Baiyun Guan – Tempel der Weißen Wolke

Peking abseits der Touristenpfade:

Der Tempel der Weißen Wolke

Ruhe umgibt mich. Vögel zwitschern. Die Sonne strahlt. Zur Ruhe kommen! Die Stille genießen! So erlebe ich den Tempel der Weißen Wolke an einem Tag im September 1992. 1,5 Jahre Reisen durch Asien liegen hinter mir. Nun geht es bald nach Hause! Eine Zeit des Erinnerns und Nachdenkens. Was war? Was wird kommen? Da ist der größte daoistische Tempel mit seinem schönen Garten ein wunderbarer Platz für mich. Weitab von den Touristenströmen, die auch damals schon Peking bevölkern. Weitab von dem rauschenden Verkehr der Mega-Metropole.

Ich 1992 im Tempel der Weißen Wolke

Ich 1992 im Tempel der Weißen Wolke

21 Jahre danach besuche ich wieder den Tempel der Weißen Wolke. Diesmal ist viel Unruhe im Tempel, denn er wird renoviert. Da donnert der Presslufthammer und die Kiesel rollen tönend aus ihrem Container. Trotzdem: Die daoistischen Mönche scheinen unberührt von dem Lärm. Manche arbeiten selbst mit, manche sitzen an den Toren der alten Hallen und passen auf, dass niemand sich ungehörig benimmt. Einige Gläubige haben Räucherstäbchen angezündet. Der würzige Duft zieht zusammen mit zarten Rauchfahnen durch die Höfe.

Daoismus

Der Daoismus gilt als die ureigene Religion und Philosophie der Chinesen. Seine Ursprünge liegen in verschiedenen Ideen und Lehren, die teilweise mehr als 3.000 Jahre alt sind. Dazu gehören u.a. die Lehre vom Qi (der Energie, wie es heute auch im Qigong praktiziert wird), das Verständnis von den Gegensätzen Yin und Yang, die sich ergänzen und nur in Ausgeglichenheit positiv wirken. Ziel des Daoismus ist es, durch die verschiedenen Praktiken Unsterblichkeit zu erlangen. Dabei spielte auch die Alchemie eine große Rolle, mit der Pillen entwickelt wurden, die Unsterblichkeit versprachen. Leider starben viele Mönche damals, weil den Pillen Quecksilber beigemischt wurde.

Den Eingang bildet dieses großartige Tor. Die Inschrift in der Mitte ganz oben heißt 洞 天胜 竟 Dongtian Shengjing

Den Eingang bildet dieses großartige Tor. Die Inschrift in der Mitte ganz oben heißt 洞 天胜 竟 Dongtian Shengjing damit wird im Daoismus ein Platz bezeichnet, in dem die daoistischen Heiligen in Ruhe die Lehren befolgen. Es heißt, dass die Mönche hier die Sterne und den Mond beobachteten. Wenn man durch dieses Tor tritt, heißt es, dann verlässt man die äußere Welt und gelangt in eine spirituelle Welt.

Alle Philosophien, Übungen und Ideen wurden erstmals im 2. Jahrhundert n. Chr. von Zhang Daoling zusammengeführt und zu einer Religion entwickelt. Es entstand der Quanzhen-Daoismus, der heute die stärkste Richtung in China ist. Hier wird die Unsterblichkeit nicht körperlich sondern metaphysisch verstanden.

Laozi, der Alte vom Berg

Bekannt ist uns Laozi (Lao-tse, der Alte vom Berg) als Begründer der daoistischen Philosophie. Laozi soll im 6. Jh. v. Chr. gelebt haben. Er wird in den Tempeln als alter Mann mit einer hohen Stirn und einem Stock dargestellt. Das berühmte Daodejing, eine antike Weisheiten-Sammlung, gilt als sein Werk. Daoisten glauben an die Existenz des allumfassenden und immerwährenden „Dao“ (Weg, Einsicht), das alles einschließlich des Himmels und der Erde entstehen lässt. Sie streben durch Meditation und andere Praktiken nach Unsterblichkeit.

Der Daoismus steht auch im Zusammenhang mit der Ahnenverehrung. Bis zur Tang-Dynastie ließen sich die chinesischen Kaiser als Nachkommen von Laozi verehren. Viele Götter, die ihren Einzug in die Daoistischen Tempel gefunden haben, waren tatsächlich Menschen, die aufgrund ihrer Verdienste verehrt wurden. Im Laufe der Jahrhunderten wurde aus dieser Ahnenverehrung die Vergöttlichung.

Als Beispiel soll hier die Geschichte der Meeresgöttin Mazu (Tian Hou) dienen. Um die Tochter eines Fischers ranken sich zahlreiche Legenden. Sie wurde 960 geboren. Eine der Legenden handelt davon, dass sie, als ihre Brüder und ihr Vater mit ihrem Boot in Seenot gerieten, mit schier übermenschlichen Kräften diese gerettet hat. Heute wird sie vor allem von Fischern und Seeleuten als Schutzpatronin verehrt. An den Küsten Chinas gibt es ihr zu Ehren zahlreiche Tempel.

Tradition der Daoistischen Tempel in China

Bereits im 8. Jh. wurden in allen größeren Städten des Reichs der Mitte große daoistische Tempel erbaut. Dabei hatte auf die Gestaltung und das Leben in diesen Tempel der damals blühende Buddhismus großen Einfluss. Für einen Laien ist es deshalb manchmal schwierig, einen buddhistischen Tempel von einem daoistischen zu unterscheiden. Neben den zahlreichen sehr unterschiedlichen verehrten Figuren gibt es einen schnell ins Auge fallenden Unterschied: Die buddhistischen Mönche tragen gelbe oder braune Roben, die daoistischen sind meistens komplett schwarz gekleidet. Außerdem scheren sich die Buddhisten den Kopf, die Daoisten lassen ihre Haare wachsen und binden sie zu einem Knoten auf dem Kopf zusammen.

Baiyun Guan

Man glaubt, mit bestimmten Praktiken Unsterblichkeit zu erlangen und das Glück beeinflussen zu können. Jeder daoitische Tempel bietet dem Besucher Möglichkeiten, sein Glück in die richtige Richtung zu lenken. Hier: Wenn es einem gelingt, mit einer Münze die Glocke zu treffen, dann ist einem Glück und Wohlstand sicher. Der Schild ist übrigens wie eine alte chinesische Münze geformt. Typisch: das viereckige Loch in der Mitte.

Geschichte des Tempels der Weißen Wolke in Peking

Auch der Tempel der Weißen Wolke (白云观 Baiyun Guan) in Peking entstand schon 739. In der Folge wurde er bis heute mehrfach renoviert, erweitert und verschönert. Den heutigen Namen erhielt der Tempel 1423 nach einem umfangreichen Umbau.

Der jetzige Tempel stammt aus der Ming- und Qing-Zeit. Vor dem Tor steht ein bunt bemalter hölzerner Torbogen mit sieben dekorativen Dächern, flankiert von einem Löwenpaar aus Stein. Der Tempel besteht aus insgesamt 50 Hallen und ist von einer 1.000 Meter langen Mauer umgeben.Baiyun Guan Baiyun Guan Baiyun Guan Baiyun Guan Baiyun Guan Baiyun Guan

Der schöne Garten im hinteren Teil der Anlage wird als Insel der Unsterblichen bezeichnet. Pilger, Touristen und Mönche ruhen sich gerne hier aus. Hier findet auch zweimal im Jahr die Ordination der Mönche und Nonnen statt.

Der Tempel ist heute Sitz der 1957 gegründeten Chinesischen Gesellschaft der Daoisten. Er dient u.a. als Ausbildungsstätte für die Mönche und als Forschungszentrum für den Daoismus. Eine alte Bibliothek, in der viele uralte daoistische Klassiker stehen, ist wichtiger Bestandteil der Forschungen. Überall in den Hallen und Höfen kann man alte Stelen mit wichtigen Inschriften und Texten finden. Heute leben ungefähr 30 Mönche in dem Tempel.

Weitere bedeutende daoistische Tempel befinden sich in Xi’an: Baxian Gong 八仙宫 Tempel der Acht Unsterblichen. Und in Chengdu: Qingyang Gong 青羊宫 Tempel der blauen Ziege. Beide habe ich schon besucht. Es sind Orte der Stille und sie liegen nicht auf dem Plan der Touristengruppen.

Infos (Stand August 2016)

Öffnungszeiten: 08:00 – 17:00 Uhr
Eintrittspreis: 10,- Yuan RMB

Eine Liste der daoistischen Tempel in China findet Ihr auf Wikepedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_daoistischer_Tempel_in_China

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