1991: Abfallbeseitigung auf dem Yangtze

Mein Beitrag zur Abfallvermeidungswoche KW 47 2013

Diese Woche ist hier Abfallvermeidungswoche. Da fällt mir spontan eine Begebenheit ein, vor 22 Jahren, China, auf dem Yangtze.

Auf dem Yangtze kurz vor Shanghai

Kurz vor Shanghai 1991

Auf dem Yangtze 1991

Meine Freundin Desiree und ich hatten uns entschlossen, von Wuhan nach Shanghai mit dem Schiff auf dem Yangtze zu fahren. Das dauerte damals drei Tage. Doch mit dem Zug hätte es mindestens genauso lange gedauert, mit Umsteigen und der Wahrscheinlichkeit, nicht sofort eine Anschlussfahrkarte zu bekommen. Also mit dem Schiff! 3. Klasse-Kabine: 6 doppelstöckige Betten, ein kleines Fenster (immerhin!), dunkle Gemeinschaftswaschräume – alles andere als eine Flusskreuzfahrt!

Desiree und ich haben uns schnell eingerichtet: Sie nimmt das obere Bett, ich schlafe unten. Die Rucksäcke teilen mangels anderer Möglichkeiten unsere Betten mit uns. Wenig Platz, auch die Betten gegenüber sind zum Greifen nah. Die meisten anderen Schlafstätten sind mit Männern belegt, die nur zum Essen und Waschen aufstehen. Meistens liegen sie auf ihren Matratzen und dösen. Uns gegenüber lässt sich eine Familie, Mann, Frau, kleiner Junge, nieder. Sie haben scheinbar unendliche Vorräte an Sonnenblumen- und Kürbiskernen dabei, die sie permanent knabbern und dabei die Schalen (und die Tüten) einfach auf den Boden fallen lassen. Uns stört das nicht weiter, das kennen wir schon. Hin und wieder kommt jemand und fegt alles hinaus in eine große Abfalltonne.

Die Luft ist stickig warm, menschliche Gerüche wabern durch die Kabine und finden nur zögerlich den Weg zum Fenster hinaus. Es wird gelacht, geschimpft, geredet, gerotzt und gehustet. Über allem tönt aus den Lautsprechern chinesische Pop-Musik. Manchmal kommt eine Durchsage. Wir verstehen nichts, die Chinesen verstehen kein Englisch, eine Unterhaltung ist nicht möglich. Hin und wieder lächeln wir uns alle freundlich zu.

Küken als lebendige Fracht

Küken als lebendige Fracht

Bordleben

Desiree und ich flüchten so oft wie möglich aus der Kabine ans Deck, das auch nicht gerade zum Aufenthalt einlädt. Kaum Sitzgelegenheiten.  Wir hocken uns auf den Boden zwischen dicken Matratzenballen und Körben voller gelber quietschlebendiger Küken. Das Wetter ist kühl und trübe. Manchmal regnet es, die Wolken hängen tief. Sehen können wir auf dem Fluss wenig. Manchmal ziehen wir an kleinen Schiffen vorbei, manchmal ziehen große Schiffe an uns vorbei. Der Yangtze ist endlos breit. Deiche verhindern den Blick auf die Landschaft. Manchmal legt unser Schiff bei einer Stadt an. Dann entsteht große Hektik, Offiziere dirigieren die Ein- und Aussteiger mit lauten Befehlen.

Die Tage vergehen in endloser Langeweile. Wir haben große Tüten voller Kekse und ein Bündel Bananen dabei. So brauchen wir nicht in der schmuddeligen Kantine zu essen. Für unsere Abfälle haben wir eine Plastiktüte an unseren Betten befestigt. Wir sind halt noch nicht wirklich an China angepasst, uns wiederstrebt es, unseren Abfall einfach so auf den Boden zu schmeißen.

Abfallentsorgung

Dann der große Moment: Die Chinesin gegenüber, die uns immer so nett zulächelt und uns auch schon mal von ihren Kürbiskernen anbietet, deutet stolz auf eine Tüte, die sie an ihrem Bett befestigt hat: eine Abfalltüte! Jedes Bonbon-Papier, alle Kürbiskernschalen, einfach alles wird ab sofort in diese Tüte gesammelt! Desiree und ich schauen uns an: Haben wir durch unser Vorbild etwas bewirkt? Wow!

Bis Shanghai sind wir nun allerbeste Freunde mit den Chinesen in unserer Kabine, und noch die eine oder andere Abfalltüte findet ihren Platz an den Betten. Wenn die Tüten voll sind, landen sie im großen Abfalleimer auf dem Gang vor der Kabine.

Dann die schreckliche Entdeckung: Der große Abfalleimer wird regelmäßig geleert – in den Yangtze! Und unser Eimer? Der auch – inklusive einer ausgemusterten Neonröhre.

Ankunft in Shanghai 1991

Ankunft in Shanghai 1991

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