Eine gute Tasse Kaffee

Montag – Glücksmomente (KW17)

Xi'an 2009

Xi’an 2009

Eine gute Tasse Kaffee zu trinken bekommt in China eine ganz besondere, mit Glücksgefühlen behaftete Bedeutung.

Als ich 1987 zum ersten Mal nach China reiste, gab es Kaffee nur in den großen internationalen Hotels für viel Geld. Und schmecken tat der meistens nicht. Das wurde auch in den folgenden Jahren nicht viel besser.

Erst als ich auf meine Große Reise ging (1991/92), erlebte ich bei einigen wenigen Gelegenheiten in China den vollen Kaffee-Genuss.

Erstaunt stellte ich in Wuhan am Yangtze fest, dass es dort regelrechte Cafés gab, anscheinend durch die französische Vergangenheit einiger Stadtteile inspiriert. Natürlich hatten sich auch die Backpackerhochburgen wie Yangshuo oder Dali auf die Fremden mit ihren Gelüsten eingestellt. Dort gab es meistens aber Instant-Kaffee.

Richtig geändert hat sich das Kaffee-Thema erst mit den ersten McDonald’s in Peking und anderswo. Das war genau in der Zeit, als ich unterwegs war und so ergab sich im September 1992 folgende Situation für mich in Peking:

Ich wohnte in einem heruntergekommenen Hotel im Süden der Stadt, das sich auf die Beherbung von Rucksackreisenden spezialisiert hatte. Direkt vor dem Hotel wurde gerade an der zweiten Ringstraße gebaut. So kam es zu meiner morgendlichen Routine. Wenn ich aus dem Hotel kam und zur Bushaltestelle gehen wollte, führte der Weg quer über die Baustelle. Absperrungen? Warnhinweise? Nicht die Spur! Ich balanzierte über Sandhaufen, an tiefen mit Wasser gefüllten Baugruben vorbei und musste mich in Acht nehmen vor den riesigen Baumaschinen, die ohne die Fußgänger auch nur wahrzunehmen lustig über die Baustelle hin und her fuhren. Wenn ich diese Hürden genommen hatte, konnte ich froh sein, bald einen Bus in die Innenstadt zu erwischen. Sitzplatz? Nope! Die Busse quälten sich dann mühsam durch die Qianmen-Straße, die damals noch nicht Fußgängerzone war. Stop and Go. Gut durchgerüttelt kam ich am Platz des Himmlischen Friedens an.

1992 in Peking

1992 in Peking

Ich sah aus wie man eben so aussieht als Backpacker nach 1,5 Jahren unterwegs und nach dem Abenteuerparcour am Morgen (übrigens waren es mindestens 30°C im Schatten): Schmutzige abgewetzte Schuhe, Jeans, die bis zu den Knien mit Schlamm bespritzt waren, ausgebleichtes T-Shirt, Tagesrucksack. Und so schritt ich munter und selbstbewusst auf das Grand-Hotel zu, einer Luxuserweiterung des altehrwürdigen Beijing-Hotels. Vor dem überdachten Eingang Luxuskarossen und ein graugewandeter Herr mit Zylinder. Beim ersten Mal musste ich mich bewusst aufrichten und mit stolz erhobenen Hauptes wie selbstverständlich auf die Tür zugehen. Innerlich war ich gar nicht so selbstbewußt und war mir sicher, dass man mich abweisen würde.

Der pompöse Eingang zum Grandhotel

Der pompöse Eingang zum Grandhotel

Und das Wunder geschah: Mit einem freundlichen Lächeln und einem “Good Morning, Madam!” öffnete mir der Herr mit dem Zylinder die glitzernde Glastür zum klimatisierten Paradies. Gedämpfte Musik, indirekte Beleuchtung, Orchideen in allen Ecken. Niemand fragte mich, wohin ich wolle, was ich hier zu suchen habe. Auf einem kleinen antiken Tischchen lag sie, das Objekt meiner Begierde, die China Daily. Kostenlos für die Hotelgäste. Ich schnappte mir eine, beim ersten Mal immer mit der Befürchtung, dass mich gleich jemand fragen würde, was meine Zimmernummer sei. Schon stand ich dann bei den Liften, denn ich wusste, dass man irgendwie zum Beijing-Hotel kam, quer durch. Und so war es auch: Mit dem Aufzug in den ersten Stock, an der offenen Lobby vorbei, mit der Rolltreppe hinunter in eine edle Shopping-Passage. Dann war ich auch schon im Beijing-Hotel. Die prachtvolle Treppe zum berühmten Ballsaal ließ ich links liegen, weiter ging es: Shops, Restaurants, Cafés. Ich genoss die ruhige klimatisierte Atmosphäre.

Der Aufgang zum Ballsaal

Der Aufgang zum Ballsaal

Dann war die Lobby des Beijing-Hotels erreicht, nicht ganz so vornehm damals wie das Grand-Hotel aber immer noch sehr edel. Hier noch kurz die ultrasauberen Toiletten aufgesucht, bevor ich auf der Treppe stand, die hinausführte in die Hitze des Tages. Erinnerungen wurden wach: Hier hatte ich schon 1988 öfters gestanden, weil das damals die einzige Stelle war, wo man abends in Peking mit einiger Sicherheit ein Taxi bekam.

Jetzt waren es nur noch ein paar Schritte zum langersehnten Kaffee: Auf der anderen Seite der Wangfujing-Straße leuchtete das gelbe M des ersten chinesischen McDonald’s verheißungsvoll. Schnell rüber! Die Schlangen waren groß, viele Chinesen sahen zum ersten Mal einen westlichen Schnellimbiss und gönnten sich den für sie ziemlich teuren Hamburger als exotisches Spezialitätenessen. Doch schließlich hatte ich meinen Kaffee und konnte mich mit meiner Zeitung und den Kaffee an einen Tisch setzen und das bunte Treiben beobachten. Warum wollte ich ausgerechnet bei McDonald’s Kaffee trinken? Nun, der Kaffee war dort richtig gut und preiswert.

Das erste Menü des ersten McD in Peking

Das erste Menü des ersten McD in Peking

Diesen Ablauf wiederholte ich an den nächsten Tagen, bis ich in die Transsib stieg, um nach Europa zurück zu kehren.

Den McDonald’s am Anfang der Wangfujing-Straße gibt es nicht mehr. Dafür gibt es mittlerweile jede erdenkliche Fastfood- und Café-Kette mit unzähligen Filialen überall. Instant-Kaffee gehört zur üblichen Ausstattung eines jeden Kiosks und Supermarktes. Und manchmal genieße ich im Gedenken an China einen leckeren Kaffee bei McD auch in Hamburg.

Eine gute Tasse Kaffee in netter Umgebung ist immer ein Glücksmoment für mich.

Nachtrag: Noch eine Tasse Kaffee – ein Cappuccino in Xinjiang

Capuccino

Cappuccino

2007 war ich mit einer Gruppe in der Provinz Xinjiang unterwegs. Bei einer Pause in der Stadt Aksu erzählte uns die örtliche Reiseleiterin von einem neuen Café in der Stadt. Das traf auf ein großes Echo und alle wollten dieses Café sehen, wo es tatsächlich Cappuccino geben sollte. Das Café war sehr schön und gemütlich eingerichtet. Die Tassen sahen einfach toll aus. Doch der Cappuccino war nicht so wirklich gelungen, denn die Milch ließ sich nicht richtig aufschäumen. In China war Milch bis in neuere Zeit kein Thema. Auch die besonderen Voraussetzungen für eine Milch, die man aufschäumen kann, sind noch nicht überall bekannt. Doch keine Bange: Das hat sich schon  geändert mit Starbucks und Co.!

6 Kommentare

  • Christina Goosmann

    Ich war im Mai 93 in Peking und kann mich noch daran erinnern wie begeistert uns unsere Reiseleiterin vom neuen MacDonald erzählt hat. Ich hatte das damals gar nicht als was Besonderes wahrgenommen. Denn das letzte, was ich in China wollte, war westliches Fastfood 😉
    Ich kann es aber sehr gut nachvollziehen, dass man solche Strapazen für guten Kaffee auf sich nimmt. Ich hatte ein ähnliches Bedürfnis als ich 2007 in Japan wahr. Dort war dann Starbuck’s meine Rettung 🙂

    • Ich war ziemlich kurz nach der Eröffnung des McD in Peking dort. Das war in China DAS Thema damals! Ich bin stolze Besitzerin dieses ersten McD-Menue und einer McD-Anstecknadel, die ich erst auf Bitten vom Manager bekam.
      Liebe GRüe
      Ulrike

  • Betrachterauge

    Jahre vergingen, aber der Kaffee blieb in der Erinnerung, so lang und schwer der Weg zur ersehnten Tasse war. 🙂

    • Ja, wirklich! Ich liebe Kaffee und eine schöne Tasse Kaffee hat für mich sehr viel mit Wohlbefinden und Glück zu tun. Damals in Peking, das war irgendwie surreal.
      LG
      Ulrike

  • Wie goldig! Und wie prachtvoll der Aufgang zum Ballsaal ist! Da fällt mir ein wie schwer es ist, grundsätzlich einen guten Kaffee zu bekommen. Plus Milch, die auch schmeckt : ) Sonnige Ostergrüße, Jutta

    • Danke für den Kommentar! Das mit der Milch hab ich tatsächlich vergessen, da ich selbst Kaffee meistens schwarz trinke. Ja, Milch ist in China auch so ein Problem. Hmm, ich glaube ich ergänze den Artikel noch um eine Kleinigkeit.
      Schöne Ostern
      Ulrike

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