06.08. – 09.08.92 Kaifeng – alte Kaiserstadt

Nach der Zeit in der Großstadt Xi’an freue ich mich auf Orte abseits der Touristenpfade. Kaifeng, einst für kurze Zeit Hauptstadt der Song-Dynastie, scheint mir genau richtig zu sein. Eine kleine Stadt mit einer großen Vergangenheit. Noch heute kann man die zweitlängste Stadtmauer Chinas (14,4 km) bewundern. Die Häuser haben 1992 und auch heute nicht wirklich die Fläche innerhalb der Mauer ausfüllen können. Man munkelt, dass Kaifeng einst, also im 12. Jahrhundert, ungefähr 700.000 Einwohner hatte. Heute sind es 850.000 Einwohner im Stadtgebiet. Das bedeutet, Kaifeng ist eine gemütliche Kleinstadt. Das war auch 1992 so. Kaifeng war damals so weit aller touristischen Vorstellungen, dass selbst Backpacker nicht dorthin wollten. Es kam mir in der Zeit jedenfalls vor, als sei ich die einzige Westlerin im Ort. Das hatte natürlich auch den Nachteil, dass ich abends niemanden zum Reden hatte. Auch hab ich mir gleich am Anfang eine leichte Lebensmittelvergiftung zugezogen. Meine Stimmung war also gedrückt. Hinzu kam, dass ich irgendwie zwischen Reisemüdigkeit, Trauer über das baldige Ende meiner Reise und der Freude auf’s Nachhausekommen schwankte.Kaifeng

2015: Während ich dies schreibe und in meinen Erinnerungen suche, überkommt mich Wehmut: In wenigen Wochen werde ich den Reisebericht beenden. Doch vorher dürft Ihr noch gespannt sein auf Berichte abseits der Touristenpfade, die Transsibirische Eisenbahn, die Mongolei und Moskau. Stay tuned!

Aus meinem Reisetagebuch 1992

Ich genieße den Luxus, von Xi’an nach Kaifeng in einem sauberen 4-Bett-Abteil (Schlafwagen 1. Klasse!) zu fahren. Meine Mitreisenden sind Geschäftsleute aus Shanghai. Sie unterhalten sich sehr nett mit mir, denn sie sprechen ein gutes Englisch.

Am frühen Morgen komme ich in Kaifeng an. Es ist angenehm kühl, aber es regnet ein wenig. In meinem Reiseführer habe ich gelesen, dass es in der Nähe des Bahnhofs einige kleine Pensionen gibt, die manchmal auch Ausländer für wenig Geld bei sich wohnen lassen. Das würde ich gerne ausprobieren. Also schleppe ich meinen Rucksack durch die engen Gassen. Ich kenne jetzt die Schriftzeichen für „Pension“ und sehe an den Schildern, dass es tatsächlich viele gibt. Ich frage bei einigen nach. Doch man winkt ab. Hier scheut man sich, Ausländer aufzunehmen. In einer Pension besichtige ich die Zimmer und die Toiletten, aber es ist mir zu dreckig und dafür auch zu teuer. Irgendwie habe ich keine Lust mehr auf Absteigen.

Schließlich fahre ich mit dem Bus ins Stadtzentrum. Wir passieren ein Stadttor in der auch hier noch vorhandenen Stadtmauer. Beim Markt im Zentrum steige ich aus. Dort gibt es das Kaifeng-Hotel, wo ich auch ein schönes Zimmer mit eigenem Bad, Fernseher und Aircondition bekomme.Kaifeng Pagode

Ich gehe nur noch kurz raus zum Markt und kaufe mir Brot und Obst. An einem kleinen Schaschlik-Stand kaufe ich mir einen leckeren Fleischspieß. Dann mache ich es mir für den Rest des Tages in meinem Zimmer gemütlich. Ein heißes Bad!! Unglaublicher Luxus!!!

Aber irgendetwas scheint mir nicht bekommen zu sein. Ich verbringe einen großen Teil der Nacht auf der Toilette. Wie gut, dass ich ein Zimmer mit eigener Toilette habe! Am Morgen bin ich völlig erschöpft. Dadurch, dass ich viel Wasser verloren habe, schmerzt mir der Kopf und ich fühle mich schwindelig.

An der Rezeption versuche ich auf Chinesisch, denn Englisch versteht man nicht, nach einer Apotheke zu fragen. Ein freundlicher junger Mann hat mich anscheinend verstanden. Er führt mich zu einem kleinen Krankenhaus gegenüber vom Hotel. Ich gehe stirnrunzelnd mit. So krank bin ich doch nicht! Ich gucke mich auf dem schmalen dunklen Gang um. Es sieht alles ein wenig schmuddelig aus. Ich werde zu einem dicken Arzt in einem weißen Kittel und mit weißer Haube gebracht. Der Kittel wirkt auch schon etwas unsauber. Ich erkläre mühsam mein Problem. Der Arzt lächelt freundlich. Ich verstehe nur etwas von „Penizillin“ und sehe ihn schon nach einer Spritze greifen. Das aktiviert meine letzten Reserven. Außerdem muss ich auch schon wieder dringend wohin. Ich schüttele energisch meinen Kopf. Mühsam erkläre ich ihm, dass ich gerne traditionelle chinesische Medizin haben möchte. Erstaunt aber irgendwie erfreut lacht der Arzt, schreibt mir ein Rezept aus und schickt mich zur Apotheke im Haus. Dort bezahle ich eine Kleinigkeit und bekomme drei Tüten mit dunklen Kugeln. Ich bin froh, als ich wieder auf meinem Zimmer bin. Ich gucke nach, was ich wohl an der Rezeption gesagt habe. Da entdecke ich, dass ich tatsächlich nicht gesagt habe: „Ich bin krank“ sondern „Ich möchte einen Arzt sehen“ Vielleicht sollte ich es doch besser mit Englisch probieren das nächste Mal.

Nachdem ich mich ein wenig ausgeruht habe, gehe ich los und besichtige den nahegelegenen buddhistischen Tempel. Ich habe halt doch nicht genug Ruhe, um mich untätig aufs Bett zu legen. Vom Tempel aus kann ich in wenigen Minuten zurück im Hotel sein. Der Tempel ist ein von einer hohen Mauer umgebener Stadttempel mit mehreren Höfen und Hallen. Überall brennen Kerzen und Räucherstäbchen. Dunkelgewandete Mönche begegnen mir, die mir freundlich zulächeln. In der Haupthalle gibt es einen großen sitzenden Buddha. Eine Statue, die mich durch die Ruhe, die sie ausstrahlt, sehr beeindruckt.Kaifeng Tempel

Das Wetter ist die meiste Zeit trübe. Manchmal regnet es leicht aus den grauen tiefhängenden Wolken. Aber es ist warm, so dass der Regen nicht völlig unangenehm ist. Das Leben in den Straßen von Kaifeng ist geprägt von Pferdewagen und vielen kleinen Marktständen. Ich würde mir gerne etwas von den leckeren Snacks, die angeboten werden, kaufen, aber mir geht es noch nicht gut. Also kaufe ich mir in einer Bäckerei ein paar Brötchen und eine Flasche Cola.

Abends bin ich froh, dass ich mich vor dem Fernseher ausruhen kann. Fasziniert schaue ich zu, wie hier mitten in China die deutsche Serie „Guldenburgs“ ausgestrahlt wird. Alles schön synchronisiert. Wenn die Chinesen sehen, wie die Leute in solchen Serien in vornehmen Schlössern oder großen Häusern wohnen mit Chauffeur und allem Luxus, dann wundert es mich nicht, dass sie denken, wir seien alle sehr reich!

Am nächsten Morgen geht es mir wieder gut. Mit neuem Schwung marschiere ich zum Busbahnhof, der außerhalb der Stadtmauer liegt. Auf einer großen Tafel an der Schmalseite der Fahrkarten- und Wartehalle gibt es eine riesige Karte von der Provinz Shandong. Alle Orte sind nur in chinesischen Schriftzeichen geschrieben. Alle gucken mich an, als ich vor der Tafel stehe und schaue, wohin ich nun fahre. Keiner spricht mich an. Ich erkenne sehr schnell, wo Qufu liegt. Und merke verwundert, dass es mir ganz leicht fällt, die Schriftzeichen auseinander zu halten. Ganz anders als letztes Jahr in Shanghai. Ich kann mittlerweile ca. 1000 Schriftzeichen lesen. Ein überwältigendes Gefühl der Freiheit überkommt mich. Jetzt bin ich endlich unabhängig von Hilfe! Der Fahrkartenkauf geht auch ziemlich schnell. Ich bekomme zwar keine Fahrkarte nach Qufu. Aber ich verstehe, dass ich erst nach Jining muss. Von dort fährt dann ein Bus nach Qufu. Ich bin sehr beeindruckt, als meine Fahrkarte per Computer ausgedruckt wird.

Beschwingt durch meinen Erfolg gehe ich durch die Stadt. Kaifeng macht einen verschlafenen Eindruck. Es gibt einen alten Tempel und eine noch ältere Pagode, die aber kaum von Touristen besucht werden, noch nicht einmal von chinesischen. Im Zentrum liegt der Drachenpavillon, das einzige erhaltene Gebäude von einem großen Palast, den es gegeben hat, als Kaifeng noch Kaiserstadt der Nördlichen Song-Dynastie war. In der Nähe ist man dabei, eine Straße für Touristen mit Restaurants und Souvenirshops herzurichten. Die Häuser im alten chinesischen Stil mit geschwungenen Dächern und geschnitzten Balken sehen sehr schön und ordentlich aus. Touristen sind allerdings nicht zu sehen. In der Mitte steht ein Brunnen, der sehr an das „Menneken Piss“ in Brüssel erinnert. Nur dass der Knabe eindeutig chinesisch aussieht.Kaifeng Brunnen

Ich suche vergeblich nach Häusern der bedeutenden jüdischen Gemeinschaft, die es hier mal gegeben haben soll. Beim Bummel durch die Gassen fällt mir auf, dass viele Häuser renoviert sind. Man hat sich anscheinend für ein einheitliches Straßenbild entschieden: alle Wände sind dunkelgrau gestrichen. Damit sie wie Ziegelwände aussehen, hat man dünne weiße Linien aufgemalt, die die Mörtelfugen darstellen sollen.

Irgendwie wirkt Kaifeng deprimierend auf mich. Der ständige Nieselregen lässt alles hinter einem grauen Schleier verschwimmen. Der heutige Ort scheint viel kleiner als die antike Kaiserstadt. Innerhalb der Stadtmauer liegen weite Felder, wo einst Häuser standen.

Bald geht es weiter nach Qufu, der Heimatstadt des Konfuzius. Doch dafür lohnt sich ein eigener Artikel!

Zur ersten Etappe: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen EtappeXi’an – Backpackerleben

Zur nächsten Etappe: 09. – 17.08.1992 Qufu und Taishan – Magie heiliger Orte

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Neues von der Stadtmauer Kaifengs: Plan für „luftigen Garten“ auf historischer Stadtmauer löst heftige Diskussion aus

 

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