Sturm!

Turfan Kucha und Sturm – Reisebericht

Unser kurzer Aufenthalt in Turfan geht zu Ende. Auch wenn wir nur 2 Tage hier waren, haben wir doch enorm viel gesehen: Wüstenstädte, heilige Stätten des Buddhismus und des Islam, Markt und Menschen.

Wir verbringen also die Fahrt zum Bahnhof von Turfan mit Geschichten über unsere Erlebnisse. Was wird noch alles auf uns zukommen? Die nächste Station Kucha verspricht weitere beeindruckende Sehenswürdigkeiten. Doch vorher muss noch eine Nachtfahrt mit dem Zug überstanden werden. Manch einer stöhnt schon, denn es ist die zweite Nacht im Schlafwagen.

Der Wartesaal am Bahnhof von Turfan

Im Wartesaal in Turfan

Turfan - Blick auf den Bahnsteig

Blick auf den Bahnsteig

In der einfachen Wartehalle schauen wir unruhig auf den Bahnsteig. Draußen weht ein starker Wind. Gerüchte tauchen auf: Der Sturm habe vor ein paar Tagen einen ganzen Zug in eine Schlucht gefegt. Es gab Tote und Verletzte. Wie mag es uns ergehen?

Nach einer kurzen Wartezeit rollt unser Zug mit kreischenden Rädern ein. Wir können unseren Wagen entern und verteilen uns auf die Abteile. Wang, unser chinesischer Reiseleiter verteilt uns auf die einzelnen Betten. Die schönen, sauberen Schlafwagenabteile sind bequem aber nicht groß. Manch einer der Teilnehmer hat riesige Koffer mit. Die passen nirgendwohin, weder unters Bett noch in die Gepäckablage über der Tür. Erneutes Maulen. Doch einer der Teilnehmer hat vorsorglich eine Flasche Schnaps mitgenommen. Aus den im Abteil vorhandenen Teetassen wird nun Schnaps getrunken. Das hebt die Stimmung sehr.

Im Zug gibt es immer heißes Wasser

Im Zug gibt es immer heißes Wasser

Doch: Hätte der Zug nicht langsam abfahren müssen? Wang beruhigt uns: Durch den Sturm hat der Zug Verspätung. Mir erzählt er, dass das wirklich stimmt, dass es ein Zugunglück gegeben habe. Nun sei die Strecke vorübergehend gesperrt, bis man die Trümmer weggeräumt hat. Gesperrt? Oh, wird es denn bald los gehen können? Niemand kann etwas Genaues sagen. Ich mache mir Sorgen.

Schließlich kehrt Ruhe ein, Ich lege mich hin und versuche zu schlafen. Manchmal rüttelt es den Zug, ein endloser Güterzug fährt vorbei. Aha! Ist die Strecke wieder offen? Ich schlafe ein. Es wird eine unruhige Nacht. Immer wieder wache ich auf, lausche auf die Geräusche. Fährt unser Zug? Oder ist das doch wieder nur ein vorbei fahrender Zug?

Wir sind schon früh alle wach. Mit Enttäuschung entdecken wir, dass wir nicht einen Zentimeter gefahren sind. Frust, Müdigkeit, Ratlosigkeit – die Stimmung an diesem Morgen. Kaum einer von uns fühlt sich wirklich ausgeschlafen. Ob ein Schlückchen Schnaps am frühen Morgen eine gute Idee ist?

Vierbett-Abeit im Zug Turfan Kucha voller Gepäck

Bei dem vielen und voluminösen Gepäck ist kaum Platz zum Sitzen und Schlafen

Ich ziehe mich mit Wang zum Krisengespräch in den Übergang von einem Wagen zum anderen zurück. Wang hatte zu allem nicht einmal den Komfort der Softsleeper-Betten sondern musste sich mit einem „harten“ Bett im Liegewagen begnügen. Er versucht, von den Schaffnern Informationen zu bekommen, wann es wohl weiter geht. In einer Stunde? In zwei? Oder heute überhaupt noch? Es gibt keine konkrete Antwort. Kann sein, dass der Zug heute noch fährt, muss aber nicht. Die Züge, die die ganze Nacht durchgefahren sind, stammten übrigens nicht von unserer Linie Turfan Kucha sondern befuhren die Ost-West-Strecke von Lanzhou nach Urumqi.

Wir können doch nicht den ganzen Tag im Zug verbringen, ohne die Aussicht darauf, dass es irgendwann weiter geht. Wir haben ja auch einen Reiseplan, den wir einhalten wollen. Ich spiele nun meine Autorität als Vertreterin des Reiseveranstalters aus und sage zu dem zögerlichen Wang, dass er uns einen Bus besorgen solle, der uns dann über die Autobahn nach Kucha bringt. Wang runzelt die Stirn: Wer soll das bezahlen? Hitzige Handy-Telefonate mit der Agentur in Südchina. Ich sage, dass es doch möglich sein sollte, das Geld für die Fahrkarten zurück zu bekommen. Außerdem finde ich es besser, jetzt ein wenig Geld für den Bus auszugeben, als später die Regress-Forderungen der Reiseteilnehmer befriedigen zu müssen.

Irgendwann ist das mit dem Bus geklärt. Er braucht allerdings rund zwei Stunden, um von Turfan aus zum Bahnhof zu kommen. Genug Zeit für ein karges Frühstück aus Keksen und Instant-Kaffee. Glücklicherweise gibt es heißes Wasser und von irgendwoher zaubert Wang einige Tütchen Instant-Kaffee. Alle entscheiden sich nun dafür, das Ganze als Abenteuer zu sehen und die Laune steigt.

Turfan Kucha

Die Luft ist immer noch voller Sand von dem Sturm

Der Bus kommt und die Fahrt Turfan Kucha geht los! Für mich ist das wieder eine Fahrt der Erinnerungen. Denn wir fahren auch durch die Schlucht, die mich 1992 so beeindruckt hatte. (Reisebericht). Damals war die Straße kaum zu erkennen, heute gibt es eine schöne Autobahn. Die Nähe zur Wüste ist überall erkennbar. Die Landschaft ist rau und karg. An den Hängen haben sich Sanddünen gebildet, Sand aus der Taklamakan, den die starken Winde hierher geweht haben.

Unser Wind hat nachgelassen. Ich genieße die Vorteile, die so eine Busfahrt mit sich bringt: Wir machen den einen oder anderen Fotostopp, halten in einem kleinen Ort, wo gerade Markt ist, und kaufen ein wenig für ein Picknick unterwegs ein. Tomaten und kleine erfrischende Gurken, duftendes Fladenbrot! So einfach! So lecker! Ich bin King, denn ich habe ein Salzdöschen mit, das ich gerne weiter gebe.

Irgendwann kommen wir ziemlich erschöpft in Kucha an. Jetzt ist erstmal Abendessen angesagt! Wir halten vor einem Restaurant am Rande von Kucha. Wang schwärmt von dem authentischen uigurischen Essen, das es hier gibt. Oh, da sind alle ganz in freudiger Erwartung! Mich trifft erstmal der Schlag, als ich das Restaurant betrete. Es sieht nicht wirklich sauber aus. Und an jedem Tisch steht ein Spucknapf, der ziemlich eklig wirkt. Wenn ich dies Übelkeit erregend finde, wie wird es den Reiseteilnehmern ergehen? Ich flüstere Wang zu, dass er doch möglichst veranlassen solle, dass die Spucknäpfe weggeräumt werden. So viel Authentizität ist selbst mir zu viel. Wenig später sind die üblen Eimer verschwunden und wir sitzen an einem großen runden Tisch.Restaurant in KuchaLeckeres Essen in Kucha

Es wird aufgetragen, was typisch Uighurisches Essen ist: Schaschlik aus Fleisch von Rind, Lamm und Huhn, Dazu ein frischer Salat und leckeres Fladenbrot. Auch eine Nudelsuppe darf nicht fehlen. Alle sind begeistert von dem Essen. Sogar die, die sonst gerne rumgemäkelt haben. Ich bin erleichtert. So nimmt der anstrengende Tag ein gutes Ende! Das Hotel ist dann zwar nicht spektakulär aber sauber und ordentlich. Wir fallen alle todmüde und erschöpft von der Fahrt Turfan Kucha in die weichen Betten und schlafen ruhig.

Weiter geht’s hier!

11 Kommentare

  • Barbara (Barbaras Spielwiese)

    Das glaube ich, dass das anstrengend ist, wenn man die Verantwortung hat und es nicht weiter geht. Gute Entscheidung mit dem Bus und schön, dass die Reisenden dann auch das ursprüngliche typische Restaurant am Abend zu schätzen wussten.

    Ich finde ja, solche Unwägbarkeiten machen Reisen erst aus. Sonst kann man ja auch zuhause vor dem großen Fernsehgerät reisen; da fällt dann kein Zug aus, es gibt immer genügend Platz für Gepäck, das man nicht braucht, nur das Essen und die Erlebnisse sind nicht die gleichen.

    Bin gespannt auf weitere Abenteuer! 🙂

    • Danke! Ja, selbst so eine organisierte Reise kann mit Abenteuern verbunden sein. Der nächste Teil ist auch schon online. Du erinnerst mich daran, dass ich die Beiträge verlinken sollte.
      Ich wünsche Dir einen schönen Feiertag!
      LG
      Ulrike

  • Oha, ich kann mir gut vorstellen, dass man morgens ziemlich ernüchtert aufwacht wenn man feststellt, dass man sich keinen Zentimeter bewegt hat. Haha und die Spuckeimer, die Asiaten haben einfach einige für uns völlig fremde Gewohnheiten! Sehr schöner Beitrag!

  • Floridiana

    Ach ja, eine Woche vorher war ein gefaehrlicher Sandsturm ueber Dunhuang hinweggefegt. Unser lokaler Fuehrer sagte, dass alle Schueler jedes Jahr Baeume um Dunhuang pflanzten, er damals auch. Sie sollen den Sand bremsen.

    • Es gibt einen Tag des Baumes in China Anfang März. Dann ist es üblich, Bäume zu pflanzen. China bemüht sich schon seit langer Zeit, mit einer sog. Grünen Großen Mauer den Wüsten Einhalt zu gebieten. Ein ehrgeiziger Plan, der nicht überall von Erfolg gekrönt wird.

  • Floridiana

    Das weckt Erinnerungen! Wir fuhren von Urumqi mit dem Bus nach Turpan, eine Uebernachtung im Hotel neben dem Museum. Gegen Abend im Bus zum Bahnhof von Turpan, der circa eine Stunde ausserhalb liegt. Der Fahrer raste ueber das letzte Stueck, eine Sandstrasse. Wir standen eine Minute auf dem Bahnsteig und schon fuhr der Zug ein. Gerade noch geschafft! Ausserhalb von Dunhuang stiegen wir am naechsten Morgen aus. Die Bahnlinie wurde naemlich von Bergwerk zu Bergwerk gebaut, nicht von Stadt zu Stadt. – Wo ist denn Kucha?

  • Was für eine abenteuerliche Reise! Ich habe deinen Post voller Spannung förmlich verschlungen.
    Liebe Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.