11.05.1991 Ein schönes Hostel in Shanghai

Nach einer weiteren Fahrt in einer düsteren 4. Klasse-Kabine auf einem Yangtze-Schiff (mehr dazu: Abfallbeseitigung auf dem Yangtze 1991) kommen Desire und ich endlich in Shanghai an. Wir sind spät dran, doch es kommt eigentlich nur eine Unterkunft für uns in Frage: Das Pujiang-Hotel. Bis zum Ende der 1990er Jahre gab es in den Städten Chinas meistens nur zwei oder drei preiswerte Hotels, die ausländische Rucksackreisende aufnehmen durften. Welche dies waren und wo sie lagen, konnte man der “China-Bibel” entnehmen, dem Lonely Planet-Guide “China”. Natürlich war ich auch mit diesem Reiseführer in der Tasche unterwegs. Er war (und ist immer noch) der umfangreichste Reiseführer für China, vor allem für Rucksackreisende. Das Pujiang-Hotel wurde im LP in höchsten Tönen gelobt und war damals sehr beliebt. Und es war toll!

Tai Chi vor dem Pujiang Hotel 1991

Tai Chi vor dem Pujiang Hotel 1991

Erbaut um 1846 war das Pujiang Hotel zunächst das Astor House Hotel, ein sehr luxuriöses Haus. Es kann zahlreiche “erste Male” verzeichnen: 1882 wurden hier die ersten elektrischen Lampen in Shanghai eingeschaltet. 1922 wohnte Albert Einstein in Zimmer Nr. 304. Das Hotel litt sehr durch die Kulturrevolution in den 1960er und 1970er Jahren. In den 1980er wurde es zu einem der wenigen Hotels, in dem Individualreisende unterkamen. Doch es hatte einen schlechten Ruf,. Es sei verwahrlost, hieß es. Erst Anfang der 90er wurde es besser. Und als ich da war 1991, war es TOP.

Lest selbst: Aus meinem Reisetagebuch:

Im Pujiang-Hotel, es ist einfach DAS Hostel in Shanghai, gibt es Zimmer ganz unterschiedlicher Qualität, darunter mehrere saubere Schlafsäle, die nach Geschlechtern getrennt sind. Die Betten sind nicht ganz billig, aber der Preis schließt ein Western Breakfast und porentief saubere Bettwäsche ein. Das Zimmer, in dem Desiree und ich unterkommen, hat insgesamt 17 Betten und ein großes Badezimmer. Den Nachttisch neben dem Bett kann man abschließen. Den Schlüssel dazu bekommt man mit dem Zimmerschlüssel. Das sind alles Pluspunkte, die das Pujiang-Hotel bei Rucksackreisenden so beliebt machen. Es gibt nur einen Nachteil: an manchen Tagen stinkt der Pujiang, ein kleiner Fluss, der direkt vor dem Hotel fließt, erbärmlich. Wie ich gleich am zweiten Tag in der China Daily lese, waren das im 2. Halbjahr 1990  143 Tage von 182! Der Geruch ist leicht chemisch. Man gewöhnt sich dran.

An meinem letzten Tag in Shanghai kommt morgens Olaf in den Frühstücksraum. Das ist ein großes Hallo! Er hat sich von Jo getrennt, da er nach Osten wollte und Jo nach Westen. Olaf möchte am liebsten gleich mit nach Suzhou kommen, aber da ich schon am nächsten Tag fahren will, ist ihm das zu kurzfristig. Am Abend feiern wir mit ein paar Bier unser Wiedersehen, und dass wir schon 6 Wochen unterwegs sind. Davon habe ich am nächsten Morgen einen Kater. Außerdem regnet es wieder. Also verschiebe ich meine Abfahrt nach Suzhou um einen Tag. Ich gebe mich ganz dem Ausruhen hin, gehe nur kurz mit Olaf in die Stadt und zum Essen.

Ankunft in Shanghai 1991

Ankunft in Shanghai 1991

Der Schlafsaal im Pujiang-Hotel ist eine ausgezeichnete Informationsgelegenheit für Traveller. Hier treffen Leute, die gerade nach China gekommen sind, mit denen zusammen, die schon auf dem Rückweg sind. Einige Mädchen, die sich wohl schon zu lange in China aufhalten, nerven ein wenig mit ihren negativen Ansichten von China und den Chinesen. Manche der Mädchen halten sehr auf Sauberkeit, andere sind völlig verschlampt.

Backpacker unter sich
Immer wieder ergibt sich der folgende Dialog. Namen, Plätze, Preise sind austauschbar:

Traveller A: „Hallo!“
Traveller B: „Hallo!“
A: „Where do you come from?“
B: „England.“
A: „I mean, where do you come from now?“
B: „Beijing.“
A: „Oh! How much did you pay for your ticket?“
B: „220 Yuan hard sleeper.“
A: „Then you paid tourist price!“
B: „Yeah. How long do you stay in Shanghai?“
A: „I arrived yesterday.“
B: „Where from?“
A: „Wuhan.“
B: „That’s on the Yangzi…?“
A: „Yes.“
B: „Did you go by ship?“
A: „Yeah.“
B: „How long does that take?“

Auf diese Weise kann das Gespräch endlos fortgesetzt werden. Das Wichtigste sind immer die Routen, Preise und günstige Hotels. Irgendwann während eines solchen Gesprächs breitet man wieder einmal die große Asienkarte aus. Mit dem Finger werden sowohl bereits gefahrene als auch noch geplante Strecken nachgezogen. Die Welt liegt offen vor einem. Die Möglichkeiten scheinen ungezählt. „Hier kann man Visa für… bekommen!“ – „Da sollte man mit dem Schiff fahren…!“ – „In … geh nicht in das XY-Hotel, das ist eine totale Absteige…!“ Manchmal bin ich dieser so oberflächlichen Gespräche müde. Aber meistens bin ich fasziniert von all den Orten und Abenteuern, von denen erzählt wird und die noch vor mir liegen.

Manchmal kann das Schlafen im Schlafsaal mit so vielen Menschen auch sehr anstrengend sein. Die folgende Nacht mag als Beispiel dienen. Es ist zwar eine spezielle Nacht in Shanghai, an die ich mich auf diese Weise erinnere, aber auch in vielen anderen Orten und Schlafsälen habe ich ähnlich unruhig geschlafen.

Im Schlafsaal des Pujiang Hotel, dem Hostel in Shanghai

Im Schlafsaal des Pujiang Hotels

Eine schlaflose Nacht
Im Schlafsaal in Shanghai übernachtet immer ein hoher Prozentsatz Japanerinnen. Die jungen Mädchen schlafen häufig den ganzen Tag und werden erst abends aktiv. Stundenlang können sie sich damit beschäftigen, ihren Rucksack aus- und wieder einzupacken. Jedes Teil ist in dünne Plastiktüten verpackt. Das Rascheln, das durch diese Tüten verursacht wird, ist durchdringend laut. Nur langsam kehrt an diesem Abend Ruhe ein. Ich drehe mich in meinem Bett zur Wand und versuche zu schlafen. Da kräuselt sich meine Nase. Raucht da wirklich noch jemand? Ich blinzele ins Licht: tatsächlich sitzen noch zwei Japanerinnen am großen Tisch in der Mitte und rauchen – mitten in der Nacht! Die meisten schlafen schon. Ich stehe auf, öffne die Balkontür, damit der Rauch abzieht, und bitte die Mädchen höflich, doch so spät nicht mehr zu rauchen. Den beiden war ihre Rücksichtslosigkeit anscheinend gar nicht bewusst. Sie entschuldigen sich mit vielen Verbeugungen. Endlich wird auch das Licht ausgemacht.

Ich aber bin jetzt hellwach. Ich stöpsele mir die Kopfhörer meines Walkmans in die Ohren und lausche der Musik von Chris de Burgh. Beim unruhigen Herumwälzen im Bett verheddere ich mich dauernd in die Drähte. Also weg mit dem Ding! Ich versuche, auf der linken Seite einzuschlafen. Es nutzt nichts. Ich strecke mich und lege mich auf den Rücken. Dann kuschele ich mich auf meine rechte Seite. Von dort auf den Bauch. Auf diese Weise rotiere ich regelrecht. Mein Nacken ist ganz steif und fängt an zu schmerzen. Ich drehe mich erneut, versuche eine erträgliche Position zu finden. Eigentlich sind die Betten doch ganz bequem! Ich bin erschöpft von meinem Willen zu schlafen und der Unmöglichkeit, tatsächlich einzuschlafen. Jetzt werden meine Augenlider schwer. Gleich schlafe ich sicher! Doch was ist das? Vorsichtige leise Schritte – ein Gluckern. Ich bin wieder wach und reiße meine Augen auf: Irgend jemand kann auch nicht schlafen und sitzt jetzt im kurzen Nachthemd am Tisch und trinkt Wasser. Nach ein paar Minuten geht sie zurück ins Bett.

Ich versuche mich zu entspannen und drehe mich zur Wand. Wieder wälze ich mich hin und her. Das Mädchen im Nachbarbett scheint auf einer Plastiktüte zu liegen. Es ist unglaublich, wie viel Krach so eine Tüte in dem stillen Raum machen kann! In der Ecke spricht ein Mädchen im Schlaf. Ich liege mit offenen Augen auf dem Rücken. Statt Schäfchen zähle ich meine Wehwehchen, wobei ich ganz systematisch vorgehe. Kopfschmerzen. Ich schlucke: aha! Halsschmerzen habe ich auch. Mein Rücken foltert mich. Ich wende meinen Fuß hin und her: ja, der Schmerz von dem Tritt heute Nachmittag ist auch noch da. Mit der Zunge taste ich meine Zähne ab: leichte Zahnfleischentzündung. Mir geht es ja sooo schlecht! Wenn ich doch wenigstens schlafen könnte! Bei Tageslicht wird alles viel fröhlicher aussehen.

Durch die Balkontür bringt der leichte Nachtwind den Gestank vom Pujiang-Fluß. Bäh! Tuut…. tuuuut! Vom nahen Hafen dröhnt eine Schiffsirene und ich bin hellwach. Ich denke mich in regelrechte Depressionen hinein. Was mache ich nur hier in Shanghai so weit weg von Zuhause? Ich könnte auch daheim in Hannover sein in meiner eigenen, schönen, ruhigen Wohnung und einem sicheren Job nachgehen. Na ja, der letzte Job war nicht besonders befriedigend! Bei diesem Gedanken bin ich sofort positiver gestimmt. Ein Mädchen hustet ständig. Ich leide mit ihr, mehr als ich sagen kann. Ich lausche auf das gleichmäßige Atmen der anderen. Der Parkettfußboden knackt leise. Räuber? Ich öffne nicht einmal mehr meine Augen. – Müssen die Japanerinnen schon wieder Lärm machen?! Ich blinzele: es ist ja schon hell! Ich taste nach meiner Uhr auf dem Nachttisch. Kurzsichtig schaue ich auf das Zifferblatt und setze erschrocken die Brille auf: 8:25 Uhr!! Mist! Wenn ich nicht in 2 Minuten im Speisesaal bin, bekomme ich kein Frühstück mehr! Also, rein in die Jogginghose, mit der Bürste durchs Haar und innerhalb kürzester Zeit sitze ich im Frühstückszimmer. Noch immer halb schlafend trinke ich meinen Kaffee.

Nachsatz:
Heute ist das Pujiang-Hotel wieder das Astor House Hotel mit frisch renovierten großen Räumen und allen Annehmlichkeiten eines guten 3-Sterne-Hotels. Es gibt keine Schlafsäle mehr. Dafür gibt es in Shanghai zahlreiche angenehme Backpacker-Hostels. 

Mehr: Astor House Hotel

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: Auf dem Yangtze

Zur nächsten Etappe: Suzhou: Mit dem Fahrrad auf Abwegen

 

10 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.