Rainy Season in Madagaskar 1997

Ich bin ja nicht immer nur nach Asien gereist. 1997 nahm ich die Gelegenheit wahr, einen Freund in Madagaskar zu besuchen, der dort ein Praktikum beim Goethe-Institut absolvierte. Nur eine Woche und das ausgerechnet im Februar, dem Höhepunkt der Regenzeit! Während der Regenzeit zu reisen war mir nicht unbedingt fremd, war ich schließlich schon mal im September in Irland gewesen, wo es dann drei Wochen lang geregnet hatte. Wer meinen Reisebericht von meiner Großen Asienreise 1991/1992 verfolgt, wird sicherlich auch meine Berichte vom Sommer 1991 lesen: Japan und Südkorea während der Regenzeit. Ach, aber wenn ich an diese Reisen zurück denke, dann denke ich: “Es hat doch gar nicht sooo viel geregnet!” Es gab immer auch viel Sonnenschein, besonders auf Madagaskar und ich habe nie auch nur einen Tag im Hotel verbracht, weil ich den Regen scheute. Lest heute eine kurze Zusammenfassung meiner Woche auf Madagaskar:

Müde vom langen Flug stehe ich am Einreiseschalter des Internationalen Flughafens von Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars. Beim Warten auf die Erteilung meines Visums bekomme ich gleich einen Eindruck von der Vielfalt der Madegassen: Frauen im indischen Sari stehen genauso hier wie Männer im wallenden arabischen Gewand. Am meisten beeindruckt mich das strahlende Lachen aus den vielen dunklen Gesichtern. Jeder scheint gutgelaunt, kein Mensch ärgert sich über das lange Warten – außer zwei deutschen Mädchen, die sich versehentlich am Schalter für Leute ohne Visum angestellt haben, obwohl sie bereits ein Visum haben. Sie wollen weiter zur Insel Nosy Be und haben Angst, den Anschluss zu versäumen.

Madagaskar: Ein Gewitter zieht über Tana auf

Madagaskar: Ein Gewitter zieht über Tana auf

Bald schon sitze ich im Taxi in die Stadt, die alle liebevoll nur „Tana“ nennen. Die Landschaft wirkt vertraut auf mich: wie in Asien endlose leuchtendgrüne Reisfelder in roter Erde. Tana dehnt sich mit vielen, vielen Häusern über etliche Hügel aus.. Ich habe mir ein Zimmer in einem kleinen Hotel in der Haute Ville, der Oberstadt, reserviert. Das bedeutet, dass ich jeden Tag etliche Male die endlosen Treppen zum Zentrum und dem belebten Markt, der Zoma, rauf- und runtersteige. Manche von den alten klapprigen Taxis schaffen den Anstieg nicht. Nach  jedem Ausflug habe ich Mühe ein Taxi zu finden, das mich zurück bringt. Dabei bin ich regelmäßig doch sehr erschöpft vom Rumlaufen und der Hitze!

Aber das alles kann mich natürlich nicht davon abhalten, mir die Sehenswürdigkeiten der Stadt anzusehen. Nur abends entferne ich mich nicht weit vom Hotel, denn nach 8:00 Uhr abends tummeln sich wilde Hunde auf den Straßen, die mich böse anknurren. Kann auch sein, dass manch einer der mageren Geschöpfe Tollwut hat.  Man warnt mich auch immer wieder vor Dieben und Räubern. Gesehen habe ich keine. Tagsüber wandere ich durch die engen, steilen Straßen von Tana. Immer wieder geht ein heftiger kurzer Schauer nieder. Dann stehen die Straßen stellenweise unter Wasser. Doch gleich scheint die Sonne wieder und das Wasser trocknet im Nu. Oberhalb der Großen Treppe zum Zoma liegt das „Buffet du Jardin“, in dem sich besonders die Westler zum Frühstück treffen oder am Nachmittag bei einer Tasse Kaffee die Zeitung lesen. Fliegende Händler belagern das Cafe und bieten Gewürze und Spielzeug aus Blech an. Irgendwie scheint die Luft in Tana über all den Autoabgasen immer ein wenig nach Zimt und Nelken zu duften.

Handgearbeitete Blechautos als Souvenir

Handgearbeitete Blechautos als Souvenir

Mich beeindrucken am meisten die kleinen Blechautos, „Enten“ aus Dosen gefertigt – ein tolles Souvenir.

Zu Fuß gehe ich an einem Tag zum Botanischen Garten, nach dem Lärm und den dichten Abgasen der Stadt ein Hort der Ruhe. In einem idyllischen Tal sind entlang eines gluckernden Baches Gehege für die typischen Tiere Madagaskars gebaut. Auf einigen Inseln in einem Teich tummeln sich verschiedene Arten von Lemuren, nebenan sonnt sich ein Krokodil und einige Meter weiter grasen 3 riesige Schildkröten. Dazwischen stehen Häuser aus ganz Madagaskar wie in einem Freilichtmuseum umgeben von einheimischen Pflanzen. Wer hätte gedacht, dass der Christusdorn von hier stammt??! Ganz Madagaskar findet sich hier auf engstem Raum: Urwald, Wüste, Hochland und Küste. Das ist für mich ganz praktisch, denn ich habe nur eine Woche Zeit. Ganz frei und ohne Zaun kann man in Tana überall weiße Reiher sehen. Ich habe sogar das Glück, am Bach einen schillernden Eisvogel beobachten zu können.

Leider habe ich nicht genug Zeit, in die Urwaldgebiete von Perinet oder Isalo zu fahren. Nachdem ich mich mit Dieter, einem deutschen Reiseleiter in Tana, besprochen habe, entschließe ich mich, einen Ausflug nach Ampefy zu machen. Das soll ein recht touristischer Ort sein mit  zwei Hotels und einem schönen Wasserfall. Dieter fährt mit, denn mein Französisch ist kaum vorhanden und die Busstation und der Wasserfall schwer zu finden. Wir nehmen ein Taxi Brousse, ein Sammeltaxi. Von Ausländern wird erwartet, dass pro Person zwei Sitzplätze bezahlt werden. Das ist auch ratsam, denn normalerweise drängen sich zwei Einheimische auf einem Platz. Die Fahrt führt durch das Hochland, durch Wald und entlang terrassierter Berghänge, auf denen vor allem Reis und Maniok angebaut wird.

Unterwegs

Unterwegs

Die Häuser in den Dörfern sind aus dem roten Lehm gebaut und mit Stroh bedeckt. Herden von kleinen Zebu-Rindern weiden am Rand der Straße. Dieter erzählt von den abenteuerlichen Fahrradtouren, die er hier begleitet hat. Mit Mountainbikes kommt man fast überallhin. Als wir in Ampefy sind, bin ich ein wenig enttäuscht: von wegen touristisch! Entlang der einzigen schlammigen Dorfstraße reihen sich ein paar Häuser und spiegeln sich in den Pfützen vom letzten Schauer. Kinder stehen am Rand und lachen uns an. Eine Schar Gänse watschelt gemütlich vor dem Auto davon.

Wir übernachten in einem Hotel, das direkt an einem See liegt. Von der Terrasse aus haben wir einen wunderschönen Blick auf die Landschaft mit Wäldern und einem kleinen Wasserfall. Das Essen ist gut. Es gibt viel Fisch, dazu ein Gemüse, das wie Spinat aussieht und aus gekochten Maniokblättern besteht und natürlich Reis. In dem See soll es übrigens vor ein paar Jahren noch Krokodile gegeben haben.

Ich am Wasserfall

Ich am Wasserfall

Am nächsten Morgen brechen wir zu unserer Wanderung zum Chutes de La Lily, dem Wasserfall, auf.  Zwei Stunden gehen wir über aufgeweichte Feldwege. Ohne Dieter hätte ich den Weg sicher nicht gefunden. Mais- und Maniokfelder. Bunte Schmetterlinge tanzen um uns herum. Chamäleons und Eidechsen sind die einzigen wilden Tiere, die wir zu Gesicht bekommen. Am Wasserfall machen wir ein Picknick mit leckeren Tomaten und Bananen, die wir uns auf dem Markt von Ampefy gekauft hatten. Dazu gibt es frisches Baguette, das dankenswerterweise die Franzosen in Madagaskar eingeführt haben. Ich genieße die feuchte, tropische Luft und den Sonnenschein. Wir schaffen es, gerade noch vor dem nächsten Regenschauer im Hotel zu sein.

Auch die Rückfahrt am nächsten Tag findet bei strömenden Regen statt. Doch als wir in Tana ankommen, scheint  wieder die Sonne. Deshalb beschließe ich, den letzten Tag für einen Fahrradausflug in die Umgebung zu nutzen. Mein Freund kommt mit. Mit dem Bus fahren wir zu einem der Vororte, wo Helmut, ein Deutscher, der mit einer Madegassin verheiratet ist, ein kleines Hotel hat. Er vermietet uns zwei Mountainbikes und begleitet uns auch einen Teil der Strecke. Ampefi KinderDie Wege, die wir fahren, bestehen hauptsächlich aus Schlaglöchern, die die anfangs nur gelegentlich auftretenden Schauer füllen. Der Regen ist angenehm warm und wir fahren unverdrossen weiter. Rote Dörfer, immer mit einer europäisch anmutenden Kirche im Zentrum, wechseln sich mit  grünen Feldern ab.  An den kleinen Läden am Wegesrand versorgen wir uns mit köstlichen Bananen und kleinen Maniokkuchen. Immer, wenn wir Halt machen, scharen sich die Kinder um uns und staunen uns mit großen dunklen Augen an. Von allen Seiten tönt uns ein fröhliches „Bonjour!“ entgegen. Nach und nach verdichtet sich der Regen, bis wir durch einen wahren Wolkenbruch fahren. Anhalten und sich unterstellen ist jetzt nicht mehr ratsam, denn es wird langsam dunkel. Die Madagassen staunen, wenn sie uns vorbeifahren sehen. Sie stehen alle im Trockenen unter den schmalen Vordächern der kleinen Läden. Endlich sind wir wieder bei Helmut und geben unsere Fahrräder ab. Wir sind bis auf die Haut nass, als hätten wir mit unseren Klamotten gebadet. Helmut hat das vorausgesehen und erwartet uns mit einem Glas Rum. Das tut gut!Ampefi Teehütte

Es ist 7 Uhr abends und dunkle Nacht. Alle wollen nach Tana zurück. An der Bushaltestelle warten viele Menschen dicht gedrängt im Regen. Als der Bus kommt, werden wir abgedrängt und schaffen es leider nicht, mitzukommen. Irgendwer meint, das wäre der letzte Bus nach Tana gewesen. Die vorbeifahrenden Taxis sind alle besetzt. Nach einer Stunde hält endlich doch ein Bus an, wir steigen ein. Die Leute sind sehr nett zu uns und machen uns tatsächlich noch zwei Sitzplätze frei. Alle sind sie müde und nass aber sie lachen und einige singen auf der Heimfahrt. So gefällt mir das Reisen.

Am nächsten Morgen packe ich meine Tasche mit den noch immer nassen Hosen und T-Shirts. Mit dem Taxi fahre ich zu dem weit außerhalb liegenden Flughafen. Beim Check In zeige ich mein völlig durchweichtes Ticket vor und meinen nassen Pass. Die Dame am Schalter nimmt mit spitzen Fingern mein Ticket und runzelt die Stirn. „It’s rainy season in Madagaskar!“ sage ich mit einem Grinsen. Sie lacht und dann kann ich in die Wartehalle durchgehen. Dort treffe ich die beiden Mädchen wieder, die nach Nosy Be gefahren sind. Sie schwärmen in höchsten Tönen von den einsamen Stränden und den guten Tauchgründen. Dort hat es immer nur nachts geregnet…

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