05.07. – 19.07.1992 Xiahe: einfach wundervoll!

Wieder lange Busfahrten, 32 Stunden im Hardseater-Wagen und Nächte im Schlafsaal. Dann bin ich endlich in Xiahe. Eine der schönsten Zeiten in 18 Monaten! „Die verführerisch schöne Klosterstadt“ schwärmt auch der aktuelle Lonely Planet von Xiahe. 10 Tage verbringe ich nahe dem tibetischen Labrang-Kloster. Frische Luft, angenehm kühles Wetter auf rund 2.000m Höhe und die mystische Atmosphäre des Klosters mit den vielen Tibetern lassen die Strapazen der vergangengen Tage und Wochen vergessen. Ich treffe neue Leute, schließe eine Freundschaft, die noch weit über die Reise hinaus hält. Guido besuche ich sogar Jahre später in Madagaskar, als er dort ein sechsmonatiges Praktikum absolviert.

Labrang Kloster

Labrang Kloster

Natürlich habe ich ein wenig im Internet recherchiert. Xiahe scheint sich vom Grundprinzip wenig verändert zu haben. Eine moderne Provinzstraße führt an dem Ort vorbei weit in das Hinterland, das früher kaum erreichbar war. Nur da, wo ich mich glücklich in die Blumenwiese gelegt habe, hat sich eine Art Amusement-Park entwickelt, in dem so allerlei Abenteuer angeboten werden: Ausritte in die Steppe oder auch ein Ritt auf dem Yak. Dazu Tibetische Volkskunst und die Möglichkeit, in Jurten zu wohnen. Disneyworld in der Steppe…

Das Labrang-Hotel scheint es auch noch zu geben. Aber angesichts all der hübschen Unterkünfte im Ort selbst, scheint es an Bedeutung verloren zu haben.

Doch bevor ich dieses kleine Paradies erreiche, muss ich noch so einiges überstehen. Lest selbst:

Aus meinem Reisetagebuch 1992:

05.07. – 06.07.1992 Jiayuguan, Festung am Ende der Großen Mauer

Einen Tag später fahre ich mit dem Bus nach Jiayuguan weiter. Die sieben Stunden Busfahrt empfinde ich nicht als besonders lang. Wieder ist die Wüste meistens eine langweilige Ebene. Heute ist der Himmel bedeckt und gegen Mittag regnet es.

Jiayuguan ist ein moderner Industriestandort, der um ein großes Stahlwerk in der Wüste entstanden ist. Schon von weitem sind die rauchenden Schlote und riesigen Kühltürme zu sehen. Die Straßen sind im Schachbrettmuster angelegt und werden von chinesischen Plattenbauten gesäumt. Ich bekomme ein Bett im Schlafsaal im 11. Stockwerk des einzigen Hotels am Ort. Dort treffe ich Adrian wieder, den großen Holländer, den ich schon in Tashkurgan und Turfan gesehen habe. Spontan tun wir uns für die weiteren Besichtigungen zusammen. Heute Nachmittag ist es schon zu spät. Wir bummeln durch die trostlosen Straßen, über bunte Märkte. Von überall kann man die Schornsteine der Fabrik sehen. Am Bahnhof erkundigen wir uns nach dem Zug nach Lanzhou. Leider können wir nur Fahrkarten für Hardseat bekommen. Adrian findet das ok. Mir ist das egal. Dann kann ich endlich mitreden, wenn es darum geht, wer wo wie lange Hardseat überlebt hat.

Jiayuguan

Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus die kurze Strecke zum Fort. Die Festung besteht überwiegend aus restaurierten und nachgebauten Gebäuden. Kleine zierliche Wachtürme mit geschwungenen Dächern sind liebevoll auf die dicken Mauern aufgesetzt. Vor dem mächtigen Haupttor übt eine Gruppe farbenprächtig kostümierter Schauspieler eine Kampfszene für einen Historienfilm. Deshalb erleben wir die Anlage mit Fahnen geschmückt. Von der Mauer haben wir einen Blick in das von der Festung beherrschte Tal. Diese Lage an der Grenze zwischen Gobi und Taklamakan Wüste war sicher eine strategisch äußerst wichtige. Die Große Mauer, die wir gut sehen können, riegelte das Tal ab. Hier ist die Große Mauer allerdings nur ein lehmiger, schmaler und nicht besonders beeindruckender Erdwall.

Nach dieser kurzen Stippvisite geht es am nächsten Tag weiter. 32 Stunden Hardseat warten auf uns. Am Bahnhof herrscht Gedränge. Der Zug kommt mit einer Stunde Verspätung an. Wir finden in dem vollen Zug zwei enge Plätze an einem Tisch im Hardseat-Abteil. Wenn ich alleine gewesen wäre, hätte ich jetzt versucht, ein Bett im Hardsleeper zu bekommen. Aber dank Adrian sitze ich nun hier mit einer netten chinesischen Familie und versuche, ein wenig Chinesisch zu radebrechen. Eine ältere Chinesin lacht mich freundlich an und wiederholt immer wieder etwas, was ich erst nach einer ganzen Weile verstehe: „Du sprichst sehr gut Chinesisch!“ Wie peinlich! Adrian und ich unterhalten uns und gucken den Chinesen zu, die ein uns unbekanntes Kartenspiel spielen.

Auf der anderen Seite des Ganges kümmert sich ein alter Mann liebevoll um ein kleines Mädchen. Sicher Großvater und Enkelin! Es gibt immer etwas zu staunen und zu beobachten. Adrian spielt mit den kleinen Kindern im Wagen. Plötzlich kommt ein junger Mann vorbei, der sich gehetzt umguckt. Dann verschwindet er unter einer Sitzbank. Die anderen Chinesen tun so, als ob sie nichts gesehen hätten. Und schon steht der Fahrkartenkontrolleur im Wagen. Als der weg ist, kommt der Junge mit zerzausten Haaren wieder zum Vorschein. Er grinst uns an und geht weiter.

Später breitet Adrian seine Matte unter seiner Bank aus und legt sich schlafen. Ich döse dumpf im Sitzen vor mich hin. Immer wieder stoßen vorbeigehende Menschen an meine Rücklehne. Einmal hat eine Schaffnerin eine lautstarke Auseinandersetzung mit einem Fahrgast. Lautes Reden und Singen die ganze Nacht. Ich bin früh wieder munter und betrachte die Landschaft. Wir fahren durch ein grünes Tal, immer entlang eines Flusses. Ist das hier der Huanghe – der Gelbe Fluss? Als Adrian endlich wach ist, hat er schrecklich schlechte Laune. Männer! Erst tönen sie rum, dass sie alles ertragen können und dann geht es doch nicht. Ich dagegen lasse mir meine gute Laune auch nicht von Müdigkeit und Nerverei verderben. Je schlechter Adrians Laune ist, desto besser wird meine.

Lanzhou am Gelben Fluss

Stundenlang fahren wir am Gelben Fluss entlang. Rechts und links Hügel und Berge, die zum großen Teil bewaldet sind. Kleine Dörfer und grüne Felder. Dazwischen der Fluss, dessen lehmgelbe Fluten träge dahin fließen. Der Himmel ist grau und manchmal regnet es leicht. Was für ein angenehmer Gegensatz zu den letzten heißen Tagen in der Wüste!

Lanzhou empfängt uns trübe und regnerisch. Adrian verabschiedet sich gleich am Bahnhof von mir. Er will in Richtung Tibet weiter. Es ist spürbar kühler hier. Trotz des Regens gehe ich noch lange durch die lebhaften Straßen. Es ist viel los. Die Läden und Restaurants haben bis spät in die Nacht geöffnet. Laute Karaoke-Bars an jeder Ecke. Fliegende Händler bieten Blusen an, die alle das gleiche auffällige bunte Muster haben. Bald sehe ich einige Frauen, die genau diese Blusen tragen. Nach der Nacht im Hardseat folgt eine im Schlafsaal eines ungemütlichen Hotels am Busbahnhof.

Die Unfallversicherung

Am nächsten Morgen will ich ganz früh meine Fahrkarte für die achtstündige Busfahrt am selben Tag nach Xiahe kaufen. Aber am Busbahnhof sagt man mir, dass ich dafür eine Unfallversicherung brauche, die ich nur beim CITS, dem staatlichen Chinesischen Reisebüro, bekomme. CITS befindet sich aber in einem Hotel am anderen Ende der langgestreckten Stadt. Auch meine bereits vorhandene Versicherung aus Kashgar, die angeblich in ganz China gilt, hilft mir nicht. Ich brauche eine Versicherung, die speziell für die Provinz Gansu gültig ist. Ich unterdrücke meinen Ärger und versuche es mit Schmeicheleien und meinem freundlichsten Lächeln. Es nutzt alles nichts. Man schickt mich höflich aber bestimmt zu CITS. Ich ärgere mich sehr über diese Halsabschneiderei.

Wütend fahre ich eine halbe Stunde mit dem Bus zu dem Hotel, wo ich nach einigem Suchen in einem kleinen Gebäude hinter dem Hotelgarten das Büro des CITS finde. Ein junger Mann erklärt mir, dass die Versicherung 20 Yuan kostet zuzüglich einer Bearbeitungsgebühr von 5 Yuan. Ich rege mich immer mehr auf. Er spricht ein ganz gutes Englisch. Also kann ich, während ich mich mühsam beherrsche, meinen Ärger erklären. Natürlich kann er nichts für diese Vorschriften. Aber er ist derjenige, der all meinen Unmut abbekommt. Schließlich ruft er seine Vorgesetzte, die, nachdem sie mich ruhig und geduldig angehört hat, wenigstens auf die Gebühren verzichtet. Ich bin ganz verblüfft über meinen Erfolg, kaufe nun endlich die Versicherung und gönne mir von dem gesparten Geld eine Cola in der Bar des Hotels.

Den Rest des Tages verbringe ich mit einem Bummel durch die sauberen Geschäftsstraßen von Lanzhou. Ich bin überwältigt von all den glitzernden Schaufenstern. An einem Stand esse ich ein scharfes Schaschlik. Himmel, ist das scharf! Aber lecker! Auf den Märkten werden reife Pfirsiche und Melonen angeboten. Diese Pfirsiche sind einfach göttlich: saftig und süß!

Lanzhou

Lanzhou

Das Lanzhou Museum wird leider zur Zeit renoviert. Trotzdem ich habe die Gelegenheit, wenigstens die Frühgeschichtliche Abteilung zu sehen. Das berühmte Fliegende Pferd, eine 2000 Jahre alte Bronzefigur, und viele Keramiken, die mit schwarzroten geometrischen Mustern bemalt sind, beeindrucken mich sehr.

Ein wenig müde vom Pflastertreten setze ich mich in ein Teehaus an einem kleinen Fluss in der Nähe eines Tempels. Die alten Männer, die an den wackeligen Tischen sitzen, Tee trinken und ein Pfeifchen rauchen, gucken mich neugierig an. Ich nippe gelassen an meinem grünen Tee und schaue genauso neugierig zurück. Die Aufregung und der Ärger des Vormittags verblassen. Ein alter Mann singt chinesische Opernarien. Auf der anderen Seite des trüben Baches rauscht der Verkehr. Die untergehende Sonne taucht alles in ein warmes Licht. Gelber Smog liegt wie ein sanfter Dunstschleier über der Straße. Welch ein Tag!

09. – 19.07.1992 Xiahe, eine tibetische Stadt

Die Fahrt mit dem Bus in die Berge von Xiahe geht durch dichte Wälder. Überall wird zwar Holz geschlagen, aber ich sehe zu meiner Erleichterung auch aufgeforstete Flächen. Immer wieder kommen uns LKWs entgegen, die mit dicken Baumstämmen hoch beladen sind.

Zur Mittagszeit machen wir einen Halt in Linxia. Einige der Westler, die mit im Bus sind, steigen hier aus. Mir ist nicht so recht klar, was an dieser staubigen und aus Betonbauten bestehenden Stadt interessant sein soll. Ich schlendere an der Hauptstraße auf und ab, esse eine Nudelsuppe und fahre weiter.

Nachdem die Straße sich durch ein bewaldetes Tal immer weiter hinauf gewunden hat, öffnen sich die Berge und geben den Blick frei auf eine Stadt, die zuerst genauso langweilig und uninteressant aussieht wie Linxia. Rechts und links hohe unbewaldete grüne Berge mit runden Gipfeln. Die Hauptstraße wird von den üblichen tristen Betonbauten gesäumt. Mit den paar Westlern aus dem Bus mieten wir uns zusammen ein Sammeltaxi. Das Labrang-Hotel, das laut dem Lonely Planet Guide empfohlen wird, liegt am anderen Ende der Stadt etwas außerhalb an einem kleinen Fluss.

Xiahe besteht offensichtlich aus drei Teilen: zuerst fahren wir eine Weile durch den tristen chinesischen Ort mit den ewig gleichen grauen Betonbauten. Dann geht es entlang an gelben Lehmmauern mit geschnitzten Holztoren durch eine Pappelallee. Das sind Gebäude, die zum tibetischen Kloster Labrang gehören. Zum Schluss kommen die schlammigen Wege des tibetischen Dorfes, wo kleine Lehmhäuser stehen und weiße Gebetsfahnen im Wind wehen. Das letzte Stück des Wegs führt entlang eines Baches durch Felder und über Weiden. In der Ferne sanfte Berge und weite grüne Graslandschaften. Einige kleine dunkle Yaks weiden hier. Auf den Bergrücken leuchten vereinzelt weiße Nomadenzelte.

Das Hotel besteht aus einem neuen hässlichen Betonbau und den Holzhäusern der ehemaligen Sommerresidenz des Abtes vom Labrang Kloster. Natürlich möchte ich in einem der Zimmer im alten Teil wohnen. Um zwei große Höfe gruppieren sich die dunklen Zimmer, deren Fenster auf die Terrasse und den Innenhof hinaus gehen. Die Einrichtung der Zimmer besteht nur aus zwei einfachen Holzbetten und zwei Stühlen. Die Gemeinschaftsdusche und –toilette ist nicht weit. Das Schöne sind die buntverzierten Balken der Terrasse und die kunstvoll geschnitzten Fensterrahmen. In den nächsten Tagen gewöhne ich es mir an, mir einen Stuhl zu nehmen und auf der Terrasse sitzend mein Tagebuch zu schreiben. Hier ist genau der richtige Platz, um mich ein wenig auszuruhen!

Beim Tagebuch Schreiben im Hotel

Beim Tagebuch Schreiben im Hotel

Schon am nächsten Tag lerne ich Guido, einen jungen Deutschen, und Soofon, eine Chinesin aus Schweden, kennen. Wir verstehen uns so gut, dass ich gleich zu Soofon ins Zimmer ziehe. Am 11. Juli feiern wir gemeinsam im Hotelrestaurant meinen Geburtstag. Der zweite Geburtstag fern von daheim! Ich werde ein wenig sentimental. Manchmal bedrückt es mich, dass es nun kaum mehr zwei Monate sind, bis mein Zug in Peking abfährt. Wie schön, dass ich hier so nette Menschen getroffen habe! Wir trinken gemeinsam jeder zwei Biere. Das ist für mich schon fast zu viel. Ich bin ein wenig beschwipst, als ich ins Bett gehe.

Wir gehen oft gemeinsam essen, was am besten im tibetischen Dorf möglich ist. Dort gibt es ein kleines Restaurant, das sich auf die westlichen Rucksacktouristen spezialisiert hat. Zwei große runde Tische und eine einfache Küche mit einem kleinen Holzofen bilden die Einrichtung. Hinter einem bunten Vorhang scheinen sich die Betten der Wirtsleute zu befinden. Es gibt süßes Tsampa-Müsli und manchmal Bratkartoffeln. Doch man kann auch einfach bei einer Tasse Muslim-Tee stundenlang sitzen, sich unterhalten und auf die Straße gucken. Der Muslim-Tee besteht aus heißem Wasser, das über eine Mischung aus Grünem Tee mit einem großen Kandisklumpen und einigen Nüssen und unbekannten Früchten gegossen wird. Die bunte Thermosflasche mit heißem Wasser steht immer auf dem Tisch und man kann sich so oft nachgießen, wie man möchte.

In diesem schlichten Restaurant treffe ich beim duftenden Tee die erstaunlichsten Menschen. Ein älterer Amerikaner erzählt, dass er seit Jahren die tibetischen Pilgerrouten erkundet und dabei Antiquitäten sammelt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Mann nicht einfach die Naivität und Offenheit der Nomaden ausnutzt. Einmal zeigt er mir im Hotel seine gesammelten Schätze und erzählt, wie günstig er sie eingekauft hat.

Ein andermal spreche ich mit einem jungen englischen Paar, das in den Graslands unterwegs ist, um Bushcrickets, eine nur hier vorkommende Grillenart, zu erforschen. Natürlich sind auch viele der üblichen Backpacker unterwegs, die versuchen, sich gegenseitig durch ihre Abenteuer zu übertrumpfen. Ich habe immer öfter keine Lust, mitzumachen und spiele lieber mit den niedlichen Kindern der Wirtsleute. Abends treffe ich mich mit Guido und Soofon.

Labrang ist eines der bedeutendsten tibetischen Klöster in und außerhalb Tibets. Hier haben mal mehr als 10.000 Mönche und Lamas gewohnt. Nach der Kulturrevolution waren es nur noch einige Handvoll. Doch jetzt sind es wieder mehrere Tausend. Viele Pilger kommen von weither, um zu beten und den Heiligen Weg (Kora), der rund um das Kloster führt, zu begehen. Sie haben sich besonders schön gemacht für diese Gelegenheit. Deshalb kann man hier die schönsten Trachten und Kopfbedeckungen sehen. Viele tibetische Frauen tragen ihre langen Haare in feine Zöpfe geflochten. Ihre braunen Mäntel sind mit bunten gewebten Borten gesäumt.

Labrang Kloster

Labrang Kloster*

Die tibetischen Nomaden, die hierher als Pilger kommen, leben weitab von allen Dörfern und Städten. Manche haben noch nie Westler gesehen. Immer wieder schauen freundlich lächelnde tibetische Frauen und auch Männer neugierig durch das Fenster zu uns ins Restaurant. Wir sind für sie genauso eine Attraktion, die es zu bestaunen gilt, wie sie für uns.

Einmal führen zwei große Tibeter ein Pferd am Restaurant vorbei. Der eine ist hochgewachsen, hat feine Gesichtszüge. Seine Haare sind in viele Zöpfe geflochten und zu einer Haube zusammengesteckt. Er trägt seinen braunen Mantel über einer Schulter, hat nur einen Arm im Ärmel. Um die Hüften fasst ein silberbeschlagener breiter Ledergürtel den Mantel zusammen. Im Gürtel steckt ein glänzender Dolch, dessen Griff kunstvoll verziert ist. Der Mann strahlt eine solche Präsenz und Würde aus, dass ich den anderen Mann neben ihm kaum wahrnehme. Beeindruckt schaue ich ihm nach und raune Guido ehrfürchtig flüsternd zu: “Schau mal, das war, als ob Winnetou vorbeigeschritten ist!“

Um in den Haupttempel zu gehen, muss man eine Eintrittsgebühr bezahlen. In dem weiten Gelände, den Gassen zwischen den Mönchsunterkünften und dem Pilgerweg kann man sich frei bewegen. Der Tempel, seine Nebengebäude und die Mönchsunterkünfte nehmen den größten Teil des Tales ein. Die Tore zu den einzelnen Hofhäusern sind prachtvoll geschnitzt. Die Mönche in ihren dunkelroten, fast lila gefärbten Roben bilden leuchtende Punkte in dem Gelb der Lehmmauern. Weiß gestrichene Einsiedeleien und Stupas säumen den Pilgerweg.

Die Tibeterin mit dem Leopardenfell

Die Tibeterin mit dem Leopardenfell

Während ich den Pilgerweg gehe und die vielen bunten Gebetsmühlen drehe, begegne ich einer alten Frau, deren Mantel von einem Schneeleopardenfell gesäumt wird. Ich zücke meine Kamera, die ich hier ständig in der Hand halte. Mit einem Lächeln schaue ich die Frau an und zeige auf die Kamera. Sie lächelt nickend zurück. Ich mache mein Foto. Dann suche ich in meinem Tagesrucksack, bis ich das Foto vom Dalai Lama finde, das ich für solche Fälle bei mir habe. Ich reiche es der Frau zum Dank für das Foto. Sie stutzt einen Moment, dann geht ein Leuchten über ihr Gesicht. Sie nimmt das Foto und drückt es voller Verehrung mit einer Verbeugung an die Stirn. Dann ergreift sie meine Hand und küsst sie. Ich wehre hastig ab. Ich bin beeindruckt davon, wie groß ihre Verehrung für den Dalai Lama ist, und dass sie den Dalai Lama sofort erkannt hat, obwohl der Besitz seiner Bilder verboten ist. Doch das wird zur Zeit großzügig gehandhabt. Diese Begebenheit wird von einem alten Tibeter beobachtet, der nun seinerseits um ein Bild des Dalai Lama bittet. Leider habe ich nur das eine dabei.

Im Labrang-Hotel mieten Guido, Soofon und ich Fahrräder, um einen Ausflug in die Graslands zu machen. Die Graslands sind die grasbewachsenen runden Hügel hinter Xiahe. Überall weiden Schafe und manchmal auch die langhaarigen Yaks, die halbwilden Rinder der Nomaden. Der Himmel mit seinen tiefhängenden dunklen Wolken scheint zum Greifen nahe. Wir lassen die Fahrräder am Weg stehen und gehen zu Fuß in die Hügel. Um uns herum das Summen der Bienen und zu unseren Füßen bunte Blumen. Von Nahem entpuppen sich die grünen Hügel als bunte Blumenwiesen. Ich kann nicht widerstehen und lege mich auf die Wiese. Ich möchte mit allen Sinnen diese schöne Umgebung in mich aufnehmen. Wie die Blumen duften! Wie schön sie sind so aus der Nähe betrachtet! Ich liege glücklich im Gras und schaue in den Himmel auf die schnell ziehenden Wolken.

Wir trauen uns nicht, noch weiter hinaus zu fahren, denn schon von weitem können wir sehen, dass von den nahen Bergen ein Gewitter heraufzieht. In den dicken schwarzen Wolken am Horizont leuchten schon die ersten Blitze und leises Donnergrollen begleitet uns auf unserem Rückweg ins Hotel. Am Nachmittag hat sich das Wetter wieder beruhigt. Ein strahlendschöner Regenbogen steht über dem Tal.

Graslands

Graslands

Für mich wird es höchste Zeit, mein Visum zu verlängern. Ich fahre mit dem Fahrrad in den chinesischen Ortsteil, wo sich das Public Security Office befindet. Beim ersten Versuch ist leider niemand da. Ein Mann sagt mir, dass das Büro nur am Nachmittag geöffnet habe. Ich bin etwas frustriert, da die Fahrt mit dem klapprigen Fahrrad vom Hotel hierher ungefähr eine Stunde dauert. Am nächsten Tag bin ich wieder da und muss dann doch noch eine Stunde warten, bis endlich jemand das Büro für mich öffnet. Keiner spricht Englisch. Ich möchte mein Visum gleich um zwei Monate verlängern, was normalerweise nicht möglich ist. Ich sitze in dem dämmrigen Büro an einem Schreibtisch einer jungen uniformierten Frau gegenüber, die ich in einer Mischung aus Englisch und meinem besten Chinesisch volltexte. Ich erzähle ihr, wie sehr ich China liebe, wie gut mir Xiahe gefällt, wie nett die Polizisten und alle Menschen hier sind. Ich zeige ihr meine Bestätigung für den Zug am 05.09. Ich weiß nicht, wie viel sie von alledem versteht. Aber zum Schluss bekomme ich meine Visaverlängerung für zwei Monate. Wir verabschieden uns in aller Freundschaft voneinander.

Voll Begeisterung über meinen Erfolg gebe ich am Abend Soofon und Guido ein Bier aus in „unserem“ tibetischen Restaurant. Beschwingt gehen wir entlang des kleinen Flusses zurück zum Hotel. Schon von weitem können wir einen rotschwarzen Bus vor dem Tor stehen sehen. Mir kommen die Farben seltsam bekannt vor. Eine Befürchtung steigt in mir auf. Aber das kann nicht sein! Ausländische Busse dürfen in China nicht fahren! Oder doch? Als wir näher kommen, sehe ich meine Vermutung bestätigt. Dort steht ein Bus des deutschen Reiseveranstalters Rotel-Tours! Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass die Reiseteilnehmer in einem speziellen Schlafwagenanhänger nächtigen. Dieser Anhänger ist aber nicht da. Also wird es wohl so sein, dass man hier die übliche 2-tägige Hotelpause eingelegt hat, die auf halbem Wege immer gemacht wird. Als wir im Hotel sind, müssen wir feststellen, dass die lärmende deutsche Reisegruppe unseren Hof mit Beschlag belegt hat. Auch am nächsten Tag wimmeln die umliegenden Wiesen von den Touristen, die ungeniert in die Zelte der Nomaden eindringen. Nach einem Tag sind sie wieder verschwunden.

Ich versuche, ein wenig Abstand zu gewinnen von diesen Menschen, und mache mich alleine in die Berge hinter dem Kloster auf. Ich folge einer Schafherde mit ihrem Hirten und seinen Hunden ein kleines Tal hinauf. Ein schmaler Pfad führt mich durch die bunten Wiesen auf einen Bergrücken, auf dem die weißen Zelte der Tibeter stehen. Kleine schwarze Yaks galoppieren mir erschreckt aus dem Weg. Es heißt, dass die Tibeter von Xiahe, auch wenn sie jetzt in festen Häusern wohnen, in Erinnerung an ihre nomadische Vergangenheit jeden Sommer für einen Monat die Zelte aufschlagen und dort wie ihre Vorfahren wohnen.

In den Bergen

In den Bergen

Ich merke, wie mich die Höhe kurzatmig macht. Deshalb mache ich oft Pause und atme tief die reine Luft ein. Aus den Zelten kommen mir tibetische Kinder lärmend und lachend entgegen. Ein kleiner Junge, vielleicht 6 bis 7 Jahre alt, hält mir in seiner schmutzigen Hand ein paar winzige ein wenig matschige Walderdbeeren entgegen. Natürlich darf ich dies Angebot nicht ausschlagen. Schon aus Höflichkeit nehme ich die Beeren und schlucke sie herunter. Sie sind angenehm säuerlich. Ich schaue mich nun genauer im Gras um. Neben vielen weißen und rosa Blumen, die ich nicht kenne, sind die feinen weißen Blüten und kleinen roten Früchte kaum zu erkennen. Ich pflücke mir selbst noch ein paar, lachend beobachtet von den Kindern. Dann mache ich ein Foto von ihnen mit meiner kleinen Kamera. Ein Junge fragt mich mit Handzeichen, ob er auch mal fotografieren dürfe. Ich reiche ihm die Kamera. Er nimmt sie und drückt immer wieder auf den Auslöser. Gleich ist der Film zu ende! Ich drohe ihm grinsend mit dem Zeigefinger und renne ihm nach. Mit einem strahlenden Lachen aus seinem zahnlückigem Mund reicht er mir den Apparat zurück. Das Lachen der Kinder begleitet mich noch eine lange Zeit auf meinem Rückweg.

Xiahe

Xiahe

Abends sitzen Soofon, Guido und ich zusammen im Tibetischen Restaurant und sprechen über unsere weiteren Pläne. Irgendwer hat uns von Tongren erzählt, einem Ort auf halben Weg nach Xining. Soofon und ich wollen sowieso nach Xining, da sich dort in der Nähe ein weiteres bedeutendes tibetisches Kloster, Taersi bzw. Kumbum, befindet. Guido hat andere Pläne, aber die Aussicht, nach Tongren zu fahren und damit einen weniger touristischen Ort zu sehen, reizt ihn sehr. Also beschließen wir, zusammen dorthin zu fahren. Zunächst ist Xiahe noch so schön, dass wir uns auf einen genauen Tag für die Abfahrt nicht festlegen wollen.

Gemeinsam streifen wir am nächsten Tag durch die weite Klosteranlage. Wir besichtigen einige Tempel von innen, drehen viele bunte Gebetsmühlen und amüsieren uns mit den jungen Mönchen, die alle an unseren Fotoapparaten interessiert sind. An einem Morgen bemerken wir, dass die Mönche zu einem großen Platz hinter dem Haupttempel gehen. Sie ziehen ihre Schuhe aus und versammeln sich auf einer steinernen Plattform im Freien. Auf einem Podest oberhalb lässt sich ein Mönch mit hoher gelber Mütze nieder. Das scheint der Abt zu sein. Die anderen Mönche legen ihre Umhänge ab und gruppieren sich jeweils zu zweit. Dann fängt eine Veranstaltung an, die wir staunend und ohne irgendetwas zu verstehen verfolgen. Einer der Mönche sitzt jeweils auf dem Boden, während der andere mit lautem Klatschen und einem weitem Schritt auf ihn zustürmt. Dabei ruft er etwas. Ich erinnere mich schwach, davon mal etwas im deutschen Fernsehen gesehen zu haben. Auf diese Weise diskutieren die Mönche buddhistische Themen. Das Argument des einen wird mit lautem Händeklatschen unterstrichen, während der andere Mönch dabei mit keiner Wimper zuckt.

Labrang Kloster

Labrang Kloster

Labrang Kloster

Labrang Kloster

Am Rande der Plattform versammeln sich nach und nach einige tibetische Pilger und viele Touristen. Ein Japaner stellt sich ohne Hemmungen zu den Mönchen auf die Plattform. Er hat natürlich noch seine Schuhe an und hält sein dickes Objektiv auf alles, was sich bewegt. Ich finde den Mann ziemlich peinlich. Nach einer Weile gehen wir zum Markt im Ort. Es ist Hochsaison für Pfirsiche, die hier besonders süß und saftig sind.

Soofon bietet an, für morgen die Fahrkarten für den Bus nach Tongren zu kaufen. Mir ist das ganz lieb, da ich keine Lust habe, durch die vom nächtlichen Regen aufgeweichten Straßen zum Busbahnhof zu fahren. Doch abends teilt uns Soofon mit, dass sie noch keine Fahrkarten gekauft hat. Uns ist das recht, denn damit haben wir einen weiteren Tag in diesem wunderschönen Ort.

Meine Wäsche, die ich gestern gewaschen habe und die nun auf einer Wäscheleine im Hof vor unserem Zimmer hängt, ist auch noch nicht trocken. Ich freue mich, dass ich noch einen ruhigen Tag hier verbringen kann. Es scheint auch wieder die Sonne. Über Nacht haben sich die Preise im Hotel erhöht. Da bin ich andererseits ganz froh, dass wir bald weiter fahren.

Am nächsten Abend sitzen Guido und ich mit einigen anderen Leuten im tibetischen Restaurant, als Soofon kommt und uns erzählt, dass sie nun endlich die Fahrkarten besorgt hat. Erschrockenes Raunen bei den anderen. „Wisst Ihr denn nicht, dass heute auf dieser Strecke ein Bus verunglückt ist?? Ein Kanadier ist schwer verletzt worden und musste ins Krankenhaus. Es soll auch ein paar Tote gegeben haben.“ Der Bus soll in eine tiefe Schlucht gefallen sein. Die Straße ist nicht befestigt und wenig sicher. Wir sagen uns, dass jetzt die Busfahrer besonders vorsichtig fahren werden und uns nichts passieren wird, und wir sind froh, dass wir nicht heute mit dem Bus gefahren sind.

Zur ersten Etappe: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 23.06. – 05.07.1992: Endlos: Die Taklamakan-Wüste und die Busfahrten

Zur nächsten Etappe:Ganz besondere Erlebnisse in Qinghai

Labrang Kloster

Labrang Kloster (Mein absolutes Lieblingsfoto von damals)*

* Die mit einem Sternchen gekennzeichneten Fotos wurden dank einer lieben Freundin hochaufgelöst gescannt.

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