China 1987: Weitere Herausforderungen in Xi’an

Weiter geht’s mit meinem Reisebericht 1987 von meiner ersten China-Reise. Dieser 3. Tag in China, in Xi’an, ist geprägt von meiner großen Unsicherheit. Ich wage es, mit einem gemieteten Fahrrad die Stadt zu erkunden. Keine Ahnung von den chinesischen Verkehrsregeln und keine Sprachkenntnisse: Aber es geht! 

Und wenn ich diesen Tag mit heute vergleiche? Wichtig ist es mir, darauf hinzuweisen, dass das, was ich in meinem Tagebuch 1987 als Provinzmuseum bezeichne, heute das Stelenwald Museum ist. Das heutige Provinzmuseum liegt etwas weiter südlich. Insgesamt hat sich die Situation der Museen in China sehr verbessert. Von den Staubschichten und schlechter Beleuchtung ist nur noch selten etwas zu bemerken. 

Ach, wenn ich so Sätze lesen wie „Es gibt wenig Autos auf den Straßen“, dann merke ich, wie sehr sich China geändert hat in nunmehr fast 30 Jahren, in denen ich das großartige Land bereise!

Auf der Stadtmauer 1987

Auf der Stadtmauer 1987

24.10.87

Heute erkunde ich die übrigen Sehenswürdigkeiten von Xi’an mit dem Fahrrad. Xi’an ist eine große Stadt, die vor tausend Jahren eine der grössten Städte der Erde war. Die gesamte alte Stadt ist von einer 14 Km langen gewaltigen Stadtmauer umgeben. Mein erstes Ziel ist die Moschee von Xi’an, die im alten Muslimviertel liegt. Es gibt in China eine große islamische Minderheit, die Hui. Das sind Chinesen, die dem Islam anhängen, aber nicht Uiguren oder Kirgisen sind. Am Rande des Viertels der Hui befinden sich der alte Glockenturm inmitten einer lebhaften Kreuzung und der Trommelturm. Beim Trommelturm lasse ich mein Fahrrad auf einem der vielen bewachten Fahrradparkplätze, die es überall in der Stadt gibt.

Zu Fuß begebe ich mich in das Gewirr der kleinen gewundenen Gassen. In einer steht Andenkenladen an Andenkenladen. So kann nur der Weg zu einer bedeutenden Sehenswürdigkeit aussehen! Und tatsächlich stehe ich nach ein paar Schritten vor dem Eingang der Moschee. Eigentlich sieht die gesamte Anlage, die wieder aus mehreren Hallen und Pavillons besteht, eher wie ein chinesischer Tempel aus. Nur ein paar arabische Buchstaben unter den geschwungenen Dächern und an den Türstürzen weisen auf ihre Bedeutung als Moschee hin. Chinesische Touristen interessieren sich nicht für eine Moschee. Auch die westlichen Reisegruppen scheinen heute nicht hierher zu kommen. Ich bin fast alleine in den Gärten, welche die Hallen umgeben. Spatzen lärmen in den Büschen. Blühende Blumen und Büsche überall. Es ist ruhig und friedlich. Ich setze mich auf eine Bank und geniesse die Stille. Aber schon nach kurzer Zeit bringt mich eine innere Unruhe wieder in Bewegung. Es gibt noch so viel zu sehen!

Ich schlendere langsam zurück zum Fahrrad. Das Leben in den Strassen scheint vor 50 Jahren stehen geblieben zu sein. Im Sonnenschein spielen zwei Männer Schach an einer Strassenecke. Ein Schuhmacher sitzt auf einem niedrigen Bambushocker vor seinem Geschäft. Wegen der Enge können Autos hier nicht fahren. Nur von Ferne hört man den Lärm der großen Kreuzung am Glockenturm. In einem Laden kann ich nicht mehr widerstehen: ich kaufe mir eine von diesen herrlich lauten chinesischen Fahrradklingeln.

Dann fahre ich zum Freundschaftsladen. In diesen Geschäften, die es in jeder grösseren chinesischen Stadt gibt, kann man gegen Devisen Andenken, Seide und Teppiche kaufen. Es zeugt von meiner Unsicherheit, dass ich in einem solchen Geschäft meine ersten Essstäbchen kaufe und nicht in einem chinesischen Laden. Meine Vorräte an Schokolade und Keksen kann ich hier auch aufstocken für den Fall, dass ich heute Abend wieder nichts zum Essen bekomme. Vor dem Laden werde ich angesprochen, ob ich die Ausländerwährung FEC in Renminbi, das chinesische Volksgeld, tauschen möchte. Da ich bei solchen Geschäften noch unsicher bin und auch den üblichen Kurs nicht kenne, lasse ich es vorerst sein.

Mein Fahrrad stelle ich wieder auf einem Parkplatz ein. Dann suche ich mir ein Restaurant fürs Mittagessen. In China sind die Restaurants häufig zur Strasse hin offen. Deshalb gehe ich auch in eines, in dem ich schon von weitem sehe, dass dort zwei Europäerinnen sitzen. Das Restaurant ist eine große Halle mit dem Ambiente der Bundesbahnkantine in Hannover. Ich setze mich zu den beiden Frauen, zwei Französinnen. Es gibt tatsächlich eine Kellnerin, die Englisch spricht! Heisshungrig bestelle ich bei ihr drei verschiedene Gerichte und Suppe. Letztere ist dann wie alle Suppen, die ich in China noch zu Gesicht bekommen werde, heisses Wasser mit Grünzeug, schmeckt nur nach Pfeffer und Wiese! Aber der Rest ist gut. Ausserdem habe ich endlich genug Zeit, mit meinen Stäbchen, den neuen!, alles aufzuessen. Die beiden Französinnen sind ganz nett. Leider sprechen sie nur sehr wenig Englisch und mein Französisch ist auch nicht das Beste. Ich frage mich, wie sie in China zurecht kommen. Die wenigsten Chinesen scheinen Englisch zu sprechen, und wahrscheinlich noch weniger Französisch.

Nach dem Essen gehe ich ins Reisebüro und hole meine Fahrkarte ab. Ich bin erleichtert, als ich sie so problemlos bekomme. Leider ist sie schon für morgen Abend. Da bleibt mir nicht mehr viel Zeit für meine Besichtigungen.

Mit dem schönen schwarzen Fahrrad geht es weiter zum Provinzmuseum (Stelenwald-Museum) im Süden der Stadt. Das Museum ist in einem ehemaligen Konfuzius-Tempel direkt an der Stadtmauer untergebracht. Vor dem Eingang gibt es natürlich wieder den obligatorischen Fahrradparkplatz. Wie praktisch! Als ich meinen geringen Parkobolus entrichte, fällt mir ein 25 Cent-Stück aus Hongkong aus der Tasche. Die alte Frau, die den Parkplatz bewacht, findet das Geldstück so toll, dass ich es ihr schenke.

Jetzt am frühen Nachmittag sind auch die vielen Gruppenreisenden unterwegs, dabei besonders viele chinesische Gruppen. Ihnen macht es Spass, sich immer und überall zum Gruppenfoto aufzustellen. Wer keinen eigenen Fotoapparat hat, lässt sich von einem der professionellen Fotografen aufnehmen, die es überall gibt.

Das Provinzmuseum (Stelenwald-Museum) von Xian ist berühmt für seine umfangreiche Stelensammlung, den sogenannten Stelenwald. Auf den Stelen sind die unterschiedlichsten literarischen oder politischen Themen niedergeschrieben. So war es im alten China üblich, politische Verlautbarungen von solchen Steinen per Steinabreibung auf Papier zu verbreiten. Auch heute noch sind solche Steinabreibungen ein beliebtes Souvenir.

Die meisten Stelen finde ich leider eher langweilig, da ich sowieso nicht lesen kann, was dort steht. Es gibt auch keine englische Erklärung. Auf manchen sind aber wunderschöne Reliefs eingeschnitten, die mir sehr gut gefallen. In meinem Reiseführer hatte ich gelesen, dass es eine sehr alte Stele geben soll, die über die Ankunft der ersten Christen, einer Gruppe Nestorianer, im 7. Jahrhundert in China berichtet. Sie soll an einem eingeritzten Kreuz und syrischen Schriftzeichen zu erkennen sein. Vergeblich laufe ich zwischen den eng zusammen stehenden Steinen hin und her, um diese eine zu finden. Mein Ehrgeiz, die Stele zu sehen, wird immer grösser. Zuletzt frage ich eine chinesische Reiseleiterin, die eine deutsche Gruppe betreut. Sie zeigt auf eine Stele, an der ich schon ein paar Mal vorbeigelaufen bin, ohne das schwach eingeritzte Kreuz zu bemerken. Aber jetzt kann ich es gut erkennen. Die weiteren Hallen sind mit schwach beleuchteten Vitrinen ausgestattet. Kostbare Lack- und Bronzearbeiten sind kaum unter der dicken Staubschicht zu erkennen.

Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und radele durch die staubigen Strassen in Richtung Hotel. Es gibt wenig Autos auf den Strassen, dafür aber um so mehr Fahrräder. Die Fahrer halten sich nur da, wo es ihnen passt, an die Verkehrsregeln. Außerdem muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell fahre, denn die Chinesen ziehen ein eher gemütliches Tempo vor. Hin und wieder kommt mir auch schon mal ein Fahrrad auf meiner Seite entgegen. Das ist dann auch mein Problem an einer lebhaften Kreuzung. Ich achte mehr auf ein Lastenfahrrad, das mir direkt entgegenkommt, als mir einer von rechts ins Fahrrad fährt. Ich trete auf die von zuhause her gewohnte Rücktrittsbremse, die aber an diesem Fahrrad leider nicht vorhanden ist. Und schon ist mir auch das entgegenkommende Lastenfahrrad vorne reingefahren, oder ich ihm. Schock, was passiert jetzt? Auch die Chinesen gucken ganz erschrocken. Aber dann lachen sie. Es ist nichts passiert, dank des Schneckentempos. Erleichtert fahre ich weiter.

Im Hotel bin ich natürlich wieder zu spät fürs Essen. Es wird Zeit, dass ich mich an die frühen chinesischen Essenszeiten gewöhne! Aber ich habe glücklicherweise vorgesorgt: Es gibt Kekse und Nescafé zum Abendbrot.

Links:
Stelenwald-Museum
Shaanxi Provinzmuseum 

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