28.05.1991 Hangzhou – Zu Fuß in den Bergen unterwegs

Und wieder bin ich eine Station weiter. Mit dem Schiff bin ich auf dem Kaiserkanal nach Hangzhou gefahren. Das war gar nicht so spannend, wie es sich anhört. Es war sogar ziemlich langweilig. Die Landschaft ist hier flach und eintönig. Von den Orten sieht man vom Kanal kaum etwas. Das Klo auf dem Schiff war einfach nicht benutzbar. Nach vielen Stunden kam ich endlich in Hangzhou an. Müde, schmutzig und frustriert, denn es regnete auch in Hangzhou. Ich gönnte mir eine Rickscha, die mich zu einem etwas außerhalb gelegenen Hotel brachte. Das war genau das richtige für mich! Ruhig, inmitten alter Bäume und mit Sicht auf den berühmten Westsee. Vor dem Tor die Teeplantagen und eine Bushaltestelle. Ich genoß die Ruhe des Hotels, besichtigte alle wichtigen Sehenswürdigkeiten und hatte bald wieder Lust, mich in der Natur zu bewegen. Lest selbst! Eigentlich wollte ich ja nur die berühmte Drachenquelle besichtigen. Doch dann kam alles ganz anders!

Unterwegs bei Hangzhou

Unterwegs bei Hangzhou

Aus meinem Reisetagebuch:

An einem Tag mache ich mich auf, die von der Stadt wegführende Richtung zu erkunden. Bei verhangenem aber trockenem Wetter gehe ich los. Mehrmals halten Wagen an, um mir eine Mitfahrt anzubieten. Die Fahrer sind immer ganz erstaunt, wenn ich dankend abwinke. So etwas Verrücktes, einfach zu Fuß gehen zu wollen!

Bei der Drachenquelle schaue ich mich nur kurz um. In den Teeplantagen rundum wird einer von Chinas besten Tees angebaut. Viele Ausflügler genießen hier heute ein Picknick und die Natur. An der Straße verkaufen die Einheimischen Tee und auch getrocknete Pilze, die man in den umliegenden Wäldern gesammelt hat. Auf einer Übersichtskarte an einer Kreuzung entdecke ich einen Wanderweg zum Lingyin-Tempel. Mich reizt eine Wanderung über die Berge sehr. Statt zum Hotel zurückzukehren, gehe ich weiter die Straße entlang. Ich komme durch zwei Dörfer. Danach wird die Straße immer schmaler und autolos. Schließlich wird sie zu einem unbefestigten Pfad, der an einem verfallenen Gebäude endet.

Teeplantage bei Hangzhou

Teeplantage bei Hangzhou

Die Schönheit einiger geschnitzter Balken lässt mich vermuten, dass es sich um einen ehemaligen Tempel handelt. Zögernd aber neugierig trete ich durch das Tor, das in den Hof führt. Von der einstigen Haupthalle ist nur noch der Sockel übrig. Der steinerne Altar steht leer und sinnlos in der Mitte des Hofes, wo eine Henne mit ihren Küken nach Futter scharrt. Ein schwarzer Hund erhebt sich knurrend bei meinem Anblick. Ein Greis kommt auf mich zu und bedeutet mir mit einem freundlichen zahnlosen Lächeln, dass ich um den Tempel herumgehen soll und hinten den Weg wiederfinde. Anscheinend ist dies jetzt ein Bauernhof. Ich entschuldige mich auf Chinesisch (soviel kann ich mittlerweile!) für mein Eindringen und mache mich auf die Suche nach dem Weg.

Tatsächlich führt von hier ein Trampelpfad in die Teeplantagen am Hang. Der Weg wird immer steiler. Die geraden Reihen von Teebüschen scheinen bis in den Himmel zu ragen. Trotzdem gehe ich langsam weiter. Oberhalb des Tales stoße ich mitten im Tee auf eine alte Begräbnisstätte mit verfallenen Grabhügeln. Eines dieser Gräber verfügte einst über einen kleinen Tempel. Die Reste von Mauern, eine Treppe, die ins Nichts führt – mehr ist davon nicht übriggeblieben. Alles ist malerisch von Sträuchern und blühenden Blumen überwuchert. Auf einem Stein sonnt sich eine kleine graue Eidechse.

Ich setze mich auf eine niedrige Mauer und erhole mich von dem Aufstieg. Eigentlich scheint hier auf halber Höhe der Weg zu Ende. Aber ich habe keine Lust, umzukehren. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich auf den Bergrücken immer Wege befinden, auf denen man herrlich spazieren gehen kann. Erwartungsvoll mache ich mich an den steilsten Teil des Aufstiegs. Mühsam klettere ich durch die Reihen der Teeplantage nach oben. Natürlich finde ich wie erwartet auf dem Berggrat einen schönen (Wander-)Weg. Ich habe zu allen Seiten einen grandiosen Rundblick auf die Berge mit ausgedehnten Wäldern und Teeplantagen. Überall sind Teepflückerinnen bei ihrer Arbeit. So ein breiter, gutausgetretener Weg muss ja irgendwohin führen! Ich gehe weiter in die Richtung, in der ich Hangzhou vermute.

Ringsum blühen die unterschiedlichsten Bäume, Büsche und Blumen. Schmetterlinge fliegen von Blüte zu Blüte. Alles wirkt frisch und schwer vom Regen der letzten Tage. Vögel zwitschern. Kein Windhauch ist zu spüren. Die Stimmen und das Lachen der Teepflückerinnen sind weithin hörbar. Ich bin wie berauscht von der frischen Luft. Es ist einfach toll, so einen ruhigen und einsamen Ort zu finden mitten im dichtbesiedelten China! Ein Eichhörnchen läuft vor mir an einem Baumstamm hinunter, stutzt, als es mich sieht, und verschwindet schnell im Wald.

Mitten auf dem Berg, an einer Kreuzung, steht ein Wegweiser. Ich überlege, wohin ich gehen soll. Doch keines der Zeichen auf dem Wegweiser sieht wie „Hangzhou“ aus. Auf einem Gipfel in der Nähe lockt ein Pavillon. Also gehe ich in diese Richtung. Wahrscheinlich entferne ich mich jetzt immer weiter von Hangzhou und bin auch sicher nicht mehr auf dem Weg zum Lingyin-Tempel. Doch ich kann mir keine Sorgen darüber machen. Ich bin viel zu begeistert von meiner Wanderung und möchte einfach nur gehen und den Wald genießen. Da der Weg gut ausgebaut ist, liegt die Vermutung nahe, dass sich bald ein Dorf oder eine Sehenswürdigkeit findet. Chinesen laufen nicht gerne lange in der Wildnis herum. Allerdings scheint man sehr damit zu rechnen, dass Ausländer diesen Weg benutzen, denn überall finden sich Hinweisschilder mit der Aufschrift in Englisch: „No smoking – do not lighten fire!“ Nur Wegweiser sind einzig in Chinesisch.

Weiter geht es durch dichten Wald. Ich erfrische mich an dem kristallklaren Wasser einer Quelle. Nun bin ich schon ein paar Stunden unterwegs. Da ich mich überhaupt nicht auf eine solche Wanderung vorbereitet hatte, habe ich nichts zum Essen mit. Mir knurrt der Magen. Doch nun sieht es so aus, als ob ich mich dem Gipfel des höchsten Berges weit und breit nähere. Das bedeutet in China zumindest, dass die Chancen gut stehen, dort einen sogenannten. „Scenic Spot“ zu finden. Damit verbindet sich bei mir auch die Vorstellung von einem Kiosk und einer Teestube. Mit neuem Schwung gehe ich weiter.

Tatsächlich! Als ich nach einer kleinen Steigung den Gipfel erreiche, stehe ich vor den verfallenen Mauern eines alten Tempels. Leider ist von einem Kiosk nicht die Spur zu finden. Aber der Tempel ist bewohnt. Zwei alte Männer haben sich einen Raum als Wohnung eingerichtet. Einer führt mich in die Tempelhalle mit einer Götterstatue, vor der ein paar Räucherstäbchen brennen. Welcher Gott mag das sein? Ich weiß es nicht, vermute aber, dass es sich um jemand aus dem daoistischen Pantheon handelt. Auch ich lege eine kleine Opfergabe auf den Altar, bevor ich weitergehe. Das wird von den beiden Alten mit einem freundlichen Nicken begrüßt. An den Mauern und im Garten des Tempels ist zu erkennen, dass man sich um eine Renovierung der Gebäude bemüht. Vor dem Tor wächst ein prächtiger alter Ginkgobaum. Sein dicker Stamm ist voller Löcher und Höhlen, doch die Äste wirken kräftig und sind dicht bedeckt mit den eigenartigen Blättern des Baumes.

HAN BambusVom Tempel führt ein breiter gepflegter Weg mit etlichen Stufen den Berg hinab. Jetzt begegnen mir auch ein paar chinesische Touristen, junge Pärchen. Eine Gruppe alter Frauen, die sich alle sehr ähnlich sehen, steigt die Stufen hinauf. Sie haben ihr graues Haar zu einem Knoten geschlungen, tragen graue, einfache Blusen und dunkle weite Hosen. Sie wirken merkwürdig altmodisch. Als sie an mir vorbeikommen, erzählen sie mir fröhlich etwas auf Chinesisch. Wie schade, dass ich sie nicht verstehe! Die Stufen werden immer mehr, der Abstieg immer steiler. Nach unzähligen Stufen fangen meine Knie vor lauter Anstrengung an zu zittern. In einem wunderbaren hellen Bambuswald lege ich eine kurze Rast ein. Der Bambus ist sehr hoch, seine dünnen Blätter lassen nur gelblich scheinendes Licht durch. Da es praktisch keine Zweige gibt, kann ich bis auf den Grund des Tales hinab sehen, wo ich eine asphaltierte Straße erkenne.

Bald darauf erreiche ich eine große Tempelanlage, die anscheinend nicht mehr religiös genutzt wird, aber endlich alles bietet, was eine chinesische Sehenswürdigkeit ausmacht: Kiosk, Souvenirladen, Restaurant und öffentliche Toiletten. Ich mache von allem ausgiebig Gebrauch. Gestärkt und erholt suche ich nach einer Bushaltestelle, die ich auf dem Platz vor der Anlage finde. Es gibt sogar ein kleines Wartehäuschen mit Bänken. Ich habe keine Ahnung, wann der nächste Bus fährt und ob der nach Hangzhou fährt. Ich frage einen Mann, der anscheinend auch auf einen Bus wartet: „Hangzhou?“ Er nickt. Ich setze mich auf eine Bank.

Nach und nach kommen auch die alten Damen von ihrem Ausflug zurück. Ihnen ist gar nicht anzusehen, dass sie gerade den steilen Aufstieg und die vielen Stufen hinter sich gebracht haben. Sie setzen sich auf die Bänke mir gegenüber. Eine mutige Frau hockt sich neben mich. Ich beobachte sie lächelnd, denn ich merke, dass sie über mich reden. Schließlich traut sich eine von ihnen, mich anzusprechen. Obwohl ich ihre Sprache nicht verstehe, erkenne ich an ihren Gebärden, dass sie mich nach meinem Alter fragen und ob ich Kinder habe. Dass ich verheiratet bin, setzen sie als selbstverständlich voraus. Ich schreibe mein Alter auf einen Zettel. 35 Jahre alt und keine Kinder! Mitleidig werde ich angeschaut. Eine traut sich nun, mich an meinem Oberarm anzufassen: sie braucht beide Hände, um ihn zu umfassen. Mit kleinem Finger und Daumen greift sie mein Rückrat ab: sooo groß! Aufgeregt und lachend reden sie miteinander. Diesmal verstehe ich sie ganz genau: „Wie kann ein Mensch nur so groß und dick sein?!“ Ich komme mir vor wie Gulliver bei den Liliputanern und lasse alles lächelnd über mich ergehen. Die Damen sind meiner Meinung nach auch für chinesische Verhältnisse recht klein. Dick zu sein, ist übrigens in China etwas sehr positives. Es heißt, dass ein dicker Mensch gesund, reich und glücklich ist. Deshalb nehme ich die Bewunderung der chinesischen Ladies auch für das, was es ist: ein großes Kompliment.

Anderthalb Stunden dauert es, bis endlich ein Bus kommt, der in die Richtung von Hangzhou fährt. Ich muss zweimal umsteigen, bevor ich zurück in meinem Hotel bin. Das war ein langer, aber vor allem sehr, sehr schöner Ausflug. Den Lingyin-Tempel habe ich nicht gesehen, der liegt in genau der entgegengesetzten Richtung.

Am nächsten Morgen habe ich einen heftigen Muskelkater durch die ungewohnten Anstrengungen von gestern. Ich brauche eine Weile, bevor ich aufstehe. Als ich endlich hinunter zur Rezeption gehe, um eine weitere Nacht zu bezahlen, steht plötzlich Olaf vor mir. Der Mann verfolgt mich ja richtig! Ich freue mich sehr über das Wiedersehen. Auf diese Weise habe ich auch jemanden, der mit mir die restlichen Besichtigungen mitmacht. Wir gehen zum Lingyin-Tempel, der ein großer, alter tätiger Buddhistischer Tempel ist. Dabei erzähle ich ihm von meinem Ausflug durch den Wald. Er ist ganz begeistert und möchte von mir genau wissen, wie man dorthin kommt. Zurück im Zimmer muss ich auch noch einem Australier, der das Bett am Fenster inne hat, meine Wanderung schildern. Olaf und Mark beschließen, übermorgen den gleichen Ausflug zu machen.

In der Zwischenzeit lege ich mich für einen Tag ins Bett. Ich habe Durchfall, so dass ich es für zweckmäßig halte, mich nicht allzu weit von meiner Toilette zu entfernen. Abends lerne ich einen amerikanischen Privatdetektiv kennen. Mit Olaf zusammen sitzen wir lange auf dem Zimmer und Eric erzählt immer neue Mordgeschichten. Er selbst beschäftigt sich beruflich eher mit Kunstraub und Antiquitätenfälschungen. Dadurch ist er nach China gekommen. Es ist schon komisch, hier mitten in China zu sitzen und über amerikanische Massenmörder zu diskutieren. Mir wird ganz gruselig.

An dem Morgen, als Olaf und Mark zur Wanderung aufbrechen wollen, lasse ich mich dazu überreden, ihnen wenigstens den Anfang des Weges auf die Berge zu zeigen. Mir geht es im Grunde noch nicht besser, aber ich gehe mit. Als wir dann den Aufstieg durch die Teeplantagen erreichen, wollen die beiden Jungs, dass ich mitkomme. Die Aussicht, alleine zurückzugehen, ist nicht sehr verlockend. Also mache ich mich an die mühsame Kletterpartie durch die Teebüsche. Als ich den Aufstieg geschafft habe, bin ich ganz froh, dass ich mitgehe. Auf diese Weise kann ich die Wanderung genießen, ohne mir Gedanken machen zu müssen, wo ich hingehe und wie ich zurückkomme, denn das weiß ich ja alles schon.

Nachtrag: Ich habe mich bemüht, herauszufinden, welchen Tempel ich damals gefunden habe. Als ich dort war, gab kein Reiseführer oder Stadtplan darüber Auskunft. Wahrscheinlich bin ich gar nicht so weit gelaufen, wie ich gedacht habe. Die Gegend rund um Hangzhou scheint sich heute sehr verändert zu haben, wie mir ein Blick auf Google-Maps gezeigt hat. Das Hotel, in dem ich damals gewohnt habe, war das Zhejiang-Hotel. Heute ist dies ziemlich vornehm, damals gab es preiswerte Dreibettzimmer für uns Backpacker.

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 21.05.1991 Suzhou: mit dem Fahrrad auf Abwegen

Zur nächsten Etappe: Shanghai -.eine Kirche und die Kulturrevolution

Mehr über Hangzhou, wie es jetzt ist: Hangzhou – eine schöne und interessante Stadt

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