23.05. – 03.06.92 Meine letzten Abenteuer in Indien

Die letzten zwei Wochen in Indien bieten noch mal Abenteuer, auf die ich gerne verzichtet hätte. Bürokratie, Visa besorgen und das liebe Geld! Immer deutlicher wird, dass nun nach einem Jahr mein Geld und damit auch meine Reisezeit zu Ende gehen. Also buche ich schon für September meine Rückfahrt mit der Transsib von Peking nach Moskau. Die Buchung, das Überweisen einer Anzahlung nach Hongkong sind Erlebnisse, die ich heute wie damals mit einem Kopfschütteln betrachte.

Die Begegnung mit dem Mann mit dem roten Turban hat mich nachhaltig geprägt. Noch heute bedeutet für mich der Anblick eines roten Turbans einen kleinen Schreckmoment.

New Delhi Connaught Place 1992

New Delhi Connaught Place 1992

In dieser Zeit freue ich mich ganz besonders auf China! Mein geliebtes China! Erste Ideen kommen mir in den Sinn. Ein noch ganz leises Stimmchen flüstert mir zu, dass es doch toll wäre, richtig Chinesisch zu lernen – in Peking! Noch bleibt die Frage, wie ich das finanzieren soll, ungelöst. Aber mit meinem Chinesisch, das ich immer noch fleissig selbst aus dem schweren Buch lerne, fühle ich mich schon sicher genug, dass ich – noch – keine Bedenken habe, ohne entsprechenden Sprachführer zu reisen.

Aber erstmal warten noch einige beeindruckende Sehenswürdigkeiten auf mich.

Aus meinem Reisetagebuch 1992:

Alwar, ein hübscher Maharaja-Palast

Die Zugfahrt in der Hitze ist wieder sehr anstrengend. Ich habe vergessen, mir Wasser mitzunehmen, und muss mir Tee kaufen, der in einfachen Tonschälchen ausgeschenkt wird. Die Schälchen kann man anschließend aus dem Fenster werfen, was nicht so schlimm ist, weil der Ton auf den Feldern wieder zu Erde zerfällt. Oder ich trinke Cola. Da Coca Cola in Indien keine Lizenz zur Herstellung bekommt, haben einheimische Limonadenfabriken versucht, ein ähnliches Getränk herzustellen. Indische Limonaden sind in der Regel extrem süß und indische Cola scheint mir fast ungenießbar. Die einzige indische Limonade, die mir schmeckt, ist Limca, eine saure, nicht so süße Zitronenlimonade. Von der Limonade bekomme ich natürlich noch mehr Durst.

In Alwar ist man nicht an Touristen gewöhnt, so dass sich auch keine Rikscha-Fahrer auf mich stürzen. Ich kann in Ruhe zu dem einzigen Hotelchen des Ortes gehen, das in meinem Reiseführer steht. Wieder sind fast nur Männer auf der Straße, die mich alle erstaunt und lachend anschauen. Der Wirt ist auch ganz überrascht, als er mich sieht. Er muss ein wenig überlegen, bevor er weiß, welches Zimmer er mir geben soll. Ich bekomme eines, das nur ein Fenster zum überdachten Hof hat. Es ist dunkel und hat eine einfache Dusche und einen Ventilator.

Mein erster Weg ist die Suche nach einem Wasserverkäufer. Das ist hier gar nicht so einfach. Endlich finde ich einen Kiosk, der Mineralwasser in Flaschen verkauft. Außerdem kaufe ich mir bei ein paar anzüglich grinsenden Jungen einige Mangos. Wieder ein einsamer Abend auf einem dunklen Zimmer. Ich weiß gar nicht, ob ich das nun genieße oder ob ich mich alleine fühle. Immerhin bedeutet das, dass ich Zeit habe, weiter Chinesisch zu lernen.

Der Palast von Alwar ist besonders interessant wegen seiner schönen Gemälde aus der Mogulenzeit. Alte Möbel und Waffen bilden den Großteil der Ausstellung. Der Palast ist auf einen Hügel unterhalb der Berge gebaut. Von hier hat man einen weiten Blick über die mit Bäumen bestandene Ebene. Hoch über mir kreisen große Geier im Aufwind. Nur wenige Besucher sind da. Ich empfinde die Atmosphäre als meditativ und erholsam.

New Delhi

Mitten in delhi

Mitten in Delhi

Am Mittag hole ich mein Gepäck aus dem Guesthouse und gehe durch die mit alten Bäumen bestandenen Straßen zum Bahnhof. Um den lästigen indischen Männern zu entgehen, setze ich mich in den Frauenwartesaal. Aber auch dort gibt es einige Männer, die wohl ihre Frauen nicht alleine lassen mögen. Ich fühle mich fast wie in China: alle starren mich an.

Je näher ich an China herankomme, desto mehr vergleiche ich Indien mit China. Diese beiden Länder scheinen mit Überbevölkerung und Armut so viele ähnliche Probleme zu haben, dass mir der Vergleich ganz selbstverständlich erscheint. Je länger ich in Indien bin, desto schöner wird China. Aber das ist meine ganz persönliche Ansicht, die, wie ich schon erfahren habe, nicht viele Menschen mit mir teilen. Wenn ich nicht die Aussicht darauf hätte, bald nach China zu kommen, würde ich von Delhi aus nach Deutschland zurück fliegen, so sehr zerrt dieses Indien an meinen Nerven und macht mich reisemüde. Ich habe keine Lust mehr, mich immer wieder mit all diesem Elend und Dreck konfrontiert zu sehen, an dem ich doch nichts ändern kann. Natürlich trägt auch die ständige Anmache der indischen Männer dazu bei, dass ich Indien schrecklich finde.

In Delhi nehme ich mir ein Zimmer in einer typischen Travellerherberge. Ich suche die Nähe zu anderen Reisenden, weil ich gucken will, ob nicht jemand in die gleiche Richtung, also über Pakistan nach China, wie ich fährt. Nach all meinen schlechten Erfahrungen in Indien befürchte ich, dass Pakistan als muslimisches Land noch viel schlimmer wird.

Zunächst bin ich die meiste Zeit wegen organisatorischer Dinge unterwegs. Am ersten Tag fahre ich zur pakistanischen Botschaft. Ich habe mir genau überlegt, wann ich wo wie lange bleiben will. 3 Wochen Pakistan reichen mir. In Pakistan können die Männer nur widerlicher sein als die Inder. Doch schon bei der Botschaft bin ich überrascht von der Höflichkeit und Freundlichkeit der Beamten. Nein, es sei kein Problem für eine Frau, in Pakistan alleine zu reisen. Mein Visum könne ich gleich am nächsten Morgen abholen, sagt mir ein hochgewachsener Pakistani.

Von der pakistanischen fahre ich zur chinesischen Botschaft, wo mich das genaue Gegenteil erwartet. Eine Frau an einem Schalter hinter einem Gitter erklärt mir barsch, dass sie mir nur ein Visum für 30 Tage geben kann. Ich brauche aber eigentlich ca. 70 Tage, denn ich will am 05.09. mit der Transsib von Peking abfahren. Ich werde wohl unterwegs mein Visum verlängern müssen. Was ist, wenn das nicht klappt?? Ich wische diese Gedanken energisch von mir. Das wird schon nicht passieren! Das chinesische Visum bekomme ich sofort mit.

Das Botschaftsviertel von Delhi beeindruckt mich mit seinen breiten sauberen Straßen und vielen Bäumen und Parks. Auch das Indische Museum ist hier. Ich habe gehört, dass viele Polizisten darauf achten, dass kein Bettler sich hier blicken lässt. Deshalb sehe ich weit und breit keine Slum-Hütten, keine Armen und keine fliegenden Händler.

Als ich dann das pakistanische Visum in der Hand habe, faxe ich von einem kleinen Büro aus an Monkey Business, einer Agentur, die Fahrten mit der Transsib organisiert und die ich schon von Peking her kenne, nach Hongkong. Die letzten Monate habe ich den Handzettel mit der Adresse und den Reiseangeboten sorgfältig aufbewahrt. Ich bitte um Reservierung für den 5.09. von Peking nach Ulan Bator, dann eine Woche Mongolei, anschließend Weiterfahrt nach Moskau. Ich bekomme tatsächlich am gleichen Tag die Bestätigung aus Hongkong, die ich mir abends in dem Büro in Pahar Ganj abhole.

Mit der Bestätigung wird mir mitgeteilt, dass ich 100 USDollar als Anzahlung an Monkey Business in Hongkong überweisen soll. Ich stelle mir das zunächst gar nicht schwer vor und gehe als erstes zum American Express Büro am Connaught Place. Dort gibt es auch eine American Express Bank. Doch nach einigen Diskussionen und Rückfragen beim Vorgesetzten teilt man mir mit, dass man keine internationalen Überweisungen machen darf. Mir scheint das eher ein Vorwand, weil die Transaktion offensichtlich kompliziert und aufwendig ist.

Abenteuer Geldüberweisung

Im Süden des Connaught Places, dem Zentrum von Delhi, habe ich eine Standard Chartered Bank gesehen. Das ist eine Hongkonger Bank, deshalb kann das dort nicht so kompliziert sein. Die Angestellten müssen so etwas jeden Tag machen – denke ich.

Ich betrete den Schalterraum der Standard Chartered Bank und finde mich in dem üblichen dunklen indischen Wirrwarr wieder. Computer gibt es nicht. Jedenfalls sehe ich keine. Die Bankangestellten scheinen noch mit dem Abakus zu rechnen. Ich erkläre einem mein Anliegen. Nach einer kurzen Wartezeit führt er mich in ein großes Büro, wo mehrere Männer an hoch mit Akten beladenen Schreibtischen sitzen. Hier scheint es wenigstens elektrische Rechenmaschinen zu geben.

Ein freundlicher Inder lässt mir erst mal eine Tasse Tee bringen. Eine Überweisung nach Hongkong?? Er berät sich mit seinen Kollegen. Können wir das? Machen wir das? Er schüttelt den Kopf: es geht nicht! Ich sage ihm ruhig, innerlich aber völlig angespannt, dass ich das doch für sehr verwunderlich halte, da er für eine Hongkonger Bank arbeitet. Er verlässt das Büro.

Nach einer Weile kommt er mit einem anderen Kollegen zurück. Der Mann kann das! Ich muss ein paar Formulare ausfüllen. Meine 100 USDollar gehen von Tisch zu Tisch und werden mehrfach nachgezählt. Dabei sind es zwei 50-Dollarscheine. Mehr Formulare kommen, die ich unterschreibe. Eine Gebühr wird ausgerechnet. Fast 20 Dollar! Der Mann fragt mich besorgt, ob ich denn immer noch überweisen will. Vielleicht ist es doch einfacher, einen Travellerscheck nach Hongkong zu schicken. Egal, ich will das jetzt erledigt haben! Resigniert zuckt der Angestellte mit den Achseln.

Weitere Formulare werden hin und her bewegt. Mein Reisepass wird an mehreren Tischen geprüft. Ich bekomme noch ein Glas heißen starken Tee. Dann wird mir das Geld mit der Gebühr abgenommen. Erleichtert stehe ich auf und verabschiede mich von den netten Männern. Ich habe das Gefühl, dass sie genauso erleichtert sind. Doch noch bevor ich die Tür erreicht habe, hält mich jemand fest. Was ist denn jetzt noch? Man habe sich bei den Gebühren verrechnet. Huch, es wird noch teurer??? Nein! Eine neue Quittung wird ausgefüllt, dann bekomme ich ein paar Dollar zurück. Toll!

Das war mal wieder ein Erlebnis!!! Zur Erholung gönne ich mir ein dickes Stück Kuchen in Delhis bester Konditorei. Jetzt kann ich die Weiterfahrt planen. Ich brauche dringend noch eine Jeans. Nur wo soll ich die mir kaufen? Für Frauen gibt es fast ausschließlich Saris und Röcke in den Geschäften. Als ich an einem edlen Herrenausstatter vorbeikomme, gehe ich kurz entschlossen hinein. Was für eine angenehme Atmosphäre! Dunkles poliertes Holz, funkelnde Messingbeschläge, Verkäufer in dunklen Anzügen. Nach kurzem Staunen kommt ein älterer Verkäufer auf mich zu und fragt äußerst höflich, was er für mich tun könne. Ich frage nach einer Jeans. Er wirft mir einen abschätzenden Blick zu und reicht mir eine aus einem Stapel im oberen Stockwerk. Ich probiere sie in einer geräumigen Umkleidekabine an: sie passt perfekt!! Und sie ist auch gar nicht teuer. Als ich im Buchladen nebenan nicht nur den neuesten China-Reiseführer sondern auch den eigentlich schon vergriffenen Karakorum Highway-Führer vom Lonely Planet-Verlag bekomme, bin ich zum ersten Mal seit langem wieder rundum zufrieden. Jetzt kann es los gehen!

Der Tempel der Bahai 1992

Der Tempel der Bahai 1992

Meine letzte Besichtigung in Delhi führt mich zum Tempel der Bahai. Das ist eine Religionsgemeinschaft, die ihren Ursprung in Persien hat. Heidi hat mir in Kathmandu schon erzählt, dass es in Delhi einen wunderschönen modernen Tempel geben soll. Da er ein wenig außerhalb liegt, fahre ich mit dem Taxi dorthin. Nachdem wir lange durch endlose Wellblechhütten-Slums gefahren sind, wirkt der weiße Tempel, der wie eine offene Lotosblüte auf einem grünen Hügel steht, wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Ich bitte den Taxi-Fahrer, eine halbe Stunde auf mich zu warten. Das Grün des ständig mit Wasser besprühten Rasens sieht unwirklich aus. Im Eingang zum eigentlichen Tempel werde ich von zwei Amerikanern empfangen, die mir alles zeigen und erklären. Der Saal ist wunderschön, in der Bibliothek findet man überwiegend amerikanische Bücher. Sanfte Musik erfüllt die Räume. Mir ist das alles so ungewohnt, dass ich ganz froh bin, als ich wieder in der Hitze durch das staubige Delhi fahre.

Amritsar – der Goldene Tempel der Sikhs

Als ich auf dem Bahnhof von New Delhi auf meinen Zug nach Amritsar warte, lerne ich eine indische Familie kennen, die lange in Deutschland gelebt hat. Sie freuen sich, mit mir Deutsch sprechen zu können. Ich spiele mit ihren niedlichen Kindern.

„Mind your manners!“
Ob ich mir all die Plagen Indiens nur eingebildet habe? Gleich beim Einsteigen in den Zug werde ich eines Besseren belehrt. Der Zug ist überfüllt und zunächst müssten alle aussteigen können. Doch es bilden sich sofort Trauben von Menschen an den Türen. Alle wollen gleichzeitig einsteigen. Mühsam zwängen sich die Aussteigenden durch das Gedränge der Einsteigenden. Ich werde an den Rand des Geschehens abgedrängt. Wenn die Leute nicht so drängeln würden, ginge alles viel schneller! Ich bin schon ganz nahe an der Tür, als ich beobachte, wie ein junger Mann, der einsteigen will, eine alte korpulente Frau, die raus will, schlägt und sie brutal beiseite schieben will. Jetzt reicht es mir! Ich greife den Mann von hinten am Kragen (irgendwie erinnert mich die Situation an eine sehr ähnliche in Kunming) und zerre ihn mit Schwung von der Frau weg, die nun in Ruhe aussteigen kann. Der Mann drängt schimpfend in den Zug. Ich kurz hinter ihm. Als er drin ist, dreht er sich um und merkt, dass ich diejenige war, die ihn gepackt hatte. Er faucht mich wütend an: „Mind your manners!“ Ich fasse es nicht!! Ich soll mich benehmen??!!! Ich grinse ihn an und meine nur, dass ich es nicht gerade für gute Manieren halten würde, wenn man alte Frauen schlägt. Er merkt, dass mit mir nicht gut Kirschen essen ist, und verduftet. (Anmerkung: Da gab es eine ähnliche Situation in China: Kunming. Das Erzählen dieser Erlebnisse hat mir eine zeit lang den Ruf eingetragen, zur Gewalt zu eigen)

Ich teile mir mit der netten Familie ein Abteil. Sie laden mich zu sich nach Hause ein. Doch ich lehne dankend ab. Ich will wirklich nur noch raus aus Indien. Amritsar mit seinem Goldenen Sikh-Tempel noch und dann Pakistan und bald China!!!

Der Mann mit dem roten Turban

Nachdem die Familie unterwegs ausgestiegen ist, setzen sich nach und nach einige Männer und eine Frau zu mir ins Abteil. Mir gegenüber sitzt ein großer Sikh, weiß gekleidet mit einem leuchtend roten Turban. Er guckt mich mit seinen dunklen Augen unentwegt an. Mir wird das unangenehm und ich starre angestrengt aus dem Fenster. Als ich mich umgucke, ob er mich immer noch anglotzt, sehe ich zu meinem Entsetzen, dass er sich durch seine Hose an den Genitalien reibt. Ich sehe hilfesuchend meine Mitreisenden an. Doch die ignorieren mich und die ganze Situation. Ich schaue wieder aus dem Fenster. Was soll ich tun?? Ich habe nicht den Nerv, mich lautstark zu wehren. Ich bin ganz alleine. Wie würden die anderen reagieren??? Immer wieder werfe ich dem Mann mit dem roten Turban böse Blicke zu. Er weicht meinen direkten Blicken aus. In einem Bahnhof steigt er aus. Er guckt noch einmal mit großen Augen durchs Fenster. Als der Zug weiterfährt, muss ich leider feststellen, dass der Mann gar nicht ausgestiegen ist. Er kommt wieder ins Abteil und setzt sich. Ich versuche, ihn so verächtlich wie möglich anzusehen. Der Zug ist fast leer jetzt und die Beleuchtung funktioniert nicht richtig. Irgendwann verliert der Mann dann doch die Geduld und verschwindet.

Im Gasthaus

Im Gasthaus

Völlig entnervt komme ich in Amritsar an. Ich weiche jedem Mann mit rotem Turban aus. Trotz Hitze und dem schweren Rucksack gehe ich zu Fuß zum Tourist-Bungalow. Das ist eine ganz interessante Herberge. Sie wird geführt von einem alten ungepflegten Engländer, der anscheinend noch aus der Kolonialzeit stammt. Ich bekomme ein ordentliches Zimmer mit Klimaanlage und Dusche. Es gibt ein großes altes Gebäude und ein paar moderne Anbauten. Ich habe ein Zimmer im alten Teil des Hauses. Auf einer Terrasse, wo man unter ein wenig Weinlaub neben einer uralten Klimaanlage auf wackligen Korbstühlen sitzen kann, trinke ich in Ruhe einen Tee.

Das Klima in Amritsar ist deutlich kühler als in Delhi. Am Abend regnet es sogar. Ich fühle mich ganz wohl. Meiner Haut scheint die höhere Luftfeuchtigkeit auch gut zu tun. Aber ich wiederhole die Ölkur. Wenn ich dann das Öl abgewaschen habe, habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr so fürchterlich schwitze.

Am nächsten Morgen lerne ich beim Frühstück Tina, eine junge Engländerin, kennen. Nescafe und Toast und zwei schlabberige Spiegeleier! Ich habe mich irgendwie an diese schrecklichen „westlichen“ Frühstücke gewöhnt (Schau mal hier). Ich kann Tina für den Goldenen Tempel begeistern, auch wenn sie gar nicht gerne auf Besichtigungstour geht. Aber die Aussicht, dort zusammen mit den Indern zu essen, lockt sie.

Amritsar Eingang zum Goldenen Tempel

Amritsar Eingang zum Goldenen Tempel

Durch die engen Gassen der Altstadt gehen wir zum Goldenen Tempel. Es ist Sonntag und die meisten Geschäfte sind geschlossen. Trotzdem sind viele Menschen unterwegs, die alle zum Tempel wollen. Ich schrecke noch immer beim Anblick roter Turbane zusammen. Ich bin froh, dass ich mich mit Tina unterhalten kann und so vermeide, irgendjemanden anzugucken.

Vor dem Tempel stehen lange Schlangen vor den Tresen, wo man nicht nur seine Schuhe sondern auch die Socken abgeben muss. Ich kann mich bei dem Gewimmel nicht der Befürchtung erwehren, dass dies das letzte Mal ist, dass ich meine Turnschuhe sehe. Der Tempel besteht aus langen weißen Gebäuden, die um einen großen Teich herum liegen. Über eine breite Brücke kommt man zum eigentlichen Goldenen Tempel, dem Mausoleum des Heiligen der Sikhs, das mitten im Teich liegt.

Der Boden ringsum ist mit weißen Marmorplatten belegt. Diese haben die gesamte Wärme der Sonne aufgenommen. Es ist unglaublich heiß. Man kann auf den Platten, die vor Hitze zu knistern scheinen, nicht laufen. Deshalb drängen sich die Besucher auf der schmalen Sisalmatte, die in der Mitte liegt. Ich verlasse die Matte nur kurz, damit Tina ein Foto von mir vor dem Goldenen Tempel machen kann. Da ich direkt auf dem Marmor sitze, spüre ich sofort die Hitze durch meine dünne Hose dringen.Amristar Ulrike

Gegen Mittag gehen wir in den großen offenen Speisesaal. Hier wird jeden Tag ein einfaches Essen an die Bedürftigen ausgegeben. Zwischen den Säulen warten die Menschen. Wir setzen uns dazu im Schneidersitz. Lange Reihen von Männern und Frauen warten auf das Essen. Ich sehe mich um: es sind sicherlich nicht nur die Armen des Ortes hier. Es herrscht eine ruhige Atmosphäre. Dann kommen junge Männer und geben uns nacheinander einen Teller, ein Glas, einen Löffel, Chapattis, Reis, etwas Dal, etwas Wasser. Alles ist sehr einfach aber lecker. Wir bekommen sogar noch einen Nachschlag. Es entspricht der Religion der Sikhs, dass dieses Essen kostenlos ist. Es gibt auch kostenlose Schlafsäle hier. Aber die sollen nicht besonders sauber und voller Bettwanzen sein. Natürlich verlassen wir den Tempel nicht, ohne eine großzügige Spende zu geben.

Meine Schuhe bekomme ich auch zurück. Sie sehen mittlerweile gut eingelaufen aus. Hin und wieder bemühe ich mich darum, das weiße Leder zu putzen bzw. putzen zu lassen. Aber man sieht ihnen natürlich an, dass sie mir seit mehr als einem Jahr treue Dienste geleistet haben.

Tina fährt am Nachmittag weiter. Dafür lerne ich im Hotel zwei Australier kennen. Sie sind eigentlich schon ziemlich alt für diese Art, mit dem Rucksack zu reisen, so Mitte 50. Der eine fragt mich, wie und wo man Fahrkarten kaufen kann. Also gehe ich mit ihnen zum Bahnhof und helfe ihnen. Als Dank laden sie mich in ein richtig gutes chinesisches Restaurant ein. Begeistert sitze ich mit ihnen an einem schön gedeckten Tisch. Das Licht ist gedämpft, leise Musik, Klimaanlage, höfliche unaufdringliche Kellner. Der eine Australier beeindruckt mich mit seinen Erzählungen. Er hatte genug gespart, dass er nicht mehr arbeiten muss. Nun wollte er im Hospiz der Mutter Theresa in Kalkutta helfen. Doch er hat es nur eine Woche dort ausgehalten. Bei seinen Erzählungen über das Elend und die todkranken Menschen dort bin ich froh, dass ich mir das nicht angesehen habe. Nun reist er und sucht nach einer anderen Möglichkeit, den Menschen zu helfen.

Zur ersten Etappe meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 14. – 23.05.92 Pink City Jaipur

Zur nächsten Etappe: Pakistan, auch nicht einfach

3 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.