Hongkong 1987 – Reisebericht

Meine erste China-Reise fängt mit Hongkong 1987 an. Von meinem ersten Tag in Hongkong habe ich schon geschrieben. (Hongkong). Nun möchte ich Euch zeigen, wie es weiter ging. Bei all den Artikeln von/über alleinreisende Frauen fällt mir auf, dass ich mir damals darüber keine Gedanken gemacht habe. Ja, ich war alleine unterwegs! Aber das ermöglichte mir auch, mein Besichtigungsprogramm so durchzuziehen wie ich mir das vorstellte. Ich hatte mir viel vorgenommen, das Grundgerüst an Sehenswürdigkeiten, die ich unbedingt sehen wollte, stand. Doch ich hatte immer noch viele Möglichkeiten, spontan Neues zu entdecken. Ich genoss es, alleine unterwegs zu sein, ohne mir dessen bewusst zu sein.

Hongkong 2009

Hongkong 2009

Manches hat sich natürlich in den fast 30 Jahren, die seit meinem ersten Besuch vergangen sind, geändert. Die Skyline von Hongkong ist gewachsen. Doch manches scheint noch wie damals zu sein. Zum Beispiel Stanley Market. Den großen Kleidermarkt gibt es immer noch. Die kleinen Tempel sind renoviert worden. Der unbefestigte Weg ist nun eine kleine Straße. Aus den Hütten sind schmucke Appartementhäuser geworden. Da ich damals nicht viele Fotos gemacht habe, gibt es auch hier wieder Fotos von meinem Trip nach Hongkong 2009. Wie Cheung Chau heute aussieht, kann ich nicht sagen. Ich bin dort nicht wieder gewesen.

Aus meinem Reisetagebuch Hongkong 1987

20.10.87

Nachdem ich die halbe Nacht nicht geschlafen habe, stehe ich heute etwas später auf. Als erstes buche ich an der Rezeption eine Tour zum Song Dynasty Village. Darauf bin ich schon sehr gespannt.

Zunächst einmal sind aber noch einige Besichtigungen angesagt: Zuerst der Wong Tai Sin Tempel. Mit der U-Bahn kommt man schnell und bequem dorthin. Der Tempel ist noch keine 100 Jahre alt und somit für mich eigentlich viel zu „neumodisch“. Aber kaum, dass ich das Tempelgelände betreten habe, bin ich begeistert von der Atmosphäre. Die weitläufigen Hallen und Pavillons sind voller Leben. Der Geruch von Holzkohle und Räucherstäbchen liegt in der Luft. Alles vibriert vom Klappern der Wahrsagestäbchen. Viele Menschen kommen hierher, um zu beten und ihre Opfergaben vor die mächtigen Buddhastatuen zu legen. Es gibt sogar ein kleines Krankenhaus. Wahrsager und Handleser bevölkern das Gelände. Bald schwirrt mir der Kopf von all diesen exotischen Eindrücken.

Da entdecke ich einen kleinen Garten abseits vom Trubel, mit einem Goldfischteich, ein paar Blumen und Bäumen. Es ist mir den Dollar Eintritt wert, dass ich mich hier ein wenig ausruhen kann. Hongkong, China – es ist alles so ganz anders als alles, was ich gewohnt bin. Ich brauche immer wieder eine Pause, um mich zu sammeln und meine Eindrücke zu verarbeiten.

Nach der kurzen Rast gehe ich noch einmal durch den Tempel, erfreue mich an den ungewohnten Geräuschen und Gerüchen. Die Strasse zum Tempel ist voller kleiner Läden, in denen alle möglichen Devotionalien, Kerzen und Räucherstäbchen verkauft werden. Ein kurzer Spaziergang bringt mich vom Tempel weg in ein Wohngebiet mit hässlichen Hochhäusern. Gleich daneben sehe ich die Wellblechhütten der Squatter, der illegalen Siedler. Bettler bedrängen mich. Hastig kehre ich zur U-Bahnstation zurück.

Tempel in Kowloon

Tempel in Kowloon

Im Zentrum Kowloons gehe ich ein wenig im Kowloon Park spazieren. Dort gibt es Vogelvolieren, einen chinesischen Garten mit Teich, runden Brücken und Pavillons und das Historische Museum.

Nach einem kurzen Schläfchen wird es auch schon Zeit zur Abfahrt der gebuchten Tour. Das Song Dynasty Village ist die Nachbildung einer Stadt aus der Song-Dynastie (960 – 1279 n. Chr.), dem chinesischen Mittelalter. In den verschiedenen Läden bekommt man einen Eindruck alten chinesischen Handwerks. Unsere chinesische Führerin schleift uns Häuflein Ausländer im Eiltempo durch alles hindurch, rasch durch die kleinen Geschäfte, schnell ein Schluck Tee getrunken, ein Foto geschossen. 20 Minuten für die Vorführung einer Affenschau und einer chinesischen Hochzeitszeremonie. In wenigen Minuten sollen wir einen Eindruck von chinesischer Akrobatik und Pekingoper bekommen. Höhepunkt der Tour ist ein chinesisches Abendessen. Auch dafür haben wir nur eine halbe Stunde Zeit. Das ist in Anbetracht der Tatsache, dass ich das erste Mal Essstäbchen benutze, zu wenig. Da schaffe ich gar nicht, genug zu essen. Aber den anderen geht es genauso. Wir haben sehr viel Spass.

Diese Nacht schlafe ich endlich normal. Der Jetlag ist überwunden.

21.10.1987

Auch heute habe ich mir wieder ein ausführliches Besichtigungsprogramm vorgenommen. Als erstes möchte ich mir den Tiger Balm Garden ansehen. Dazu muss ich zunächst mit der Star-Ferry nach Hongkong Island hinüber. Dort angekommen suche ich die Bushaltestelle für den Bus, der mich direkt zum Tiger Balm Garden bringen soll. Ich habe sowohl eine Beschreibung, wie ich den Bus finden soll, als auch einen Stadtplan. Trotzdem irre ich wieder lange durch die Hochhäuser, über Fussgängerbrücken und durch ein Einkaufszentrum, bis ich endlich die richtige Haltestelle gefunden habe.

Tiger Balm Garden! Schon als Kind habe ich davon in einem meiner vielen Abenteuer- und Reisebücher gelesen. Ich stellte ihn mir als großen ausgedehnten Park mit alten knorrigen Bäumen und einigen bunten Märchenfiguren vor. Aber die Wirklichkeit ist ein Schock! Alles, aber auch wirklich alles ist aus Beton gemacht in diesem Park. Sogar einige Bäume! Und alles ist bunt angemalt. Kitsch as Kitsch can! Der Tiger Balm Garden ist auch nur eine ganz kleine Fläche, die sich steil mit ihren Figuren und Bildern einen Berghang hinaufzieht. Gekrönt wird das Ganze durch eine weisse Pagode auf dem Gipfel. Dargestellt sind Personen und Geschichten aus chinesischer und buddhistischer Mythologie. Die chinesischen Besucher sind ganz begeistert. Ich fühle mich von den vielen Farben ganz erschlagen. Eine Cream Soda, die wie Limonade mit Sahnegeschmack schmeckt, gibt mir endgültig den Rest. Ich muss hier raus! Auf dem Weg zum Ausgang sehe ich dann doch noch einen wunderschönen Garten mit vielen leuchtend blühenden Azaleen. Aber den kann man nur aus der Ferne betrachten.

Irgendwie scheine ich noch ganz verwirrt zu sein durch den Tiger Balm Garden und so steige ich in den nächsten Bus, der kommt. Das ist prompt der falsche, wie ich schnell merke. Als ich die Strassenbahn sehe, steige ich an der nächsten Haltestelle um. Diesmal kenne ich mich schon aus und habe das nötige Kleingeld abgezählt in der Hand, als ich aussteigen will. Ich fühle mich fast zuhause in Hongkong.

Mein nächster Besichtigungspunkt ist Stanley Market, ein kleiner Ort auf der anderen Seite von Hongkong Island. Doch um dorthin zu kommen, müsste ich zuerst einmal den richtigen Bus finden. Und das ist heute anscheinend nicht meine Stärke. Ich suche eine Unterführung unter einer verkehrsreichen Strasse und gerate in eine riesige U-Bahnstation. Als es mir gelingt, ihr zu entkommen, stehe ich wieder auf dem Statue Square. Jetzt weiss ich wenigsten wieder, wo ich bin! Irgendwo hier in der Nähe müssen auch die Busse nach Stanley abfahren. Da! Endlich!

Der Bus kommt auch gleich. Genauso brav wie die Leute in einer langen Schlange auf den Bus gewartet haben, steigen sie ein. Kein Gedrängel und Geschubse! Ich steige in das Obergeschoss des Doppeldeckers und finde einen Platz ganz vorne. Da habe ich – leider auch in den Kurven – die beste Aussicht. Der Bus fährt quer über die Insel. Überall an den Berghängen und in den engen Tälern stehen riesige Wohnblocks. Meistens sind die Hänge unbewaldet.

Nach einer steilen Abfahrt erreichen wir Stanley. Hier muss ich als erstes ein dringendes Geschäft erledigen. Die öffentliche Toilette wird mein erstes wirklich typisch chinesisches Abenteuer. Ich betrete einen von gleissendem Neonlicht erhellten Raum. Ich bin ganz alleine, auch wenn die Anlage für mindestens 20 „Bedürftige“ reicht. Ein schmaler Graben führt durch den gekachelten Raum an der Wand entlang. In diesem Graben fliesst fast ständig Wasser. In Abständen von ca. 1m sind halbhohe Holzwände quer darüber gebaut. Vorne zum Gang hin gibt es – keine Türen. Sozusagen eine „öffentliche Bedürfnisanstalt“, in der dem zufälligen Zuschauer nichts entgehen kann. Nur gut, dass wenigstens die Männer ihre eigene Abteilung haben. Mich, die ich doch ziemlich prüde erzogen wurde, kostet es Überwindung, diese Toilette zu benutzen. Aber da muss ich eben durch, wenn ich in China reisen will!

Nach Erledigung dieser dringendsten Geschäfte lasse ich den Kleidermarkt, für den Stanley so berühmt ist, vorläufig links liegen. Ich habe beim Hongkong Tourist Board ein Faltblatt bekommen, in dem ein interessanter Ausflug von Stanley Market zu ein paar kleinen Tempeln beschrieben ist. Mit diesem Faltblatt in der Hand mache ich mich auf die Pirsch.

Nach ein paar Schritten habe ich das Ende der asphaltierten Strasse erreicht. Mit dem Anfang des unbefestigten Wegs betrete ich das chinesische Dorf von Stanley, eine ganz andere Welt. Das Dorf besteht aus einigen ärmlich wirkenden Holzhütten, die an einem kleinen dreckigen Bach stehen. Hier soll es also zwei Tempel geben! Es ist Mittagszeit, die Wege menschenleer. Keine spielenden Kinder, Stille. Ein großes unscheinbares Gebäude entpuppt sich als der erste Tempel. Ich betrete die dämmrige Halle. Kerzen brennen, Räucherstäbchen verbreiten ihren schweren süssen Duft. An der Rückwand hängt ein dunkles ausgefranstes Fell. Es soll das Fell des letzten Tigers, der hier in der Gegend vor ein paar Jahrzehnten gesichtet und erlegt worden war, sein. Der Rauch der Kerzen hat es so dunkel gefärbt, dass man es kaum noch als Tigerfell erkennen kann. In einer Ecke sitzen zwei Frauen, die gerade ihr Mittagessen einnehmen. Sie nicken mir freundlich lächelnd zu.

Danach wird der Weg schmaler und windet sich durch die kleinen Häuser einen Hügel hinauf. Ob ich hier noch richtig bin? Eine alte chinesische Dame, die mir begegnet, schaut mich verwundert an. Ich überquere den kleinen, halb ausgetrockneten Bach auf einer wackligen Holzbrücke. In der schwülen Mittagshitze ist es sehr anstrengend, bergauf zu wandern. Von weitem sehe ich nun schon die große Statue der Guanyin, der weiblichen Verkörperung Buddhas. Also bin ich auf dem richtigen Weg. Doch vor dem Haupteingang des Tempels liegt ein großer, gefährlich aussehender Hund und macht sein Mittagsschläfchen. Als ich mich nähere, hebt er den mächtigen Kopf, schaut mich aus gelben Augen böse an und knurrt. Eigentlich habe ich ja keine Angst vor Hunden, aber dieser hier macht den Eindruck, als habe er heute noch nicht zu Mittag gegessen. Ich gehe in einem weiten Bogen um ihn herum und schleiche mich durch einen Seiteneingang in den Tempel. In der Halle sitzt eine buddhistische Nonne über ein Buch gebeugt und betet leise. Ich gehe schweigend an ihr vorbei und durchquere die Halle.

Hinter dem Tempel, neben der Statue, habe ich einen tollen Ausblick über den Weg, den ich gekommen bin, und über Stanley Market mit dem Strand und den Schiffen weit draussen. Hier oben weht eine leichte angenehme Brise. Eine Zeitlang sitze ich auf einer Steinstufe und schaue in die Ferne. Aber dann vertreibt mich die heisse Mittagssonne und ich kehre zurück in den Ort.

Das Zentrum von Stanley Market ist der große Kleidermarkt, auf dem man preiswert Markenjeans und T-Shirts kaufen kann. Hier findet man natürlich viele Touristen aus aller Welt, besonders aber viele Amerikaner, die geradezu in Verzückung geraten bei diesem Angebot. Nur ein paar Schritte und ich bewege mich wieder abseits des Touristenstroms.

In einer der Seitenstraßen suche ich mir ein kleines Restaurant. Es gibt eine englische Speisekarte, aber keine der Kellnerinnen kann Englisch sprechen. Damit wird das Bestellen mühsam. Nach langen Verhandlungen gelingt es mir, etwas zu bestellen. Ich verstehe zuerst nicht, dass man zwar am Tisch gefragt wird, was man möchte, dass man aber seine Speisen und Getränke selbst am Tresen abholen muss. Da ich nicht weiss, wie mein bestelltes Gericht auf Chinesisch heisst, merke ich auch nicht, dass mein Essen aufgerufen wird. Erst als alle Gäste neugierig zu mir herüber sehen, wird mir klar, dass etwas nicht stimmt. Irgend jemand deutet zur Theke. Da steht mein Essen und wartet auf mich! Wenigsten stehen Gabeln und Löffel bereit, so dass ich jetzt nicht auch noch eine Darbietung meiner Fähigkeiten, mit Essstäbchen umzugehen, geben muss.

Mit dem Bus fahre ich nach Hongkong zurück. Ich erreiche gerade noch rechtzeitig die 16:15 Uhr-Fähre nach Cheung Chau, einer kleinen Insel. Die letzten Meter muss ich rennen und springe in letzter Sekunde auf die Gangway. Ich suche mir einen Platz am Heck der kleinen Fähre. Das Schiff legt ab und die Hochhäuser von Hongkong und Kowloon verschwinden langsam hinter uns im Dunst. Wir fahren an riesigen Containerschiffen und Tankern vorbei, die auf Reede liegen. Am Horizont zieht ein weisses Kreuzfahrtschiff vorbei und über mir befindet sich ein Jumbo-Jet im Landeanflug. Nur Dschunken sehe ich leider nicht.

Cheung Chau ist nach einer ¾ Stunde Fahrt erreicht. Auf der kleinen Insel herrscht Autoverbot. Hier gibt es auch keine Hochhäuser. Statt dessen enge, verwinkelte Gassen mit kleinen Fischrestaurants und dazwischen hin und wieder ein Souvenirladen. Auf Cheung Chau soll es bronzezeitliche Felszeichnungen geben. Ich suche zwar lange aber leider vergeblich danach. Auf der Suche nach der Geschichte entdecke ich statt dessen die schönen Strände der Insel, die jetzt am Abend fast menschenleer sind. Schade, dass ich meinen Badeanzug vergessen habe! Ich bummele lange durch die idyllischen Strassen und Gassen. Wegen der fehlenden Autos scheint das Leben hier weniger hektisch als in Hongkong.

An der Uferpromenade hocke ich mich auf eine Steinbrüstung und warte auf den Sonnenuntergang. Es herrscht Feierabendstimmung. Die Luft ist sanft und mild. Das Licht schwindet allmählich. Die untergehende Sonne taucht alles in Gold und Rot. Die Hausboote, alte Dschunken, die in einem Taifunschutzhafen dicht aneinander gedrängt liegen, wirken sehr romantisch. Nur die schwarz gegen den Himmel stehenden Fernsehantennen erinnern an die Neuzeit. Es herrscht reges Treiben: kleine Boote fahren eifrig zwischen Ufer und Dschunken hin und her, um die heimkehrenden Schulkinder oder Frauen mit vollen Einkaufstaschen nach Hause zu bringen. Überall wird nun das Abendessen gekocht. Exotische Wohlgerüche!

Langsam, verträumt bummele ich an Garküchen und Fischern vorbei zurück zum Fähranleger. Zusammen mit einigen Chinesen warte ich auf die Fähre, die anscheinend Verspätung hat. Da! Plötzlich ein Huschen, ein leises Rascheln! Ich gucke erschrocken. Die junge Frau mir gegenüber zuckt zusammen und rückt ängstlich näher an ihren Begleiter. Eine Ratte, so groß wie eine ausgewachsene Katze, läuft ca. 1 Meter von mir entfernt durch den Wartesaal. Alle tun so, als ob sie nichts bemerkt hätten; wahrscheinlich war es nicht die erste Ratte, die sie gesehen haben. Ich schlucke, stelle mich auch gleichgültig und schaue weiter auf die dunklen Dschunken im letzten Tageslicht.

Durch die Nacht fahre ich mit dem Schiff zurück nach Hongkong. Hongkong glitzert in der Pracht seiner beleuchteten Hochhäuser. Aufregend und schön. Ich bin wirklich ganz verliebt in diese bunte, vielseitige Stadt. Doch nun heisst es, nach vorne zu schauen. Morgen geht es endlich nach China. Ich bin schon ganz nervös und kann wieder mal nicht einschlafen.

Zur nächsten Etappe: Mein erster Tag in China: Grauenhaft

2 Kommentare

  • Barbara (Barbaras Spielwiese)

    So ein Reisetagebuch ist Gold wert; danke fürs Teilen. Ich war 1990 das erste Mal in China und Hongkong und bin damals auch ohne groß nachzudenken als Frau alleine gereist, das war damals zum Glück auch schon problemlos. Und von Hongkong war ich fasziniert. Schon lange habe ich vor, mal alte Dias rauszukramen…

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