14. – 23.05.1992 Pink City Jaipur

Indien zerrt weiter an meinen Nerven. Es ist heiß, der Monsun kommt und kommt nicht. Die Menschen sind unruhig. Eine Erholung bietet mir das Hotel in Jaipur. Hier hat man sich auf die Backpacker spezialisiert und wirbt damit, dass man keine indischen Familien aufnimmt. Die Diskriminierung, die dahinter versteckt ist, stört mich nicht. Ich freue mich, einen Rückzugsort gefunden zu haben, weg von all dem Staub, den Bettlern und vor allem den indischen Männern. Aber ich kann ja nicht nur im Hotel bleiben. Also muss ich raus. Und erlebe die Begegnungen, die den Wunsch, Indien auf dem schnellsten Weg zu verlassen, immer größer werden lassen. Lest selbst:

Palast der Winde, Jaipur

Palast der Winde

Aus meinem Reisetagebuch 1992:

Wieder komme ich in aller Frühe in einer Stadt an. Es sind nur wenige Menschen auf den Straßen Jaipurs unterwegs. Ich gehe zum Evergreen Guesthouse, empfohlen von meiner Freundin und vom Lonely Planet.

Ich werde zwar schon vor dem Eingang von diversen Rikscha-Fahrern angesprochen, aber dann trete ich durch das Tor in einen Hof und sie müssen zurück bleiben. Ich frage in der winzigen Rezeption nach einem ruhigen Zimmer und bekomme eines am Ende eines langen dunklen Ganges. Keine Nachbarn. Ein Ventilator an der Decke und eine einfache Dusche. Das Zimmer ist preiswert. Mir gefällt es. Es scheint wirklich ruhig zu sein.

In dem kleinen Restaurant des Hotels sitzen ein paar Westler beim Frühstück. Es gibt sogar einen kleinen Swimmingpool! Ich fühle mich wie im Paradies! Ein paar von den Typen, die hier wohnen, sehen mir etwas sehr nach Hippie und Drogen aus. Aber ich muss mich mit denen nicht anfreunden.

Ich will mich heute nur ausruhen. In einem kleinen Laden vor dem Hotel kaufe ich mir zwei Flaschen Wasser. Dann lege ich mich aufs Bett, lasse den Ventilator leise kreisen und schließe die Augen. Als ich wieder aufwache und aufstehen will, wird mir kurz schwindelig. Das scheint die Dehydrierung zu sein! Ich setze mich hin und versuche, innerhalb von einer halben Stunde einen Liter Wasser zu trinken. Ich schaffe das knapp. Außerdem wiederhole ich meine Ölkur. Dann geht es mir etwas besser. Es scheint auch wirklich so zu sein, dass die Ölkur bewirkt, dass man nicht so viel schwitzt. Danach genieße ich ein wunderbares Essen – vegetarisch – im Restaurant, schreibe Briefe und schaue hin und wieder auf den Fernseher, der in der Ecke läuft. Es gibt deutschen Fußball. Na, darauf habe ich gerade gewartet!

In der Nacht lasse ich ganz gegen meine Gewohnheit den Ventilator laufen. Irgendwer hat heute Abend im Restaurant erzählt, dass es tagsüber um die 44°C heiß wird. Das wird wohl stimmen: es ist entsetzlich warm! Morgens wache ich davon auf, dass mein Kopfkissen ganz nass ist. Ich habe wieder mein Handtuch neben mir, um mir im Halbschlaf den Schweiß abzuwischen, dessen Tropfen kitzelnd meinen Hals hinunterlaufen und mich wecken.

Welch wunderbares Guesthouse!!! Um 6:00 Uhr morgens bin ich im Swimmingpool! Es ist zwar auch schon um diese Uhrzeit ziemlich warm, aber das Wasser in dem kleinen Pool erfrischt trotzdem. Mit neuer Energie geladen trete ich hinaus aus der schützenden Guesthousemauer. Nachdem ich die nervigen Rikscha-Fahrer vor dem Tor abgeschüttelt habe, gehe ich flott in Richtung Stadtzentrum. Unterwegs fragt mich ein Inder, ob er mich zu einem Kaffee einladen kann. Ich sage gut gelaunt „Morgen!“ und lasse ihn schnell hinter mir. Das alte Jaipur macht seinem Namen Pink City alle Ehre. Die Stadtmauer, die Häuser und Läden sind alle in der gleichen roten Farbe gestrichen.

Cebu-Rind mit Karren in Jaipur

Cebu Rind in Jaipur

Ich wundere mich, dass die Geschäfte noch nicht geöffnet sind, obwohl es schon 9:00 Uhr ist. Jetzt ist die Hitze noch zu ertragen. Nach und nach beleben sich die Straßen. Von Dromedaren oder weißen Cebu-Rindern gezogene Karren sehe ich häufig. Ich finde die großen, schlanken Cebu-Rinder wunderschön. Ihre Köpfe sehen edel wie Pferdeköpfe aus. Die langen Hörner sind liebevoll blau oder grün gefärbt.

Als die Hitze gegen Mittag unerträglich wird, kehre ich zum Guesthouse zurück. Das Essen ist gut und reichlich. Ich ergänze meine Nahrung mit zwei Mangos. Diese Früchte sind groß, gelb, saftig und süß. Einfach lecker! Nach einem kurzen Bad im Swimmingpool lege ich mich wieder schlafen. Hier ist der richtige Ort für eine Erholungspause.

Es ist interessant, was für Leute in dem Guesthouse wohnen! Indische Gäste gibt es nicht. Dafür sehe ich modisch gekleidete Mädchen, die in superkurzen Höschen rumlaufen und nicht ohne Kosmetikkoffer unterwegs sein können. Neben den bekifften Hippies ist auch die eine oder andere Langzeitreisende da, die schon aus Prinzip indische Gewänder trägt. Viele schwärmen so von Indien, dass ich mich lieber mit meinen vielen negativen Erlebnissen zurückhalte. Über allem hängt ein leichter Hauch von Ganja, wie man hier das Haschisch nennt.

Ein, zwei Tage verlasse ich das Guesthouse nur, um zur nahen Post zu gehen oder mir Wasser oder Mangos zu kaufen. Ich mag aus diesem kleinen Paradies gar nicht mehr weg. Endlich habe ich auch Zeit, Chinesisch zu lernen. Manchmal mache ich kleine Listen der erfreulichen Erlebnisse in Indien, damit ich mich daran erinnere, dass Indien auch seine guten Seiten hat.

Aber eigentlich nerven mich die Inder immer mehr. Da ist die zudringliche Schar der Rikscha-Fahrer vor dem Tor. Der Mango-Verkäufer, der jeden Tag einen anderen Preis für seine Früchte nimmt. Der Mann, der mich immer, wenn er mich sieht, fragt, wann ich mit ihm Kaffee trinke. Die vielen Männer, die sich ungeniert an den Genitalien kratzen, wenn ich an ihnen vorbei gehe, oder die ganz „aus Versehen“ meine Brust streifen.Jaipur Kamelwagen

Am liebsten laufe ich früh morgens durch die Straßen, wenn noch nicht so viel Verkehr ist. So komme ich in den Genuss, den berühmten Palast der Winde im vollen Sonnenschein bewundern zu können. Später am Tag liegt er im Schatten. Jaipur hat viele Sehenswürdigkeiten, einen Palast, in dem noch ein richtiger Maharaja wohnt, ein antikes Observatorium mit riesigen gemauerten Geräten, ein nettes kleines Museum in einem schönen, ruhigen Park. In dem Museum finde ich die Ausstellung über die Tradition des Hände Bemalens am interessantesten. Die Frauen bemalen sich die Außenseite der Hände mit wunderschönen Mustern aus rotem Henna. Diese sind je nach Herkunft und Anlass sehr unterschiedlich. Ich freue ich, als ich tatsächlich auch auf der Straße Frauen mit rotbemalten Händen sehe. Trotzdem heißt es in dem Museum, dass diese Tradition im Aussterben begriffen ist.

Henna Muster auf der Hand

Mit Henna werden kunstvolle Muster auf die Hände gemalt

Als ich aus dem Museum komme und durch den Park spaziere, folgt mir mal wieder ein Mann. Er spricht mich an: „Where do you come from?“ Ich versuche, ihn zu ignorieren. Er sagt, dass ich sehr unfreundlich sei, weil ich nicht antworte. Ich sage ihm, er soll mich in Ruhe lassen. „Why?“ fragt er mich. Ich antworte, dass ich schon reichlich schlechte Erfahrung gemacht hätte mit indischen Männern und keine Lust auf weitere Gespräche hätte. Ärgerlich läst er mich in Ruhe. Ich habe wieder ein schlechtes Gewissen, weil ich so unfreundlich zu diesem gut gekleideten netten Mann gewesen bin.

Abends gibt es ein Gewitter mit langem Donnergrollen und grellen Blitzen. Es regnet aber nur wenig und kühlt auch kaum ab. Wahrscheinlich bin ich mittlerweile genauso nervös wie die Inder, die auf den Monsun warten, der sich dieses Jahr etwas verspätet. Die extrem trockene Luft wirkt immer wie elektrisch geladen. In der Zeitung steht, dass es gerade jetzt kurz vor dem Monsun häufig zu aggressivem Verhalten kommt. Bei mir kommt zu den üblichen Hitze bedingten Beschwerden wie Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen ein schlimmer Durchfall. Ob ich wieder Giardia habe? In meinem Reiseführer steht, dass der Parasit, der Giardia auslöst, nicht so leicht endgültig zu bekämpfen ist und wieder kommt. Wie gut, dass es hier das entsprechende Medikament ohne Rezept zu kaufen gibt! Ich habe das Gefühl, dass ich schon ziemlich viel abgenommen habe. Trotzdem sagt mir ein Inder, als ich auf dem Rückweg von der Apotheke, bin: „Du isst zu viel!“ So eine Unverschämtheit! Der Mann hat Glück, dass ich mich zu schlecht fühle, um ihm ein paar passende Worte zu sagen.

An einem Morgen fühle ich mich fit genug, um an der Stadtrundfahrt der nahen Touristinformation, die auch zum Amber-Fort führt, teilzunehmen. Ich bin wieder die einzige Westlerin in einem Bus voller indischer Familien. Eine nette ältere Frau spricht mich an. Sie nimmt mich freundlich unter ihre Fittiche und erklärt mir alles. Denn der Reiseleiter spricht nur Hindi. Das Fort ist überwältigend schön. Von einer anderen Festung, die wir unterwegs besuchen, habe ich einen großartigen Blick über Jaipur, das tatsächlich überwiegend rosa wirkt.

Im Guesthouse komme ich mit anderen Reisenden ins Gespräch. Es tut gut, mal ein wenig über die Inder abzulästern. Es scheint anderen Frauen genauso wie mir zu gehen. Aber die meisten scheinen besser damit umgehen zu können als ich.

Der Gipfel ist ein Erlebnis, das ich an meinem letzten Tag in Jaipur habe! Ich gehe früh morgens in Richtung Palast. Kurz vor dem Stadttor spricht mich ein junger Inder an: „Where do you come from?“ Ich ignoriere ihn. „Where are you going?“ “Please leave me alone!” sage ich mit Nachdruck. Er lässt sich nicht beeindrucken: „Why are you alone?“ „I don’t want to talk to you! Go away!“ „But I do want to talk to you!“. Ich gehe mit raschen Schritten weiter. Er bleibt mir auf den Fersen: „How do you like India?“ „I don’t like India!“ Er stutzt überrascht: „Why?“ “Because of people like you!” Entsetzt und mit großen Augen bleibt er stehen. Ich gehe eilig weiter. Endlich ohne Anhang! Doch ich grübele noch lange darüber nach, warum ich so was gesagt habe. Es kann doch nicht angehen, dass mich jemand hier dazu treibt, zu sagen, dass ich Indien nicht mag! Bzw. dass ich mich dazu treiben lasse.

Wahrscheinlich macht mich dieses Erlebnis etwas milder gestimmt, als mich in einem Teehaus ein Inder anspricht. Ich lasse mich auf ein Gespräch ein, das ich dann auch ganz interessant finde. Ich gehe sogar nach einer Weile mit zu seinem Geschäft. Er verkauft Halbedelsteine. Er erzählt, dass er zu einer Brahmanen-Familie gehört, die in Jaipur reich und mächtig ist. Er zeigt mir den kleinen Tempel, der seiner Familie gehört.

Stolz erzählt er, dass er in wenigen Monaten heiraten wird. Als ich ihn nach seiner Braut frage, gibt er zu, dass er noch gar nicht weiß, wen er heiraten wird. Der Astrologe hat einen bestimmten Tag im Oktober als glückverheißend für seine Hochzeit festgelegt. Seine Eltern werden ihm sicher eine nette und schöne Frau aussuchen, sagt er vertrauensvoll- Ich bin ganz verblüfft über so viel Mittelalter bei einem jungen studierten Mann. Aber er gefällt mir mit seiner Begeisterung für seine Familie und sein offenes Vertrauen in seine Eltern. Natürlich will er mir auch etwas verkaufen. Ich gebe nach und kaufe einige Ketten aus Halbedelsteinen. Schließlich brauche ich in jedem Fall Mitbringsel für meine Familie.

Da ich mich nun entschlossen habe, nicht nach Udaipur zu fahren, möchte ich trotzdem nicht direkt nach Delhi fahren, denn das hieße eine lange Bahnfahrt. In meinem Reiseführer steht etwas über einen Maharaja-Palast auf halbem Weg nach Delhi in Alwar. Das scheint mir ein wenig „Off the Beaten Path“ zu sein. Ein Stopp dort unterbricht die lange Bahnfahrt.

23. – 24.05.1992: Alwar – Jagdschloss eines Maharajas

Die Fahrt in der Hitze ist wieder sehr anstrengend. Ich habe vergessen, mir Wasser mitzunehmen, und muss mir Tee kaufen, der in einfachen Tonschälchen ausgeschenkt wird. Die Schälchen kann man anschließend aus dem Fenster werfen, was nicht so schlimm ist, weil der Ton auf den Feldern wieder zu Erde zerfällt. Oder ich trinke Cola. Da Coca Cola in Indien keine Lizenz zur Herstellung bekommt, haben einheimische Limonadenfabriken versucht, ein ähnliches Getränk herzustellen. Indische Limonaden sind in der Regel extrem süß und indische Cola scheint mir fast ungenießbar. Die einzige indische Limonade, die mir schmeckt, ist Limca, eine saure, nicht so süße Zitronenlimonade. Von der Limonade bekomme ich natürlich noch mehr Durst.

In Alwar ist man nicht an Touristen gewöhnt, so dass sich auch keine Rikscha-Fahrer auf mich stürzen. Ich kann in Ruhe zu dem einzigen Hotelchen des Ortes gehen, das in meinem Reiseführer steht. Wieder sind fast nur Männer auf der Straße, die mich alle erstaunt und lachend anschauen. Der Wirt ist auch ganz überrascht, als er mich sieht. Er muss ein wenig überlegen, bevor er weiß, welches Zimmer er mir geben soll. Ich bekomme eines, das nur ein Fenster zum überdachten Hof hat. Es ist dunkel und hat eine einfache Dusche und einen Ventilator.

Mein erster Weg ist die Suche nach einem Wasserverkäufer. Das ist gar nicht so einfach. Endlich finde ich einen Kiosk, der Mineralwasser in Flaschen verkauft. Außerdem kaufe ich mir bei ein paar anzüglich grinsenden Jungen einige Mangos. Wieder ein einsamer Abend auf einem dunklen Zimmer. Ich weiß gar nicht, ob ich das nun genieße oder ob ich mich alleine fühle. Ich richte meinen Blick in die Zukunft. Morgen schaue ich mir das Museum hier an und fahre mittags nach Delhi. Ich bin schon gespannt, wie viel Post beim GPO auf mich wartet. Dann werde ich mir gleich mein Visum für Pakistan und China besorgen. Ich freue mich sehr auf China! Bloß weg aus Indien!

Der Palast von Alwar ist besonders interessant wegen seiner schönen Gemälde aus der Mogulenzeit. Alte Möbel und Waffen bilden den Großteil der Ausstellung. Der Palast ist auf einen Hügel unterhalb der Berge gebaut. Von hier hat man einen weiten Blick über die mit Bäumen bestandene Ebene. Hoch über mir kreisen große Geier im Aufwind. Nur wenige Besucher sind da. Ich empfinde die Atmosphäre als meditativ und erholsam.

Zu meiner ersten Etappe: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: Indien – bin ich schon zu lange unterwegs?

Zur nächsten Etappe: Meine letzten Abenteuer in Indien

3 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.