Der wundervolle Fahai Tempel

Der Fahai Tempel: Peking abseits der Touristenpfade – ein Reisebericht

Es ist der 3. September 2015, Feiertag in China und vor allem in Peking. 70 Jahre Ende des sinojapanischen Krieges, also des 2. Weltkrieges in Ostasien, sollen gebührend gefeiert werden. Mit weitreichenden Konsequenzen für den Tourismus, jedenfalls in Peking. Wegen der großen Parade am Vormittag ist schon seit zwei Wochen die Verbotene Stadt wieder zur wirklich Verbotenen Stadt geworden: Geschlossen! Die Innenstadt ist umfangreich abgesperrt. Mehr

Und ich mittendrin! Eigentlich hätte ich mir ja gerne mal wieder den Kaiserpalast angeguckt, oder das Nationalmuseum. Aber das geht nun alles nicht. Doch Peking hat immer Tempel und Sehenswürdigkeiten zu bieten, die ich noch nicht kenne. Nun war die Gelegenheit, mir endlich das mysteriöse Eunuchen-Museum anzuschauen! Das reizte mich sehr. In der Nähe gibt es einen Tempel, den Fahai Si. Den könnte ich dann gleich auch mit „abhaken“.

„Am bewaldeten Ende eines stillen Tals liegt der um 1440 erbaute buddhistische Tempel Fahai Si“ schreibt der MarcoPolo-Reiseführer. Solche Sätze reizen mich. Ein stilles Tal in einem Vorort von Peking? Das musste ich sehen!

Wandmalereien

Wandmalereien

Mein Weg zum Fahai Tempel
Der einfachste Weg dorthin ist, mit der U-Bahn-Linie 1 bis zur Endstation Pingguoyuan (das heißt übrigens Apfel-Garten) und dann weiter mit dem Bus oder Taxi fahren. Das war mein Plan. Aber es war ein ganz besonderer Feiertag. Nicht nur die gesamte Innenstadt war gesperrt, sondern es fuhren auch manche U-Bahnen nicht. So auch die Linie 1 auf der gesamten Strecke. Also erstmal bequem mit der Linie 2 zur U-Bahnstation Xizhimen, von wo aus es einen Bus nach Pingguoyuan geben sollte. Dort irrte ich eine Weile herum, dann fragte ich einen Polizisten nach dem Bus. Nachdem er bei Kollegen nachgefragt hatte, kam er zu folgendem Ergebnis: Einen Bus gibt es, der fährt am Zoo ab. Der Zoo sei gar nicht weit. Nach meiner Erfahrung musste der Zoo weit weg sein. Und Ihr dürft nicht vergessen, dass ich ja einen verstauchten Fuß hatte, der immer noch schmerzte und kaum in den Schuh passte.

Nach ein paar Hundert Metern zu Fuß war ich bereit für ein Taxi. Das erste wollte nicht. Der zweite nickte. Aber wusste der wirklich, wo ich hin wollte? Er tippte engagiert in sein Navi. Ich hatte mich gut vorbereitet und die Adresse von dem Eunuchen-Museum in chinesischen Schriftzeichen dabei. Das Museum fand das Navi zwar nicht aber die Straße. Auf ging’s! Endlose mehrspurige Highways, Hochhäuser rechts und links. So sieht das aus, wenn man durch Pekings Vororte fährt. Schließlich bogen wir in die richtige Straße ein. Ich war froh, dass ich Chinesisch lesen kann. Die richtige Hausnummer fanden wir nicht. Auch keiner der Anwohner schien zu wissen, wo wir hin wollten. An einer kleinen Seitenstraße sah ich einen Wegweiser zum Fahai Tempel. Also bat ich den Taxifahrer schnell, mich hier rauszulassen.

Bei schönstem Sonnenschein ging ich die schmale Straße hinauf. Ein stilles Tal war das nicht! Überall kleine Marktstände mit Wassermelonen, Obst und Gemüse. Aus den schmalen Imbissen wogten verführerische Düfte an meine Nase. Die merkte ich mir schon mal für mein Mittagessen vor. Dann ein Tor, ein tempelartiges Gebäude. Doch das war noch nicht der Fahai Si, sondern ein Krankenhaus, das anscheinend in einem alten Tempelgebäude untergebracht war. Gleich dahinter war ein kleiner Park, in dem die Kranken spazieren gingen: Dicke Verbände und Krücken waren ihr Kennzeichen. Auf der anderen Seite des Parks standen die hohen Bäume eines alten Waldes. Nach und nach wurde es deutlich ruhiger. Nur die Vögel zwitscherten und am Himmel kreiste ein Raubvogel.

Mein Tempel-Besuch
Endlich erreichte ich den Fahai Tempel. Endlose Treppen führten zu den Hallen. Ich stand davor mit meinem schmerzenden Fuß und fragte mich, ob ich da wirklich rauf wollte. Doch sowas sind theoretische Überlegungen bei mir. Die Neugier siegt immer! Langsam stieg ich die ersten Stufen hinauf. Ein freundlicher älterer Mann schien leicht irritiert, als ich mich näherte. In einfachem Englisch erklärte er mir, dass der Eintritt 20,- RMB kostete. Aber: Für insgesamt 100,- RMB könne ich mir die wirklichen Schätze des Tempels, die alten Wandgemälde, anschauen. 100,- RMB (€ 14,-), ganz schön viel für diesen so einfach wirkenden Tempel. Er sah aus wie so viele Tempel, die ich schon gesehen hatte. Ich überlegte kurz. Dann bezahlte ich die 100,- RMB und stieg weitere endlose Stufen hinauf.

Es war wirklich ein ruhiger Ort: Keine Mönche, keine Gläubigen, keine Glocken. Nur ein paar abgebrannte Räucherstäbchen zeugten davon, dass noch manchmal Menschen hierher kommen, um zu beten.

Nach der ersten Halle kamen wieder Stufen bis zu nächsten Terrasse mit der ganz großen Halle. Mein Fuß protestierte schmerzend. Doch nun konnte mich nichts mehr aufhalten! Neugierig ging ich durch das mit dicken Vorhängen verschlossene Tor und stand zunächst einmal in völliger Dunkelheit.

Die Wandgemälde
Schon war aber ein alter Mann bei mir, der mir mit einem Lächeln eine Lampe reichte. Er erklärte mir auf Chinesisch, dass ich die Lampe nutzen konnte, um die Wände anzuleuchten und die schönen Wandmalereien zu entdecken. Er erzählte viel – auf Chinesisch. Natürlich sind mir die entsprechenden Wörter zu Buddhismus und Malerei nicht sehr geläufig. Auch die junge Chinesin, die der Führung mit mir folgte, sprach nur wenig Englisch und hatte die gleichen Schwierigkeiten, nur eben in Englisch. Aber das war kein großes Problem!

Ich verstand so viel: Die Wandmalereien des Fahai Tempel stammen aus dem 15. Jahrhundert. Die Roten Garden hatten während der Kulturrevolution im Tempel großen Schaden angerichtet. Die wertvollen alten Statuen des Tempels sind verschwunden – zerstört oder verschleppt. Doch, das erzählt der alte Lu, der uns führt, mit einem Lächeln, die wunderbaren feinen Wandgemälde haben sie übersehen. Deshalb konnte ich die Gemälde genießen, gut erhalten und mit vielen Details. Herr Lu machte uns immer wieder auf die verschiedenen Kleider, die feine sorgfältige Pinselführung und die dargestellten Geschichten aufmerksam. Die Malereien sind großartig! 500 Jahre alt und wirklich fast wie neu. Manche Wissenschaftler haben die Malereien in ihrer Begeisterung schon mit denen in den Mogao-Grotten von Dunhuang verglichen. Das halte ich für übertrieben, denn die Freskos von Dunhuang sind sehr viel älter.

Ich war völlig fasziniert und konnte mich kaum losreißen. Irgendwann trat ich dann blinzelnd in den hellen Sonnenschein. Ach, war das schön gewesen!

Natürlich war das Fotografieren in der Halle nicht möglich. An die enttäuschten Fotografen hat man trotzdem gedacht. Noch ein paar Stufen führten mich zu der nächsten Halle, in der maßstabsgetreue Fotos von den Wandmalereien ausgestellt sind. Klar, dass ich die Gelegenheit ergriff und meinerseits einige Fotos von den Stellen machte, die mich am meisten beeindruckt hatten.

In einer der Nebenhallen fand ich eine kleine Dokumentation über eine Deutsche, die schon in den 1930er Jahren den Fahai-Tempel besuchte und erforschte. Dadurch gibt ein paar Fotos von dem Tempelinneren vor den Zerstörungen.

So sah es mal in der Haupthalle des Fahai Tempels aus

So sah es mal in der Haupthalle des Fahai Tempels aus

Rückweg
Dann wieder hinunter. Auf einer der Terrassen gab es Bänke! Für ein paar Minuten setzte ich mich hin. Ich genoß die Stille, den Duft der Bäume und Blumen, das Zwitschern der Vögel. Herrlich! Zwei große weiße Platanen boten einen ruhigen kraftvollen Schutz. Schließlich trieb mich ein dringendes Bedürfnis zum Eingang hinunter. Auf meine Frage nach einer Toilette wies man nach oben. Irgendwo auf halber Höhe gab es öffentliche Toiletten. Stirnrunzelnd stand ich vor den Treppenstufen. Da wieder hinauf? Ohje! Gleich war eine ältere Chinesin an meiner Seite, die wohl glaubte, ich wisse nicht, wo ich genau hin müsse. Also, auf ging’s! Und dann wieder runter. Mein Bedarf an Treppen war für heute gedeckt. Für ein paar Minuten setzte ich mich zu dem Eingangskontrolleur. Wie schön, dass ich Chinesisch spreche! So konnte ich Fragen stellen und ein wenig mit dem Mann sprechen. Wobei: er sprach ein sehr Dialekt gefärbtes Chinesisch, das ich nur teilweise verstand. Er erzählte von den Zerstörungen während der Kulturrevolution und wie toll es war, dass der Tempel renoviert wurde und jetzt der Öffentlichkeit zugängig ist. Nein, es gäbe keine Mönche mehr. Diese müssten ja von irgendwas leben, das kostet Geld und das könne man sich nicht leisten.

Zu meinem allergrößten Entzücken kannte der Mann das Eunuchen-Grab. Er machte mir sogar eine kleine Skizze, wie ich dahin kommen würde. Mehr vom Eunuchen-Museum

Infos (Stand Dez. 2015)
法海禅寺 Faihai Chan Si Dharma-Meer Chan-Tempel
Öffnungszeiten: 9:00 – 17:00 Uhr
Eintritsspreis: RMB 20,- , mit Wandmalereien RMB 100,-
Addresse: Moshikou, Shijingshan District, Beijing 石景山区, 模式口



Der Fahai Tempel

Der Fahai Tempel wurde erbaut von 1439 bis 1443 während der Regierungszeit des Kaisers Zhengtong (Zhu Qizhen) der Ming-Dynastie. Geldgeber war Li Tong, ein hochrangiger Eunuch am Kaiserhof. Zunächst hieß der Tempel Longquan. Als der Tempel 1443 fertig gestellt wurde, erhielt er den Namen Fahai (Meer der Lehre) von dem Kaiser, was eine große Ehre war. Der Fahai Tempel war einst ein Tempel des in China weit verbreiteten Chan-Buddhismus.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Fahai Tempel einige Male Opfer von Feuer und anderen Katastrophen. Jedes Mal wurde er wieder aufgebaut. Nur die Halle mit den Freskos überlebte alles Unheil. Bis während der Kulturrevolution die Statuen geraubt und zerstört wurden.

Einst gab es neben der Haupthalle noch vier weitere Hallen, Glocken- und Trommelturm. Davon ist heute nicht viel erhalten. Nur die Haupthalle mit den Freskos ist alt. Auch Ende des 20. Jahrhunderts wütete mal wieder ein Feuer. Danach wurden mit großem Aufwand einige Gebäude mit staatlichen Geldern renoviert. Auch die Halle auf der obersten Terrasse, die einst dem Medizin-Buddha gewidmet war, wurde neu gebaut, um den Fotos von den Wandgemälden einen passenden Platz zu bieten.

Die Freskos
Die Wandmalereien in der großen Mahavira Halle zählen zu den besterhaltenen der Ming-Dynastie. Ein großes Wunder ist die Tatsache, dass die Fresken auch nach 500 Jahren gut erhalten sind. Es gibt keine Stellen, wo die Farbe abblättert. Die Farben sind immer noch leuchtend, die Pinselstriche sind fein und zeugen von der großen Kunstfertigkeit der Künstler. Noch sind nicht alle Geheimnisse dieser guten Erhaltung gelüftet. Man geht davon aus, dass die Beimischung bestimmter Mineralien dazu beigetragen hat.


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3 Kommentare

  • Pingback: Eunuchen am chinesischen Kaiserhof

  • Das ist also ein Foto vom Foto vom Original, das ich jetzt online betrachten darf. Voll meta 😉

    Stelle ich mir auch spannend vor, in einem dunklen Raum nur kleine Ausschnitte aus dem großen Bild beleuchten zu können. Ist für’s nächste Mal Peking vorgemerkt. Hoffentlich kommen wir dann einfacher dorthin als du.

    • Ulrike

      Besser das Foto vom Foto als gar nichts 😉 Die ganze Gegend dort ist sehenswert. Ein wenig erschien es mir wie Peking vor 20 Jahren.Und wenn du da hinkommst, dann ist hoffentlich das Eunuchen-Museum wieder geöffnet.
      Der Weg dorthin: Linie 1 bis Pingguoyuan. Von dort kann man sich immer noch ein Taxi nehmen. Oder den Bus nehmen. Und am besten nach der Straße Moshikou Dajie fragen.
      Viel Spaß und schöne Feiertage!
      Ulrike

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