Von der Angst unterwegs – Tiger!

Gefährliche Tiere gibt es (fast) überall. Aber selbst in der Wildnis Südostasiens begegnet man ihnen eher selten. Man muss schon auf Safari gehen und sich tagelang auf die Lauer legen, um einen Tiger zu sehen. Dann hat man auch meistens einen einheimischen erfahrenen Führer dabei, der einen hoffentlich vor Schlimmem bewahrt.

Aber alleine die Vorstellung, dass ich mich in einem Gebiet befand, wo es Tiger gibt, ließ mir kalte Schauer der Angst den Rücken runterlaufen.

Dies Foto hat mir freundlicherweise Thomas vom Blog Reise-Fotografie.de zur Verfügung gestellt.

Dies Foto hat mir freundlicherweise Thomas vom Blog Reisen-Fotografie.de zur Verfügung gestellt.

Tiger 1

1989 war ich mal nicht nach China, sondern nach Thailand gereist. Vier Wochen Sonne, Strand, Tempel und wilde Natur. Für letzteres hatte ich zunächst eine kleine Trekking-Tour durch die Berge Nordthailands gemacht und war dann zu dem Schluss gekommen, dass Neugier und Zeit ausreichten, um einen kleinen Ausflug zum Khao Yai Nationalpark zu machen. Dort gibt es wilde Elefanten und Tiger (!). Nichtsdestotrotz gab es dort auch eine Jugendherberge (Lodge, Unterkunft) mitten im Wald. Diese bestand aus zwei großen Plattformen, die zu einer Seite hin offen waren. Auf dem Platz in der Mitte konnte man Lagerfeuer machen. Dazu gab es offene Waschstellen und ein paar Plumpsklos. Ich hatte unterwegs einen Amerikaner als Kameraden gewonnen. Der wollte dort übernachten. Und die Tiger? Er war total sorglos: Die würden schon nicht ans Lager kommen. Und die Elefanten? Die auch nicht!

Wir streiften den ganzen Tag durch den Urwald, kletterten über hohe Brettwurzeln, balanzierten von Stein zu Stein über glasklare Bäche. Wir sahen keine wilden Tiere außer vielen Vögeln und Schmetterlingen. Einmal flutschte eine Schlange vor uns davon. Es war ein herrlicher Tag im wilden Urwald! Abends wurde es schnell dunkel. Wir breiteten unsere Schlafsäcke auf der einen Plattform aus. Eine Handvoll Backpacker baute sich ein paar Meter weiter ein Lager. Eine einzelne Glühbirne leuchtete und lockte für meinen Geschmack viel zu viele Mücken und Insekten an. Es summte und brummte. Ich lag auf der dünnen Matte, hatte mein Badetuch als Decke über mich gebreitet. Es war warm, fast zu warm zum schlafen. Draußen im dunklen Dschungel knackte und rauschte es. Manchmal schrie ein Vogel oder ein anderes Tier. Jedes etwas lautere Geräusch ließ mich aufschrecken.Tiger? Elefanten? Der Amerikaner lachte sich kaputt, als ich ihm meine Sorgen mitteilte. Ich verbrachte eine ziemlich unruhige Nacht. Tiger oder Elefanten habe ich jedenfalls nicht erlebt.

Tiger 2

Der Chitwan Nationalpark in Nepal, eine sumpfige Landschaft an der Grenze zu Indien, ist berühmt für seinen Tierreichtum. Nashörner, Bären, Antilopen, Affen, Gaviale (eine Art Krokodil) und natürlich Tiger gibt es dort. 1992 bin ich im Laufe meiner Großen Asienreise auch zum Chitwan Nationalpark gereist, nicht weil ich Tiger sehen wollte, aber weil mich die wilde Natur reizte. Einen großen Nationalpark mit seinen Tieren zu erleben, der den berühmten Parks in Afrika in nichts nachsteht: Ja, das war ein besonderes Highlight!

Ich hatte ein nettes Zimmer in einer Lodge beim Eingang zum Nationalpark. Mit Veranda! In dem Gästebuch konnte ich nachlesen, dass die Gäste schon viele Tiere hier gesehen hatten. Ich traf eine Familie, die Vögel beobachten wollte, und mir viel über die seltenen Arten erzählte, die es hier zu sehen gab.

Nach einem Tag der Ruhe engagierte ich einen einheimischen Ranger, der mir einen Tag lang zu Fuß die Tiere zeigen sollte. Ajit war klein, drahtig und sehr freundlich. Er lächelte die meiste Zeit, erklärte mir zunächst einige Vorsichtsmaßnahmen, die sich vor allem auf die Nashörner bezogen. Diese seien viel gefährlicher als die Tiger, denn den Rhinos begegne man öfter und sie seien sehr aggressiv. Frühmorgens gingen wir los. Die Sonne schien. Es war angenehm warm, ein wenig feucht, aber gut zu laufen. Auf einem Trampelpfad gingen wir am Fluss entlang. Ajit machte mich auf die Vögel aufmerksam und deutete auf einen Gavial, ein schmales Krokodil, der auf der anderen Seite des Flusses in der Sonne döste. War das alles aufregend! Hohes Gras wuchs überall und schränkte die Sicht ein. Hier an dieser Stelle des Chitwan Nationalparks glich die Landschaft einer Savanne mit Elefantengras, einigen Büschen und wenigen Bäumen.

Tiger!

Tiger!

Ajit ging immer ein paar Schritte vor mir auf dem schmalen Pfad. Da! Er blieb stehen und deutete aufgeregt auf etwas im Sand: Der Abdruck einer Tigertatze! Riesengroß! Ganz deutlich zu erkennen! „Pscht!“ Ajit schaute sich vorsichtig um: „Tiger was here! Just a few minutes ago! Drinking water from river!” Ich starrte ihn ungläubig an. Vor kurzer Zeit sollte der Tiger hier am Ufer getrunken haben? Mir wurde etwas unheimlich. „No problem!“ meinte Ajit und winkte mich mit einem Lächeln weiter. Natürlich waren nun alle meine Sinne geschärft. In dem hohen Gras hatte ich keinen Überblick. Ich ging vorsichtig weiter. Da! Ein wildes Schnauben, schwere Schritte hinter mir! Ich machte aus dem Stand heraus einen gewaltigen Satz und sprang Ajit fast in die Arme. Erst dann drehte ich mich um. Was sah ich dort wenige Meter hinter mir? Nein, keinen Tiger. Auf einem zahmen Elefanten ritt ein Einheimischer unter einem Sonnenschirm. Der Anblick konnte nicht friedlicher sein! Ajit hörte gar nicht mehr auf zu lachen, als er merkte, dass ich den Elefanten für einen Tiger gehalten hatte. Ich brauchte eine Weile, bis mein Puls sich wieder beruhigt hatte und ich auch lachen konnte.

Übrigens: Von meiner nicht ganz ungefährlichen Begegnung mit einem Nashorn-Bullen werde ich später noch erzählen

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