1991/92 Epilog – Kulturschock

Große Asienreise 1991/92

September 1992: Meine große Reise ist zu ende. Ich bin wieder Zuhause. Einige Zeit später habe ich damals noch einen Epilog geschrieben, der kurz die Ereignisse nach meiner Reise zusammenfasst. Meine Asienreise hat aus heutiger Sicht (2015) die Grundlage für meinen späteren Lebensweg gebildet. Über einige Umwege bin ich schließlich in Hamburg gelandet, arbeite seit mehr als 10 Jahren in verschiedenen chinesischen Reiseveranstaltern und reise immer noch leidenschaftlich gerne nach China. Was nicht bedeutet, dass ich nicht gerne auch mal woanders hin reise. 2005 habe ich dann noch einen Rückblick geschrieben. 

Lest heute noch ein letztes Mal einen Eintrag in meinem Reisetagebuch 1992:

Epilog

21.09.1992: Mit meinem Vater fahre ich durch den trüben Morgennebel Niedersachsens. Als wir in Liekwegen am Haus meiner Eltern ankommen, wird es langsam hell. Ich fühle mich erschöpft aber glücklich, denn es ist mir während der Fahrt gelungen, meinen Vater davon zu überzeugen, dass es für mich sehr sinnvoll ist, in Peking Chinesisch zu studieren. Er hat sich bereit erklärt, mir dies eine Jahr zu finanzieren, vorausgesetzt, dass ich mir in Deutschland noch ein wenig Geld dazu verdiene.

Meine Mutter schließt mich freudestrahlend in die Arme. Wie schon seit meiner Kindheit üblich, inspiziere ich als erstes den Kühlschrank: ah! Da steht eine große Schale mit Roter Grütze! Ich freue mich sehr und esse Rote Grütze als Frühstück. Dabei erzähle ich von der Reise.

Doch ich fühle mich ein wenig überfordert. Es scheinen zu viele Eindrücke, die innerhalb kurzer Zeit auf mich einstürmen. In meinem Zimmer stehen die Pakete, die ich nach Hause geschickt habe. Ich wühle in den Andenken und verteile Geschenke und Mitbringsel.

Meine Mutter möchte mich dann zum Einkaufen mitnehmen. Da ich völlig überdreht bin und sowieso jetzt nicht schlafen kann, fahre ich mit. Mit großen Augen schaue ich auf die grüne frische Landschaft des Schaumburger Landes. Alles wirkt so gepflegt und sauber! Die kleinen Häuser mit ihren schönen Gärten sind ein ungewohnter Anblick für mich.

In den Geschäften gehe ich völlig überwältigt von einem Stand zu nächsten. An der Käsetheke im Supermarkt kann ich nicht mehr: Mutti sagt, dass ich mir eine Käsesorte aussuchen darf, das hätte ich sicher schon lange nicht mehr gehabt. Ich habe Käse irgendwie vergessen, weiß nicht mehr, was meine Lieblingssorte sein könnte. Ich stehe versunken vor den vielen verschiedenen Käsen, weis, gelb, kräftig, mild, hart, weich, mit trockenem Mund und großen Augen. Ich merke nicht, dass alle darauf warten, dass ich mich für einen Käse entscheide. Meine Mutter gibt mir einen Schubs: welchen denn nun? „Ach Mutti, wähle Du für mich!“ sage ich kraftlos.

Dies ist nur der erste Höhepunkt meines Kulturschock, der mich auch in den nächsten Wochen in ein dumpfes Dahinleben hüllt. Ich muss mich wieder daran gewöhnen, einkaufen zu gehen. Die Auswahl, das Angebot ist so groß. Ich habe keine Ahnung, was gut ist, was schlecht ist. 20 Minuten brauche ich, bis ich im Regal alle Waschmittel geprüft habe, die Inhaltsstoffe, die Anwendungsgebiete und die Preise verglichen habe.

Da ich tatsächlich schon nach 10 Tagen ab 01.10. einen Job im Reisebüro einer Freundin habe, konzentriere ich mich in den verbliebenen freien Tagen, meine Dias zu rahmen und zu beschriften. Es sind ungefähr 3500 Dias. Jeden Abend zeige ich dann meinen Eltern die Dias und erzähle von meinen Abenteuern.

Außerdem bereite ich mein Studium in Peking vor. Das Visum muss besorgt werden. Ich muss mich am Beijing Language Institute anmelden. Ich wohne während der Woche bei meiner Schwester in Hannover, was uns beide ein wenig näher bringt. Am Wochenende bleibe ich bei Freunden, bei Geli* z.B. Über Silvester fahre ich tatsächlich zu Josef** nach Österreich. Auch Olaf** ist dabei. Ich fahre sogar nach Dortmund, um mich mit Carsten, Ron und Adinda*** zu treffen.

* Thailand 1991
** Peking – Xi’an – Yangtze 1991
*** Südkorea 1991

Am 8. Februar 1993 fliege ich nach Peking. Ein Traum wird wahr.

13 Jahre später

Es ist 2005. Vieles ist in der Zwischenzeit geschehen. Ich habe endlich den Job, auf den ich bewusst oder unbewusst die letzten Jahre hin gearbeitet habe: ich arbeite bei einem Reiseveranstalter, der auf Reisen nach China spezialisiert ist.

Ich bin in den letzten Jahren nicht viel gereist, war hin und wieder ein paar Monate arbeitslos und hatte kein Geld zum verreisen. Stephan und ich sind seit 2 Jahren verheiratet. Ich plane endlich wieder eine China-Reise.

Wenn ich auf meine große Asienreise zurückschaue, so kommt mir manches, was ich getan und erlebt habe, fast unwirklich vor. Hier lebe ich ein doch recht bürgerliches Leben, habe einen Mann, eine Wohnung und eine interessante Arbeitsstelle. Wenn ich allerdings diese Jahre des Reisens nicht gehabt hätte, wer weiß, was dann aus mir geworden wäre. Sicher hätte ich die letzten finanziell schwierigen Jahre kaum ausgehalten. Es war gut zu reisen! Ich habe es zu keiner Zeit bereut, damals alles aufgegeben zu haben, um mir den Traum vom Reisen zu erfüllen.

Was hat sich in den Jahren beim Reisen verändert? Heute gibt es Handys und Internetcafes. Das Reisen scheint einfacher geworden zu sein. Der Kontakt mit Zuhause ist bequem: jederzeit kann man auch aus den entlegendsten Ecken der Welt eine SMS oder eine Email schicken. Ich weiß nicht, ob das wirklich so gut ist. Wenn ich mir vorstelle, mein Vater hätte mich überall per Handy erreichen können!!! Anstatt in den Traveller-Restaurants rumzuhängen, hätte ich Emails geschrieben. Da wäre mir bestimmt manche interessante Begegnung verloren gegangen. Trotzdem denke ich, es hat auch seine guten Seiten. Ich kann nun von Zuhause aus per Email mit Menschen auf aller Welt in Kontakt kommen, mir die Welt per Internet ins Wohnzimmer holen.

Was ist geblieben? Die Erinnerungen. Das Gefühl, es geschafft zuhaben. Meine Liebe für China, meine innere Verbundenheit mit jedem, der einen Rucksack trägt. Meine Neugier auf die Welt. Warum nicht Hannover, Hamburg oder Leipzig mit den Augen eines Backpackers betrachten? Warum ist U-Bahn fahren in Peking spannend und in Hannover nicht? Ich versuche, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, die interessanten Menschen auch in Hannover zu betrachten: der Muslim mit Käppi, der zur Moschee unterwegs ist, die indische Frau im Sari, die spanischen Frauen, die sich in ihrer schönen Sprache unterhalten. Die Jungens, deren Kopf im Takt der Musik aus ihrem CD-Player nickt. Es gibt überall was zu sehen und zu erleben. Mit dem Umzug nach Hamburg habe ich die Gelegenheit, eine Stadt neu zu erkunden, nicht nur die Museen und die Sehenswürdigkeiten, sondern auch die kleinen Straßen in der Nachbarschaft, den türkischen Gemüsehändler an der Ecke und die Bäckerei, aus der es morgens immer so gut duftet.

Was ist geblieben? Meine Vorliebe für fast verbrannten Toast zum Frühstück mit einem möglichst schlabberigen, fetten Spiegelei. Meine Fähigkeit, mit wenigem auszukommen. Fernweh, wenn ich vor lauter Sehnsucht bei McDonald’s einen Hamburger esse. Meine Fähigkeit, fast überall und in jeder Lage schlafen zu können.

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