17. – 23.06.1992 In Chinas Wildem Westen – Xinjiang

Im Juni 1992 erreiche ich wieder China, indem ich von Pakistan über den Karakorum Highway nach Xinjiang reise.  Das Gefühl, dass es sich um den Rückweg handelt, verstärkt sich. In drei Monaten werde ich wieder in Deutschland sein. Doch vorher noch mal China. Wobei: Ist dies wirklich China? Von Indien/Pakistan kommend habe ich eher das Gefühl, ein Land Zentralasiens zu betreten. Die meisten Menschen sehen nicht besonders Chinesisch aus. In Xinjiang leben Uiguren, Tadschiken, Kirgisen. Ich kann sie gar nicht alle auseinander halten. Auch Chinesisch wird eher wenig gesprochen. Trotzdem: Ich begrüße begeistert alles, was mir Chinesisch vorkommt. Da ist das Hotel in Tashkurgan, mit seinen Zimmerfrauen auf dem Gang, den roten Thermosflaschen mit dem heißen Wasser, da ist die Mao-Statue in Kashgar, das Kaufhaus mit den schönen bunten Emaille-Tassen: Alles China und doch anders. Die Reisenden, die mir aus dem Osten entgegen kommen, sehen das ganz anders: Kashgar ist mehr zentralasiatisch als   China. Ein ganz anderer Blickwinkel. Und immer ein Thema bei den Gesprächen in den netten Biergärten.

Kashgar 1992

Kashgar 1992

2007 (zum Reisebericht) hatte ich die wunderbare Gelegenheit, noch einmal in Kashgar zu sein, noch einmal nach Xinjiang zu reisen. Wie sehr hatte sich doch alles verändert! Kashgar erscheint ganz und gar modern bis auf wenige Stellen. Der große Sonntagsmarkt ist ziemlich organisiert, ein großer Teil sogar mit einem Dach versehen. Aber es gibt immer noch einen Viehmarkt, auf dem Pferde, Esel, Schafe und Ziegen gehandelt werden.

Aus meinem Reisetagebuch 1992:

17.06.1992 Khunjerab Pass: Zurück in China

Früh am nächsten Morgen fahren wir in einem Konvoi aus drei roten Jeeps am Schlagbaum los. Wir sind in der Hauptsache Westler. Aber auch ein paar pakistanische Geschäftsleute sitzen mit im Wagen. Schon bald tauchen wir in ein weiteres Tal ein. Die Berge rücken dicht zusammen. Die schmale Straße ist unbefestigt und führt entlang eines schmalen Flusses langsam bergauf. An Stellen, wo das Flussufer ein wenig breiter wird, sind junge Bäume gepflanzt. Ansonsten wirken die Berge bizarr und bedrohlich.

Das Tal wird immer enger. Über uns dicke Schneewolken. Hatte nicht jemand erzählt, dass letzte Woche hier noch Schnee lag? Dann windet sich die Straße in engen Serpentinen einen Hang hinauf. In dem Hochtal, das wir nach dem mühsamen Aufstieg erreichen, liegt Schnee. Diese kleine Ebene mitten unter den schneebedeckten Gipfeln der 6- bis 7-Tausender ist der Khunjerab Pass. Ein Obelisk zeigt die genaue Stelle an, wo die Grenze zwischen China und Pakistan verläuft.

Khunjerab

Khunjerab

Natürlich wollen alle für einen Fotostopp anhalten. Es ist sehr kalt und es fegt ein eisiger Wind über die Ebene. Fröstelnd stehen wir auf 4730 m Höhe zusammen und fotografieren. Hier treffen verschiedene Gebirgszüge aufeinander: Hindukusch, Pamir, Karakorum. Schon die Namen beeindrucken und stehen für Abenteuer pur. Ich stelle mir vor, wie mühsam es in den vergangenen Jahrhunderten gewesen sein muss, diesen Pass zu überqueren. Die unglaubliche Stille wird nur vom Brausen des Windes und von unserem Lachen durchbrochen. Dann geht die Fahrt weiter.

Wir fahren durch die kahle winterliche Landschaft des Hochtals. Der Weg ist deutlich schlechter als auf der pakistanischen Seite. Waschbrettpiste für Stunden. Wir werden ordentlich durchgerüttelt. Da wir uns in großer Höhe befinden, wirken die Berge ringsum nicht sehr beeindruckend. Doch einige sollen laut Reiseführer bis zu 7000 m hoch sein. Manchmal sehe ich Murmeltiere, die im trockenen Gras zwischen einzelnen Schneefeldern spielen. Dicke gelbe Tiere sind das, die anscheinend gar keine Angst vor unseren Jeeps haben.

Pirali Mittags erreichen wir die chinesische Grenzstation Pirali. Die Grenzabfertigung ist chinesisch gründlich. Schlange stehen, warten, warten. Endlich sind unsere Pässe gestempelt. In einer zugigen Hütte, an der Bank of China steht, können wir sogar Geld tauschen. Dann warten wir in einer hässlichen, kaum erwärmten Halle auf den Bus nach Tashkurgan. Wir sind insgesamt 8 Westler, die alle nach Kashgar wollen. Einige diskutieren noch, ob es möglich ist, am Karakul-See auszusteigen. Ich habe keine Lust auf so viel Abenteuer. Man braucht eine spezielle Erlaubnis dafür. Doch ein paar wollen dies Abenteuer auch ohne Permit versuchen. Endlich kommt ein großer klappriger Bus. Unser Gepäck verschwindet im Kofferraum und wir finden harte Sitzplätze im Inneren.

Die Fahrt geht weiter durch die Hochebene, die sich immer mehr vor uns weitet. Überall leuchtende Schneefelder. Erste Jurten sind zu sehen. Kamele, Yaks und Ziegenherden. Mich erinnert das ein wenig an die Mongolei: weite Grasflächen und majestätisch aussehende zweihöckrige Kamele. Kirgisen oder Uiguren oder Kasachen hoch zu Ross. Ich kann diese Völker nicht unterscheiden. Hier, wo es nicht weit ist zu den Staaten Mittelasiens, gibt es viele Minderheiten.

Mitten in der Ebene liegt Tashkurgan, ein unschöner, chinesischer Ort. Weite Pappelalleen und richtige Steinhäuser. In der Ferne die Ruinen einer alten Befestigung. Viele Menschen sehen wenig chinesisch aus. Doch es gibt auch die Chinesen in ihren blauen und grauen Anzügen. Voller Begeisterung mache ich mich gleich, nachdem ich mein Gepäck im einzigen Hotel des Ortes gelassen habe, auf, die Straßen zu erkunden. Ich freue mich, wieder in China zu sein.

Die Luft ist immer noch sehr kalt. Dick eingemummelt stehen die Marktfrauen bei ihrem Gemüse und anderen Dingen, die sie auf einem bunten Markt feil bieten. An den Kopfbedeckungen kann ich sehen, dass sie Angehörige unterschiedlicher Völker sind. Das Angebot ist erstaunlich groß: Kartoffeln, Gurken, Tomaten und viele andere Gemüse.

Am Abend genieße ich mit meinen Mitreisenden das chinesische Essen im Hotelrestaurant. Es ist eine wahre Wohltat, die frischen Gemüse und leichten Soßen zu essen. Dazu zwei Flaschen Bier!!!! Endlich wieder in China!!

18.06. – 23.06.1992 Kashgar, Xinjiang

Lange bleibt die Landschaft am nächsten Tag eintönig. Die weiten Grasflächen werden von Yaks und Kamelen als Weide genutzt. Rechts und links begrenzen die schneebedeckten Bergketten des Pamir und des Karakorums das Tal. Wir fahren meistens dicht an den Berghängen westlich des Tals entlang. Der Karakul-See glänzt schwarz in der Sonne. Weiße Wolken. Einige junge Männer steigen an ein paar Jurten tatsächlich aus. Wir können uns für einen Moment die Füße vertreten. Die Luft ist unglaublich klar und frisch.

Danach wird die Landschaft immer eindrucksvoller. Die Straße geht noch einmal einen Berg hinauf. Hier spüre ich plötzlich wieder die große Höhe. Ich bekomme keine Luft mehr. Mein Herz rast. Mir ist ganz benommen zumute. Was mache ich nur? Mich packt entsetzliche Angst. Wie lange werden wir noch in dieser Höhe sein? Soll ich meine Mitreisenden auf meinen Zustand aufmerksam machen? Nein, ich will sie nicht in Aufregung versetzen. Außerdem kann mir sowieso niemand jetzt helfen. Ich setze mich möglichst gerade hin und versuche, langsam und tief zu atmen. Dabei erinnere ich mich an meine Meditationserfahrungen. Ich konzentriere mich ganz auf meinen Atem und versuche, meinen Kopf frei von Gedanken zu machen. So vergeht ungefähr eine halbe Stunde. Dann haben wir den Pass erreicht. In engen Kurven führt nun die Straße sehr schnell in ein Tal mit einem dunklen See hinunter.

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Fotos und Eindrücke von meiner Fahrt auf dem Karakorum Highway 2007 findet Ihr hier: Die Weite des Karakorums im Blick und die Tränen im Gesicht
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Kaum sind wir einige Meter tiefer, geht es mir wieder gut. Für kurze Zeit fahren wir an dem See entlang und tauchen dann in eine tiefe Schlucht ein. Ich habe mich schnell erholt und kann nun die dramatische Schlucht bewundern. Hohe rote Felswände ragen rechts und links der Straße auf. An manchen Stellen ist die Straße nur notdürftig nach einem Landrutsch wieder hergestellt. Eigentlich scheint diese schnelle Fahrt auf der steilen Straße entlang einem tief unten tobenden Fluss sehr gefährlich. Doch ich bin froh, dass ich den Anfall von Höhenkrankheit eben gut überstanden habe, und freue mich unendlich an dem Anblick dieser spektakulären Schlucht, deren steile Hänge kein Licht auf die Straße lassen.

Karakorum HighwayAm Ende der Schlucht kommen wir, nachdem wir einen Kontrollposten passiert haben, in ein weites Tal. Ringsum die steilen roten Felsen, dazwischen ein flacher See, an dessen Ufern grünes Gras wächst. Es wird wärmer. Dann lassen wir auch diese Landschaft hinter uns.

Westlich von uns die Ausläufer des Pamir-Gebirges, irgendwo dort auch die Grenze zu den ehemaligen mittelasiatischen Sowjetrepubliken. Östlich die Taklamakan-Wüste, eine endlose trockene Ebene, die mit struppigen Büschen bewachsen ist. Die Straße führt entlang eines schmalen Vegetationsgürtels unterhalb der Berge, wo hin und wieder Bäume wachsen und grüne Oasen liegen.

Schon lange vor Kashgar mehren sich dicht mit Pappeln bewachsene Oasen. Es ist angenehm warm. Immer mehr Menschen sehen wir auf der Straße, Eselskarren und Ziegenherden. Hinter den Pappeln liegen grüne Felder, auf denen Frauen gebückt das Unkraut jäten. Kleine Mädchen in bunten Kleidern, die große Wasserkrüge auf den Köpfen balancieren.

Mao 2007

Mao 2007

Die breiten Straßen Kashgars mit grauen Häusern rechts und links erinnern mich stark an China. Eine große Mao-Statue begrüßt mich gegenüber vom Busbahnhof. Xinjiang ist die westlichste der chinesischen Provinzen. Ich fahre alleine zum Seman-Hotel. Ich brauche ein wenig Abstand zu den anderen Westlern. Sie waren noch nie in China und wissen doch alles darüber, vor allem wissen sie alles besser. Dann ist da auch noch Chris, ein zotteliger Amerikaner, der damit prahlt, dass er praktisch ohne Geld unterwegs ist. Ich möchte auf alle Fälle vermeiden, mit ihm ein Zimmer zu teilen.

Im Seman-Hotel bekomme ich nach einiger Wartezeit ein Bett in einem 4-Bett-Zimmer in einem alten Gebäude ganz hinten. Im Gegensatz zu dem modernen Empfangsgebäude sehen diese zweistöckigen Häuser, die sich in einem schönen, grünen Garten verteilen, etwas baufällig aus. Sie gehören zum ehemaligen russischen Konsulat. In dem ersten Zimmer, das man mir zeigt, sind die Wände mit großen Schimmelflecken überzogen. Entschlossen gehe ich zurück zur Rezeption. Endlich bekomme ich ein sauberes Bett in einem nicht ganz so sauberen Zimmer, wo schon zwei Amerikaner und ein Franzose wohnen. Das Hotel ist völlig auf die westlichen Rucksack-Touristen eingestellt. Es gibt ein Restaurant, das wunderschön in einer Ecke des großen Gartens unter freiem Himmel liegt.

In Kashgar ist es sehr warm, was mir aber angenehm vorkommt nach der Kälte des Khunjerabs. Ich setze mich gleich zu ein paar Leuten an einen Tisch und bestelle ein Bier. Jetzt merke ich erst, wie sehr mir doch das Bier in Indien und Pakistan gefehlt hat. Das Bier ist kalt und lecker. Von den anderen höre ich, dass in ein paar Tagen das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft ist. Einige wollen sich für diesen Tag extra ein Zimmer mit Fernseher und Satellitenanschluss nehmen. Ich bin einfach froh, in meinem China zu sein, Bier zu trinken und unter Weinlaub im Schatten zu sitzen.

Vor dem Hotel gibt es ein paar sehr nette Restaurants, wo man hervorragend essen kann. Ich freue mich über das leckere chinesische Essen, das sehr viel bekömmlicher ist als die ewigen Kartoffeln und Blumenkohl in Pakistan. Leider verleidet mir ein Video-Laden den Aufenthalt in den Restaurants. Viel zu laut sind die Lautsprecher aufgedreht. Der grinsende uigurische Wirt zeigt laufend Kriegsfilme, deren Gewehrsalven durch die ganze Straße dröhnen. Die chinesische Wirtin von einem der Restaurants klagt, dass sie nichts gegen den Ladeninhaber machen kann. Uiguren und Chinesen mögen sich nicht sonderlich. Der Uigure dreht die Lautstärke mit Absicht auf, um die benachbarten Chinesen zu ärgern. Da die chinesische Regierung sich bemüht, die Uiguren zufrieden und ruhig zu stellen, werden sich die Behörden immer auf die Seite des Uiguren stellen. Schade! Es gibt ja noch mehr Restaurants. Mir tut die nette Wirtin leid, die sicher noch mehr Umsatz machen könnte, wenn der Krach nicht wäre.

Ich laufe mit Begeisterung durch die Straßen, schaue in die Läden und Kaufhäuser. Besonders die Kaufhäuser wirken sehr chinesisch. Ich bin völlig begeistert von den bunten Emaille-Tassen, -tellern und -schüsseln. Auch die großen roten Thermosflaschen haben es mir angetan. Hoffentlich kann ich mir so eine Flasche auch in Beijing kaufen! Ich würde mir gerne eine als Souvenir mit nach Deutschland nehmen!

Hier in Kashgar traue ich mich auch endlich, mir die Haare schneiden zu lassen. Meine Haare fallen schon bis auf die Schultern und sind viel zu lang und warm für das heiße Klima. Die chinesischen Frisösen bemühen sich zu dritt um meine Haare. Mit viel Shampoo wird gewaschen und dann werden meine Haare sorgfältig geschnitten. Ich bin zufrieden. Aber der Preis ist verhältnismäßig hoch. Wahrscheinlich haben die Mädchen die Gelegenheit genutzt, mal richtig zu verdienen. Egal! Ich freue mich, als ich den Wind an meinem nackten Hals spüre.

Im Zentrum Kashgars befindet sich ein großer Platz, der mit vielen bunten Blumen bepflanzt ist. Dort ist auch die große Moschee. Ich habe keine Lust, sie zu besichtigen. Ich setze mich viel lieber ins Hotelrestaurant, trinke ein kühles Bier und schreibe Briefe. Zwischendurch rede ich mit anderen Reisenden. Mit einem älteren Engländer mache ich einen Spaziergang in die Felder am Rande Kashgars. Als wir zurück wollen, scheint uns der Weg ziemlich weit. Wie gut, dass ein Bauer mit seinem flachen Eselskarren vorbei kommt! Gegen einen geringen Preis nimmt er uns mit. Wir sitzen etwas unbequem und wackelig auf der Ladefläche.

In den engen Gassen der Altstadt ist das Leben sehr uigurisch und weniger chinesisch. Händler verkaufen Brötchen, die so aussehen wie amerikanische Bagels. Beim Metzger hängen frisch geschlachtete Hammel vor der Tür. Frauen, die mit einem unschönen braunen Häkelschleier bedeckt sind, schieben Kinderwagen vor sich her. Die Männer tragen feine Kappen aus weißer Spitze. Kinder spielen im Staub der Straße. Die Kleider der Frauen sind leuchtend bunt. Die Muster flimmern vor meinen Augen. Manche tragen mit Pailletten bestickte Röcke. Zahnärzte haben zum Zeichen, dass sie ihr Handwerk verstehen, schreckliche Bilder von Kiefern und Zähnen ausgehängt. Ich tauche ein in diese lebhafte Marktatmosphäre und lasse mich von Laden zu Laden treiben. Viele Schilder tragen chinesische Schriftzeichen, die ich versuche zu entziffern. Ich kann wohl schon einige erkennen, aber so richtig hilfreich ist mein Chinesisch hier nicht.

An einem Verkaufsstand möchte ich mir einen Bagel kaufen. Ich gucke erst mal, was das Teil kostet. Während ich noch dort stehe, lacht mich ein kleiner runder Uigure an. Ich lache zurück. Ich fühle mich sicher hier in China. Da zeigt er mit eindeutigen Gebärden, dass er findet, dass meine Brüste schön groß sind. Ich bin sprachlos! Der Mann reicht mir kaum bis zur Brust. Aber wahrscheinlich hat er so die beste Aussicht darauf. Ich knurre ihn böse die Augenbrauen runzelnd an. Dabei kann ich mir aber kaum ein Grinsen verkneifen. Der Mann ist so niedlich! Er zieht ab, nicht ohne zu dem Händler mit einem Blick auf mich eine anzügliche Bemerkung zu machen. Ich zeige auf einen Bagel. Ja, einen davon möchte ich haben! Wie viel kostet das? Der Mann verlangt einen Preis, der das dreifache von dem beträgt, der auf dem Schild steht. Ich deute auf das Schild. Er zuckt mit den Achseln. Wenn ich den verlangten Preis nicht zahlen will, dann eben nicht! Dann eben nicht, sage ich mir auch, und gehe weiter, ohne zu kaufen. Der Händler schaut mir überrascht nach.

Kashgar 1992

Kashgar 1992

Verhungern tue ich hier sowieso nicht. Das leckere chinesische Essen und das Bier, das ich hier so genieße, zeigen schnell Folgen. Ich habe deutlich den Eindruck, dass meine Hose enger wird. Ich schwöre mir, bis auf weiteres kein Bier mehr zu trinken. Nach der vielen Fahrerei in den letzten Wochen verbringe ich auch gerne mal einen Tag im Gartenrestaurant. Immer wieder komme ich mit anderen Reisenden ins Gespräch. Über Langeweile und Einsamkeit kann ich mich wahrlich nicht beklagen! Nur einmal empfinde ich es als unangenehm, hier Tourist zu sein. Am Nachbartisch grölt am Mittag ein junger Deutscher mit deutlichem Akzent: „Hey! I want a beer! I want it cold! And I want it now!” Schrecklich, was für Leute manchmal unterwegs sind!

Da ich unbedingt den berühmten Sonntagsmarkt sehen will, kann ich gar nicht so schnell weiter fahren, wie ich eigentlich möchte. Endlich ist Sonntag. Zusammen mit einem Strom von Einheimischen gehe ich zum Markt. Je näher wir an das weite Gelände am Rande Kashgars herankommen, desto dichter ist der Verkehr aus klapprigen LKWs und Eselskarren. Die Menschen haben sich ihre feinsten Sachen angezogen. Weiße Kappen, graue Anzüge. Die Männer halten ihre lange Pfeife in der Hand. Die Frauen tragen unglaublich bunte Kleider. Schade, dass viele Frauen diesen dunkelbraunen Schleier tragen! Diese groben Tücher sind schrecklich hässlich.

Kurz vor dem Marktplatz gibt es ein Gelände, wo die Eselskarren geparkt werden. Eselchen und kleine zottige Pferde stehen hier, kauen an ihrem Getreide und warten darauf, dass ihre Besitzer zurückkommen. Gleich dahinter fängt der Markt an. In der ersten Gasse, die ich betrete, wird Eis in großen Blöcken verkauft. Das Eis soll von den Gletschern des Tianshan, einer nahen Bergkette, stammen. Dann kommen einige Stände mit Besen und Ackergerät. Dies sind die Bereiche der Männer. Ich bin am meisten auf den Viehmarkt gespannt, den ich auch schnell finde. In dem Gedränge bin ich die einzige Frau und auch die einzige Westlerin.

Zwischen den Fettschwanzschafen, den Ziegen und den kleinen dunklen Rindern fühle ich mich wie mitten in einem Dokumentarfilm. Ich scheine in eine Traumwelt geraten zu sein. So etwas erlebt man doch nicht selbst! So etwas sieht man nur im Fernsehen! Wie im Traum schaue ich den jungen Männern zu, die Pferde probereiten. Mit Sachkenntnis im Blick stehen die würdigen alten Männer am Rand. Die meisten haben kurze gepflegte Bärte. Ich habe das Gefühl, von Patriarchen umgeben zu sein. Staub liegt über dem Gelände. Zwei Männer besiegeln ein Geschäft mit Handschlag. Keiner beachtet mich. Kamele sehe ich leider nicht. Hinterher sagt mir jemand, dass nicht jeden Sonntag Kamele verkauft werden. Außerdem werden Kamele nicht mehr so oft wie früher in der Landwirtschaft gebraucht.

Fasziniert gehe ich weiter. In der „Obstabteilung“ werden viele getrocknete Früchte angeboten. Die Aprikosen kommen aus dem Hunza-Valley. Rosinen in vielen Farben und Größen. Riesige Berge von Wassermelonen und gelben Hami-Melonen säumen eine Gasse. An einer Stelle gibt es Verkaufsstände mit Zucker, der in großen Brocken angeboten wird. Manche Zuckerkristalle sind in rot, grün oder blau gefärbt. Die Farben der Wolle leuchten unbeschreiblich. Der ganze Markt ist ein endloses Farbenspektakel. Auch Möbel und Kinderwiegen werden hier verkauft.

Getrocknete Früchte

Getrocknete Früchte

Nach einigen Stunden kann ich keine weiteren Eindrücke mehr aufnehmen. Ich setze mich erschöpft auf einen niedrigen Hocker in einem Cafe, das an der Straße in die Stadt liegt. Hier kann ich in Ruhe Tee trinken und die vorbeikommenden Menschen beobachten. Ich fühle mich nicht als Teil vom Ganzen sondern mehr als Beobachter. Diese Welt, die da vor meinen Augen vorbei zieht, ist exotisch. Ich muss daran denken, dass nun meine Reisezeit bald abgelaufen ist. Irgendwie befinde ich mich schon auf dem Rückweg. Ich sitze hier und will mit allen Sinnen dieses Erlebnis genießen und für mich speichern.

Abends sitze ich wieder einmal mit anderen Backpackern über der großen Asienkarte und erörtere das Für und Wider vieler Destinationen. Für mich ist die Frage, ob ich nach Urumqi, der Hauptstadt von Xinjiang, fahre oder nicht, die wichtigste. Jeder erzählt mir, dass Urumqi nicht besonders interessant sei. Andererseits hatte ich für meine Post als nächste Adresse Urumqi angegeben. Doch wer weiß, ob in Urumqi wirklich Briefe auf mich warten? Nach einer Nacht, die ich mit Grübeln verbringe, entschließe ich mich, doch direkt nach Turfan zu fahren. Diese Oase mit ihren alten versunkenen Städten und den buddhistischen Höhlen von Biziklik übt eine große Anziehungskraft auf mich aus. Kurzentschlossen miete ich mir ein Fahrrad und fahre zum Busbahnhof, um mir eine Fahrkarte nach Daheyan, der Bahnstation bei Turfan, zu kaufen.

Zur ersten Etappe: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorherigen Etappe:Karakorum Highway, Hunzavalley – ein Traum!

Zur nächsten Etappe23.06. – 05.07.1992: Endlos: Die Taklamakan-Wüste und die Busfahrten

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