Peking – Eine Liebeserklärung

2015: In 5 Wochen bin ich wieder mal in Peking!

Anlass genug, diesen alten Artikel noch mal hervorzuholen. In 5 Wochen werde ich ganze 5 Tage in Peking verbringen, nach einem kurzen Besuch in Pingyao und einigen Orten, die dem westlichen Touristen bislang entgangen sind. Fragt mich besser nicht, wie oft ich schon in Peking war. Das müssen mindestens 10 Male gewesen sein! Und doch: Ich freue mich darauf, wieder Neues und Unbekanntes zu entdecken. Das Eunuchen-Museum zum Beispiel. Das Nationalmuseum steht auch auf meinem Plan. Das war 2011 bei meinem letzten Besuch gerade erst wieder eröffnet worden und noch gar nicht fertig. Ich fürchte, ich werde es wieder nicht schaffen, nach Zhoukoudian zu fahren, dem Fundort des Peking-Menschen. Wieder in die Verbotene Stadt? Das lass ich noch offen. Aber einen mir noch unbekannten Abschnitt der Großen Mauer bei Huanghuacheng will ich unbedingt sehen! Und den Stadtmauerpark am Bahnhof, und und und…

Ich freue mich schon sehr auf diesen Besuch in meiner „zweiten Heimat“!

Mein erster Besuch in Peking 1988

Nach einem langen Flug empfing mich Peking an einem frühen Dezembermorgen 1988 kalt und trübe. Ich hatte viele Stunden neben einer deutschen Geschäftsfrau gesessen, die mich mit großer Erfahrung und endlosen Geschichten zu China unterhalten hatte. „Wie? Niemand holt Sie vom Flughafen ab? Kein chinesisches Geld in der Tasche? Wie wollen Sie denn in die Stadt kommen?“ Diese Frau, die selbst sagte, dass sie mehr als 30 Mal in China gewesen war, verunsicherte mich zutiefst. Was wusste ich schon von China, das ich vor einem Jahr zum ersten Mal besucht hatte? Müde und unsicher holte ich mein Gepäck vom Band. Und suchte als erstes eine Bank. In der trostlosen Empfangshalle des alten Flughafens gab es ein Büro der Bank of China. Aber die war geschlossen. Ich wandte mich an die Tourist-Information gleich daneben: „Wann macht die BoC auf?“ „Vielleicht morgen oder auch schon heute Mittag“ erklärte mir eine freundliche junge Dame. Ich wandte mich frustriert ab. Was mach ich nur? Hatte die Geschäftsfrau mit ihrer Unkerei, dass man in Peking nicht einfach so ankommen konnte, dass es keine Hilfe geben würde, recht? Mir standen die Tränen in den Augen. Doch halt! So schnell lass ich mich doch nicht verunsichern! Wie war das letztes Jahr in China gewesen – mit all seinen Mei Yous (Hab ich nicht, gibt es nicht, versteh ich nicht)? Vielleicht hatte ich eben nur die falsche Frage gestellt! Mit entschlossenen Schritten kehrte ich zur Tourist-Info zurück: „Gibt es hier eine Bank, die jetzt geöffnet ist?“ „Sicherlich. Dort die Treppe hinauf!“ Innerhalb von 10 Minuten hatte ich Geld getauscht, dann ohne Probleme den Taxistand gefunden und saß im Wagen in die Stadt.Peking

Damals (1988) glich der Weg einer Landstraße, rechts und links graue staubige Bäume und Felder. Kleine Dörfer mit Häusern, die sich im scharfen Wind duckten. Ihre Farbe war genauso grau wie die trockenen Äcker. Der erste Eindruck konnte kaum trostloser sein. Je näher wir dem Zentrum kamen, desto mehr Menschen, Eselskarren und Autos sah ich. Die Häuser wurden höher und drängten sich aneinander. Ich konnte einen ersten Blick auf das Tor des Himmlischen Friedens erhaschen.

Als ich im Hotel ankam, mein Zimmer sofort beziehen konnte, war ich so überdreht trotz aller Müdigkeit, dass ich nur schnell meinen Rucksack aufs Bett warf und mich auf meinen ersten Erkundungsgang machte. Es war Dezember, bitterkalt, windig und staubig. Ich spürte das kaum. Wie mit einem inneren Kompass ausgestattet fand ich meinen Weg durch die kleinen und großen Straßen zum Platz des Himmlischen Friedens. In den Gassen voller Menschen, die so fremdartig und doch vertraut aussahen, spürte ich es zum ersten Mal ganz deutlich: Hier hatte ich in einem früheren Leben gewohnt! Dies ist meine Stadt!

Im Winter 1988 konnte ich die Luftverschmutzung riechen. Aus zahllosen kleinen Öfen quoll der Qualm der Kohlestaubbriketts, mit denen die einfachen alten Häuser geheizt wurden, auf denen gekocht wurde und das heiße Wasser brodelte. Der Verkehr dagegen war überschaubar. Ich konnte sogar noch zu Fuß die Changan-Straße vor dem Peking-Hotel überqueren. In meinem Tagebuch finde ich den Eintrag: „Angesichts der breiten Straßen denke ich, dass man in den nächsten Jahren mit einer deutlichen Zunahme des Verkehrs rechnet.“ Mit den endlosen Staus 25 Jahre später rechnete damals noch niemand.

Peking, Kohlestaubbriketts

2009: Immer noch gehören die Kohlestaubbriketts zum Alltag in Peking

 

Seit diesem ersten Besuch in Peking habe ich viele Male die Verbotene Stadt besucht, die Hochhäuser quasi wie Pilze wachsen sehen, neue Museen erkundet, alte Tempel entdeckt und mit Freude und Bewunderung gesehen, wie bunt das Leben in Peking wurde und wie offen die Menschen mittlerweile auf Fremde zugehen. Was für ein Segen dieses moderne U-Bahn-System ist mit allen Beschriftungen in unserer Schrift! Das umfangreich renovierte Nationalmuseum gibt endlich den wunderbaren Kunstwerken und Errungenschaften der chinesischen Geschichte den angemessenen Rahmen.

Obwohl sich so viel geändert hat, gibt es doch so etwas wie die Pekinger Seele, die sich zwar entwickelt, die aber noch so ist wie damals, vor 25 Jahren. Man findet sie auf den zahlreichen Märkten, morgens ganz früh, wenn die Menschen draußen ihre Gymnastik-Übungen machen, in den Parks, wo die Großmütter ihre Enkelkinder bespaßen. Es wird gelacht, gesungen und getanzt. Lebensfreude ist überall spürbar. In der Verbotenen Stadt findet man mittlerweile Sitzgelegenheiten und sogar Cafés! Da macht das Besichtigen so richtig Spaß!

Auch die große, manchmal fast kindliche Konsumfreude der Chinesen macht mir Spaß. Es ist noch nicht so lange her, dass fast alles grau, blau und grün war. Das Angebot in den Geschäften war sehr eingeschränkt, die Möglichkeiten begrenzt. Vor 30 Jahren lebten noch 80% der Chinesen unter der Armutsgrenze, heute sind es (nur) noch rund 20% oder weniger. Heute sind die Fahrräder fast aus dem Stadtbild verschwunden, weil sich die Menschen mindestens ein Moped leisten können.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Natürlich tut es mir auch weh, wenn die alten Wohnquartiere, die Hutongs, den großen Straßen und Hochhäusern weichen müssen. Doch wer will schon wirklich in den alten Häusern, ohne Wärmedämmung, ohne fließend Wasser, auf engstem Raum, leben? Da ist es gut, dass einige Häuser umfangreich renoviert werden. Die Originalität geht aber in jedem Fall verloren, denn die Menschen, die in den Hutongs lebten, hatten nie so viel Platz und Badezimmer, wie jetzt eingebaut werden. Mehr zu einem lebhaften Hutong-Viertel in Peking.

Peking

Markt in Pekings Altstadt Xicheng

 

Trotzdem: Ich liebe Peking, eine Stadt, die sich mit viel kindlicher Freude in die Zukunft stürzt, nicht immer alles gut überlegt, aber doch voll des guten Willens ist. Dabei entsteht sehr viel Schönes, das hoffentlich die Schatten verblassen lässt. Und wenn ich in Peking zu viel von Lärm, Autos und Wolkenkratzern habe, dann bleibt immer die Verbotene Stadt, in der ich mich an der Schönheit der chinesischen Kunst, dem großen Geschick seiner Handwerker und Künstler und der großartigen Geschichte des Landes erfreuen kann.

Wenn es also bei Wikipedia heißt, dass „Heimat eine räumlich-soziale Einheit mittlerer Reichweite, in welcher der Mensch Sicherheit und Verlässlichkeit seines Daseins erfahren kann, sowie ein Ort tieferen Vertrauens“ ist, dann ist Peking in diesem Sinne meine Heimat, meine zweite, denn ich habe da ja noch Hamburg.

Peking

Wenn ich aus dem Trubel der Metropole Peking fliehen will, bleibt mir immer noch die Verbotene Stadt

Mehr zu Peking findet Ihr auf meiner Peking-Seite. Zum Beispiel: Meine Top 3 Sehenswürdigkeiten in Peking

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