17.08. – 05.09.1992 Peking – Abschied

Jetzt ist es also so weit: Meine große Asienreise und damit auch mein Reisebericht nähern sich ihrem Ende. Noch einmal fast 3 Wochen Peking, genug Zeit, um ein wenig abzuhängen, den vergangenen 18 Monaten hinterher zu träumen. Was habe ich alles erlebt! Unglaubliches gesehen! Manches scheint schon so unendlich weit zurück zu liegen. Japan und Südkorea, so schön! So fremd! Trekking am Annapurna: Bin ich das wirklich selbst gewesen – auf dem Dach der Welt? Ich, die ich mich immer für so unsportlich gehalten habe? Ich treffe viele Backpacker, die mir mit großen Augen zuhören, wenn ich von meinen Erlebnissen unterwegs erzähle. Mir ist ihre Bewunderung fast ein wenig peinlich. Mir erscheint es doch so selbstverständlich, was ich erlebt habe. Nichts außergewöhnliches.

Doch das gibt mir einen kleinen Vorgeschmack von dem, was mich Zuhause erwarten wird. Ich nehme mir fest vor, nicht bei jeder Gelegenheit von meiner großen Reise zu erzählen, sondern darauf zu warten, dass man mich fragt. Und natürlich auch zuzuhören, wenn mir von dem erzählt wird, was in der Zeit zuhause passiert ist.

Denn das Europa, in das ich zurück kehre, ist nicht mehr das, von dem ich vor 18 Monaten aufgebrochen bin. Die UdSSR gibt es nicht mehr. Die Tschecheslowakei auch nicht mehr, oder? Wie sieht die politische Karte Europas jetzt aus? Ich versuche, schon in Peking mehr zu erfahren. Zum Beispiel suche ich eine aktuelle Europa-Karte. Doch die finde ich nicht.

Meine Fahrt mit der Transsib über Mongolei und Moskau wird nun auch durch Weißrussland gehen. Ich brauche für die Durchfahrt aber kein Visum. Jaja, noch warten einige spezielle Abenteuer auf mich: Die Äußere Mongolei, die Transsibirische Eisenbahn, Moskau… Ganz stark ist in mir der Wunsch, ein Jahr in Peking Chinesisch zu lernen. Doch dazu muss ich erstmal das nötige Geld auftreiben. 

September 1992 im Tempel der Weißen Wolke

September 1992 im Tempel der Weißen Wolke

Ich bin in  Peking, mir schwirrt der Kopf. Rückreise organisieren, Pläne für die Zukunft machen. Dazu bietet Peking mir auch die Gelegenheit, noch so einige Besichtigungen durchzuziehen. Dabei fällt mir auf: Ich war schon im Mei Lan Fang-Museu, dem ehemaligen Wohnsitz des berühmten Peking-Oper-Sängers. Das hatte ich ganz vergessen! Wie gut doch so ein Reisetagebuch ist!

Lest selbst:

Aus meinem Reisetagebuch 1992:

Schweren Herzens breche ich am 17.08.1992 von Tai’an auf, um nach Peking zu fahren. Es hat so was endgültiges, nach 1 ½ Jahren dahin zurückzukehren, wo meine Reise damals angefangen hat. Jetzt sind meine Tage unterwegs gezählt.

Die Fahrt dauert fast 10 Stunden (Anm. 2015: Heute dauert die Fahrt dank modernster Highspeed-Züge nur noch rund 2 Stunden, Züge fahren halbstündlich). Ich habe in Tai’an eine Fahrkarte zum Chinesenpreis für den Hardseater-Wagen bekommen. Der Zug ist so voll, dass ich stehen muss. Das ist ziemlich unbequem, weil ich auch immer eine Hand an meinem Rucksack habe, der neben mir steht und bei jedem Rütteln des Zuges umzufallen droht. Eine nette chinesische Familie rückt ein wenig für mich zusammen. Der erwachsene Sohn ist sowieso die meiste Zeit am Zugende, um zu rauchen. Ich setze mich erleichtert hin. Doch ein Soldat in Uniform redet auf den Familienvater ein. Ich verstehe nicht alles. Aber nach einer heftigen Diskussion, in die sich noch andere Mitreisende einmischen, bedeutet mir der Mann mit einem bedauernden Achselzucken, dass ich aufstehen müsse. Ich verstehe soviel, dass es heißt, nur er und seine Familie dürfen auf den für sie reservierten Plätzen sitzen. Damit bleibt jetzt die meiste Zeit ein Platz frei und alle schauen mich böse an. Der Soldat grinst befriedigt. Es ist ihm deutlich anzusehen, dass er es genießt, Macht über eine Ausländerin ausüben zu können. Ich habe noch nie so viel Feindseligkeit mir gegenüber in China erlebt. Ich stehe wütend im wackelnden Zug und bin froh, dass ich nicht den Touristenpreis gezahlt habe (Anm. 2015: Die Unterscheidung zwischen Touristenpreis und „normalem“ Fahrpreis gibt es nicht mehr).

Erst kurz vor Peking bekomme ich in dem leerer werdenden Zug einen Platz. Ich entspanne mich langsam. Je mehr sich der Zug Peking nähert, desto dichter wird die Besiedelung. An den Gleisen entlang ziehen sich einfache Hütten und vernachlässigt aussehende Wohnhäuser. Kurz vor dem Bahnhof sehe ich die Reste der alten Stadtmauer.

Als wir in Peking ankommen, geht gerade die Sonne unter. Wie immer möchte ich im Qiao Yuan Hotel im Süden Pekings wohnen. Ich finde meinen Bus Nr. 20 ganz schnell und bekomme sogar einen Sitzplatz. Die Fahrt geht durch das glitzernde abendliche Peking. Hier fühle ich mich wie Zuhause! Als der Bus an seiner Endstation ankommt, ist es dunkel. Die meisten steigen an einer hinteren Tür aus. Ich glaube auch zu verstehen, wie jemand sagt, dass es besser sei, hinten auszusteigen. Ich weiß es in meiner Überheblichkeit natürlich besser und steige die Stufen der Tür weiter vorne hinunter. Kein Hindernis zu sehen! Also denke ich „die spinnen, die Chinesen!“ und trete auf die dunkle Straße.

Platsch! macht es und ich liege mit dem Gesicht nach unten in einer großen Schlammpfütze. Gleich eilen mir hilfsbereite Menschen entgegen, die mir auf die Beine helfen. Nein, mir ist nichts passiert. Nur mein Tagesrucksack, meine Jeans und meine Jacke sind über und über mit Schlamm bespritzt. Ich bin wütend auf mich selbst und gehe langsam durch Regen und Dunkelheit in Richtung Hotel. Der Weg ist spärlich von einigen wenigen Laternen beleuchtet. Ich kann nur undeutlich erkennen, dass die Straße am Kanal umgebaut wird. Hohe Sandhaufen und tiefe wassergefüllte Löcher sind da, wo einst eine schmale Straße war. Ich taste mich vorsichtig vorwärts und lande beinahe wieder in einem Schlammloch.

Endlich stehe ich an der Rezeption des Qiao Yuan Hotels. Man guckt mich und meine schlammbespritzten Klamotten erstaunt an. Dann bekomme ich ein Einzelzimmer, das ich mir für diese eine Nacht gönne. Ich pelle mich aus den schlammverzierten Klamotten, versuche meinen Tagesrucksack zu säubern und nehme erst mal eine Dusche. Frisch gewaschen und gekämmt gehe ich hinaus zu den Restaurants, wo es Bratkartoffeln und Banana-Pancake gibt. Man kann sogar draußen sitzen!

Der Regen hat endlich nachgelassen. Ich trinke ein Bier und schaue auf den Strom der jungen Leute aus aller Welt, der hier vorbei zieht. An einem Laden verkündet ein Schild auf Englisch, dass man hier preiswert seine Sachen waschen lassen kann. Den Laden merke ich mir schon für morgen vor. Innerhalb kurzer Zeit sehe ich einige Leute, die ich unterwegs kennen gelernt habe. Sogar Adrian taucht auf und der Deutsche, der auch am 05.09. mit der Transsib fährt.

In den nächsten Tagen hänge ich meistens in einem der Restaurants rum, genieße ein Western Breakfast, lasse meine schmutzigen Jeans waschen und erledige die letzten Formalitäten für die Fahrt. Ich habe mir in den vergangenen Wochen hin und wieder Gedanken gemacht, ob denn nun alles klappt mit meiner Fahrkarte und dem Aufenthalt in der Mongolei. Doch alles ist in Ordnung, wie mir die Leute von Monkey-Business (Anm. 2015: Ja, die gibt es immer noch!) sagen, die ihr Büro im Qiao Yuan Hotel haben. Ich muss nur meinen Pass abgeben, damit man mir die Visa für die Mongolei und Russland besorgen kann.

Die Sonne scheint endlich wieder. An einem Tag gehe ich zu einem kleinen Friseur in der Nähe. Mit viel Shampoo werden meine Haare gewaschen und anschließend geschnitten. Ich will ordentlich aussehen, wenn ich bald nach Hause komme!

Zwischen Baggern und Luxus-Hotels

Ein paar Mal fahre ich in die Stadt. Dazu breche ich früh auf, klettere über die Sandhaufen der Baustelle und balanciere an den Löchern vorbei, um über die Brücke dahin zu gehen, von wo der Bus in die Stadt fährt. Manchmal muss ich mit einem Satz den Planierraupen und Baggern ausweichen. Dann sitze ich in dem Bus und fahre ungefähr eine halbe Stunde bis zum Tiananmen Platz. Jetzt sind es noch etliche hundert Meter bis zum Grandhotel. Ich liebe es, wenn der Portier im grauen Zylinder mich mit einer Verbeugung und einem freundlichen „Good Morning, Madam!“ begrüßt. Durch die Drehtür betrete ich eine andere Welt. Ein wenig schäme ich mich ja meiner abgewetzten Jeans und den angeschmutzten Schuhen. Doch mit hocherhobenem Kopf tue ich so, als ob ich hierher in diese glitzernde Luxuswelt gehöre, nehme mir von einem Stapel Zeitungen an der Rezeption die China Daily, fahre mit dem Aufzug ein Stockwerk höher und gehe durch die eleganten Ladenpassagen, vorbei an vornehmen Restaurants bis zum anderen Ende des Luxus-Hotels, wo der Eingang zum ehemaligen berühmten Peking-Hotel ist. Dort gehe ich hinaus, überquere die Straße und hole mir bei McDonalds einen Kaffee. Der ist hier preiswert und ganz gut. Keiner stört sich daran, dass ich in Ruhe eine Stunde lang meine Zeitung lese.

Die Treppe des Beijing-Hotels

Die Treppe des Beijing-Hotels

Von hier aus kann ich auch leicht einen Bus zum Silkmarket oder zum International Postoffice nehmen. Ich bekomme tatsächlich immer noch Post, meistens allerdings von meinen Eltern und meinen Schwestern. Ich schreibe allen, wann ich ungefähr wieder in Deutschland sein werde. Das hängt ein wenig davon ab, wann ich in Moskau einen Zug nach Hannover bekomme. Hin und wieder kaufe ich Souvenirs. Der Vorteil der Reise mit dem Zug ist, dass ich mehr Gepäck als im Flugzeug mitnehmen kann. Ich kaufe mir zwei von den wunderschön kitschigen Thermosflaschen. Eine große blaurote Plastiktasche brauche ich für alles. Für meine Eltern kaufe ich auf dem Seidenmarkt einen traumhaften Quilt als Tagesdecke für ihr Bett. Das wird eine Schlepperei werden!

Die Menükarte des ersten McDonald's in Peking 1992

Die Menükarte des ersten McDonald’s in Peking 1992

Ich bin mittlerweile in ein Dreibettzimmer umgezogen, das ich mit einem gut aussehenden Schweizer und einem Japaner teile. Der Japaner schläft am Fenster, das er gerne geschlossen hält. Dadurch ist die Luft im Zimmer muffig und zum Ersticken warm. Ich reiße als erstes das Fenster auf, als ich mein Gepäck aufs Zimmer bringe. Natürlich macht der Japaner das Fenster sofort wieder zu. Er spricht kaum Englisch. Ich versuche, ihm zu erklären, dass er wenigstens tagsüber das Fenster öffnen soll. Er willigt ärgerlich ein. Zwischen uns herrscht ein unterschwelliger Krieg. Als ich an einem Nachmittag im Zimmer einen Pfirsich essen will, hat er nichts besseres zu tun, als sich die Fußnägel zu schneiden.

In einer Nacht, in der ich sehr unruhig schlafe, träume ich, dass der Japaner sich zu mir aufs Bett setzt und mir die Nase zuhält, weil ich geschnarcht habe. Als ich am nächsten Morgen aufwache, bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich das wirklich nur geträumt habe. Ich bin ziemlich beunruhigt. Denn wenn das wirklich passiert ist und ich davon nicht aufgewacht bin, dann funktioniert mein innerer Alarm nicht mehr.

Nach ein paar Tagen mit weiteren kleinen aber ärgerlichen Vorfällen mit dem Japaner wache ich eines Morgens um 5:00 Uhr davon auf, dass der Japaner mit Rascheln und Unruhe seinen Rucksack packt. Er reist ab, jubele ich innerlich und nehme es hin, dass ich nicht mehr schlafen kann. Doch gegen 8 Uhr ist er anscheinend fertig und legt sich wieder hin. Frustriert stehe ich auf, mache nun meinerseits ein wenig Lärm und gehe frühstücken. Von dem Schweizer kommt keine Hilfe. Er schläft jede Nacht tief und fest und lässt sich durch nichts stören.

Pekingoper

Peking Oper 1992

Eines Abends gehen der Schweizer und ich zusammen in die Peking Oper im Arbeiterclub. Das ist sehr interessant, auch wenn ich kein Wort verstehe. Danach suchen wir uns ein Restaurant, wo wir einen leckeren Hotpot essen. Das ist ein wenig wie Fondue: in einen Topf, der von unten befeuert wird, und in dem eine Brühe kocht, gibt man Fleisch- und Gemüsestücke hinein und isst sie, wenn sie gar sind. Dazu trinken wir Bier. Es wird ein richtig schöner Abend. Ich gehe dann noch mal alleine in die gleiche Peking Oper, weil ich hoffe, dass ich beim zweiten Mal mehr verstehe. Das ist leider nicht der Fall.

Dafür besuche ich das Mei Lan Fan-Museum. Mei Lan Fan war zu Beginn des Jahrhunderts ein berühmter Sänger, der vor allem weibliche Rollen der Peking Oper gesungen hat. In seinem ehemaligen Haus kann man die wunderschönen Kostüme und Fotos aus seinem Leben sehen.

Endlich reist der Japaner wirklich ab. Bei strahlendem Sonnenschein hänge ich in einem der Restaurants ab. Ich rede viel mit anderen Rucksackreisenden und lerne schon mal Leute kennen, die auch am 05. 09. mit der Transsib fahren. Ein älteres Ehepaar aus Australien beklagt sich über die schrecklichen Chinesen. Sie haben schlechte Erfahrungen in China gemacht und wollen nun nur noch nach Hause. Ich gehe mit den beiden zum Taoranting Park in der Nähe. Dabei sehen wir so viel Schönes und ich erkläre ihnen manches, so dass sie anschließend meinen, dass China gar nicht so schlimm ist. Ich habe das wohlige Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, und lasse mich gerne zu einem netten Abendessen einladen.

Eigentlich ist das Wetter nicht optimal für Besichtigungen. Immer wieder regnet es und die Baustelle vor dem Hotel verwandelt sich in eine Ansammlung von tiefen Schlammlöchern. Meistens nehme ich jetzt, wenn ich aus der Stadt zurückkomme, einen kleinen Weg hinter den Wohnhäusern zum Hotel. Dort haben sich kleine Läden auf die Rucksackreisenden eingestellt. Das trübe Wetter und die Aussicht, dass ich bald heim fahre, deprimieren mich. Die Luft ist raus. Hier nun enden fast achtzehn Monate der Freiheit, des Reisens, der immer neuen Eindrücke und Erfahrungen.

Doch dann bin ich an einem wunderschönen Tag im White Cloud Tempel. Das ist der größte daoistische Tempel in Peking mit vielen ruhigen Höfen und Hallen. Der süße Duft der Räucherstäbchen liegt über allem. Ich setze mich in einen kleinen Garten hinter der Haupthalle. China kann so schön sein! Ich bitte einen vorbeikommenden Mönch, ein Photo von mir zu machen. Lachend nimmt er meinen Fotoapparat und drückt ab.

Natürlich kann ich nicht in Peking sein, ohne die Verbotene Stadt zu besuchen. Auch wenn ich nun schon ein paar Mal in der Verbotenen Stadt war, so entdecke ich doch bei jedem Besuch etwas neues. Dieses Mal bin ich ganz begeistert über eine Ausstellung von Fotos und Gegenständen aus dem religiösen Leben im Palast. Überall hat es früher Altäre und kleine Kapellen des tibetischen Buddhismus gegeben. Die meisten kann man heute nicht mehr besichtigen. Ein großer Tempel ragt mit seinem mit Drachen verziertem Dach über die Palastdächer hinaus. Ich finde diese Ausstellung hochinteressant. Diesmal brauche ich vier Stunden, bis ich völlig erschöpft die Verbotene Stadt verlasse.BJS Verb Stadt Tempel

Ein Muss im Herbst ist – zumindest für die Chinesen – ein Ausflug in die Westberge. Viele Familien fahren zum Picknick in den Wald auf den Westbergen, der dann mit seiner bunten Laubfärbung prangt. Ich suche mir einen Tag mitten in der Woche aus, um mir diese Sehenswürdigkeit anzusehen. Die Busfahrt dauert ungefähr eine Stunde. Die Sonne scheint, es ist richtig warm. Ich stelle gleich beim Aussteigen fest, dass ich ganz gegen meine Gewohnheit mein Kopftuch vergessen habe. Doch das ist gar kein Problem: der Weg in die Berge ist am Anfang gesäumt mit Souvenir-Ständen, die auch Tücher verkaufen. Jetzt im August sind die Blätter der Bäume noch nicht herbstlich gefärbt. Aber es tut gut, aus der Stadt heraus und in einem Wald zu sein.

In den Westbergen gibt es auch einige buddhistische Tempel, die aber mehr Museum als lebendige Tempel sind. Ein botanischer Garten umschließt die Tempel. Ich wandere stundenlang herum, bewundere die vielen blühenden Pflanzen. Dann setze ich mich im Tempel des Schlafendes Buddhas hin, um ein wenig Tagebuch zu schreiben. Heute ist es angenehm warm, Da der Tempel nicht von Gläubigen besucht wird, und es keine Mönche gibt, ist es sehr ruhig. Nur die Vögel zwitschern. Ich wandere trotz des schönen Wetters und der interessanten Tempel etwas lustlos herum. Es sind nur noch zwei Tage bis zur Abfahrt. Das Fotografieren macht keinen Spaß mehr. Dann mache ich mich auf den Rückweg. Die Fahrt dauert im abendlichen Verkehr fast 2 Stunden.

Ich bin nun fast 1 ½ Jahre unterwegs. Es sind nur noch 3 Wochen übrig. Ich denke an die Zeit, als ich letztes Jahr im April los fuhr und voller Erwartungen und Freude in Peking ankam. Die Welt schien nur auf mich zu warten. Ich hatte so viele Pläne und jeder Tag schien neue Möglichkeiten zu bringen! Irgendwie bin ich noch gar nicht bereit zurück zu fahren. Aber das Geld geht zuende. Ich will nicht, aber ich muss nach Deutschland zurück. Während ich so nachdenklich in einem Restaurant herumhänge, geht mir wieder die Idee durch den Kopf: was wäre, wenn ich in Peking Chinesisch studieren würde? Das wäre einfach zu schön! Ein Jahr in Peking am berühmten Beijing Language Institute! Doch wie soll ich das finanzieren? Vielleicht kann ich ja meinen Vater überzeugen, dass er mir hilft. Ich schüttele mit einer Kopfbewegung den Gedanken weg. Doch er scheint sich bei mir wie ein helles Licht eingenistet zu haben und kommt immer wieder hervor, wenn ich deprimiert bin über die baldige Abfahrt.

Es ist mir auch deutlich bewusst, dass sich Europa sehr verändert hat, seitdem ich aufgebrochen bin. Die UdSSR existiert nicht mehr. Die UdSSR und die Tschechoslowakei haben sich aufgespalten. Vergeblich bemühe ich mich, eine aktuelle Landkarte von Europa zu kaufen. Keiner der Reisenden, die ich treffe, keine Buchhandlung kann mir eine solche Karte zeigen.

Im Büro von Monkey Business lässt es sich auch gut abhängen. Es gibt Bücher zum Ausleihen und den Kontakt mit anderen Reisenden. Die Leute von Monkey Business raten uns, möglichst Kekse und anderen Proviant mitzunehmen, da es in der Mongolei und auch in Russland damit Probleme geben könnte. Dann heißt es, morgen geht es los! Ich packe meinen Rucksack. In den letzten Tagen habe ich einiges an Souvenirs gekauft. Dafür habe ich eine große Plastiktasche. Wie soll ich das nur alles schleppen?! Ein paar Sachen lasse ich auch zurück: Bücher, ein paar alte T-Shirts…

Zur ersten Etappe: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe09. – 17.08.1991 Qufu und Taishan – Magie heiliger Orte

Zur nächsten Etappe: 05.09. – 12.09.1992 Mongolei – fremd, so fremd

 

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