12.09. – 21.09.1992 Ulan Bator – Moskau – Hannover

Hier ist er nun, mein letzter Reisebericht aus meinem Reisetagebuch. Meine Große Asienreise geht nach knapp 18 Monaten zu ende. Wenn ich diese Einträge lesen, laufen mir die Tränen. Tränen der Erinnerung an diese letzten wilden Tage. Tränen der Freude bei der Erinnerung daran, wie mein Vater damals auf dem Bahnsteig stand: groß und zuverlässig. Heute, 23 Jahre danach, ist mein Vater 88 Jahre alt und wohnt in einem Pflegeheim in meiner Nähe. Was er alles für mich getan hat in meinem Leben, kann ich ihm niemals zurück geben. 

Tja, auch Tränen der Wehmut fließen. Denn nun bin ich fast fertig mit meinem Reisebericht. Zum zweiten Mal geht diese Reise zu ende. Manchmal mache ich mir Gedanken, was ich nun auf meinem Blog schreiben soll. Aber es sind ja neue Erlebnisse und Reisen in den letzten Jahren gewesen, von denen ich berichten kann.

Es wird noch einen kleinen Bericht geben über die Geschehnisse danach und wie es mir gelang, nach wenigen Monaten nach Peking zum Studium der chinesischen Sprache zu reisen. Na, und dann ist auch ein Artikel fällig über Kulturschock und das Einleben nach einer so langen Auszeit. 

Unterwegs in Sibirien

Unterwegs in Sibirien

Aus meinem Reisetagebuch 1992

12.09. – 16.09.1992 Ulan Bator – Moskau Transmongolian Express

An unserem letzen Tag in der Mongolei fahren wir gleich nach dem Frühstück die 70 km zurück nach Ulan Bator. Wir können unser Gepäck in dem kleinen Hotel bis zur Abfahrt des Zuges abstellen. Dort treffen wir auch die andere Hälfte unserer Gruppe wieder. Ich nutze die Zeit, um auf Souvenir-Jagd zu gehen. Immer noch erschüttert mich der Anblick der leeren Geschäfte. Vor einem Bäcker ist eine Schlange von Menschen, die sich Brot kaufen möchten. Und dann gibt es noch die vielen Männer, die schon jetzt am Mittag betrunken durch die Straßen ziehen.

2 Mongolen, Rosie, ich und 250 Daunenjacken

Am späten Nachmittag werden wir zum Bahnhof gebracht. Schnell verteilen wir uns auf die Abteile. Ich bekomme zusammen mit der Kanadierin Rosie ein Abteil, in dem auch zwei junge Mongolen sind. Sie haben ihre Seite des Abteils hoch mit Taschen voller Daunenjacken gestapelt. Wie wir erst später erfahren, sind es 250 Jacken. Damit ist jede Ecke bei ihnen vollgestopft. Sie haben nur gerade soviel Platz auf dem unteren Bett, dass sie da zu zweit schlafen können. Skeptisch beobachte ich, wie sie ihre Sachen immer neu umschichten, um Platz für noch mehr Daunenjacken zu schaffen. Rosie und ich haben unsere Rucksäcke in dem Fach unter dem unteren Bett auf unserer Seite verstaut. Damit hat Rosie Platz zum Schlafen auf dem oberen Bett und ich kann mich auf dem unteren ausstrecken. Die beiden jungen Männer gucken abschätzend unsere Betten an. Der eine kommt auf die Idee, eine Tasche auf Rosies Bett abzulegen. Ich schreite sofort energisch dazwischen. Ich sehe gar nicht ein, warum wir für die beiden noch unsere Betten zur Verfügung stellen sollen. In anderen Abteilen, wo nur Mongolen sind, ist kaum noch Platz zum Treten, so voll ist alles. Meist ist nur ein einziges Bett noch halbwegs frei, damit sie dort zu viert oder zu dritt oder abwechselnd schlafen können. Alle mongolischen aber auch chinesischen Mitreisenden scheinen Händler zu sein, die ihre Waren wie z.B. Daunenjacken, Turnschuhe etc., die sie in Peking gekauft haben, in Russland, spätestens in Moskau, verkaufen wollen.

Kaum ist der Zug losgefahren, packt der eine junge Mann eine große Tüte mit Fleisch auf den Tisch im Abteil. Ich denke, dass er nun anfängt zu essen, aber nein, die Tüte steht nun halboffen da. Ein merkwürdiger Geruch geht von dem Fleisch aus. Innerhalb von wenigen Minuten scheint sich dies Angebot bei den Fliegen im Zug rumgesprochen zu haben. Schon sind die ersten da und schwirren uns um die Köpfe. Ich versuche, dem Mann zu erklären, dass er doch bitte die Tüte mit dem Fleisch schließen und gut verstauen möchte, schon wegen der Hygiene. Er scheint uns kaum zu verstehen. Als ich die Tüte packe und sie ihm mit einem Wink auf seinen Koffer geben will, tritt der Mann mich mit seinem Stiefel gegen das Schienbein. Ich schimpfe laut drauf los. Mir ist es jetzt egal, ob er mich versteht. Da kommt ein Mongole zu uns ins Abteil, der sehr gut gekleidet ist und Englisch spricht. Er fragt uns, was denn los sei. Ich erkläre ihm die Situation. Er spricht mit dem Jungen, der sich endlich bei mir entschuldigt und die Tüte wegpackt. Der andere erklärt nun, dass die beiden jungen Männer es gar nicht verstehen könnten, dass Rosie und ich so viel Platz in Anspruch nehmen. Er spricht sehr ruhig. Wir lehnen es allerdings ab, dass das obere Bett mit Taschen und Daunenjacken vollgestopft wird. Dafür geben wir nach, als der Mann uns den Vorschlag macht, dass die Jungens zu dritt auf dem unteren Bett auf ihrer Seite schlafen könnten. Dann gäbe es in einem anderen Abteil mehr Platz für deren Sachen. Ja, das ist ok. Allerdings bestehe ich darauf, dass, solange 3 Männer im Abteil sind, die Tür zum Gang hin offen bleibt. Das verstehen sie alle, denn wir sind ja Frauen und insofern eigentlich besonders schützenswert. Der englischsprechende Mongole verzieht sich zufrieden und nun sitzen uns auf der anderen Seite des Abteils drei junge mongolische Männer gegenüber.

Ich traue den Männer nicht. Deshalb beschließen Rosie und ich, nur getrennt das Abteil zu verlassen. Aber manchmal haben wir auch jemand aus unserer Gruppe, der uns mal ablöst. Sie finden es interessant, auf diese Weise unkompliziert und schnell in Kontakt mit mongolischen Mitreisenden zu kommen.

An der Grenze zu Russland dauern die Kontrollen mehrere Stunden lang. Es scheint, dass die vielen Händler die Grenzbeamten bestechen müssen, damit sie ihre vielen Taschen mitnehmen dürfen. Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, dass man nicht mehr als zwei Taschen pro Person mitnehmen darf. Es ist kalt und dunkel draußen. Die meiste Zeit schlafe ich und höre nur manchmal im Halbschlaf Soldaten russische oder mongolische Befehle rufen. Dann wache ich plötzlich davon auf, dass sich jemand auf meine Füße setzt. Ein Mann, ein Mongole offenbar, sitzt nun dort, bedeutet mir mit einem Psst ruhig zu bleiben, während er weiter durch einen Spalt in der Tür hinauslinst. Kaum fährt der Zug mit einem Ruck wieder an, steht er auf und verschwindet auf dem Gang. Der 3. Mongole ist anscheinend auch weg. Die beiden Jungs liegen nun Kopf an Fuß auf dem einen schmalen Bett. Ich wundere mich nur kurz, kann mir alles nicht erklären, drehe mich um und schlafe weiter.

Die nächsten Tage in diesem mongolischen Zug werden sehr interessant. Die Bahnhöfe entlang der Strecke dienen als große bunte Märkte. Bei jedem Aufenthalt, der länger als 2 Minuten dauert, springen die Händler aus dem Zug und bieten ihre Waren an: Turnschuhe, Jacken, T-Shirts, Haarreifen. Viele machen sich auch gar nicht erst die Mühe, den Zug zu verlassen, und verkaufen aus dem Fenster heraus.Transsib Verkauf

Wir nutzen jede Gelegenheit, um uns auf den Bahnsteigen die Füße zu vertreten und vor allem, um von den leckeren Sachen zu kaufen, die die einheimischen Frauen anbieten. Hier ist Sibirien und es ist schon Mitte September sehr kalt. Dick eingewickelt in Schals und Daunenjacken haben die Frauen ihre Decken auf dem Bahnsteig ausgebreitet und verkaufen Selbstgemachtes: Wurst, eingelegte Gurken, selbstgezüchtete Tomaten, Käse, frisches Brot. Das erste, was ich kaufe, ist ein Stück Käsekuchen. Köstlich! Lecker!! Unglaublich! Ich kann mir kaum noch vorstellen, dass man uns in Peking gewarnt hatte, es gäbe nichts zu Essen in Russland. Allein dieser Käsekuchen oder die geräucherten Würste sind Delikatessen, die es reichlich und preiswert gibt. In den Speisewagen gehen wir selten, eigentlich nur, um mal eine Flasche Wodka oder Krimsekt zu kaufen. Das ist auch alles spottbillig. Deshalb ist in irgendeinem Abteil immer Party.

Unsere Ausbeute: Lecker!

Unsere Ausbeute: Lecker!

Unsere mongolischen Jungs werden langsam zutraulicher. Das Fleisch ist aufgegessen und so teilen wir uns, was wir an Leckerem auf den Bahnsteigen erwerben. Rosie ist so gut darin, die tollsten Sachen zu finden, dass ich fast gar nicht mehr aussteige und das bunte Treiben mehr vom Zug aus beobachte. Ich kaufe mir von einem der Jungs ein paar Turnschuhe für wenig Geld. Meine alten, treuen Schuhe fallen schon fast auseinander.

Transsib Party UlrikeDer Baikalsee präsentiert sich in wunderschönen herbstlichen Farben. Die Birken leuchten golden in der Sonne. Manchmal unterbricht ein roter Busch das Gelb der Birken und das Dunkel der Nadelbäume. Nachts wird es empfindlich kalt. Morgens müssen wir das Eis von den Fenstern kratzen, damit wir hinausschauen können.

Als wir dann den Ural, den wir mitten in der Nacht überqueren, erreichen, ist vom Herbst nicht mehr viel zu sehen. Die Luft wird wärmer, die Felder werden gerade abgeerntet. Ich denke mit Wehmut an meine Hinfahrt: das European-Asian-Feeling. Mit jedem Kilometer westwärts entferne ich mich mehr von Asien und damit von einer meiner schönsten Zeiten. Bei Jaroslavl überqueren wir die Wolga. Die Zwiebeltürme der alten Kirchen leuchten im Licht der Abendsonne. Ich liebe die wunderschönen russischen Holzhäuser mit ihren bunten geschnitzten Fensterrahmen.Transsib Haus

16.09. – 19.09.1991 Moskau

Gegen 22:30 Uhr fährt der Zug am Jaroslavler Bahnhof in Moskau ein. Es ist kühl. Ich bin ziemlich müde. In Peking hatte man uns bei unseren ängstlichen Fragen nach einer Unterkunft in Moskau gesagt, dass am Bahnhof Leute stehen würden, die uns preiswerte Unterkünfte in Privathäusern anbieten würden. So ist es tatsächlich. Ich habe ein etwas mulmiges Gefühl. Wer weiß, wo die einen hinführen? Ich bin froh, dass ich mich einigen Leuten aus dem Zug anschließen kann, so dass wir schließlich 10 Personen sind, die mit dem hochgewachsenen Russen mitgehen, der nur wenig Englisch spricht.

Meine erste Herausforderung in Moskau ist die Rolltreppe, die hinunter zur Metro-Station am Bahnhof führt. Ich stehe gebannt vor den Stufen, die so furchtbar schnell im Untergrund verschwinden. Ich habe meinen schweren Rucksack, meinen Tagesrucksack und die große Tasche zu tragen. Zwischen den Rolltreppen gibt es glücklicherweise eine Treppe. Also gehe ich langsam die Treppe hinunter. Unten warten dann die anderen erstaunt auf mich. Ich wundere mich selbst über meine Angst und führe sie darauf zurück, dass ich keine Rolltreppen mehr gewöhnt bin. An unserer Endstation gibt es wieder eine lange steile und schnelle Rolltreppe hinauf. Unser russischer Begleiter, der sieht, wie ich zögere, nimmt mir die große Tasche ab. Hinauf geht es einfacher.

Dann müssen wir noch einige Hundert Meter laufen, bis wir an einem grauen Mietshaus ankommen. Die Gegend scheint nur aus solchen 4- bis 5- stöckigen Häusern zu bestehen. Dazwischen gibt es viele Bäume. Wir gehen eine dunkle Treppe hinauf. Der Russe schließt uns eine Wohnungstür auf: Die Wohnung ist fast leer, nur in der Küche gibt es ein paar Schränke, einen Herd, einen Tisch und ein paar Stühle. In den drei übrigen Zimmern sind Matratzen auf dem Boden ausgebreitet. Wir sind 5 Frauen und teilen uns ein Zimmer. Eine Dusche gibt es glücklicherweise auch. Für dieses einfache Lager zahle ich 10,- USDollar pro Nacht. Der junge Russe bietet an, uns Fahrkarten zu besorgen. Also bitte ich ihn, mir eine Fahrkarte nach Hannover für übermorgen zu kaufen. Dann verabschiedet er sich, verspricht aber, am nächsten Tag wieder zu kommen.

Ich wache am nächsten Tag früh auf und bin nach einer kurzen Dusche schnell in Moskau unterwegs. Ich weiß zwar nicht genau, wo ich hier wohne, aber ich kann mich an den Weg zurück zur Metro erinnern. An der Metro-Station ist ein kleiner Markt. Ich gehe mit großen staunenden Augen an den Ständen entlang: es gibt Steinpilze und Pfifferlinge, frisches Brot, bunte Blumen, Äpfel und Preiselbeeren. Doch als ich eine alte Babuschka sehe, die ein klägliches Häufchen Pilze anbietet, wird mir die Armut, die in Moskau herrscht, sehr bewusst.

An der Rolltreppe stehe ich eine Weile und gucke hinunter: Die Rolltreppe ist wirklich sehr schnell und verschwindet in einem Tunnel, ohne dass man ihr Ende sehen kann. Viele Menschen strömen an mir vorbei. Hier gibt es keine richtige Treppe, die ich als Alternative nehmen könnte. Oh Mann! Was mache ich denn jetzt? Und diesmal habe ich doch nur meinen kleinen Tagesrucksack dabei! Ein Mann in blauer Uniform wird endlich auf mich und mein Elend aufmerksam. Freundlich spricht er mich auf Russisch an. Ich blicke ihn nur verzweifelt an. Da packt er mich beruhigend lächelnd am Arm und gibt mir einen kleinen Schubs, der mich auf die oberste Stufe befördert. Jetzt geht die Fahrt los! So einen ersten Anstoß habe ich gebraucht!

Ich fahre mit Umsteigen und noch mehr Rolltreppen zur Tretjakov-Galerie. Die ist erst vor kurzem wieder eröffnet worden. Viele Räume müssen noch renoviert werden. Ich erfreue mich an einer wunderschönen Ausstellung russischer Ikonen. Vor einer besonders schönen mit einer Muttergottes haben Menschen Blumen niedergelegt.

Mit der Metro fahre ich ins Zentrum zurück. Ich möchte gerne etwas essen. Doch die Restaurants, wenn es überhaupt welche gibt, sind entweder geschlossen oder sehen sehr, sehr teuer aus. Ich erinnere mich, dass erst vor Kurzem ein McDonalds in Moskau aufgemacht hat. Dann werde ich versuchen, dort etwas zu bekommen! Ich habe allerdings gehört, dass dort endlose Schlangen warten. Als ich endlich ankomme, gibt es zwar viele Menschen, die warten, aber keine langen Schlangen. Nur die Barrieren vor dem Lokal erinnern an den großen Ansturm. Ich stelle mich in die Reihe an einer Kasse. Als ich dem Mädchen versuche zu erklären, was ein Cheeseburger ist und mich nach einer Möglichkeit umgucke, ihr einen zu zeigen, fühle ich, wie an meiner Jackentasche gezupft wird. Ich drehe mich mit Schwung irritiert um. Da merke ich nur noch, wie meine kleine Automatik-Kamera zu Boden fällt. Unter den überraschten Blicken der anwesenden Gäste bücke ich mich und hebe die Kamera auf. Mir ist deutlich bewusst, dass die Kamera nicht einfach so von alleine aus meiner tiefen Jackentasche gefallen ist. Doch als ich die Leute hinter mir betrachte, sehe ich nur leere, verständnislose Blicke. Na ja. Ich bestelle endlich meinen Cheeseburger und gehe dann langsam in Richtung Roter Platz. Ich habe die Kamera ja noch, es ist nichts passiert. Ich fühle mich verunsichert und bin ärgerlich.

Auf den Straßen scheint das Leben bunter und fröhlicher zu sein als vor 18 Monaten. An den Metro-Stationen spielen kleine Kappellen. An einer Stelle glaube ich sogar, die Band zu erkennen, die damals so schön Jazz gespielt hat. Auf dem Roten Platz, in der Nähe des Historischen Museums, das leider immer noch geschlossen ist, treffe ich ein paar Leute aus dem Zug. Auch Rosie ist dabei, die sich nicht getraut hatte, mit dem Russen mitzugehen und jetzt in einem kleinen Hotel wohnt. Einige andere wohnen sehr weit außerhalb. Da habe ich es noch gut getroffen. Gemeinsam sehen wir uns die Basilius- Kathedrale an. Die ist jetzt geöffnet und strahlt mit ihren vielen wunderschönen Ikonen und Fresken. Den Abend beschließen wir mit einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant des Moskwa-Hotels. Wieder ein Abschied!

Am nächsten Tag bekomme ich meine Fahrkarte für morgen nach Hannover. Schade! Ich hatte gehofft, schon heute fahren zu können. Jetzt werde ich doch etwas ungeduldig. Ich freue mich schon darauf, meine Eltern wiederzusehen. Der Russe bietet mir an, von seinem Apparat aus ein Fax nach hause zu schicken. Diese Möglichkeit nehme ich gerne an. Dann wissen meine Eltern jetzt, wann ich in Hannover ankommen werde – nämlich morgens um 6:00 Uhr – und können mich abholen (hoffentlich).

Ich nutze den Tag, um mir mal in Ruhe und ausführlich die wunderschönen Metro-Stationen anzusehen. Manche wirken wie kleine Paläste mit weißen Säulen und goldgerahmten Gemälden. Dann ein letzter Bummel über die Arbat. Ein letztes Eis. In dem alten Kaufhaus GUM, das wunderschön ist mit seinen vielen Jugendstilornamenten, beeindrucken mich die glitzernden Schaufenster mit den modischen Kleidern. Wer mag sich hier so etwas wohl leisten können?

19.09. – 21.09.1992 Moskau – Hannover

An diesem letzten Tag fällt es mir nicht leicht, aufzustehen. Einige, die mit mir hier übernachtet haben, sind schon weitergefahren. Ich packe langsam und gründlich meinen Rucksack zum letzten Mal. In einem nahegelegenen Devisenladen kaufe ich mir ein paar Dosen Limonade und etwas Käse. Das kostet alles zusammen 7,- USDollar. Das sind umgerechnet nach dem offiziellen Kurs ungefähr 1400 Rubel. Soviel verdient ein russischer Lehrer im Monat. Ich fühle mich privilegiert, weil ich in einem solchen Laden einkaufen kann und auch noch so viel Geld habe. Allerdings merke ich auch, dass es an allen Ecken solche Devisenläden gibt. Da hier nicht viele Ausländer wohnen, muss es wohl doch Einheimische geben, die es sich leisten können und die Dollars haben.

Am späten Nachmittag mache ich mich mit meinen Sachen auf den Weg zum Kiewer Bahnhof. Ich frage mich, wie ich dorthin kommen soll. An der Metro-Station gibt es keine Treppe, nur die schnell fahrenden endlos langen Rolltreppen. Auf die traue ich mich nicht mit meinem schweren Gepäck.

Ich habe gehört, dass es viele Menschen gibt, die sich ihr Geld mit ihren Privatautos als Taxi-Fahrer verdienen. Zumindest halten sie öfters mal an und nehmen Leute gegen ein wenig Geld mit. Also stelle ich mich an den Straßenrand und winke. Tatsächlich hält nach kurzer Zeit ein kleines Auto mit einem freundlichen Russen. Ich habe zwar ein mulmiges Gefühl, in ein solches ungekennzeichnetes Auto einzusteigen, aber warum sollte dieser Mann etwas Böses wollen? Ich nenne ihm mein Ziel und handele kurz über den Preis. Dann sind wir uns einig und die Fahrt geht los durch die breiten aber wenig befahrenen Straßen. An manchen Stellen ist das Pflaster kaputt. Die kleine Rostlaube klappert furchtbar. Der Mann erzählt mir etwas auf Russisch. Ich verstehe kein Wort, aber das scheint ihn nicht zu stören. Ich höre ihm amüsiert zu. Dann sind wir endlich am Bahnhof. Ich steige aus und zahle den geringen Betrag.

Ich bin viel zu früh. Der Bahnhof wimmelt von dunklen, gegen den kalten Wind dick eingemummelten Gestalten, die alle möglichen Pakete und Taschen hin und her schleppen. Manche der alten Stoffrucksäcke erinnern mich an Fotos von den Hamsterfahrten nach dem 2. Weltkrieg. Ich flüchte aus dem Getümmel in das Bahnhofsrestaurant, wo ich meine letzten Rubel für eine heiße Suppe und ein Bier ausgebe.

Im Zug habe ich ein Bett in einem Dreibettabteil. Welch ein Luxus nach all den zurückliegenden einfachen und harten Bahnfahrten! Die anderen Betten sind von zwei Russinnen belegt, die große Taschen dabei haben. Sie wollen nach Warschau und dort den Inhalt ihrer Taschen verkaufen. Nach und nach erfahre ich, dass sich in den Taschen optische Geräte und Musikkassetten befinden. Schmuggelware. Dementsprechend sind sie am nächsten Tag, als an der Grenze von Weißrussland nach Polen in Brest wieder umgespurt wird, fürchterlich nervös. Aber die Zollbeamten gucken gar nicht gründlich. Die Grenze zwischen Russland und Weißrussland habe ich anscheinend verschlafen.

Hier in Brest finde ich das Umspuren gar nicht so interessant. Viel wichtiger ist mir, dass die Zugtoiletten während der Prozedur verschlossen sind. Mich packt nun angesichts der verschlossenen Türen ein dringendes Bedürfnis. Ich halte es nicht aus, keine Minute mehr, packe meine chinesische rosa Klopapierrolle und meinen Tagesrucksack und springe aus dem Wagen. Dahinten! Diese Tür! Das kann nur ein   Klo sein! Ein Schaffner fragt mich barsch, was ich wolle. Ich winke nur mit dem Klopapier und sprinte los. Ja, das ist eine Toilette, was ich unschwer am Geruch erkenne. Egal, da muss ich jetzt durch! Diese Toilette gehört zu den schlimmsten, die ich unterwegs gesehen habe. Ich bin froh, als ich wieder raus komme. Auch der Schaffner nickt erleichtert, als er sieht, dass ich in den Zug klettere.

In Warschau steigen die beiden Frauen aus. Gegen Abend setzt sich ein netter älterer Herr zu mir, der zu meiner Freude sehr gut Deutsch spricht. Er ist Professor aus einer Stadt am Altai-Gebirge. Er erzählt viel von den Deutschen, die dort leben. Er ist auf dem Weg nach Hamburg und wird mit mir in Hannover den Zug verlassen.

Das trübe Wetter, die Landschaft, die draußen mit ihren kleinen Bauernhöfen, mit den Hühnern, Gänsen und Pferdewagen vorbeizieht, erinnern mich stark an meine Hinfahrt vor 1,5 Jahren. Wehmütig schaue ich hinaus. Jetzt ist meine große Reise wirklich zu ende. Was mag mich in Deutschland erwarten? Werde ich meinen Traum vom Studieren in Peking wahr machen können?

An der Grenze zwischen Polen und Deutschland, meiner letzten, schlafe ich tief und fest. Darauf nehmen die Grenzbeamten leider keine Rücksicht. Sie leuchten mir mit ihren Taschenlampen ins Gesicht. Mit kleinen Augen krame ich meinen alten Reisepass hervor. Der sieht nach all der Zeit ziemlich mitgenommen aus. Der deutsche Zöllner fasst ihn vorsichtig mit zwei Fingerspitzen an und fragt lachend: „Na, da haben Sie wohl schon mit gebadet!?“ Ich reagiere ungehalten über diese Anmache. Einen anderen Pass habe ich nicht! Er gibt mir noch den guten Rat, mir gleich nach meiner Ankunft einen neuen zu besorgen. Bürokratie! Dann schlafe ich wieder ein. Doch ich schlafe nur kurz, denn nun läuft der Zug bald in Hannover ein. Der nette Professor erzählt noch ein wenig. Draußen ist es dunkel und neblig. Ich bin ganz nervös. Werden meine Eltern da sein?

Angestrengt schaue ich ins Dunkle, als der Zug in Hannover ankommt. Da! Da steht tatsächlich mein Vater! Ich verabschiede mich schnell von dem Professor, packe mein umfangreiches Gepäck und steige aus dem Zug. Mein Vater und ich fallen uns in die Arme.

Zum Beginn meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 05.09. – 12.09.1992 Mongolei – fremd, so fremd

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