Guoyu, ein Dorf ringt ums Überleben

Shanxi und Peking 2015

Gar nicht weit weg vom Wohnsitz des Premierministers Chen liegt das Dorf, in dem einst sein Großvater gelebt hat, das Dorf Guoyu. Gerade ein Tal weiter. Luftlinie kaum 500m entfernt. Fröhliche Menschen empfangen uns mit Trommelwirbel und Tanz. Das Dorf setzt hohe Erwartungen in die Gruppe Touristiker aus aller Welt, die gekommen sind, um sich hier umzugucken. In älteren Berichten von Reisenden wird von halb verfallenen Häusern und verlassenen Wohnhöfen erzählt. Doch jetzt hat man sich und das Dorf herausgeputzt. Die Landflucht ist spürbar. Fast nur Alte und einige Frauen mit Kindern scheinen hier noch zu leben. Es muss etwas geschehen, denn sonst stirbt das Dorf! Da kommt der steigende Tourismus gerade recht.

Guoyu liegt in einem Tal des Taihang-Gebirges in der Nähe des Ortes Beiliu im Bezirk Yangcheng, in dem auch der Wohnsitz des Premierministers liegt. Die Ursprünge werden auf die Tang-Dynastie (618 – 907) zurückgeführt. Einst hat es wohl auch hier eine Mauer um das Dorf gegeben. Davon ist außer einem mächtigen Tor nicht mehr viel übrig. Doch die alten Wohnhöfe sind beeindruckend. Noch heute leben viele Familien hier, die den Namen Chen oder Wang tragen, die Namen derer, die das Dorf gegründet und befestigt haben. Manch ein Wohnkomplex stammt noch aus der Ming-Dynastie (1368 – 1644).

Im Zentrum liegt eine breite Straße, die mehr einem trockenen Kanal gleicht. Rechts am Hang windet sich eine Gasse durch alte Häuser hinauf zu einem Tempel. Das ist der Tangdi-Tempel 汤帝庙, ein daoistischer Tempel, der gut und gerne 600 Jahre auf dem Buckel haben soll. Der Tempel ist ein sonderbares Konglomerat aus verschiedenen Gottheiten. Auch eine buddhistische Guanyin findet man hier. Darauf kann wohl ein Dorftempel kaum verzichten, denn Guanyin ist beliebt bei den Frauen, sie hilft bei Kinderwunsch.

Als wir gerade den Tempel besichtigt haben und ins Dorf zurück wollen, entlädt sich ein gewaltiges Gewitter. Es donnert, grollt von Hügel zu Hügel. Es wird dunkel, nur die Blitze werfen ein grelles Licht auf die Mauern und alten Bäume. Es ist erstaunlich, wie schnell man für jeden von uns einen Regenschirm organisiert. Wir warten eine Weile in einem Eingangsraum, mit finsteren Blicken von einigen Wächterstatuen bewacht.

Als der Regen nachlässt, gehen wir zurück zu der großen Straße, die sich jetzt in einen überfluteten Kanal verwandelt hat. Das tiefe Wasser hält uns davon ab, hinüber zu den Wohnhöfen zu gehen. Aber die Kinder kennen keine Hemmungen. Sie haben ihren Spaß im knietiefen Wasser, spritzen und lachen. Die Sonne scheint auch wieder. Dann lässt die Flut nach. Ich hüpfe hinüber. Meine Schuhe sind sowieso schon durchnässt, meine Haare hängen in Strähnen auf meine Schultern, die Bluse ist feucht und kalt. Egal!

Trommeln und Flöten lassen mich aufhorchen! Auf der Kanalstraße formieren sich Frauen in leuchtenden Gewändern mit bunten Blumenkörben. Ein farbenfroher Reigen bewegt sich die Straße hinauf und hinab, begeistert beobachtet von den Einheimischen und uns Touristen. Dann nähert sich ein Wagen mit wilden maskierten Gestalten. Geister beherrschen plötzlich den Weg und versuchen, die Zuschauer zu erschrecken. Der Sinn erschließt sich mir nicht ganz. Sicherlich ein Brauch, um die Geister auszutreiben. Was für ein Spektakel!

Natürlich lässt mich mein chinesischer Begleiter nicht allein. Er springt hinter mir her kaum, dass die Geister vorbei sind, zeigt auf das Eingangstor zu einem der Wohnhöfe. Eine freundliche Dame winkt mich hinein. In diesem uralten Gebäude lebt sie mit ihrer Familie. Der dunkle Balkon im ersten Stock scheint sich dem Boden zuzuneigen. Er soll 500 Jahre alt sein. Ich darf mir ein Zimmer anschauen. Es ist groß, angenehm warm und trocken. Zwei große Betten stehen dort, auf einem gemauerten Podest und mit einer dünnen Matratze bedeckt. Ein Ofen, von dem aus Rohre zu den Podesten führen, steht in der Mitte. Diese Betten werden in China Kang genannt. Sie werden im Winter beheizt. Dadurch ist das Bett mollig warm im kalten Nordchina. Auf der Herdplatte des Ofens steht ein Kessel mit Wasser, das anscheinend meistens vor sich hin kocht. Da kann man schnell einen Tee aufbrühen. Oder auch das heiße Wasser so trinken. Das ist in China beliebt und gilt als gesund.

Bilder schmücken die Wände. Die Fotos der Ahnen stehen auf einer kleinen Kommode. Das Zimmer wird anscheinend von mehreren Personen bewohnt. Im Hof stehen Blumentöpfe. In einem wird eine prachtvolle Aubergine gepflegt. Durch enge Gassen geht es weiter von Wohnhof zu Wohnhof. Überall gibt es etwas besonderes zu sehen. Mal sind es alte Reliefs aus der Ming-Zeit, mal ein alter Balkon, mal besonders schöne Ornamente. Immer folgen uns die Kinder lachend und rufend. Die Erwachsenen halten sich etwas zurück, lächeln uns freundlich und neugierig zu.

Schließlich kommt es zum absoluten Höhepunkt für mich: In einem etwas größeren Hof versammeln wir uns mit den Einheimischen vor einer alten Bühne. Dann beginnt eine Gruppe von Dorfbewohnern mit einem Volkslied. Dazu werden verschiedene ländliche Handwerke vorgeführt: Ein Mann bindet aus Reisern einen Besen, eine Frau spinnt einen Faden aus feiner Wolle, Getreide wird mit der Hand zu Mehl gemahlen. Dazu der Klang alter Musikinstrumente. Vor der Bühne springen kleine Kinder umher. Mir läuft ein wohliger Schauer über den Rücken: So muss es früher gewesen sein, wenn eine Schaustellergruppe ins Dorf kam. Dann versammelte man sich und freute sich an den Vorstellungen. Außerdem werden anscheinend das traditionelle Handwerk, alte Sitten und Gebräuche bewahrt und gepflegt. Ohne modernen Schnickschnack. Nur die Mikrophone erinnern an neuzeitliche Technik.

Völlig überwältigt von all den Eindrücken überfällt mich plötzlich eine große Erschöpfung. Für eine weitere Darbietung ländlichen Handwerks an der nächsten Ecke habe ich kaum noch Augen und Ohren. Mich fröstelt es in der einsetzenden Dämmerung, meine Schuhe sind immer noch nass, meine Füße kalt. Ich möchte nur noch eins: Ins Hotel, mich aufwärmen, was essen und dann die heutigen Eindrücke verarbeiten.

Auf jeden Fall war Guoyu der Höhepunkt meines Tripps in die Provinz Shanxi.

Infos:
Guoyu liegt nicht weit vom Anwesen des Premierministers Primeminister Mansion. Dies kann man von der nächsten großen Stadt Jincheng erreichen. Von dort gibt es Busse nach Yangcheng und weiter nach Guoyu. Noch kostet es keinen Eintritt, das Dorf zu besuchen.

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