Indiens Frauen

Nachdem jemand in Kommentaren zu Artikeln über die Vergewaltigungen in Indien von Zeitonline mehrfach den Link zu meinem Beitrag „Als Frau alleine durch Indien“ erwähnt hat, fühle ich mich angeregt zu einem weiteren Artikel. Danke übrigens für die enormen Klickzahlen, die durch die Kommentare über mich hereinbrechen!

Indien polarisiert. Schon bald nachdem ich aus Indien zurück in Deutschland war und über meine Erfahrungen berichtete, stellte ich fest, dass es auf der einen Seite die Menschen, vor allem Frauen, gab, die Indien in spirituelle Höhen hoben und keine Kritik zulassen wollten, und dann die anderen, die Indien einfach nur schrecklich fanden. Ich fühlte mich immer irgendwie dazwischen.

Da klang mir in schwärmerischen Tönen entgegen: „Indien! So ein tolles Land, wo es heilige Männer gibt, die den Weg vor sich mit einem Besen fegen, damit sie nicht auf Ameisen oder Käfer treten! Und dort werden Tiere so verehrt, dass sie gar heilig sind!“ Diesen Frauen wollte ich gerne zurufen: „Habt Ihr die armen Heiligen Kühe gesehen, die abgemagert im Dreck am Straßenrand stehen und Plastik fressen, weil sie nichts anderes bekommen? Die Inder lassen ihre Städte von wilden Affenhorden verwüsten, aber knallen die Tiger ab und geben ihrer grandiosen Fauna kaum Lebensraum! Ist das Tierliebe?“ Aber nein, das durfte ich nicht einmal ansatzweise sagen. Bei all dem idealisierten Indien mögen manche Menschen der Realität nicht in die Augen schauen. Immer, wenn ich auf meine Erfahrungen in Indien zu sprechen kam, wurde ich unterbrochen und niedergeredet, sobald diese Erfahrungen und Eindrücke „zu“ negativ waren. Ja, eine Frau kündigte mir die Freundschaft daraufhin. Aber ich frage mich noch heute, wie es sein kann, dass Reisende in Indien die Spannungen nicht bemerken, die in kleinen Begebenheiten zutage treten. Die an all dem Elend und der Armut vorbei gehen und nur das Heilige, Spirituelle in Indien sehen. Ich verstehe es nicht.

Internationaler Frauentag in Delhi 1992: auch Männer solidarisieren sich mit den Frauen

Internationaler Frauentag in Delhi 1992: auch Männer solidarisieren sich mit den Frauen

Ich habe schon auf meiner Großen Reise 1992 die Spannungen gespürt, die in Indien zwischen Mann und Frau herrschen. Die weinende Frau auf dem kleinen Polizeirevier, die warten musste, weil man erstmal mir einen Tee servieren wollte. Oh, und der Blick des Polizeichefs, als ich der Frau meinen Tee weiter reichte und ihr sanft über die Hand strich!

Oder diese Begebenheit im überfüllten Zug nach Bhopal. Ich hatte einen Sitzplatz in einem Abteil ergattert. Der Zug wurde immer voller. Auf dem Gang drängten sich die Menschen. Darunter war eine junge Mutter, Baby auf dem Arm, Kleinkind auf der Hüfte und ein4-5jähriges Mädchen am Rockzipfel. Das kleine Mädchen schlief fast im Stehen. Auch die Frau schien sich kaum noch aufrecht halten zu können. Schließlich konnte ich das nicht mehr mit ansehen. Obwohl es noch zwei Stunden bis Bhopal waren, stand ich auf und bot der jungen Frau meinen Sitzplatz an. Während die alte, schmuckbehangene Frau gegenüber anscheinend protestierte, schirmte ich den Weg ab, damit die Mutter mit ihren Kindern Platz nehmen konnte. Die war offensichtlich froh über die Möglichkeit, sich ein wenig auszuruhen. Ich stand nun mehr als eine Stunde, bis sie ausstieg, zwischen ihr und der alten Frau, die weiterhin vor sich hin zeterte. Es mag ja sein, dass ich hier gegen alle möglichen Regeln, Sitten und Anschauungen verstoßen hatte. Aber dass die Inder(innen) untereinander wenig Empathie empfinden, fiel mir auch bei anderen Gelegenheiten auf.

Schon damals fragte ich mich, warum das so ist. Liegt es an diesem unerträglichen Kastensystem, das Menschen qua Geburt zu Untermenschen macht?

Ein anderes Thema, auf das ich in Indien damals mehrfach stieß, waren die sog. Mitgiftmorde. Kam eine frisch angetraute Frau nicht mit genügend Mitgift, also Geld und Wertgegenständen, rüber, wurde sie kurzerhand vom Ehemann und/oder der Schwiegermutter mit Benzin oder Säure übergossen. Manch eine Frau überlebt dies schrecklich entstellt. Diese Mitgiftmorde wurden auch in Deutschland diskutiert. Aber hat sich etwas geändert?

Ich habe damals gedacht, dass, wenn es weniger Frauen als Männer gibt, es sich irgendwann umkehren wird. Dass die Männer hohe Summen bezahlen, um eine Frau zu bekommen. Entsetzlicherweise scheint das nicht die Entwicklung zu sein, die die indischen Männer genommen haben: Wenn man etwas nicht auf friedliche Weise kriegt, dann nimmt man es sich. Wie schrecklich!

Deshalb ist es wichtig, dass diese Vergewaltigungen immer wieder veröffentlicht werden!  Sicherlich, die Frauen Indiens müssen vor allem selbst auf die Barrikaden gehen. Doch auch das gab es schon vor 20 Jahren. Nur die Möglichkeit, solche Verbrechen per Internet anzuprangern und die Kunde davon schnell in alle Welt zu verbreiten, die gab es damals noch nicht in diesem Maß wie heute.
Die Frauen Indiens brauchen unsere Unterstützung und Solidarität!

Lest dazu unbedingt auch “Indiens verdrängte Wahrheit!” von Georg Blume und Christoph Hein.

18 Kommentare

  • Pingback: Als Frau alleine durch Indien?

  • Pingback: 09.02. – 18.02.92 Indien – ich komme! - Bambooblog Hamburg

  • Pingback: “Indiens verdrängte Wahrheit” Georg Blume, Christoph Hein | bambooblog hamburg

  • Ich kenne das Land zwar nicht aus erster Hand, aber von dem, was ich weiß, stimme ich dir voll und ganz zu. So ein zwiespältiges Land, so viel Schönheit, so viel Elend…

  • Es geht hier ganz klar um die Macht der Männer genau gleich wie in Europa vor 100 Jahren als in Europa die Hexen verbrannt wurden – es ist die Angst der Männer – man müsste jetzt in Indien und China auch die hälfte der Männer umbringen (nicht ganz ernst gemeint ) um wieder ein Gleichgewicht zu erhalten. Die Inder und die Chinesischen Männer brauchen starke Mütter. Die Kleinkredite werden vorallem an Frauen abgegeben, das stärkt die Frauen. Es brauchte auch in Europa lange bis die Frauen sich wehrten – erst wenn sich die Indischen Frauen wehren, wird sich einiges ändern.
    Liebe Grüsse zentao

    • Das ist richtig. Doch so einfach lässt sich die Situation in China nicht mit der in Indien vergleichen. China hat kein Kastensystem und Chinas Frauen sind sehr stark. Hoffen wir, dass die Frauen in Indien bald stärker werden!
      LG
      Ulrike

  • wegen der gründe, die du angesprochen hast, könnte ich nicht nach indien, um dort urlaub zu machen. es mag schöne und faszinierende seiten geben, aber menschlich stimmt für mich in diesem land einfach garnichts. das kann ich zwar nur aus der ferne beurteilen nicht aus eigener erfahrung, nur durch hören sagen und berichte. aber es reicht mir um zu sagen, indien steht auf meiner reisewunschliste ganz hinten. 🙁

  • Monika

    Mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen. Davon glaube ich sehr viel, aber wahrlich nicht alles. Z.B. dass alle indischen Männer so sind, wie sie von Ihnen dargestellt werden. Die Schwierigkeit für indische Männer eine Frau zwischen Tradition und Moderne zu finden ist groß. Und trotzdem: Nicht jeder junge indische Mann würde einer Frau Gewalt antun oder sie gar vergewaltigen. Vielmehr habe ich durch persönlichen Kontakt zu einem jungen Inder die Erfahrung gemacht, dass manche gerne eine Frau hätten, die sie auf Händen tragen würden, würden sie nur von ihnen geliebt. Die Sehnsucht nach ehrlicher Liebe ist offensichtlich groß aber oft nicht zu stillen. Mein indischer Freund jedenfalls verabscheut Gewalt und würde so etwas niemals tun. Dafür würde ich meine Hand ins Feuer Legen.
    LG Monika

    • Liebe Monika,
      ich stimme Ihnen zu. Nicht alle Männer in Indien sind sexbesessen und stellen Frauen nach. Nur nach einigen schlechten Erfahrungen ist es mir in Indien immer schwere gefallen, die “guten” von den “schlechten” zu unterscheiden. Aber die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer, als wir uns das vorstellen können. Da sollten Sie das Buch von Georg Blume “Indiens verdrängte Wahrheit” lesen. Rezension folgt.
      LG
      Ulrike

  • Ich finde es ganz furchtbar wie mit den Frauen dort umgegangen wird. Laße keine Gelegenheit aus und unterschreibe Petitionen und poste in fb usw… Ich selber wollte niemals in das Land, es ist mir mit seinem Kastenwesen einfach nicht sympathisch… (und der BagWAHN mit alle seinen Anhängern ist mir vollkommen fremd ).
    LG, Petra

    • Ja, und es alles noch viel schlimmer, als wir es uns vorstellen können! Siehe Georg Blume “Indiens verdrängte Wahrheit” Rezension folgt.
      LG Ulrike

      • Ich hab es nie verstanden, was da so verklärt wurde.. damals “pilgerten” ja so viele nach Indien um ihr Seelenheil zu finden.
        Bin schon gespannt auf die Rezension.
        LG, Petra

  • Es ist gut und wichtig, die Schattenseiten solcher Länder zu zeigen. Wem das nicht passt, der soll sich trollen. Solche Menschen brauchst du nicht. Wenn ich von Vergewaltigungen in Indien lese, werde ich regelmäßig zornig. Schade, dass den Frauen dort offenbar keine Selbstverteidigung beigebracht wird. Das würde das Problem nicht ändern, aber offener Widerstand ist immer gut.

    Ein anderes Beispiel von positiver Berichterstattung und einseitiger Sichtweise ist Japan. Japan ist ein tolles Land, aber dort ist nicht alles Gold was glänzt. So gibt es dort noch immer die Todesstrafe. Meine Eltern kritisieren das ganz offen, auch den Walfang. Dem stimme ich zu. Und ich darf das. Ich bin dort geboren und eben immer noch ein Stück “Japanerin.” Auch, wenn ich so deutsch bin, wie jeder andere in diesem Land 😀

    • Danke! Ich habe jetzt ein neues Buch entdeckt: “Indiens verdrängte Wahrheit” von Georg Blume. Der findet harte Worte über die Zustände in Indien. Sobald ich es fertig gelesen habe, schreibe ich eine Rezension.
      Der hat all die Erfahrung, die Argumente, die mir manchmal fehlen. Ich bin zu harmoniesüchtig. 😉

  • Pingback: Als Frau alleine durch Indien? | bambooblog hamburg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.