02.05. – 04.05.91 Die Buddhas von Dazu

Die Buddhas von Dazu waren 1991 zwar bekannt, aber noch keine Attraktion für viele Touristen. Dazu war ein kleiner Ort mit einer Hauptstraße, einem für Westler geeigneten Hotel und einem großen Markt. Die Hügel der Umgebung sind übersät mit geheimnisvollen Buddha-Höhlen. kleinen Tempeln und kleinen Dörfern. 1991 haben wir die Buddha-Skulpturen des Bei Shan besucht und sind in den Hügeln durch die Felder gewandert. 2005 hatte ich noch einmal die Gelegenheit, Dazu zu sehen. Jetzt gab es auch schon Hochhäuser. Der Ort war beträchtlich gewachsen. 2005 habe ich die Skulpturen des Schatzkammerberges gesehen. Alles sehr beeindruckend und interessant. Man sollte sich ruhig die Zeit nehmen, mehrere Tage lang die Gegend zu erkunden, denn es gibt noch mehr abseits gelegene Tempel und Höhlen.In den Hügeln bei Dazu

Die Buddhas von Dazu verbinden auf einzigartige Weise buddhistische, tantrische und daoistische Elemente. Die meisten stammen aus dem 12. Jahrhundert. Teilweise sind noch farbige Bemalungen erhalten.

Februar 2017: Mit einigem Staunen haben ich wahrgenommen, dass ich diese Etappen rundum den 1. Mai gemacht habe. Ich erinnere mich nicht daran, dass dieser wichtige Feiertag damals zu überfüllten Zügen und Sehenswürdigkeiten führte. So wie es heutzutage meistens ist, weil die Chinesen drei Feiertage haben und diese Feiertage gerne für Ausflüge und Kurzurlaub nutzen.

Lest hier meinen Bericht vom Mai 1991. Ich bitte die schlechte Qualität der Fotos zu entschuldigen. Es handelt sich um Scans meiner Dias von 1991

Aus meinem Reisetagebuch:

Dazu ist ein kleiner Ort im sog. Roten Becken, einer Ebene in Sichuan. Er scheint nur aus einer einzigen langen Straße zu bestehen, an der sich rechts und links Geschäfte und Restaurants aneinander reihen. Wo genügend Platz ist, sind zusätzlich Marktstände aufgebaut, in denen Gemüse und Obst angeboten werden. Eine überdachte Markthalle mit Fleisch- und Fischständen liegt an einer Nebenstraße. Kleine dunkle Läden bieten bunte Bonbons in großen Gläsern an. Die Bonbons scheinen die beliebtesten Waren hier zu sein, denn überall sehen wir die riesigen Gefäße voller Süßigkeiten. Josef fühlt sich in diesem Marktgewimmel sehr wohl. Am liebsten würde er jede Banane einzeln an einem anderen Stand kaufen, nur um immer wieder das Vergnügen zu haben, um jeden Pfennig feilschen zu können.

Auf Schritt und Tritt werden wir von den Kindern des Ortes verfolgt, die uns ihr „Hallo!“ nachrufen. Wenn wir uns lachend umschauen, rennen sie schnell weg. Beliebt bei den Chinesen sind auch die vielen Stände mit bunten Blusen, Hosen und Kinderkleidung. Diese Stände sind so farbenfroh, dass es richtig auffällt, dass die meisten Leute hier in den alten blauen oder grünen Anzügen herumlaufen. An den schwerfälligen Bewegungen kann ich deutlich erkennen, dass zur Zeit noch die Winterkleidung getragen wird. Mehrere Hosen übereinander schränken die Schritte ein. Manche Bauern tragen weit ausladende Strohhüte als Schutz gegen den Regen. Aber an den Füßen haben sie häufig nur dünne Stoffschuhe oder sie gehen sogar barfuß trotz der Kälte!Dazu bei einer Schule

In den Teehäusern an der Straße sitzen auch schon am Morgen die alten Männer auf wackligen niedrigen Bambusstühlen, rauchen Pfeife und spielen Karten. Gänse und Hühner suchen sich in den Pfützen ihr Futter. Nur selten fährt ein Auto vorbei. Es überwiegen Fahrräder und Eselskarren.

Die Buddhas von Dazu

Bekannt geworden ist Dazu durch die buddhistischen Skulpturen, die sich im Gebiet um die Stadt befinden. Diese Kunstwerke stammen aus dem 9. bis 12. Jahrhundert. Wir wandern zu dem Berg nördlich von Dazu, wo sich die ältesten Skulpturen befinden sollen. Der Himmel ist noch immer grau und verhangen. Das hat für uns den Vorteil, dass uns nur wenige Touristen unterwegs begegnen. Vorbei an einigen Souvenirverkäufern machen wir uns an den mühsamen Weg über viele Stufen zum Gipfel. Die Skulpturen, die wir unterwegs besichtigen, sind gut erhalten und sehr schön. Wir haben uns eine Pagode, die wir schon von weitem sehen können, als Ziel gewählt.Buddhas von Dazu: Beishan

Auf dem Weg dorthin gelangen wir zu einem Teich mitten im Wald, wo ein geschäftstüchtiger Chinese einen Schießstand mit Luftballons aufgebaut hat. Mit einfachen Flinten kann man versuchen, die Luftballons auf der anderen Seite des Teichs zu treffen. Das ist eine große Herausforderung für Josef, der bei sich zuhause in Österreich ein guter Schütze ist. Tatsächlich gelingt ihm schon mit dem zweiten Schuss ein Treffer! Die zuschauenden Chinesen sind begeistert, vor allem als dann jeder Schuss einen Luftballon zerplatzen lässt. Der Standinhaber schaut finster. Erst als Josef auf seinen Preis verzichtet, hellt sich sein Gesicht auf.Schule in den Hügeln bei Dazu

Bei der Pagode befindet sich eine Schule, in der gerade Unterricht ist, als wir ankommen. Die Klassenzimmer sind in alten Tempelgebäuden untergebracht. Doch eine Halle in der Mitte wird renoviert und soll offensichtlich bald wieder als Tempel benutzt werden. Während die großen Kinder drinnen lernen, spielen einige kleinere draußen Ringelreihen. Das sind natürlich nur Mädchen, während die Buben auf der anderen Seite des Hofes eifrig mit einem Fußball spielen. Aus den Klassenzimmern tönen die Stimmen der Kinder, die im Chor die Worte ihrer Lehrer nachsprechen.

Die Kleinen tun so, als ob sie uns nicht gesehen haben, und spielen lachend weiter. Nur wenn wir unsere Fotoapparate zücken, rennen sie schreiend und kichernd weg. Um halb eins läutet jemand eine Glocke: der Unterricht ist beendet. Die Kinder packen ihre Bücher und laufen los. Die Größeren trauen sich, auf uns zuzugehen und ein schüchternes „Hallo – Byebye!“ zu rufen. Keines der Kinder hält sich lange mit uns auf. In kleinen Gruppen gehen sie auf den schmalen Feldwegen nach Hause. Es ist, als ob sie alle die Anweisung hätten, nach der Schule auf dem schnellsten Weg nach Hause zu laufen. Als sie schon den nächsten Hügel erreicht haben, folgen wir ihnen langsam. Von weitem tönt uns noch manches „Byebye!“ entgegen.

Zwischen den braunen Reisfeldern, die nur an wenigen Stellen schon ein helles Grün zeigen, sind wir weit weg vom Autolärm der Stadt. Ruhe und Frieden umgibt uns. Auf einem Feld pflügt ein Mann mit einem einfachen, von einem Wasserbüffel gezogenen Pflug den knietiefen Matsch. Die Erbsen auf dem Nachbarfeld sind reif. Für mich Stadtkind ist es etwas ganz neues, die ein, zwei Erbsen frisch vom Strauch zu naschen. Josef ist ganz verwundert über meine Begeisterung. Für ihn als Bauernsohn ist so was ganz normal. Die Wege sind nur Dämme zwischen den einzelnen Feldern. Die Bauernhäuser, die aus flachen aus Lehm gebauten Gebäuden bestehen, liegen verstreut dazwischen. Hühner suchen nach Futter in den Höfen. In kleinen Verschlägen grunzen Schweine. Die Luft ist angefüllt von dem Gezwitscher der Vögel. Hoch oben zieht ein Raubvogel seine Kreise.

An einem kleinen Tempel am Pfad machen wir eine kurze Rast. Wir schauen zwei Männern zu, die mit einfachen Geräten Seile herstellen. Wir sitzen auf einer Bank vor dem Tempel und sehen in Ruhe auf die Landschaft. Es regnet schon seit ein paar Stunden nicht mehr. Die Luft ist dunstig und warm. Ich bin hingerissen von dieser Landschaft, die so viel Natur bietet. Wenn solche Erlebnisse nicht wären, würde ich manchmal glauben, dass es in China nur riesige Städte gibt.

Ich weiß jetzt schon, dass dieser Tag bei den Buddhas von Dazu ein Highlight meiner Großen Asienreise sein wird.

Frühstück selbst gemacht in China

Einen weiteren trüben Tag in Dazu nutzen wir zum Faulenzen. Es scheint vor lauter dicken Regenwolken gar nicht richtig hell zu werden. Mit großem Aufwand bereiten wir uns ein Frühstück zu. Dafür müssen wir zuerst auf den Markt gehen, um einzukaufen. Das ist Jos Spezialität. Seine Beute besteht aus einer Ananas, mehreren Dampfnudeln und einem Stück Kuchen. Glücklicherweise werden auch hartgekochte Eier angeboten, denn was wäre ein richtiges Frühstück ohne Eier! Um alles wird lange und ausgiebig gefeilscht. Jo erntet damit anerkennende Blicke der Chinesen. Als uns bei einer Gelegenheit jemand nicht genug Wechselgeld herausgeben will, ist gleich eine ältere Dame zur Stelle, die energisch dafür sorgt, dass wir nicht behumst werden.

Aus Instantnudeln machen wir uns mit dem heißen Wasser, das in China immer in großen, bunten Thermosflaschen auf dem Zimmer zur Verfügung steht, eine Frühstücksnudelsuppe. Ich kann ein wenig Nescafé beisteuern.

Das Gefühl, das man hat, wenn man sich in so einem fremden Land eine Mahlzeit selbst zubereitet, ist unbeschreiblich. Es ist, als ob man eine schwierige Aufgabe besonders gut gelöst hat. Wir haben uns nicht einfach ins Restaurant gesetzt, um ein Frühstück zu bestellen, sondern wir haben mit Händlern diskutiert, jedes Teil unter Schwierigkeiten selbst erworben und zubereitet. Schon alleine eine Ananas mit einem kleinen Schweizer Taschenmesser zu schälen und zu zerlegen, ist schwierig genug. Ganz zu schweigen vom Herstellen der Nudelsuppe, wenn das Wasser nicht heiß ist.

Ich bin froh, dass wir die Eier haben, denn für mich gehören die zu einem ordentlichen Frühstück. Die Chinesen mögen anders drüber denken. Doch ich fange an, mich nach einem Western Breakfast mit Toast und Spiegeleiern zu sehnen. An richtigen Kaffee wage ich gar nicht zu denken. Olaf scheint ähnlich zu empfinden, denn er lässt sich mit Begeisterung auf eine Diskussion über Bratkartoffeln und andere weit entfernte und lang vermisste Delikatessen ein. Nur Jo findet unsere Sehnsucht nach westlichen Genüssen unverständlich. Er ist sehr genügsam und erfreut sich an jeder Nudelsuppe. Während wir noch unser Frühstück genießen und diskutieren, wird vor unserem Fenster eine Herde Schweine durch den Hotelgarten getrieben.

Das Wetter wird und wird nicht besser! Draußen ist alles grau in grau. Der feine Nieselregen bedeckt alles wie mit einem Schleier. Das Licht reicht meistens nur gerade noch so zum Fotografieren. Ich werde von den trüben Tagen regelrecht depressiv. Da wirkt auch das Frühstück nicht lange genug, um mich aufzuheitern.

Nachdem wir den ganzen Tag auf unserem Zimmer mit Wäsche waschen, Briefe schreiben und schlafen verbracht haben, gehen wir am Abend ins Restaurant direkt gegenüber von unserem Hotel. Wir essen rein vegetarisch: Eier mit Tomaten, geschnetzelte Gurken, Aubergine mit Sojasprossen, dicke Bohnen und Hundertjährige Eier. Mir schmeckt alles sehr gut. Auch die Eier sind sehr lecker, wenn man sich erst mal an die grünlich schillernde Konsistenz des Eigelbs gewöhnt hat.

Das Resultat dieser ausgiebigen Mahlzeit ist leider, dass ich wieder Durchfall habe. Zu allem gibt es im Hotel heute kein Wasser. Josef und Olaf geben mir ungefragt gute Ratschläge, die ich gar nicht will. Sie scheinen der Ansicht zu sein, dass ich als Frau nicht weiß, was gut für mich ist. Ich hasse diese chauvinistische Art des Beschützens! Mehr und mehr sehne ich mich danach, endlich mal wieder mit einer Frau zu sprechen. Aber hier gibt es weit und breit keine anderen westlichen Touristen.

Zurück in Chongqing

Als wir nach zwei Tagen zurück in Chongqing sind, ist es zwar kalt, aber es regnet wenigstens nicht mehr. Trotzdem macht es gar keinen Spaß, den schweren Rucksack stundenlang durch die Stadt zum Schiffsanleger zu schleppen, nur weil die Jungs die 4,- DM für das Taxi sparen wollen. Ich wäre auch bereit gewesen, den ganzen Betrag alleine zu zahlen. Aber ich kann sie nicht zu einem Taxi überreden. Ich weiß nicht, wem die Jungs was beweisen wollen. Wütend laufe ich hinter ihnen her. Für einen Augenblick überlege ich, ob ich nicht alleine ins Taxi steige. Aber erstens finde ich keines sofort, und zweitens will ich es nicht zum Eklat kommen lassen. Ich bin ja trotz allem ganz froh, mit den beiden zusammen zu reisen.

Zum Beginn meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: Xi’an

Zur nächsten Etappe: Fahrt auf dem Yangtze

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