Jiayuguan – Der Pass zum gepriesenen Tal

Stolz ragt sie in den Himmel, diese letzte Festung am westlichen Ende der Großen Mauer. Ein Kamel schnaubt. Fahnen flattern im Wind. Dem Reisenden aus dem Osten ist sie der letzte Platz der Zivilisation. Dahinter kommt nur noch Wüste und Ödnis, so scheint es. Der Händler aus dem Westen begrüßt Jiayuguan als ersten Rastplatz auf dem Weg in die chinesische Hauptstadt. So muss es gewesen sein, als die Festung Jiayuguan, auf Deutsch „Pass zum gepriesenen Tal“ noch eine der wichtigsten Befestigungen der Großen Mauer war. Sie diente dem Schutz der Karawanen, die entlang der Seidenstraße kostbare Fracht nach Osten brachten. Oder die einzigartige Seide nach Zentralasien.

Die Festung Jiayuguan

Die Festung Jiayuguan

Die Festungsanlage wurde im Jahr 1372 der Ming-Dynastie errichtet und in den folgenden Jahrhunderten mehrfach ausgebaut und verstärkt. Sie bewacht den sog. Hexi-Korridor, ein enges Tal zwischen der Wüste Gobi im Norden und der Taklamakan-Wüste im Süden. Jahrhundertelang zogen hier die Karawanen der Seidenstraße entlang und machten Rast unter den mächtigen Mauern. Die Große Mauer ist bei Jiayuguan nur noch eine schmale Wand, erbaut aus Lehmziegeln, die im Wüstenwind schnell zerfallen. Doch in den letzten Jahren wurde nicht nur die Festung sondern auch die Große Mauer an ihrem äußersten westlichen Teil renoviert.

In Richtung Westen gibt es dann nur noch die Feuersignaltürme, die einsam in der Wüste stehen. Hohe Bauten aus Lehmziegeln. Das unterstützt die Erkenntnis, dass die Große Mauer im wesentlichen als ein Weg angesehen wurde, möglichst schnell die Kunde von Überfällen der Nomadenvölker und anderen Auseinandersetzungen diente. Wie auch die Wachtürme und Forts entlang der Mauer in Richtung Osten waren sie alle in Sichtweite voneinander errichtet. In den Wachtürmen gab es immer Wachleute, die ständig auf solche Feuersignale achteten. Für eine Meldung reichte ein einziger Tag, bis sie von Jiayuguan aus in Peking ankam,

Von der rund 11 Meter hohen Mauer hat man einen guten Blick auf die Ebene, die Große Mauer und die Berge in der Ferne. Man kann sich gut vorstellen, wie einsam es hier sein konnte. Die Leere der Wüste wird greifbar. Manchmal tanzen die Sandteufel, schmale Windhosen, durch die Gegend. Karawanen konnten immer schon von weitem gesehen werden.

Eine alte Legende berichtet, dass die Erbauer zunächst die Anzahl der benötigten Ziegel schätzen sollten, um jegliche Verschwendung zu vermeiden. Die Antwort war 99.999. Doch der örtliche Befehlshaber glaubte dies nicht. Also legte der Architekt noch einen Ziegel drauf. Genau ein Ziegel blieb schließlich übrig und liegt seitdem auf der Festungsmauer. Ob es sich immer noch um den originalen Ziegel aus dem 14. Jahrhundert handelt, darüber kann man nur spekulieren. Aber man kann immer noch einen Ziegel auf der Mauer liegen sehen.

Dieser Ziegel liegt in der Nähe des Westtores, durch das in Ungnade gefallene Minister, Beamte und Kriminelle in die Verbannung geschickt wurden. Nach Nordwesten führte der Weg hinein in die trostlose Wüste Gobi. Die Große Mauer selbst stößt sowohl an der Nord- als auch an der Süd-Seite direkt an die Festung.

Die Festung ist wie eine kleine Stadt. Man findet darin auch einen Tempel und viele Wohnquartiere. Auf schmalen Rampen konnten die Soldaten sogar mit ihren Pferden auf die Festungsmauer reiten. Von Interesse ist auch das Museum, das sich der Geschichte der Großen Mauer im Westen Chinas und der Seidenstraße widmet.

In der Umgebung von Jiayuguan wurden Hunderte von Gräbern aus der Wei – und Jin-Dynastie (265 – 420) gefunden. Die dort verwendeten bemalten Ziegel zeigen mit ihren bürgerlichen Szenen tiefe Einblicke in das Leben dieser Zeit. Sie erregten großen Aufsehen in den verschiedenen chinesischen Museen. So kann man solche Ziegel unter anderem auch im National Museum in Peking sehen.

Die Karawane reist weiter. Genau wie damals halten sich auch die heutigen Touristen nicht lange an dieser einsamen Festung auf. Obwohl, es gäbe ja noch viel mehr zu sehen: So gibt es eine „Hängende Große Mauer“ nördlich von Jiayuguan mit großartigen Aussichten, auf der man eine schöne Wanderung machen kann. Oder die 2500 Jahre alten Felsbilder in der Schlucht des Heishan (Schwarzen Berges). Diese zeigen interessante Darstellungen von Jadgzenen und Tieren. Aber der Tourist reist weiter – nach Süden zu den Buddha-Grotten von Dunhuang, nach Westen entlang der Seidenstraße oder nach Osten in Richtung Xi’an und Peking.

Zuerst veröffentlicht in der Drachenpost des GDCF Düsseldorf

5 Kommentare

  • Pingback: 05.07. – 19.07.1992 Xiahe: einfach wundervoll!

  • Wird Lao Tse nicht bisweilen auch Lao Dan genannt? Ich dachte, ich hätte das schon einige Male gelesen…

    • bambooblog

      Achso! Ja, kann sein. Mir ist der als Laozi am ehesten geläufig. Aber das mit dem Westtor kann ich nicht bestätigen.

  • Ist der große Lao Dan seinerzeit nicht auch durch’s Westtor gewandert?… Bei solchen Schilderungen wünsche ich mir, Marco Polo gewesen zu sein – obwohl man ja mittlerweile munkelt, dass so Etliches an seinen Reiseberichten nicht so ganz der Wahrheit entspricht. 😉
    Liebe Grüße!

    • bambooblog

      Ich weiß nicht, wen Du mit Lao Dan meinst. 🙁 Marco Polos Fehler war, nicht von allen Dingen, die er in China gesehen haben muss. Da fehlen so beduetende Dinge wie die Große Mauer oder aber auch der Genuss von Tee. Deshalb ist man verunsichert. Ich folge am ehesten den Wissenschaftlern, die die Erzählungen von Marco Polo bestätigen.

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