Chengdu 1987 (1): Smog, Pandas und ein abenteuerlicher Plan

Chengdu, damals, 1987: Wenn ich heute mein Tagebuch von damals lese, dann merke ich, wie viel sich verändert hat! Als ich 2013 Chengdu besuchte, war die Altstadt fast vollständig verschwunden. Die Großen Pandas leben zusammen mit anderen Tieren in einer gepflegten großen Aufzuchtstation. Viel Bambus, weite Gehege, Ausstellungen zur Aufklärung über die Tiere. Der People’s Park im Zentrum von Chengdu ist ein trubeliger Park mit vielen Unterhaltungsmöglichkeiten. Und: Heute gibt es Sehenswürdigkeiten zu bestaunen, von denen wir damals keine Ahnung hatten: Die großartigen Masken von Sanxingdui. Oder Jinsha, das damals noch gar nicht entdeckt war! Chengdu ist wirklich einen ausführlichen Besuch wert!

Chengdu 2013

Chengdu 2013

27.10.87

Für heute haben wir uns vorgenommen, den Zoo von Chengdu zu besuchen. Der liegt am Rande der Stadt. Es heißt, man soll möglichst früh hingehen, weil dann die Pandas, die den Zoo so sehenswert machen, noch nicht vom Frühstück müde sind und nur noch träge in der Ecke liegen. Vier Leute morgens zum frühzeitigen Aufstehen zu bewegen, ist allerdings sehr schwierig. Vor allem, da das Wetter draussen wenig einladend aussieht. Eine bleierne gelbe Dunstwolke liegt über der Stadt. Die Luft ist schwül. Es ist, als ob man in einer lauwarmen Suppe schwimmt.

Schließlich brechen wir doch auf. Wir müssen mit einem Bus bis zu seiner Endstation fahren und dort in einen anderen umsteigen, um zum Zoo zu kommen. Auf der gesamten Strecke herrscht dichter Verkehr. Endlose Lkw-Kolonnen stehen im Stau. Stop and go. Quälend langsam geht es voran. Die Fahrt scheint kein Ende zu nehmen. Wir haben Stehplätze und müssen uns mühsam festhalten bei der vielen Schaukelei. Dazu die dicken Abgase! Irgendwer gibt uns Bescheid, als wir am Zoo ankommen.

Erleichtert aufatmend stehen wir vor dem pompösen Eingang. Das Panda-Gehege ist nicht weit dahinter. Es gibt ein großes Aussengehege, in dem sich zwei Pandas träge bewegen. Alles sieht ein wenig schmuddelig und ungepflegt aus. Die Smogwolke hängt so tief, dass es dämmrig ist am hellen Tag! Für Fotos ist es zu dunkel. Ich wende mich von den Pandas ab. Menschen sind mir doch interessanter. Gleich nebenan stellt ein Junge auf einer Marmorplatte Figuren und Drachen aus flüssigem Zucker her, der auf der kalten Platte sofort hart wird. Kleine Kinder stehen mit großen Augen dabei und freuen sich, wenn ihnen der Papa so etwas als Lutscher kauft. Es sind zarte zauberhafte Gebilde, die viel zu schade zum Aufessen sind. Strahlend nimmt ein kleines Mädchen mit großen roten Schleifen im Haar einen bunten Phönix in Empfang. Am liebsten möchte ich mir so etwas als Souvenir mitnehmen, aber leider sind die kleinen Kunstwerke viel zu zerbrechlich. Sehnsüchtig schaue ich der Kleinen nach.2013-05 Chengdu 0828

Wir gehen weiter zu engen Käfigen mit Bären und seltenen Affen. Das Wetter und die vernachlässigten Tiere deprimieren mich. Hinter der Zoomauer sehe ich die geschwungenen Dächer eines Tempels. Anita und ich beschließen, den Tempel zu suchen, während Lars und Christine lieber weiter Tiere anschauen wollen.

Doch Anita und ich suchen vergeblich. Wir geraten in eine Ansammlung von Lehmhütten, von der kein Weg mehr weiterführt. Kleine, schmutzige Kinder schauen uns neugierig an. Ich fühle mich unwohl bei diesen Blicken. Ich bin mir meiner Andersartigkeit sehr bewusst. Die große, merkwürdig aussehende und selbstverständlich reiche Westlerin, die in die Dörfer geht und die Menschen dort wie im Zoo bestaunt! Wir kehren um, finden keinen Weg zum Tempel, den wir nun auch meistens gar nicht mehr sehen können.

So sind wir vor der verabredeten Zeit wieder am Zooeingang. Jetzt zur Mittagszeit machen gerade die Garküchen auf. Auf kleinen Kohleöfen stehen große Töpfe, in denen Suppe brodelt. Um niedrige Tische im Freien stehen kleine Hocker, die aussehen wie Fussbänkchen. Wir setzen uns an einen Tisch und bestellen Jiaozi. Das sind gefüllte Teigtaschen ähnlich wie Ravioli, die in einem Napf mit Suppe serviert werden. Dazu steht eine scharfe Chilisauce in einer kleinen Schüssel auf dem Tisch. Man nimmt sich mit einem Löffel von der Sauce, tut sie in ein flaches Schälchen und tunkt dann die Jiaozi mit den Stäbchen hinein, um sie anschließend zu verspeisen. So sieht die Theorie aus, die die Chinesen natürlich perfekt beherrschen. Mir dagegen gleiten die Jiaozi wieder und wieder von den Stäbchen und fallen in die Sauce oder sogar auf den Boden. Die meisten kann ich aber gerade noch mit dem Mund einfangen. Sie schmecken nicht schlecht. Die Füllung besteht aus einer aromatischen Mischung aus Schweinefleisch und Kohl. Gesättigt stehen wir auf. Ich strecke meine vom fast auf dem Boden Hocken steifen Glieder.

Mit Lars und Christine fahren wir in die Stadt zurück, wo jeder seinen eigenen Besichtigungsplänen nachgeht. Mich haben sie beauftragt, mich um Karten für eine Pekingoper zu kümmern. Dass es sich hier in Chengdu sicher nicht um eine Pekingoper sondern allenfalls um eine Sichuan-Oper handeln kann, spielt für uns keine Rolle. Den Unterschied würden wir sowieso nicht erkennen. Deshalb werde ich auch weiter von Pekingoper schreiben.

Pekingoper 1987

Pekingoper 1987

Ich miete mir ein Fahrrad, um zum Theater zu fahren. Weil ich mich dort besser orientieren kann, halte ich mich lieber an die großen Strassen. Natürlich verfahre ich mich auf diese Weise. Das Theater liegt nämlich in einer kleinen Strasse mitten in der Altstadt. Es ist ein altes Gebäude, das über die rundum liegenden Häuser hinausragt. Vor dem Eingang gibt es verschiedene Schaukästen mit Plakaten von Filmen und einer Pekingoper. Nur chinesische Schriftzeichen. Nicht einmal die Daten sind lesbar. Ich stehe lange davor und überlege, ob heute Abend der angekündigte Film oder die Oper gezeigt wird. Ein Junge, dem ich ein wenig Englisch zutraue, winkt ab, als ich ihn frage. Er versteht mich nicht. Dann suche ich in meinem chinesischen Sprachführer das Zeichen für „Oper“, halte den Daumen drauf und schiebe es durch die winzige Öffnung an der Theaterkasse, schiebe meinen Kopf fast hinterher, damit ich die Frau dahinter sehen kann. Sie nickt. Ich kaufe die Karten, die nur Pfennige kosten.

Auf den breiten Strassen macht das Fahrradfahren richtig Spaß. Ich fahre mehr oder weniger ziellos vor mich hin, als mir ein junger Mann hinterher pfeift. Ich schaue mich erstaunt um und falle dabei fast vom Fahrrad. Der Junge grinst mich an mit der Arroganz aller jungen Männer, die auf der Strasse einem Mädchen hinterher pfeifen. Auch von anderen Frauen wird mir hinterher bestätigt, dass so etwas in China ganz und gar nicht üblich ist.

Am Renminpark, dem Volkspark, stelle ich mein Fahrrad ab. Ich möchte mir diesen chinesischen Stadtpark ansehen. Auch hier sind die kleinen Zuckerkünstler am Werk. Andere bieten winzige rote Äpfel am Spiess an, überzogen mit Zuckerglasur. An der nächsten Ecke werden mit Kräutern gefüllte heisse Kuchen verkauft. Ich probiere von allem. Allein die Zuckerkunstwerke lasse ich aus. Leider ist es, obwohl es erst früher Nachmittag ist, immer noch zu dunkel zum Fotografieren.

Beim Jazz-Dance im People's Park. Chengdu

Beim Jazz-Dance im People’s Park. Chengdu 2013

Auf einem Teich im Park schwimmen alte Ruderboote, vollbesetzt mit jungen Chinesen, die viel Spaß am Rudern haben. An einer anderen Stelle gibt es einen großen Kinderspielplatz mit 4 oder 5 Rutschen, Schaukeln und Karussells. Dazwischen sind Gärten angelegt mit wunderschönen Geranien, die ein wenig Farbe in den trüben Nachmittag bringen. Im Schatten alter Kiefern sind Tische und Hocker aus Beton aufgestellt und laden zum Picknick ein. Natürlich gibt es auch ein Teehaus, wo man auf wackligen Bambusstühlen seinen Tee geniessen kann. An einer Theke holt man sich seine Teetasse mit grünem Tee. Kellner gehen von Tisch zu Tisch und schenken heißes Wasser nach so oft man will. In einer Ecke sitzt ein alter Mann und spielt auf seiner Erhu, einem alten chinesischen Streichinstrument. Ich sitze lange hier und genieße diese so typische chinesische Atmosphäre.

Zurück im Jinjiang-Hotel treffe ich Anita und die Schweden wieder. Lars und Christine haben Freunde getroffen und wollen nicht mit uns in die Oper. Dann gehen wir eben alleine. Da wir noch Zeit haben, gehen wir zu Fuss.

Unterwegs macht Anita den Vorschlag, zusammen nach Jiuzhaigou zu fahren. Ich habe noch nie davon gehört. Anita wollte eigentlich nach Tibet, doch Tibet ist mal wieder für westliche Touristen geschlossen. In Jiuzhaigou soll es auch tibetische Dörfer geben. Ihrem Reiseführer können wir außerdem entnehmen, dass sich das Naturschutzgebiet im Gebirge ca. 450 Km nordwestlich von Chengdu befindet und dass es dort noch einige Pandabären geben soll. In meinem steht dagegen etwas von 800 Km nördlich. Auf unseren Karten können wir die Bezeichnung „Jiuzhaigou“ nicht finden. Anita meint, dass wir mit diesem Naturschutzgebiet auf jeden Fall ein Gebiet besuchen, das noch nicht viele Westler gesehen haben. Das finde ich nicht unbedingt beruhigend. Mich reizt der Ausflug schon, aber meine Zeit ist begrenzt. Die Fahrt dorthin würde sicher alleine zwei Tage dauern. Und wer weiß, ob man da überhaupt hin darf als Westler! Ich bitte mir Bedenkzeit aus. Ich müsste meine Reisepläne ändern und Punkte wie den Besuch des Emei-Shan, einem Berg mit vielen interessanten Tempeln nicht weit von Chengdu, streichen. Doch der Gedanke an hohe Berge, Natur, frische Luft und einsame Tibeterdörfer lässt mich nicht mehr los. Und es wäre wundervoll, mit Anita noch ein wenig weiter zu reisen!

Hin- und herdiskutierend gehen wir durch das abendliche Chengdu. Läden und Restaurants sind hell erleuchtet. Aus einem Geschäft tönt der neueste Schlager von der deutschen Gruppe „Modern Talking“. Die haben erst vor ein paar Monaten eine Tournee durch China gemacht und mit ihren eingängigen simplen Melodien sehr viel Erfolg gehabt. Zur Zeit hört man sie überall.

Beim Theater angekommen, führt uns eine freundliche Platzanweiserin zu unseren Plätzen. Wir sind die einzigen Westler im dreiviertel vollen Zuschauerraum. Die Oper hat schon angefangen. Wir sitzen auf harten Stühlen in einer hohen Halle mit roten Säulen am Rande. Auf der Bühne spielt sich das übliche Drama ab: ein junger Mann (Gelehrter?) und eine Prinzessin lieben sich, dürfen aber nicht und finden sich doch nach langem Hin und Her. Die chinesische Musik ist für unsere untrainierten Ohren gerade noch erträglich. Rechts und links von der Bühne wird der gesungene Text auf Chinesisch mit Dias an die Wand geworfen. So wissen wenigstens die Chinesen, um was es geht. Anita und ich raten mehr als dass wir verstehen. Die Kostüme sind sehr schön mit ihren kräftigen Farben. Immer wieder gibt es akrobatische Einlagen, besonders bei der Darstellung von Kämpfen. Auch die Tänze faszinieren mich.

Wie leicht könnte ich mich in diese zauberhafte Märchenwelt hinein versenken, wenn da nicht die Zuschauer wären! Die chinesischen Zuschauer husten und spucken. Ist ja auch eigentlich kein Wunder, dass die meisten bei dem Smog eine chronische Bronchitis haben! Aber gerade hinter uns sitzt einer, der es ganz schlimm treibt. Er hustet und spuckt, und es hört sich an, als ob er gleich seine Lunge auf unsere Stühle spuckt. Dazu gibt es noch Leute, die schmatzend irgendwelche Häppchen zu sich nehmen. Ich werde immer ärgerlicher, kann mich gar nicht mehr auf die Oper konzentrieren und höre nur noch den Mann hinter mir husten. Zum Schluss kann ich mich kaum noch beherrschen und muss mich sehr zusammenreissen, um nicht zu explodieren und den Mann eigenhändig rauszuschmeissen. Doch für so ein Verhalten hätte sicher keiner Verständnis, ich auch nicht. Trotz allem bin ich, als wir in die milde Abendluft hinaustreten, davon überzeugt, dass dieser Opernabend ein wunderbares und einmaliges Erlebnis war.

Nachher – es ist mittlerweile 22:30 Uhr – bummeln wir noch durch die jetzt menschenleere Altstadt. Ein paar Restaurants sind noch geöffnet. Wir betreten eines und können den Wirt überreden, dass er damit einverstanden ist, dass wir nichts essen sondern nur ein Bier trinken. Anita und ich reden wieder über Jiuzhaigou. Ich habe das Gefühl, mich auf ein großes Abenteuer einzulassen, als ich mich endlich dazu durchringe mitzufahren.

Fröhlich und lachend gehen wir, nachdem nun eine Entscheidung getroffen ist, zu unserem Hotel zurück. Die Stadt ist um diese Zeit vollkommen ruhig. Von den Menschenmassen, die sich tagsüber durch die Strassen wälzen, keine Spur. Die Strassen sind nur spärlich von Laternen beleuchtet. Die Fenster in den Häusern sind dunkel. Unsere Schritte hallen von den Hauswänden zurück. Es ist ein wenig unheimlich, durch diese leere und so verändert wirkende Stadt zu gehen.

Um Mitternacht stehen wir endlich vor dem verschlossenen Tor zum Hotel. Wir schauen uns um, ob es noch einen anderen Eingang gibt – nichts. Das Hotel ist von einer mehr als zwei Meter hohen, unüberwindlichen Mauer umgeben. Wir müssen peinlicherweise an das Tor hämmern. Beinahe sind wir schon soweit, auf der Strasse zu schlafen oder weiter spazieren zu gehen, als wir endlich die schlurfenden Schritte des Pförtners hören. Wir haben ihn offensichtlich aus tiefstem Schlaf geweckt. Mürrisch schliesst uns der nur mit Hose und Unterhemd bekleidete alte Mann das Tor auf. Völlig fertig können wir endlich in unsere Betten fallen. Lars und Christine schlafen schon lange und lassen sich von uns nicht stören.

28.10.87

Nach unseren späten Abenteuern schlafen wir heute aus. Wer weiß, was die Hotelangestellten jetzt von uns denken! Erstes und wichtigstes dann ist der Besuch des Public Security Office (PSO), um festzustellen, ob wir ein Travel Permit, eine Reiseerlaubnis, für Jiuzhaigou benötigen. Das PSO ist ein kleines Büro in der Altstadt, wo wir mit Fahrrädern hinfahren.

Im PSO bewundern wir gerade lautstark das schöne rote Plüschsofa, als wir von einer jungen Chinesin in perfektem Deutsch angesprochen werden. Erst sind wir erschrocken und überlegen, ob wir gerade möglicherweise über die chinesische Polizei oder sonst etwas gelästert haben. Aber wir sind auch froh darüber, dass wir ohne Verständigungsprobleme unsere Fragen stellen können. Das Mädchen antwortet geduldig und freundlich. Sie ist froh, dass sie jemand gefunden hat, mit dem sie Deutsch sprechen kann. Für Jiuzhaigou brauchen wir kein Permit. Tibet aber ist immer noch für Touristen gesperrt. Sie beschreibt uns ausführlich den Weg zum Westlichen Busbahnhof und schreibt uns in Chinesisch auf einen Zettel, dass wir zwei Bustickets nach Jiuzhaigou haben wollen, damit wir den am Fahrkartenschalter vorzeigen können. Wir sind ganz begeistert, dass alles so gut läuft, bedanken uns herzlich bei der Frau und fahren los.

Im Wenshu-Tempel Chengdu 1987

Im Wenshu-Tempel

Doch vorher möchten wir zum Wenshu-Tempel, einem buddhistischen Kloster, das gleich in der Nähe des PSO liegt. Die Strasse ist voller Buden, an denen Räucherstäbchen, Kerzen und papierenes Glücksgeld, das man im Tempel opfern kann, verkauft werden. Der nicht renovierte Tempel wirkt durch seine dunklen Farben und wegen der wenigen Besucher ruhig und friedlich. Aus den Bronzebecken steigt der Duft der Kerzen und Räucherstäbchen. Jedes Mal, wenn ein Besucher etwas Geld spendet, schlägt ein Mönch mit dumpfen Klang eine Trommel. Überall stehen Bänke, auf denen sich alte Frauen ausruhen. In den weiten, dunklen Hallen liegen bunte Patchwork-Kissen, auf denen sich Gläubige und Mönche beim Meditieren knien können.

Pünktlich zur Mittagszeit knurrt uns der Magen. Wir hatten noch kein Frühstück heute. In der Nähe des Wenshu-Tempels finden wir ein kleines privates Restaurant. Wie immer gibt es erhebliche Verständigungsprobleme mit den Wirtsleuten. Wir zeigen einfach mit den Fingern auf die Speisen, die wir gerne essen möchten. Die Spezialität des Hauses ist eine dunkle Masse, die in kleinen flachen Bambuskörben gedämpft und warm gehalten wird. Neugierig auf alles Neue bestellen wir ein solches Körbchen, dazu kommen Blumenkohl und Hühnchen. Die Masse ist weich, schmeckt nach einem mir unbekannten Gewürz und ist ansonsten undefinierbar. Wir zeigen der Wirtin unseren Sprachführer, in dem einige Gerichte und Tiere mit Chinesischen Schriftzeichen aufgeführt sind. Sie zeigt einmal auf „Hering“ und danach auf „Kalb“. Sehr merkwürdig. Ich finde, dass es entfernt an Leberpastete erinnert. Aber ich mag es nicht aufessen. Der Blumenkohl ist lecker. Das Hühnchen enthält viele Knochen, und Anita meint, dass es auch Kaninchen sein könnte. Eine ältere Frau drängt uns, von dem sauer eingelegten Weißkohl zu probieren. Der schmeckt sehr lecker. Aber abgesehen davon, war das Essen kein großer Erfolg.

Quer durch die Stadt fahren wir nun erwartungsvoll zum Busbahnhof, um unsere Tickets zu kaufen. Zwischen modernen Hochhäusern, Marke DDR-Plattenbau, finden wir die Busstation. Wir reichen unseren Zettel durch das winzige Schalterfenster. Das Gesicht der Frau dahinter können wir nur erkennen, wenn wir uns total verrenken und den Kopf fast durch das Fensterchen stecken. Schnell und ohne Probleme bekommen wir unsere Fahrscheine. Schwierig wird es erst, als wir wissen wollen, wann der Bus morgen fährt. Auch das Aufzeichnen einer Uhr hilft nichts. Schließlich einigen wir uns auf 13:00 Uhr, aber auch 7:00 Uhr scheint nicht verkehrt zu sein. Naja…

Der Unfall: Wir sind absolut euphorisch und können es kaum fassen, dass wir so leicht an die gewünschten Tickets gekommen sind. Doch bereits an der nächsten Ecke hat uns die Wirklichkeit wieder eingeholt. Wir werden Zeuge, wie ein Motorradfahrer mit einem auf die Strasse einbiegenden Bus kollidiert. Wie in Zeitlupe sehe ich entsetzt, wie der Fahrer aufprallt, sich überschlägt und mit dem Motorrad zu Boden fällt. Er muss schwer verletzt sein, aber er versucht, gleich wieder aufzustehen.

Anita drückt mir ihr Fahrrad in die Hand und läuft hinüber, um erste Hilfe zu leisten. Im Nu sind sie und der Verletzte von einer großen Menge Menschen umgeben. Ich stehe am Rande mit den beiden Fahrräder und frage mich, ob irgend jemand einen Krankenwagen gerufen hat. Anita taucht nicht wieder auf. Als sie nach einer Weile immer noch nicht zurück kommt, schließe ich die Fahrräder ab und versuche, durch die Menschenmenge durchzudringen, um sehen, ob ich ihr helfen kann. Aber die Chinesen lassen mich nicht durch. Sie kämpfen mit den Ellbogen um den Platz mit der besten Aussicht auf den blutenden Verletzten. Ich erhasche nur einen kurzen Blick auf eine Blutlache. Von Anita ist nichts zu sehen. Ich spreche den nächsten an, ob man nicht einen Krankenwagen rufen kann. Irgend jemand muss doch ein wenig Englisch verstehen! Verzweifelt stehe ich da, und weiß nicht, was ich tun soll. Ich schimpfe auf Deutsch auf die drängelnden Chinesen und weiß doch ganz genau, dass es in Deutschland auch nicht viel anders wäre. Nur könnte ich dort selbst zum nächsten Telefon laufen.

Da spricht mich ein junger Mann an:“ Say Thank You to your friend for helping. What is her name?“ Ich frage ihn nach einer Ambulance. Er antwortet: „O.K.! What is her name?“ „Anita.“ „ Say Thank You to Anita.“ Mit diesen Worten ist er verschwunden und ich stehe völlig verblüfft da. Merkwürdig!

Endlich kommt ein Polizeijeep. Die Polizisten müssen handgreiflich werden und ihre Knüppel einsetzen, um sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Dann kommt Anita aus dem Gewühl. Sie wirkt ganz ruhig, als sie sagt, dass der junge Mann schwer verletzt ist. Er wird nicht sehr vorsichtig in den Jeep verladen und abtransportiert. Wer weiß, ob er die Fahrt im Jeep überlebt hat! Anita und ich machen uns erst jetzt Sorgen um die Probleme, die wir gehabt hätten, wenn der Mann in Anitas Beisein gestorben wäre. Wir können froh sein, dass die Polizisten uns nicht besonders zur Kenntnis genommen haben. Da taucht der Chinese von vorhin wieder auf. Er bedankt sich noch einmal ausdrücklich bei Anita und meint, dass sich normalerweise kein Chinese um den Verletzten gekümmert hätte.

Dies Ereignis hat uns nachdenklich gestimmt. Trotzdem fahren wir wie geplant weiter zur „Dufu-Strohhütte“, unserem nächsten Besichtigungspunkt. Unterwegs schauen wir besorgt zum Himmel. Es wird immer dunkler, eine dicke gelbe Regenwolke scheint über der Stadt zu hängen. Die Luft ist zum Schneiden. An einer Stelle fahre ich beinahe in ein offenes Kanalloch mitten in der Strasse. Der Deckel fehlt! Hier möchte ich nicht nachts entlang fahren!

Bei der Dufu-Hütte sind wir schon fast aus Chengdu heraus und finden uns in ländlicher Umgebung. Die Hütte markiert den Platz, an dem der berühmte chinesische Dichter Dufu (712 – 770 n. Chr.) während seiner Zeit in Chengdu gewohnt hat. Die Strohhütte selbst wurde erst im 10. Jh. errichtet und seitdem natürlich mehrfach erneuert. Heute befindet sich die Hütte in einem großen Park mit mehreren Ausstellungsgebäuden, idyllischen Gärten, Teichen mit Seerosen und hellen Bambuswäldern. Natürlich gehört auch ein Teehaus dazu, in dem wir uns von den Aufregungen des Tages erholen. Ich versuche, bei einer Tasse Tee Tagebuch und ein paar Postkarten zu schreiben. Zwischendurch sprechen wir immer wieder von dem Unfall. Mir ist die Lust zu weiteren Besichtigungen vergangen. Nur in eine der Ausstellungen schaue ich hinein. Viele Motive, die wir auf den Rollbildern der Straßenhändler beim Jinjiang-Hotel gesehen haben, finden wir hier in Vollendung wieder. Bald fahren wir müde und deprimiert zum Hotel zurück.

Beim CITS frage ich, ob sie uns anhand der Tickets sagen können, wann unser Bus morgen früh fährt. Man kann: 7:00 Uhr! Da wir noch packen und zum Busbahnhof müssen, heißt das, dass wir spätestens um 5:00 Uhr aufstehen müssen!

Mehr zu meiner China-Reise 1987: hier

Weiter geht es mit dem Abenteuer Jiuzhaigou: Schlechte Straßen und tiefe Schluchten und Alles wird gut!

4 Kommentare

  • Ich nehme mir immer wieder vor Tagebuch zu schreiben. Doch immer wieder stellt sich heraus, dass es bei mit an der Zeit mangelt. Doch auf solange Zeit bewusst zurück blicken zu können, dass ist schon eine tolle Sache….Vielleicht schaffe ich das auch noch….

    • Ulrike

      Tagebuch schreiben kann ich nur empfehlen. Ich hab es ganz früher auch eher halbherzig getan. Aber dann hab ich gemerkt, dass ich kaum noch wusste, was ich mir genau angesehen hatte. Manches auf meinen Fotos nicht wieder erkannte usw.
      So mache ich mir auf Reisen immer Notizen. Das richtige Tagebuch, so wie es jetzt von China und meiner Großen Asienreise vorliegt, habe ich erst nach der Reise geschrieben.
      Du schaffst das auch!
      LG
      Ulrike

  • Hallo Ulrike,
    da sieht man mal wieder, dass Tagebuchschreiben sich immer lohnt!
    Ich mag deinen Text total gerne. Und er ist völlig zeitlos! Soooo schön.
    Jetzt würde ich gerne sofort nach China.
    Liebe Grüße, Anne

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