21.05.1991 Suzhou: Mit dem Fahrrad auf Abwegen

Mittlerweile habe ich mir in Shanghai mein Ticket für die Fähre nach Kobe, Japan, besorgt. Da das Schiff gerade zur Generalüberholung in der Werft ist, habe ich noch Zeit bis zum 8. Juni. Die nutze ich, um mir die berühmten Städte Suzhou und Hangzhou anzuschauen. Die Regenzeit hat begonnen und so ist das Rumstrolchen in den Städten nicht ganz einfach.

Suzhou: Garten im Regen

Suzhou: Garten im Regen

In Suzhou besuche ich viele der berühmten Gärten, die wenig Schutz bieten. Ich bemühe mich um gute Fotografien trotz schlechten Lichts und strömenden Regens. In der Altstadt gibt es einige kleinere Museen, in denen ich mich immer wieder ein wenig trocknen kann. Dann kommt ein Tag, an dem es nicht regnet. Wenn ich den Leuten im Hotel glauben kann, dann wird dieser Tag zwar nicht sonnig aber trocken. Also miete ich ein Fahrrad und mache mich auf, die Umgebung von Suzhou zu erkunden.

Aus meinem Reisetagebuch:

Ich will eigentlich nur raus aus der Stadt. Das ist gar nicht so einfach, denn um den alten Stadtkern, wo man auch noch Reste der Stadtmauer sehen kann, ziehen sich endlose moderne Wohnviertel. Manchmal bemerke ich einfache Holz- und Wellblechhütten – Slums? Ich halte mich an die größeren Straßen und fahre immer nach Westen. Eine moderne vierspurige Straße, die aber wenig befahren ist, führt geradeaus in meine gewählte Richtung. Die Wohnblocks liegen bald hinter mir, dafür reiht sich eine Fabrik an die andere.

Ich entdecke, dass es überall am Straßenrand kleine Fahrradwerkstätten gibt. Die merke ich mir schon mal vor, denn ich habe das Gefühl, dass mein Vorderreifen Luft verliert. Außerdem ist der Sattel nicht sehr fest und wackelt ein wenig. Um Hunger und Durst brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Überall gibt es entsprechende Verkaufsstände. Auf dem Scheitelpunkt einer langen Brücke über den Kaiserkanal hat ein Eisverkäufer seinen Stand aufgebaut.

Dann fahre ich über eine endlos scheinende Baustelle. Irgendwann ist mein Vorderreifen wie schon erwartet platt. Gerade jetzt dauert es ewig, bis ich endlich eine Werkstatt sehe. Eigentlich ist es eine Autowerkstatt, doch die Leute helfen gerne, als sie mein Problem sehen. Der Reifen wird aufgepumpt. Die Fahrt kann weitergehen. Eine freudige Überraschung ist, dass die jungen Leute kein Geld für ihre Hilfe annehmen wollen.

Auf einem Berg sehe ich in der Ferne eine Pagode. Die nehme ich mir zum Ziel, denn das fahren ohne Gangschaltung und mit dem kaputten Reifen wird langsam mühsam. Natürlich kennzeichnet die Pagode auch hier eine Sehenswürdigkeit, die mit den entsprechenden Einrichtungen versehen ist: Fahrradparkplatz, Souvenirstände, Leute, die Ferngläser vermieten, Nudelsuppenstände. Wenn man keine Lust hat, zu Fuß auf den Berg hinaufzugehen, kann man sich sogar ein Pferd mieten.

Bambuswald

Bambuswald

Ich muss die mich erwartungsvoll anschauenden Menschen, die heute wohl noch nicht viele Touristen gesehen haben, leider enttäuschen. Ich habe weder Hunger noch Durst und gehe lieber zu Fuß, nachdem ich mein Fahrrad auf dem Fahrradparkplatz abgestellt habe. Ein gepflasterter Weg führt durch den lichten Bambuswald. Von den Blättern tropft das Wasser vom letzten Regenguss. Die Luft ist schwer vor Nässe. Vögel zwitschern. Mir begegnen nur wenige Menschen. Bei der Pagode gibt es einen Tempel, in dem sich einige buddhistische Mönche und Nonnen aufhalten. (Der Ling Yan Tempel und seine siebenstöckige Pagode stammen aus dem frühen 6. Jahrhundert) Nach einer kurzen Pause kehre ich zu meinem Fahrrad zurück.

Der Rückweg nach Suzhou scheint ganz einfach zu sein. Der Reifen hält noch. An einer Kreuzung bei der Baustelle gibt es den Hinweis auf eine Umleitung. Ich vertraue ganz darauf, dass dieser Umweg weiter ausgeschildert ist. Typisch deutsch, möchte ich fast sagen! Denn weitere Wegweiser gibt es nicht. Und wenn, dann kann ich die nicht lesen. An der nächsten Kreuzung fahre ich nach rechts, anstatt nach links. Der entscheidende Fehler! Ich komme immer mehr von meiner Richtung ab. Statt nach Osten fahre ich nun nach Süden. Es bietet sich auf lange Zeit hin keine Möglichkeit mehr, nach Osten abzubiegen. Meine Straße ist eine schnurgerade, von Eukalyptus-Bäumen gesäumte Allee. Auf der Seite, in deren Richtung Suzhou liegen müsste, ist ein vielbefahrener Kanal. Umkehren finde ich schrecklich, deshalb fahre ich hartnäckig geradeaus. Von weitem sehe ich eine Pagode auf einem Berg. In der Hoffnung, dass es dort vielleicht auch eine große Straße und eine Brücke über den Kanal gibt, fahre ich weiter.

Suzhou BrückeDer Weg ist jetzt nur noch mit kleinen runden Steinen gepflastert. Ich werde ordentlich durchgerüttelt. Als es an einer Stelle bergab geht, erreiche ich eine relativ hohe Geschwindigkeit. Beim Bremsen stelle ich entsetzt fest, dass die Bremse nicht mehr zieht. Ich lasse mit einem flauen Gefühl im Magen das Fahrrad laufen und hoffe auf das Beste. Auf diese Weise bin ich sehr schnell am nächsten „Scenic Spot“, einem See (dem Taihu). Ich lasse mein Fahrrad auf dem immer schlechter werdenen Weg auslaufen und steige erleichtert vor einer Orientierungskarte vom Sattel. Leider hat die Karte nur chinesische Schriftzeichen. Alles, was ich ihr entnehmen kann, ist, dass ich entweder über die kleine hohe Fußgängerbrücke über den Kanal gehen kann oder per Straße einen riesigen Umweg fahren muss. Natürlich schleppe ich mein Fahrrad über den steilen Bogen der alten Fußgängerbrücke.

Auf der anderen Seite finde ich mich in einem Dorf ohne Straße wieder. Ich schiebe mein Fahrrad auf einem gepflasterten Fußweg in Richtung Osten. Mein Auftauchen erregt Aufsehen. An einer Ecke weiß ich nicht mehr weiter: geradeaus oder rechtsabbiegen? Eine alte Bauersfrau weist mich mit einem Lächeln zu dem Weg, der aus dem Dorf herausführt. Ich fasse mir ein Herz und frage sie: „Suzhou? Suzhou?!“ Ich versuche verschiedene Aussprachen und Betonungen. Doch die Frau schaut mich nur lächelnd und mit großen Augen an. Ich gebe resigniert auf und schiebe mein Fahrrad weiter. Kurz darauf höre ich die Frau laut zu einer Nachbarin sagen: “Tschutschu! Tschutschu!“ Sie lachen beide herzlich.

Ich schiebe mein Fahrrad über schlammige Pfade von Dorf zu Dorf. Fahren ist nicht mehr möglich, der Reifen ist platt. Die Häuser machen einen wohlhabenden Eindruck. Sie sind wie Reihenhäuser eins ans andere gebaut. Mit ihren traditionellen geschwungenen Dächern und den schwarzen Verzierungen unter dem Giebel und über der Tür sehen sie groß und stattlich aus. Viele zeigen Anzeichen individueller Gestaltung. Mal sind die geschnitzten Balkone anders, mal ist eine Fassade mit bunten Kacheln versehen. Überall laufen Hühner und Schweine herum und scharren im Dreck. Die Felder sind groß und gepflegt.

Ich hoffe darauf, bald eine Fahrradwerkstatt zu finden. Aber hier, wo es keine befahrbaren Wege gibt, gibt es keine Fahrräder und natürlich auch keine Werkstatt. In den Dörfern, durch die ich komme, tanzen als erste immer die Kinder um mich herum. Die Frauen, die mir begegnen, sehen mir staunend nach. Ich versuche, sie alle anzulächeln.

Endlich, endlich finde ich eine Werkstatt, wo ich meinen Reifen und die Bremse reparieren lassen kann. In der Wartezeit kaufe ich mir in einem Laden ein süßes Brötchen, denn mir knurrt schon vernehmlich der Magen. Als ich mein repariertes Fahrrad in Empfang nehme, versuche ich noch einmal mein Glück: „Suzhou! Suzhou…“ säusele ich in allen Tonlagen. Das Wunder geschieht: Man versteht mich und zeigt mir die Richtung, in die ich weiterfahren soll!  Ich verstehe auch ihre Frage nach meinem Woher und nuschele: „Deguo Ren! (Deutsche)“. Gut gelaunt mache ich mich auf die Weiterfahrt. Die Wege werden besser, mein Fahrrad läuft wie neu und schon bald bin ich auf einer viel befahrenen asphaltierten Straße nach Suzhou. Als ich endlich vollkommen k.o. im Hotel aufs Bett falle, habe ich einen leichten Sonnenbrand. Dabei hatte ich gar nicht den Eindruck, dass die Sonne geschienen hat.

Wie alles begann: 06.04.1991 Es geht los!

Zur nächsten Etappe: 28.05.1991 Hangzhou – Zu Fuß in den Bergen unterwegs

Zur vorangegangenen Etappe: 11.05.1991: Ein schönes Hostel in Shanghai

7 Kommentare

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  • Hattest du nicht zwischendurch irgendwann einmal Muffe, den Weg überhaupt noch zu finden? Oder Sorge, dass du das Fahrrad gar nicht repariert bekommst und zu Fuß weitermusst?
    Es hört sich – auch im Nachhinein – jedenfalls ziemlich abenteuerlich an, Ulrike! ^^ Schön, dass am Ende alles klappte und du das Hotel unbeschadet (bis auf den Sonnenbrand) erreicht hast.

    LG Michèle

    • Liebe Michele, ich war ja nicht wirklich weit weg von Suzhou und war die ganze Zeit sicher, dass ich es notfalls auch zu Fuß schaffe. Und damals zumindest war in China Verlass darauf, dass ich irgendwann eine Werkstatt finden würde, sobald ich an eine befahrbare Straße komme. Ne, dies Abenteuer passt nicht in meine Kategorie “Von der Angst unterwegs” 😉 Es war toll, diese Dörfer zu sehen. Und die erstaunten Blicke der Bauersfrauen! Es kommt noch mehr von dieser Sorte. Stay tuned!
      LG
      Ulrike

  • Und wieder ein Ulrike-Abenteuer, das mich hat schmunzeln lassen. Aber auch wenn ich kein Fan von umkehren bin, so ab und an macht es Sinn. 😉

    Wie sprachen die Leute dort? Mandarin, oder Kantonesisch?

    • Wenn ich umgekehrt wäre, wäre mir ein Abenteuer entgangen. Die Leute sprechen dort Shanghai-Dialekt. Mehr wie Mandarin.

      • Danke. Ich habe gelesen, dass dieser Dialekt schwerer zu verstehen sei. Wir machen dann besser Zeichensprache und versuchen es mit Kanji 😉 Aber das haut ja auch nicht immer hin bei den Unterschieden.

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