn, als ich mich aus dem Getümmel befreie und in Richtung Stadt laufe, folgt mir niemand.

In dem kleinen Hotel, das ich mir in meinem Reiseführer ausgesucht habe, bekomme ich tatsächlich um diese späte Uhrzeit ein Zimmer mit Dusche. Es ist in Varanasi auch in der Nacht sehr viel wärmer als vor zwei Monaten und als in Nepal. Unter der Zimmerdecke hängt ein Ventilator. Ich mag die Dinger nicht, weil ich immer das Gefühl habe, ich erkälte mich sofort, wenn ich den Ventilator einschalte. Also lasse ich ihn vorerst ausgeschaltet. Ich bin so müde und erschöpft von der langen Busfahrt, dass ich trotz Hitze und Straßenlärm tief und fest schlafe.

Nachdem ich mich ausgeschlafen habe, gehe ich morgens rüber zum Tourist Bungalow, wo sich auch die Touristinformation befindet. Für den Nachmittag buche ich eine Fahrt nach Sarnath, einem kleinen Ort in der Nähe von Varanasi, wo Buddha seine erste Predigt gehalten haben soll. Die Tour ist ganz preiswert. Als es losgeht, bin ich die einzige Westlerin im Bus. Die anderen Touristen sind indische Familien.

Die Tempel von Sarnath und die Reste einer großen Stupa liegen in gepflegten Anlagen. Das Gras ist sorgfältig kurz gemäht. Der große Bodhi-Baum in der Mitte, der von einer niedrigen Steinmauer umgeben ist, soll ein Ableger des Baumes sein, unter dem Buddha vor 2500 Jahren gepredigt hat. Einige gelb gekleidete Mönche sitzen dort im Gras. Ich bin beeindruckt von der ruhigen Atmosphäre, die Menschen und Gelände ausstrahlen.

Nachdem wir Sarnath besichtigt haben, geht die Fahrt zum Palast des Maharajas von Varanasi am anderen Ufer des Ganges. Der Palast ist noch bis in die 70er Jahre vom Maharaja und seiner Familie bewohnt gewesen, was einige alte Fotos belegen. Doch der Palast verfällt deutlich. Die gelbe Farbe blättert von den Wänden, zwischen den Platten im Hof wächst Unkraut. Beeindruckend ist die Sammlung von alten Kutschen und Autos. Von den Palastmauern habe ich einen schönen Blick auf den Ganges. Die untergehende Sonne taucht alles in goldrotes Licht. Tief atme ich die warme Luft ein, schmecke den Gerüchen Indiens nach und schaue in das träge fließende Wasser des Ganges. Indien kann sooo schön sein!

Die Hitze aber ist manchmal kaum auszuhalten. Nachts habe ich jetzt immer ein Handtuch griffbereit, um mir den Schweiß abzuwischen, dessen Tropfen mir kitzelnd den Hals herunterlaufen und mich wieder und wieder wecken. Ich trinke viel Wasser, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, aber das lässt mich nur noch mehr schwitzen.

An einem Tag bummele ich erschöpft durch die Straßen der Altstadt. In der Yogi-Lodge treffe ich Leute aus Nepal wieder. Das ist sehr nett, denn die Welt erscheint so klein, wenn man viele hundert Kilometer weiter sich wieder begegnet. Ich genieße die üblichen Gespräche in dem dunklen Restaurant des Guesthouses. Doch mittags muss ich mich hinlegen, um der Hitze zu entgehen. Dann rotiert auch schon mal der Ventilator.

Für die Stadtrundfahrt, die ich bei der Touristinformation gebucht habe, muss ich morgens um 5:00 Uhr aufstehen. Um diese Zeit ist die Luft noch angenehm kühl. Im Bus sind wieder nur Inder. Wir fahren zum Gelände der Universität. Die Gebäude liegen ruhig unter blühenden Bäumen. Ich freue mich, dass eine Inderin sich mit mir unterhält. Auch sie leidet unter der Hitze. Die Fahrt bringt uns zu einigen Tempeln, die etwas außerhalb liegen. Die Gebäude sind wunderschön und die blühenden Bäume mit den vielen Vögeln beeindrucken mich sehr.

Mittags bin ich wieder im Hotel und ruhe mich schwitzend unter dem rotierenden Ventilator aus. Dann fahre ich zum Geldwechseln mit einer Rikscha zu einem Seidengeschäft, von dem mir jemand erzählt hat. Natürlich will der Fahrer wieder ganz woanders hin und ich muss ihn mühsam überreden, mich zu meinem Ziel zu bringen. Der Ladenbesitzer ist ein netter gebildeter Mann, mit dem ich Tee trinke und mich gut unterhalte. Die Seide ist wunderschön. Die leuchtenden Farben mag ich sehr. Aber ich kaufe nichts. Ich klage dem Mann mein Leid mit den Rikscha-Fahrern. Die würden doch sicher mehr Geschäfte machen, wenn sie sich anders verhalten würden, nicht so aufdringlich wären und wirklich ohne Diskussionen dahin fahren würden, wo man hin will. Mir geht es jedenfalls so, dass ich Rikscha-Fahrten nach Möglichkeit vermeide und lieber auch eine weite Strecke zu Fuß gehe.

Meine nächste Station soll Lucknow sein. Der Ort erfüllt meine Vorstellung von einer Stadt, die nicht zu weit entfernt ist – wenige Stunden mit dem Zug. Es scheint abseits von den üblichen Travellerpfaden zu liegen und außerdem hat mich Josef beauftragt, dort bei der Bahnhofspolizei nach dem Protokoll über den Diebstahl seiner Kamera nachzufragen.

29.04. – 01.05.1992 Lucknow

Der Zug nach Lucknow fährt morgens um 5:15 Uhr!!! Was ich am meisten beim Reisen hasse, ist die Tatsache, dass ich häufig zu völlig unmöglichen Zeiten aufstehen muss, und dass die Bus- bzw. Bahnfahrten immer so lange dauern. Obwohl: diese heute dauert nur 5 Stunden. Also bin ich schon am Vormittag in Lucknow.

Der Bahnhof von Lucknow 1992

Der Bahnhof von Lucknow 1992

Ich habe wenig Ahnung von dem, was mich in Lucknow erwartet. In meinem Reiseführer steht nicht viel. Das Hotel, das ich suche, finde ich nicht. Die Hitze und der schwere Rucksack, kombiniert mit der Tatsache, dass ich früh aufgestanden bin, machen mich äußerst schlecht gelaunt

Nach einer weiteren halben Stunde zu Fuß durch die heiße und staubige Stadt finde ich nicht weit vom Bahnhof ein kleines Hotel. Der dicke Wirt ist ganz erstaunt, dass ich bei ihm absteigen will. Eine Frau alleine im Hotel?? Für die meisten Inder ist das ziemlich seltsam. Ich bekomme trotzdem mein Zimmer, das leider zur viel befahrenen Straße liegt.

Ich schmeiße meinen Rucksack aufs Bett und ziehe noch mal los. In einem Obstladen in der Nähe kaufe ich mir reife gelbe Mangos, einen Granatapfel, Weintrauben und Limonen. Alles schneide ich auf meinem Zimmer in kleine Würfel und esse diesen Obstsalat nach und nach auf. Das Fenster lasse ich geschlossen. So kommt die Hitze nicht rein und der Lärm von der Straße auch nicht. Leise vor mich hin schwitzend liege ich auf dem harten Bett und überlege, welche Orte ich als nächste besuchen möchte. Ich will auf jeden Fall nach Rajasthan. Doch vorher will ich die berühmten Tempel von Kajuraho besichtigen. Dann führt der weitere Weg am besten über Sanchi (Stupa aus der Zeit Kaiser Asokas) und Indore nach Jaipur in Rajasthan. Danach Udaipur und Jaisalmer?? Ich bin schon ganz gespannt!

Am nächsten Morgen bin ich viel zu müde, um frühzeitig bei der auch hier möglichen Stadtrundfahrt zu sein. Egal! Dann erledige ich erst mal den Auftrag von Josef und gehe zur Bahnhofspolizei. Der alte Bahnhof scheint voller Büros zu sein. Endlich weist mir ein freundlicher junger Mann den Weg in einen dunklen Gang. Die grüne Ölfarbe, die bis in Brusthöhe die Wand schmückt, blättert, die Decken sind sicher seit den Engländern nicht mehr gestrichen worden.

Ein wichtig und gewichtig aussehender Mann in dunkler Uniform sitzt an einem großen dunklen Holzschreibtisch. Ein wenig Licht dringt durch ein kleines ungeputztes Fenster hoch oben in der Wand. An der Decke surrt der Ventilator. Trotzdem ist es heiß und stickig. Auf einer Bank sitzt eine junge Frau im Sari und weint. Ein Polizist bringt ihr ein Glas Wasser.

Ich schildere dem Mann hinter dem Schreibtisch mein Anliegen. Wie gut, dass er Englisch spricht! Ich kann das Aktenzeichen und alle Daten von dem Diebstahl vorlegen. Der Mann nickt, ja, da war was. Er bittet mich zu warten. Ich setze mich zu der jungen Frau. Vielleicht hilft es ihr, wenn eine Frau sich um sie kümmert. Sie kann leider kein Englisch. Aber sie guckt mich mit einem schwachen Lächeln an, als ich ihr sanft über den Arm streichele. Ich frage mich, was mit ihr ist. Sie scheint ganz alleine zu sein, was sehr ungewöhnlich für eine indische Frau ist.

Endlich kommt der Polizist wieder. Er serviert mir einen schwarzen Tee und zeigt mir den handschriftlichen Eintrag in einem dicken Buch. Ja, dort ist der Diebstahl eingetragen! Doch als ich ihn bitte, mir das dazugehörige Protokoll zu kopieren, sagt er, dass ich das nur in Allahabad bekommen kann, der nächsten größeren Stadt. Ich versuche, ihn zu überreden, aber er lacht nur noch bedauernd. Ich gucke mich um: ob es hier überhaupt ein Kopiergerät gibt?? Das neueste Gerät, das in diesem mit schweren dunklen Holzmöbeln ausgestatteten Raum steht, ist ein schwarzes Telefon mit Wählscheibe. Eine alte Schreibmaschine, die in Deutschland sicher der Stolz eines Heimatmuseums wäre, steht auf einem Tisch an der Wand. Kaum zu glauben, dass es hier schon Elektrizität gibt!

Und doch! Als ich aus dem dunklen Bahnhof ins Licht trete, stehe ich vor einem modernen Glasgebäude, in dem sich die Fahrkartenschalter befinden. Merkwürdigerweise muss ich vor dem Betreten meinen Tagesrucksack abgeben. Zwei Polizisten bewachen den Eingang. Ich mag meinen Rucksack, der so wichtige Dinge wie meine Kamera und mein Tagebuch enthält, gar nicht gerne aus der Hand geben. Aber anders komme ich nicht rein, um mir meine Fahrkarte für morgen nach Jhansi zu kaufen. Von Jhansi aus kann ich den Bus nach Kajuraho nehmen. Als ich dann an dem richtigen Schalter – für Frauen und Ausländer – stehe, bin ich ganz überwältigt von der Sauberkeit und den technischen Möglichkeiten. Hier gibt es tatsächlich Computer! Ein freundlich lächelnder junger Mann überreicht mir meine Fahrkarte. Anschließend bekomme ich meinen Rucksack heil und ohne Verluste zurück. Ich erlebe einen Glücksmoment, der mich wieder unternehmungslustig macht.

Da ich die Stadtrundfahrt verpasst habe, engagiere ich mir eine Fahrrad-Rikscha. Ich handle einen pauschalen Preis für den Nachmittag aus, der gar nicht so hoch ist. Der Fahrer ist ganz erfreut, dass er für ein paar Stunden einen Gast hat. Ich lasse mich gerne durch die breiten Straßen Lucknows fahren. Hier scheint das Elend nicht ganz so schlimm zu sein wie in anderen indischen Städten. Überall säumen rot blühende Flammenbäume den Weg. Es sind nur wenige Frauen zu sehen, denn hier ist der größte Teil der Bevölkerung muslimisch. Sehenswert sind einige alte Paläste im Stadtzentrum und die britische Residenz. Alles wunderschön! Mich beeindrucken die vielen in leuchtenden Farben blühenden Bäume und Büsche am meisten. Überall rotviolette Bougainvilleen, dunkelrote Amaryllis, Canna und Oleander. Manche Blumen duften wunderbar. Weiße Frangipani-Blüten… Ich kann mich gar nicht satt sehen! Dazu die eleganten Kuppeln der Moscheen und Paläste!

Auf dem Weg zurück zum Hotel kaufe ich mir wieder Mangos. Wie praktisch doch mein kleiner Emailleteller ist! Nicht zu vergessen: mein Schweizer Taschenmesser. Damit kann ich mir ein leckeres Abendessen machen. Wahrscheinlich ist mein Rucksack unter anderem deshalb so schwer, weil ich eben diese „Küchenausrüstung“ mitschleppe. Ich habe in einem gelben Täschchen auch immer einen Löffel dabei. Da sind außerdem so nützliche Dinge wie Salz und Zucker drin. Den Teller packe ich im unteren Rucksackfach oben drauf, so dass alles darunter vor Stößen geschützt ist. Ich bin ganz stolz auf meine Ausrüstung und schleppe sie nun auch schon seit langem ohne großes Murren mit mir.

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 13. – 24.04.1992: Nepal, bunt und freundlich

Zur nächsten Etappe: Indien: Verstörende Begegnungen 

Zu Indien und seinen Frauen: Indiens Frauen

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