Filmfest Hamburg: This Worldly Life

Unabhängiges Kino aus China

This Worldly Life

People’s Republic of China 2015 | 95 min | OF mit dt. UT | Farbe | FF 2015
Regie: Zhai Yixiang
Drehbuch: Zhai Yixiang

Der buddhistische Mönch Shuangquan muss den Zerfall seiner Welt konstatieren: Sein Abt hat sich abgesetzt, als Mönche getarnte Schwindler tauchen in der Gegend auf und erleichtern die Gläubigen. Der Tempel selbst befindet sich in den Grenzen eines zum Abriss freigegebenen Viertels. Grund genug für Shuangquan, sein religiöses Leben hinter sich zu lassen um in ein ausgesprochen weltliches Leben im Kreis von Kleinkriminellen und Prostituierten einzutauchen. Und doch bleibt er weiter auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. Di Yixiang wirft in seinem beeindruckenden Debüt einen melancholischen Blick auf den Wandel in China und findet im Gesicht seines Hauptdarstellers einen idealen Spiegel für die Tristesse der Bilder.

This Worldly Life © Zhai Yixiang

This Worldly Life © Zhai Yixiang

So wird der Film „This Wordly Life“ auf der Seite des Filmfest Hamburg beschrieben. „Tristesse“ trifft es sehr gut: Ruhige graue Bilder, unterlegt mit einer sanften chinesischen Musik. Das Gesicht von Shuangquan, dem ehemaligen Mönch, zeigt keine Regung, egal was um ihn herum vorgeht. Gleichmut strahlt er aus. Doch gleichgültig ist ihm alles nicht. Doch Freude gibt es nicht. Er muss sich im weltlichen Leben zurecht finden. Die „Kleinkriminellen“, die Bande sind zum Teil ehemalige Mitschüler von ihm. Seine Freundin aus diesen Tagen verdient sich ihr Geld als Prostituierte. Er schafft es nicht, mit ihr zu schlafen, als sie das anbietet (und der Freund bezahlt).

Vieles wird nicht erklärt in dem Film. Woher hat er zum Beispiel Geld? Das Moped? Wie kommt er dazu, praktisch den Friseurladen seines Kumpels aus Kindertagen zu übernehmen?.Es wird ein Alltag geschildert, in dem es meistens darum geht, in einer ärmlichen Umgebung durch Gaunereien zu überleben. Shuangquan sticht dadurch hervor, dass er zumindest am Anfang ablehnt, Alkohol zu trinken und Fleisch zu essen.

In einer Schlüsselszene trifft der Ex-Mönch zu Beginn seines Wegs ins weltliche Leben auf einen Hundeschlächter. An einem Gestell hängt der enthäutete Hund und wird zerlegt. Auf einem Wagen sind weitere, lebende Hunde in einem Käfig. Shuangquan will einen Hund kaufen. Aus Mitgefühl. Es wird das Gefühl vermittelt, dass er am liebsten alle Hunde befreien möchte. Doch er hat nur 150,- Yuan. Dafür erhält er einen kleinen weißen Hund. Mit unbewegter Miene geht er weiter, verfolgt von einem kleinen Mädchen. Sie erzählt ihm, dass der Hund ihrer Familie gehört habe. Der Vater hat ihn verkauft, weil er kein Geld mehr hatte, die Familie zu ernähren. Nach wenigen Worten übergibt der Ex-Mönch den kleinen Hund dem Mädchen.

Er kann sich nur schwer von seinen geistlichen Gewohnheiten lösen. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass es ihm Schwierigkeiten bereitet, sich anzupassen. Nur mitmachen will er anfangs nicht. Zum Schluss fährt er zusammen mit der Bande in das Abrissviertel, als diese sich vorgenommen haben, einen Überfall auf einen Freund zu rächen. Mit Eisenrohren bewaffnet überfallen sie eine Hütte in dem Abrissviertel und schlagen auf die Bewohner ein. Die brutalen Szenen selbst sieht man nicht, man kann nur vermuten und hören, was hinter den halb verfallenen Mauern vorsichgeht.

Schließlich wird eine Szene vom Anfang des Filmes gezeigt: Shuangquan, noch Mönch, noch im gelbbraunen Mönchsgewand, schlägt eine kleine Glocke und betet für einen toten Vogel, der vor ihm liegt. Im Hintergrund ist das Dach des Tempels zu sehen. Das Bild ist poetisch und traurig. Dann der schnelle Wechsel: In fast der gleichen Haltung steht er nun vor dem übel zusammengeschlagenen Mann. Ruhig hält er das Eisenrohr in der Hand.

Mir bleibt dann noch die Frage: Was hat ihn dazu gebracht, einen Menschen zu erschlagen? Auch diese Frage wird nicht beantwortet. Der Gedanke daran, was nun weiter passiert, lässt mir noch lange keine Ruhe. Ich denke an eine Szene in dem Friseursalon zurück: Mit entschlossenen Bewegungen hat er sich das nachgewachsene Haar rasiert. Wollte er wieder zu seinem Leben als Mönch zurück kehren?

Ein Film, der mich sehr nachdenklich gemacht hat. Wie wirkt er wohl auf Menschen, die China nicht kennen? Letztlich werden sie sich in allen Vorurteilen bestätigt fühlen, die man sich hier in Deutschland über China aneignet: Chinesen essen Hunde, leben unter erbärmlichen Umständen in Armut, alte Stadtviertel werden abgerissen, Tempel stehen leer, Traditionen gehen kaputt. Ja, all das gibt es wirklich in China! Aber es ist nur ein Aspekt, ein kleiner Teil der chinesischen Wirklichkeit.

Der Film „This Worldly Life“ ist übrigens in China selbst verboten. Einige der an der Organisation des Filmfestes beteiligten Chinesen erhielten keine Ausreisegenehmigung. Doch der Regisseur des Films Zhai Yixiang war anwesend und nahm erfreut den neu geschaffenen Preis für unabhängige chinesische Filme entgegen.

Preisverleihung

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