01. – 03.05.1992 Indien: Verstörende Begegnungen

Orchha 1992 2Meine nächste Station ist Jhansi, kein besonders spektakulärer Ort, aber der nächste Bahnhof, von dem aus man zu den berühmten Tempeln von Khajuraho kommt. Ich sage nur Erotik pur! Aber davon später mehr. Von Jhansi aus kann man auch die alte Fürstenstadt Orchha besuchen. Die vielen Tempel und Paläste möchte ich natürlich sehen! So ergibt es sich, dass ich einen Stopp in Jhansi einlege, trotz mangelnder touristischer Infrastruktur und wenig Informarionen in meinem Reiseführer. So das erklärt die Notwendigkeit, zwei Nächte in diesem Ort zu verbringen, der sich mir ziemlich unerfreulich zeigt. Die Fahrt im überfüllten Bus nach Khajuraho wird zum Abenteuer, das gut zu meinem Artikel „Von der Angst unterwegs: Uniformen“ passt. Indien, naher Monsun und indische Männer – eine Kombination, die zunehmend an meinen Nerven zerrt.

Aus meinem Reisetagebuch 1992

Jhansi

Wieder eine lange Bahnfahrt! Wieder unfreundliche Inder im Zug! Ins Frauenabteil lässt man mich trotz freier Plätze nicht rein. Da sorgt eine alte fette Frau dafür, dass die Abteiltür gar nicht erst richtig aufgeht, als ich dran ziehe. Einen Teil der Strecke stehe ich. Als ich endlich einen Sitzplatz bekomme, sitzt mir gegenüber eine junge Frau mit einem ungefähr zwei Jahre alten Kind. Das Kind, anscheinend ein Mädchen, quengelt leise vor sich hin. Selbst ich als mit Kindern unerfahrene Frau kann sehen, dass das Kind Durst hat. Ob die Mutter nichts zum Trinken dabei hat?? Schließlich reiche ich der jungen Frau meine Wasserflasche und deute auf das Kind. Sie lehnt mit einem Kopfschütteln ab. Aber sie kramt endlich ihre eigene Wasserflasche hervor und gibt dem Kind einen Schluck.

Die Fahrt geht durch die nordindische Ebene. Erstaunt sehe ich, dass hier viel aufgeforstet wird, überall junge Bäume und sogar Wald. Die Erde wirkt ausgedörrt. Bäche und Flüsse sind fast ohne Wasser.

Es ist dunkel, als ich in Jhansi ankomme. Ich weiß zwar den Namen des Guesthouse, wo ich hin will, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wo es liegt. Im Reiseführer gibt es keinen Stadtplan von Jhansi. Der Ort ist zu unbedeutend. Also steige ich ins nächste Taxi und nenne dem Fahrer mein Ziel. Er nickt, da steigt auf der anderen Seite ein dicker Inder in einem weißen Gewand ein. Ich gucke den Fahrer unsicher an: nimmt er jetzt noch mehr Leute mit, um mehr Geld zu verdienen?? Er lacht. Da frage ich den Inder, was er will. Er wolle mit mir ins Hotel, sagt er wie selbstverständlich und langt mit einem Grinsen nach meinem Knie. Ich fauche ihn erbost an, dass er sofort aussteigen solle. Er lacht nur: ich solle mich nicht so anstellen. Ich bitte den Fahrer um Hilfe. Der sagt etwas auf Hindi. Da verlässt der Mann fluchend den Wagen. Ich bin stocksauer.

Das Guesthouse ist glücklicherweise sehr sauber und ruhig. Ich habe ein Zimmer mit eigener Dusche und – ich kann es kaum fassen – Klimaanlage!!!! Eigentlich halte ich auch von Klimaanlagen nicht viel. Sie machen Krach und ich erkälte mich schnell. Aber bei der Hitze, die auch nachts kaum noch nachlässt, ist die Klimaanlage einfach toll!

Jetzt bin ich erst mal hungrig. Ich lasse also mein Gepäck fallen und gehe, um mich in der Nähe des Guesthouses nach einem Restaurant umzusehen. Ich habe keine Vorstellung davon, wo ich bin. Es ist dunkel. Aus einigen wenigen noch geöffneten Geschäften fällt Licht auf die Straße. Aber ich finde kein Restaurant. Ich frage einen Polizisten, der mich aber anscheinend nicht versteht. Er guckt mich nur anzüglich an. Hier scheint man selten westliche Touristen zu sehen. Und schon gar keine westlichen Frauen! Nur Männer auf der Straße und alle starren mich an. Da ich Angst habe, mich in den engen Gassen zu verlaufen, gehe ich langsam und vorsichtig weiter, immer auf der Hut vor Männern, die mir zunahe kommen. Ich finde kein Restaurant, keine Imbissbude. An einem Kiosk kann ich mir zwei Mangos und eine Flasche Limonade kaufen. Das ist dann mein Abendessen.

Dank der Klimaanlage ist es angenehm kühl im Zimmer. Nach einer langen erfrischenden Dusche liege ich auf dem sauberen Bett und schlafe bald ein. Doch kurz nach Mitternacht wache ich durch laute Musik auf. Indische Discomusik dröhnt durch das Guesthouse! Ich warte entnervt darauf, dass es wieder ruhig wird. Als nach einer Viertelstunde immer noch nicht Ruhe ist, stehe ich wütend auf, ziehe mich an und gehe zur Rezeption. Dort sitzt ein junger Mann, neben ihm die Stereoanlage. Ich unterdrücke mühsam meine Wut und bitte ihn höflich, doch die Musik leiser zu stellen. Erst versteht er mich gar nicht. Ich muss schreien, um mich verständlich zu machen. Dann entschuldigt er sich und dreht die Musik ab. Ich gehe zurück auf mein Zimmer, aber ich bin so aufgeregt, dass ich lange brauche, bis ich wieder einschlafen kann.

Ausflug zur Fürstenstadt Orchha
Orchha 1992 3Am nächsten Morgen habe ich verschlafen. Aber ich fühle mich trotz der unruhigen Nacht ausgeruht und tatendurstig. Ich ziehe mir mein Punjabi-Gewand an. Das stellt mich immer wieder vor das Problem, dass es keine Taschen hat. Aber ich habe ja einen Geldgurt, den ich unter dem Kleid und über der Hose trage. Und ein Portemonnaie mit Kleingeld stecke ich in meinen Tagesrucksack, der mir unentbehrlicher Begleiter geworden ist. Dann mache ich mich mit neuem Optimismus auf nach Orchha. Diese alte Stadt liegt ungefähr 1 Stunde Busfahrt von Jhansi entfernt in der Ebene. Die alten Paläste und Stadtmauern sollen eine Sehenswürdigkeit sein, die nur von wenigen Touristen besucht wird.

Auf der Straße hält trotz meines Winkens kein Taxi, keine Rikscha. Was ist hier nur los??!! Also gehe ich zu Fuß die lange Strecke bis zum Busbahnhof. Fast eine Stunde bin ich an dem langsam wärmer werdenden Morgen unterwegs. Aber glücklicherweise finde ich dann gleich den richtigen Bus!

Orchha beeindruckt mich sofort durch seine hohen dunkelroten Stadtmauern. Die große Stadt, die im 16./17. Jahrhundert sehr reich gewesen sein muss, ist heute fast verlassen. Beim alten Maharaja-Palast liegt ein Dorf, das verschwindend klein scheint im Verhältnis zu den Stadtmauern und den Resten der alten Paläste und Tempel.Orchha 1992 4

Ich gehe zum Palast hinauf, der auf einem Hügel über dem Dorf liegt. In dem Palast ist jetzt ein Hotel untergebracht. Das Restaurant, das wie ein alter Saal aussieht mit vielen wunderschönen Verzierungen und Stuck an der hohen Decke, verlockt mich dazu, mir ein ausgiebiges Frühstück mit Blick auf die Ebene zu gönnen. Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeiten der Maharajas. Der Kaffee wird in feinem Porzellan serviert. Ein schwarz gekleideter, vornehm aussehender Kellner kümmert sich liebevoll um mich. So viel Luxus bin ich gar nicht mehr gewöhnt! Ich genieße das gute Frühstück mit Rühreiern und Marmeladentoast. Und schreibe dabei in Ruhe an meinem Tagebuch. Die angenehme, gepflegte Umgebung lässt mich langsam zur Ruhe kommen. Indien kann sooo schön sein!

Dann trifft eine italienische Reisegruppe ein. Ich komme schnell ins Gespräch mit den Leuten. Sie sind voller Bewunderung für mich, dass ich so alleine durch Indien reise. Indien gefällt ihnen ganz gut, aber alleine würden sie sich der Hitze und dem Schmutz nicht aussetzen. Das kann ich gut verstehen und beneide sie ein wenig um all den Komfort ihrer organisierten Reise.

Nach dem Frühstück verabschiede ich mich von der Gruppe und wandere in Ruhe durch den Ort. Alte Mauern und Paläste überall. Die roten Mauern, die rote Erde mit den grünen Bäumen erinnern ein wenig an Fatehpur Sikri. Alle Sehenswürdigkeiten sind sorgfältig in Englisch beschriftet.

Gegen Mittag wird es sehr heiß. Und es ist doch erst Mai! Wie wird das hier im Sommer sein? Mir rinnt der Schweiß in Strömen über das Gesicht. An einem Marktstand kaufe ich mir ein seidenes Band, das ich mir um die Stirn binde, damit es die Schweißtropfen auffängt. Ich muss mittlerweile ziemlich abenteuerlich aussehen: das geblümte Kleid mit Pluderhose, Stirnband und Rucksack.

Fahrt nach Khajuraho
Orchha 1992
Am nächsten Morgen bin ich pünktlich um 8:00 Uhr am Bahnhof, wo der Bus nach Khajuraho abfährt. Oh Schreck! Das sind Menschenmassen, die in den Bus wollen! Der Bus scheint schon voll zu sein. Der Schaffner verkauft die Fahrkarten aus dem vorderen Fenster heraus. Mir gelingt es, ein Ticket zu ergattern. Mein Rucksack wird von einem Helfer des Fahrers auf dem Dach festgezurrt. Ich drängele mich in den Bus. Na, das sieht aus, als ob ich bis Khajuraho mehrere Stunden stehen muss! Ich frage den Schaffner, der mittlerweile im Bus versucht, die Leute zu sortieren, ob im Fahrpreis eine Platzreservierung eingeschlossen ist. Ich weiß ganz genau, dass das nicht der Fall ist. Aber wenn ich auf dumme Westlerin und hilflose Frau mache, hat der Schaffner vielleicht Mitleid mit mir! Tatsächlich winkt er mich auf die Bank neben dem Fahrer, die wohl ihm vorbehalten ist. Ich habe einen Sitzplatz! Langsam kommt Ordnung ins Chaos.

Doch dann steigt noch ein junger Mann in Uniform ein. Er guckt mich an und fordert mich barsch auf, ihm den Platz frei zu machen. Das sehe ich ja nun gar nicht ein! Anscheinend denkt er, dass er aufgrund seiner Uniform einen Anspruch auf diesen Platz hat. Ich bleibe stur sitzen und tue so, als ob ich ihn nicht verstehe. Sein Englisch ist nicht besonders gut. Ich weise auf den Schaffner und sage zu dem Soldaten, dass er sich wegen eines Sitzplatzes an ihn wenden soll. Der scheint das auch zu regeln: der Soldat muss auf der unbequemen Motorabdeckung zwischen mir und dem Fahrer sitzen. Ich bleibe zufrieden wo ich bin.

Die Fahrt geht endlich los. Hinter mir drängen sich noch etliche Menschen, die keinen Sitzplatz haben. Der Bus ist völlig überfüllt. Der Soldat sitzt ziemlich nahe bei mir und versucht noch weiter, mit mir über den Sitzplatz zu verhandeln. Außerdem drängt er sein Bein immer wieder an mich. Ich werde richtig wütend und versuche, ihn nicht anzugucken. Immer wieder schiebe ich sein Knie und seine Hand mit einer resoluten Bewegung weg.

Als der Bus nach ca. einer Stunde eine Reifenpanne hat, steige ich nicht aus, weil ich befürchte, dann meinen Sitzplatz zu verlieren. Der Soldat raucht draußen eine Zigarette und glubscht nun von außen durchs Fenster. Er hat sich anscheinend mit seinem Schicksal abgefunden und bietet mir sogar eine Zigarette an, die ich mit einem sparsamen Lächeln ablehne.

In einer kleinen Stadt unterwegs hält der Bus für fast eine Stunde auf einem Busbahnhof. Der Soldat steigt aus. Dafür steigt eine Familie ein, für die der Schaffner Sitzplätze organisiert. Da auf einem Platz, wo eine Westlerin sitzen kann, mindestens zwei Inder Platz haben, muss ich meinen Platz tauschen. Den Rest der Fahrt sitze ich fast nur mit einer Pobacke auf der Kante der zweiten Bank.

Am frühen Nachmittag komme ich in Khajuraho an. Ein Rikscha-Fahrer bringt mich zu einem Hotel. Er betont, dass dort keine Israelis wohnen würden. Ich frage ihn, warum. „Die Israelis betrügen immer!“ sagt er. Mir kann das nur recht sein, denn die Israelis sind auch meistens sehr laut und rücksichtslos. Ich bin beeindruckt von der ländlichen Atmosphäre des Ortes.

Zur ersten Etappe: 06.04.1992 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: Das fängt ja gut an! Zurück in Indien

Zur nächsten Etappe: Exkursionen ins ländliche Indien

Mehr zu Orchha heute:http://www.orchha.org/

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