09.04. – 16.04.91 Abenteuer Transsibirische Eisenbahn

Als ich vor knapp zwei Jahren mit meinem Reisebericht von 1991/92 begann, war ich noch unsicher, ob Ihr das überhaupt lesen wollt. Also habe ich die ersten Tage/Wochen sehr gekürzt. Gar nicht so, wie sich das nach kurzer Zeit entwickelte und ich zum Schluss mein Reisetagebuch von damals Wort für Wort veröffentlichte. Eine großartige Zeit vom Anfang hatte ich Euch fast völlig unterschlagen: Meine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. In letzter Zeit bin ich ein paar Mal dazu befragt worden. Ich wollte auf meinen Reisebericht verweisen und fand… nichts! Deshalb hier meine Eindrücke von der Fahrt mit der Transsib 1991. Bitte bedenkt, dass es damals noch eine Fahrt quer durch die UdSSR war. Eine Fahrkarte einfach so kaufen? Nein, das ging gar nicht! Ich war also mit einer organisierten Tour unterwegs. Das bot natürlich auch so manche Party im Zug und nette Unterhaltungen.

Aus meinem Reisetagebuch 1991:

09.04. – 16.04.91 Das Abenteuer Transsibirische Eisenbahn beginnt!

Heute morgen habe ich 10,- D-Mark in Rubel getauscht. Dafür habe ich 164,- Rubel bekommen. Ein Kaffee mit Kuchen kostet aber nur 1,5 Rubel. Ich weiß gar nicht, wie ich das Geld ausgeben soll. Den Musikern auf der Arbat gebe ich 50,- Rubel.

Bevor wir zum Bahnhof fahren, packe ich meinen Rucksack komplett neu. Er ist so voll, dass Dinge einfach drin verschwinden. Ich finde nichts mehr. Aber auch diesmal kann ich mich nicht entschließen, irgendetwas zurückzulassen. Den Rock! Doch den brauche ich bestimmt, wenn es etwas wärmer ist. Die Strickjacke! Schließlich habe ich noch zwei dicke Pullover mit. Doch die Strickjacke war sehr teuer. Sie könnte ja auch in der Transsib praktisch sein.

Im Zug finde ich mich in einem Abteil zusammen mit Olaf, Josef und Henning. Ich habe ein unteres Bett in einem 4-Bett-Abteil der 2. Klasse, in dem ich es mir für die nächsten 6 Tage bequem mache. Bei strahlendem Sonnenschein verlassen wir Moskau. Jetzt beginnt unser eigentliches Abenteuer. Wir sind eine lustige Truppe im Abteil: Olaf, der Buchhalter aus Schleswig-Holstein, Josef, der nachdenkliche Tischler aus dem Altmühltal in Österreich. Dazu kommen mehr als 20 junge Leute aus halb Europa. Die meistens von uns haben eine Reise mit unbestimmtem Ende vor sich.

Transsibirische Eisenbahn

Ich in der Transsib

Henning ist der Exot. Er stammt aus Aschaffenburg, kleidet sich ganz in schwarzes Leder. Mit Hut! Leider hat er nur 6 Wochen Zeit. Er macht auf cool, ist aber entsetzlich sensibel. Als wir die Grenze zwischen Europa und Asien mitten in der Nacht erreichen, wollen wir nur schlafen. Doch Henning will mit uns das „European/Asian Feeling“ feiern. Er hat sich betrunken und kann es gar nicht fassen, dass wir zu diesem historischen Zeitpunkt schlafen wollen. Der Zeitpunkt ist ja toll – aber draußen ist in der Dunkelheit bei bedecktem Himmel nichts, absolut nichts zu sehen! Immer wieder kommt Henning ins Abteil, setzt sich auf meine Füße und findet den Griff der Tür nicht, wenn wir ihn rausschmeißen. Schließlich hockt er auf einem Kasten im Flur, eine Flasche Bier in der Hand und starrt trübe in die dunkle Nacht hinaus. In dieser Ecke werden wir ihn von nun an fast nur noch sehen.

Hinter dem Ural herrscht tiefer Winter. Sibirien wie man es sich vorstellt: Birken bis zum Horizont. Die Baumkronen liegen wie filigrane Wolken über der braunen und an vielen Stellen mit Schnee bedeckten Erde. Die noch geschlossenen Blattknospen geben diesen Wolken einen Hauch von Rot. Die Dörfer sind umgeben von Feldern, auf denen schon einige grüne Halme stehen. Tiefer, von LKW-Reifen durchpflügter Matsch umgibt die schmucken Holzhäuser. In der Sonne leuchtet manchmal ein goldener Zwiebelturm über einer weiß getünchten Kirche.

Olaf, der ewige Pessimist, sieht nur die Armut, das geknickte Kreuz auf dem Kirchturm, die unbefestigten Straßen, nicht die Schönheit der noch vorindustriell erscheinenden Landschaft. Josef philosophiert über Gott und die Welt, macht Pläne für China. Henning hängt in seiner Ecke und trinkt Bier. Ich starre stundenlang auf die faszinierende Landschaft, die draußen ohne große Abwechslung vorbeizieht.

Wir haben eine chinesische Mannschaft, die ständig mit dem Feudel die Gänge und Abteile säubert. Sie sind auch Herren über einige Kästen chinesischen Biers in Dosen. Sie verkaufen es für den horrenden Preis von 1 USDollar pro Dose. Trotzdem werden sie ihren Vorrat bis Beijing sicher loswerden. Kontakte haben wir allenfalls mit den russischen Schaffnern aus den anderen Wagen. Gegen Kugelschreiber, Taschenrechner und andere Kleinigkeiten kann man alles Mögliche tauschen: Krimsekt, Kaviar.

Manchmal hält der Zug in einem kleinen Bahnhof. Auf einer Liste im Gang des Wagens sind die Ankunfts- und Abfahrtszeiten angeschlagen. Wir haben mittlerweile 4 Stunden Verspätung. Aber den Listen kann man auf jeden Fall entnehmen, ob die Aufenthaltszeit ausreicht, um sich ein wenig die Füße auf dem Bahnsteig zu vertreten. Es ist ziemlich kalt draußen.

Dampflok

Dampflok

Abenteuer Transsibirische Eisenbahn?

Man fährt los, sitzt ab Moskau immer im gleichen Abteil. Selbst wenn man sich die Fahrkarte selbst besorgt hat und nicht mit einer Reisegruppe reist, ist doch alles erledigt. Auf Tage hinaus hat man den gleichen Tagesablauf. Es gibt nichts zu planen oder zu organisieren. Es gibt auch keine Ungewissheit darüber, was der nächste Tag bringen wird. Man wird vom Handelnden zum Erlebenden. Auf der Suche nach dem Abenteuer geht man von Wagen zu Wagen. In den Unterhaltungen mit den Mitreisenden, nicht den Deutschen oder Englischen, sondern den Chinesischen, Mongolischen, Russischen Mitreisenden erfährt man etwas von deren Leben. Doch wie tiefgehend kann eine solche Unterhaltung sein? Der normale westliche Reisende spricht keine dieser Sprachen, höchstens ein bisschen Russisch. Eigentlich müsste dieses tagelange Zugfahren langweilig sein.

Doch das ist es erstaunlicherweise nicht. Es ist einfach faszinierend, stundenlang auf die immer gleichbleibende Taiga zu schauen, eine Landschaft, in der man manchmal 100 Kilometer lang kein Haus, keine Siedlung sieht. Wir leben hier auf engstem Raum zusammen. Dadurch werden wir schnell zu Freunden. Wir verbringen viel Zeit mit endlosen philosophischen Gesprächen. Auch Henning, der in seiner Ecke hockt, scheint sich nicht zu langweilen. Das Fehlen aller akuten Sorgen und Probleme lässt mich zudem auch tagsüber häufig schlafen. Es ist das erste Mal seit meiner Kindheit, dass ich so frei und ohne Verantwortung bin.

Je weiter wir nach Osten kommen, desto kälter wird es. Bald kann von grünen Feldern keine Rede mehr sein. Das Land liegt unter einer dicken Schicht Schnee. Selbst die Birken erscheinen nun grau und steifgefroren. Die tief hängenden Wolken sehen so aus, als würde es bald schneien. Nur wenn man genauer hinsieht, kann man feststellen, dass die Straßen von tiefen, matschigen Furchen durchzogen sind. Die vielen Pfützen sind nur oberflächlich wieder zugefroren.

Stetig, mit leichtem Schnauben fährt die Transsibirische Eisenbahn durch die karge, verschneite Landschaft, Auf den Bahnhöfen finden regelmäßig Schneeballschlachten unter uns statt. Wenn gerade kein Bahnhof in Sicht ist, wird eben auf dem Gang Ball gespielt. Die Zeit vergeht wie im Fluge! Ich hatte mir extra ein dickes Buch mitgenommen, damit die lange Bahnfahrt nicht so langweilig ist. Doch ich habe keine Zeit zum Lesen. Es ist einfach zu faszinierend, diese winterliche Landschaft zu beobachten.Transsib Haus

Pünktlich taucht Irina, unsere Reiseleiterin, auf, um uns zum Essen im Speisewagen abzuholen. Wer in der Nacht gefeiert hat, lässt das Frühstück, das aus frischem Brot, Spiegeleiern, Marmelade und Kaffee besteht, ausfallen. Doch mittags und abends essen wir alle zusammen. Die Speisen sind reichlich und gut. Alle zwei Tage gibt es das gleiche. Zungenragout, Lachs, Borscht, Kartoffeln, Brot, Gemüse. Das ist zwar wenig abwechslungsreich, aber doch schmackhaft.

Irgendwann muss ich mir nun auch mal die Haare waschen. Ich habe es in Anbetracht der Tatsache, dass es kein heißes Wasser gibt und auch keine Dusche, seit Abfahrt des Zuges vor 3 Tagen aufgeschoben. Aber jetzt führt kein Weg mehr dran vorbei. Diese Aktion muss generalstabsmäßig geplant werden. Es gibt kaum Ablagefläche in der Toilette. Ich brauche einen Becher, mit dem ich mir das Wasser über den Kopf gießen kann. Den kann ich mir glücklicherweise ausleihen. Über dem winzigen, im Rhythmus der Gleise schaukelnden Waschbecken gelingt mir dank Becher und Waschlappen eine Vollwäsche und die Haarwäsche. Schon sehne ich mich nach einer heißen Dusche. Ulrike, die Abenteurerin!!

Langsam fährt die Transsibirische Eisenbahn durch eine sich verändernde Landschaft. Hügel tauchen auf, dann Berge.Dazwischen liegen große Städte wie Nowosibirsk. Industrie und endlose hässliche Wohnblocks. Unbefestigte, matschige Straßen. Das Wort „Drecksnest“ wird sehr plastisch.

In unserem Wagen funktionieren die Lampen nicht mehr. Nur eine Notbeleuchtung erhellt den Gang und das Abteil. Es reicht abends nicht mehr zum Schreiben oder Lesen. Anscheinend hängt die Heizung am Stromkabel. Sie geht nämlich auch nicht. Wir ziehen uns eine Schicht wärmer an und kriechen etwas früher unter die warmen Bettdecken.

Irkutsk am Baikalsee ist vom Bahnhof aus gesehen eine Enttäuschung. Hässliche Industrieanlagen und Matsch. Hier liegt nur wenig Schnee. Irina, unsere Reiseleiterin, verabschiedet sich von uns und steigt aus. Sie nimmt die nächste Transsibirische Eisenbahn zurück nach Moskau.

Bald hinter Irkutsk passieren wir den Baikalsee: völlig zugefroren, umgeben von hohen, schneebedeckten Bergen, eine endlose eisige weiße Fläche. Es schneit. Hinter dem Baikalsee wendet sich der Zug nach Süden. Was aber nicht bedeutet, dass es wärmer wird. Eher im Gegenteil. Das Wetter wird klarer, die Sonne scheint. Doch sobald die Sonne nicht scheint, ist es eisig kalt. Der chinesische Schaffner meint, dass es in Beijing sehr warm sein wird. Na hoffentlich!

14.04.91 Durch die Mongolei

Die mongolische Grenze erreichen wir mitten in der Nacht. Olaf und Josef rufen mich auf den Gang. Wir stehen zu viert am geöffneten Fenster und schauen zum Himmel hinauf. Henning ist natürlich dabei wegen des „Mongolian Feeling“. Transsibirische Eisenbahn vom feinsten! Draußen ist über den pechschwarzen Hügeln ein phantastischer Sternenhimmel zu sehen. Keine Luftverschmutzung trübt den Eindruck. Jeder einzelne Stern scheint zum Greifen nah. Gemeinsam schwärmen wir in höchsten Tönen von dem Sternenhimmel. Wir stellen uns vor, wie Dschinghis Khan mit seinen Horden über die Hügel reitet. Vom Fenster bläst uns der schneidende eiskalte Fahrtwind um die Nasen. Es ist der Duft der großen weiten Welt. Sind wir nicht glücklich zu nennen, dass wir dies sehen und erleben dürfen?!

Am nächsten Morgen bin ich mit dem ersten Sonnenstrahl auf dem Gang. Die aufgehende Sonne taucht die kahlen Hügel draußen in ein rötliches Licht. Es ist eine unwirkliche Landschaft, durch die wir fahren. Mit gelbem, trockenem Gras bewachsene Berge bis zum Horizont, einsame Jurtendörfer, daneben große Herden von Rindern und Pferden. Ein einsamer Mongole reitet auf seinem zottigen Pferd am Bahndamm entlang. Zum Fotografieren reiße ich das Fenster auf. Das ruft den chinesischen Schaffner auf den Gang. Wütend bedeutet er mir, das Fenster zu schließen. Er weist auf das Thermometer an der Wand: 12 Grad Celsius! Nun, es ist tatsächlich sehr kalt hier drinnen. Aber durch die ungeputzten Fenster kann ich nicht fotografieren. Eigentlich muss ich ja gar nicht die ganze Zeit fotografieren. Ich packe meine Kamera ein, schließe das Fenster und genieße die Landschaft und die Stille um mich herum.Transsib Kamele

Manchmal hält der Zug scheinbar auf freier Strecke. Dann sieht man nur einen kleinen Bahnsteig mit ein paar dick eingemummelten Menschen. Es gibt keine Städte in der Mongolei. Eine Bahnstation besteht meistens nur aus dem kleinen Bahnhofsgebäude, einer Handvoll Häuser und einigen Jurten. Auf einem Bahnsteig haben Künstler aus der Umgebung ihre Aquarelle ausgebreitet. Ihre Kunst bietet ihnen eine Möglichkeit, ein paar Devisen zu verdienen. Die zum Teil nur handgroßen, fein gezeichneten Bilder sind ein sehr schönes Souvenir, leicht und handlich, mit Motiven aus der Mongolei.

Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei, wird erreicht. Wir haben einen längeren Aufenthalt, so dass wir sogar ein wenig in den Straßen am Bahnhof herumlaufen können. Es ist sehr kalt, aber sonnig. Die alten Autos, die vor dem Bahnhof geparkt sind, haben zum Schutz vor der Kälte ein Bärenfell über der Kühlerhaube. Selbst in Ulan Bator wohnen die Mongolen zu einem großen Teil in Jurten. Die Menschen in ihren dicken brokatgesäumten Mänteln starren uns neugierig an. Wir starren genauso neugierig zurück.

Die Fahrt geht weiter über eine ausgedehnte Hochebene. Kamelherden begegnen uns jetzt und Reiter auf ihren kleinen Pferdchen. Überall liegt noch Schnee. Dann fährt der Zug langsam aber stetig bergab. Und damit wird es eindeutig wärmer.

Ankunft in China

Wir erreichen die chinesische Grenze. Hier wird umgespurt, da die Gleise in China wiederum eine andere Breite als in Russland und der Mongolei   haben. Die Passkontrollen erscheinen endlos. Doch dann sind wir endlich in China, meinem geliebten China! Jetzt bin ich gar nicht mehr von den Fenstern wegzubekommen.

Das Land ist gelb und trocken. Kleine Dörfer. Bei Datong endlich blühende Obstbäume. Hier fährt die Transsibirische Eisenbahn ganz dicht an der Großen Mauer entlang. Während eines kurzen Stopps können wir sogar ein wenig an ihr spazieren gehen. Abends erreichen wir endlich Beijing mit nur ein paar Stunden Verspätung.

Zur ersten Etappe: 06.04.1991: Es geht los!

Zur nächsten Etappe: Ich bin schon 10 Tage unterwegs!

Zur Rückfahrt mit der Transsib 1,5 Jahre später: 12.09. – 21.09.1992 Ulan – Bator – Moskau – Hannover

Mehr zur Transsib mit Buchungsmöglichkeit: www.monkeyshrine.com

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