18.06.1991: Kyoto bis Nara: Verwirrende Tage

Das Reisen in Japan wird für mich zusehends anstrengender. Zwei Dinge bestimmen mein Leben und Reisen jetzt: Geld und die Jugendherbergen. Japan ist sehr viel teurer als gedacht. Ich stehe zwar immer noch am Anfang meiner Großen Reise und könnte üppiger leben, aber je mehr ich jetzt ausgebe desto kürzer wird meine Gesamtreise. Immer wieder sitze ich da, rechne hin und her. Kann ich mir dies leisten? Oder jenes? Das schöne Hotel in Nara? Das einzigartige Kräutermenü in Takayama? Den Eintritt in diesen Tempel oder das Museum? Gerade letzteres macht mir Probleme. Ich werde automatisch großzügiger. Denn auf die Tempel und Museen kann ich nicht verzichten. Unterwegs treffe ich eine Schwedin, die aus Kostengründen fast nur noch rohe Sojabohnensprösslinge isst. Nein, so kann und will ich nicht reisen! Die japanische Küche ist spannend mit all ihren Sushi und wunderbar angerichteten Spezialitäten. Das muss ich doch probieren, oder?!!

Kyoto (2)Also übernachte ich weiter in den Jugendherbergen, die andererseits zu meinem Elend beitragen. Denn unerbittlich wird man um 9:00 Uhr vor die Tür gesetzt. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als stundenlang unterwegs zu sein. Denn eine längere Pause in einem Cafe kann ich mir nicht leisten. Ich fühle mich getrieben, auch weil meine Zeit in Japan begrenzt ist. Vier Wochen ist das Äusserste, was ich mir leisten will. Also gibt es keine Pause, weiter geht’s!

Ich besichtige in dieser relativ kurzen Zeit unglaublich viele Tempel, Paläste und Museen, auf die ich auf meinem Blog aber nur kurz, wenn überhaupt, eingehen werde. Lieber beschreibe ich meine allgemeinen Reiseerfahrungen und Erlebnisse.

Aus meinem Reisetagebuch:

Da ich es mir nicht leisten kann, lange in Cafés rumzuhängen, und die Jugendherberge tagsüber zu ist, laufe ich ohne Ende von einem Tempel zum anderen. Kyoto ist voll davon. Der Eintritt zu den Shinto-Schreinen ist kostenlos, bei den buddhistischen Tempeln muss ich zahlen.

Tempel mit der höchsten Form des Japanischen Gartens, dem Zen-Garten. (Nara)

Tempel mit der höchsten Form des Japanischen Gartens, dem Zen-Garten. (Nara)

Zwischendurch mache ich erschöpft Rast in einem der vielen öffentlichen Gärten in Kyoto. Noch mehr als in China habe ich den Eindruck, als solle in diesen Anlagen betont werden, dass der Mensch die Natur beherrscht. Jede Pflanze wird an ihrem natürlichen Wuchs gehindert und zurechtgestutzt. Herabgefallene Blätter und Blüten werden sofort beseitigt. Das kurze Gras des Rasens bildet eine geschlossene Decke und wirkt wie ein makelloser Teppich. Auch das Wasser der kleinen Bäche, die unabdingbar zu einem japanischen Garten gehören, fließt nicht zufällig so durch die Gegend. An Stellen, wo es nicht die gewünschten Wellen macht, wird mit Beton nachgeholfen. Der weiße Kies der Wege ist sorgfältig geharkt.

In einem Informationsheft zu einem der Gärten steht, dass ein möglichst genaues Abbild der Natur erreicht werden soll, genauer als in den so künstlich wirkenden Gärten Europas. Mich regt dieser Gedanke zum Widerspruch an. Schließlich soll ein deutscher Barockgarten wie in Herrenhausen, Hannover, nicht die Natur darstellen, sondern einfach nur das Auge des Betrachters erfreuen. Dort ist das Künstliche, die Kunst offensichtlich. Hier in Japan wird so getan, als sei alles Natur, aber in Wirklichkeit ist es eine künstliche Welt.

Ein schlichter Raum in Japan, vielseitig verwendbar, mit Tatami Matten und Tokonoma. Foto stammt von Wikipedia

Ein schlichter Raum in Japan, vielseitig verwendbar, mit Tatami Matten und Tokonoma. Foto stammt von Wikipedia

Diese Gedanken führen mich dazu, immer neue Widersprüche im japanischen Leben zu entdecken. Es scheint eine nach außen hin gezeigte Fassade von allem zu geben. Dahinter sieht vieles ganz anders aus. Die Tempel, vor allem die buddhistischen z.B., gefallen mir besonders wegen ihrer schlichten Gestaltung, ihrer klaren Formen und der einfachen Farbgebung bei weißen Wänden und schwarzen Holzbalken. Die Innenräume sind weitläufig und mit hellen Strohmatten, den Tatamis, ausgelegt. Der Altar aber explodiert geradezu von roten und goldenen Farben und barocken Formen. Die Pracht könnte kaum üppiger sein. Genauso ist es bei den traditionellen Wohnhäusern. Die Zimmer kommen fast ohne Möbel aus. In einer Ecke befindet sich immer eine Nische, die Tokonoma, mit einem Rollbild und einem Ikebana-Gesteck. Schönheit mit sparsamsten Mitteln. Aber dann gibt es da noch den Hausaltar mit rotgoldenen Götterfiguren und bunten Plastikblumen. Das setzt sich bis in die Privatautos fort: auf den Straßen sind überwiegend japanische Wagen der neusten Generation unterwegs. Meistens sind sie weiß oder grau. Selten nur sieht man ein knallrotes oder grünes Auto. Innen aber sind die Sitze bedeckt mit kunstvoll gehäkelten Schondeckchen.

Mich machen diese Gegensätze misstrauisch, so dass ich auch den Japanern gegenüber weiterhin Distanz bewahre. Denn nie weiß ich, ob das Lächeln, das mir begegnet, ehrlich gemeint oder nur eine höfliche Fassade ist.

Dann fahre ich weiter nach Nara, der anderen großen Kulturstadt gar nicht weit von Kyoto. Natürlich nicht, ohne unterwegs einen Stopp beim eigenartigen Schrein von Inari zu machen:

Die roten Tore von InariInari 2
Im
Shinto-Schrein von Inari wird eine Fuchsgottheit verehrt. Deshalb sind überall in den kleinen Tempelchen Fuchsstatuen aufgestellt. Häufig sind sie liebevoll mit Schleifen oder einem kleinen Lätzchen herausgeputzt. Als ich das Gelände betrete, findet auf einer kleinen Bühne am Eingang gerade eine kurze Zeremonie statt. Zu dem Klang traditioneller Musikinstrumente, einem Saiteninstrument, das ich nicht kenne, und einer Flöte, tanzen zwei junge Mädchen mit langsamen Schritten. Sie tragen wallende bunte Gewänder und einen Kopfputz aus langen grünen Federn. In den Händen schwenken sie goldene Zweige. Ein Shinto-Priester überquert gemessenen Schrittes den Vorplatz. Vor einem Schrein mit der lebensgroßen Statue eines Pferdes verneigt sich feierlich eine Dame im Kimono. Eine Zauberwelt!

Ich vor einem der Roten Tore

Ich vor einem der Roten Tore

Am auffallendsten in Inari sind die leuchtend rot lackierten Tore. Mit dem Stiften eines solchen Tores erwirbt sich der Gläubige Verdienste für sein Leben nach dem Tod. Man stiftet seinem Geldbeutel entsprechend große oder kleine Tore. Zu Tausenden sind sie hier aufgestellt. Hunderte bilden einen kilometerlangen Tunnel, durch den man gehen kann. Dieser Weg führt immer weiter in den Wald hinter dem Schrein.

Ich wandere durch die Tore, die alle mit dem Namen des Spenders versehen sind, bis ich zu einem kleinen Teehaus mitten im Wald komme. Sonntägliche Stille umgibt mich, während ich meinen schwarzen Tee schlürfe. Vögel singen in den Bäumen, ein Bach plätschert leise. Von der alten Pendeluhr an der Wand klingt ein regelmäßiges Ticken. Manchmal kommt ein Wanderer vorbei.

Nara: endlich ausschlafen!

Während ich nach Nara weiter fahre, überlege ich anhand meiner Prospekte, wo ich in dieser Stadt wohnen will. Es gibt zwei Jugendherbergen und ein relativ preiswertes Hotel im japanischen Stil, die für mich und meinen Geldbeutel in Frage kommen. Ich entscheide mich schließlich für das Hotel, trotz des höheren Preises. Ich brauche endlich mal ein Zimmer für mich alleine. Außerdem liegt das Hotel sehr günstig zum Tempelbezirk in Nara. Ich bin froh über meine Wahl, denn das Hotel ist sehr schön. Ich bekomme ein Zimmer mit den üblichen hellen Tatami-Matten. Ein einfacher Hauskimono liegt für mich bereit. Die liebenswürdige Wirtin serviert mir sofort einen Tee. Und morgen kann ich so lange schlafen wie ich will!

Natürlich darf in einem solchen Hotel das japanische Bad nicht fehlen. Ich liebe es, jeden Tag ausgiebig baden zu können. Das ist wirklich großartig in Japan! In der kleinen Vorhalle dusche ich mich, dann steige ich in die überdimensionale Badewanne, die mit sehr heißem Wasser gefüllt ist. Ich habe mir zwei aufziehbare Plastiktiere mitgenommen, die ich als Geschenk für meine Schwester gekauft habe. Ich genieße es, den Biber und den Wal immer wieder aufzuziehen und durchs Wasser paddeln zu lassen. Herrlich! Leider klopft bald jemand an die Badezimmertür. Schade, ich könnte noch stundenlang im Wasser liegen! Als ich in meinen Kimono gehüllt frisch gebadet den Raum verlasse, schaue ich vorsichtig um mich: kein Mensch in Sicht! Mir wäre es doch peinlich, wenn man mich mit dem Spielzeug erwischen würde. Dass so eine große Badewanne von mehreren Menschen gleichzeitig genutzt werden kann und auch wird, daran denke ich nicht.

Das Fenster meines Zimmers geht auf den kleinen Garten. Um eine Rasenfläche herum sind verschiedene Bäume und Blumen gepflanzt. Ein kleiner Bach mit einem Wasserfall und einem Teich darf nicht fehlen. Ich freue mich, hier zu sein.

Und dann mache ich eine Erfahrung, die mir sehr, sehr merkwürdig vorkommt: Die irritierenden Massstäbe eines japanischen Stadtplans!

In Nara gibt es Überreste von den Hinterlassenschaften der frühesten japanischen Könige. Ich freue mich schon darauf, die Ausgrabung des Heijo-Palastes zu besichtigen. Da ich keine Ahnung habe, wie die öffentlichen Busse fahren, gehe ich lieber zu Fuß. Leider merke ich erst spät, dass die Japaner andere Vorstellungen von einem Stadtplan haben als ich. Der Plan ist nicht maßstabsgetreu. Wo es passt und Platz spart, sind 2 Kilometer genauso lang eingezeichnet wie 200 Meter woanders. Dadurch unterschätze ich die Entfernung und komme zu einer ausgedehnten Wanderung durch Naras Vororte.

Dabei sehe ich auch die alten Königsgräber, die als hohe Hügel auf kleinen Inseln in künstlichen Teichen liegen. Von diesen Gräbern hat man bislang (1991) nur eines wissenschaftlich untersucht. Angeblich werden die übrigen nicht ausgegraben, weil man die Könige respektiert und in Ruhe lassen will. Aber es geht das Gerücht, dass bei der einen Ausgrabung so viele Gegenstände ans Licht gekommen sind, die auf eine Herkunft der Könige aus Korea schließen lassen, dass man dies nicht weiter verfolgen will. Die stolzen Japaner haben viel zu viel Angst, dass man ihre Abstammung auf Korea zurückführen könnte.

Unterwegs in Nara

Unterwegs in Nara

Der Heijo-Palast mit seinen gepflegten Museen und dem Ausgrabungsgelände beeindruckt mich sehr. Von den einstigen Gebäuden ist außer den Fundamenten nichts mehr zu sehen. Da, wo man Säulen und Mauern festgestellt hat, hat man jetzt Büsche gepflanzt, um wenigstens einen Eindruck von den ausgedehnten Hallen des Palastes zu geben. Bei dem schönen Sonnenschein macht es Spaß, immer weiter zu gehen. Ich bin stundenlang unterwegs und besichtige noch einige Tempel. Abends ist dann wieder ein heißes Bad angesagt: wunderbar erholsam für meine strapazierten Knochen! Das Schlafen auf dem dünnen Futon fällt mir noch schwer. Dagegen genieße ich es, mich ungestört in meinem Einzelzimmer ausbreiten zu können und abends noch ein wenig fernzusehen.

Nara 1Am letzten Tag in Nara regnet es natürlich wieder. Der leichte Nieselregen kann mich aber nicht davon abhalten, das Lilienfestival zu besuchen, das heute zu Ehren der Lieblingsfrau eines Königs an einem kleinen Schrein mitten in der Stadt stattfindet. Nachdem Priester eine Zeremonie vor dem Schrein vollzogen haben, setzt sich eine Prozession in Bewegung. Voran gehen kleine 4 – 6-jährige Mädchen in bunten Kimonos, jedes an der Hand seiner Mutter, die einen dunkelblauen Kimono trägt. Dahinter folgt ein mit Papierlilien verzierter Wagen, der von kleinen Jungs gezogen wird. Die Väter überwachen die Aktion. Dann kommen junge Mädchen im hellen Kimono, begleitet von jungen Männern, die rote Papierschirme über sie halten. Beim dumpfen Klang einer großen Trommel zieht die Prozession langsam durch das Zentrum von Nara. Ich bin wie verzaubert von dem märchenhaften Anblick.

p.s.: Das sind alles Erfahrungen, die ich 1991, also vor 23 Jahren, gemacht habe. Falls sich heute etwas grundlegend geändert hat, bitte ich um einen entsprechenden Kommentar. Danke!

 

Nara 2Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 10.06.1991: Kulturschock in Kyoto!

Zur nächsten Etappe: Regenzeit in Japan

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  3. Lach, das mit den Stadtplänen ist ja ne fiese Falle! Ich will jetzt noch dringender nach Japan – auch wenn mir die Idee, dass der Mensch die Natur beherrscht, nicht gefällt. 😉

  4. Du Ärmste 😉 Japan kann selbst für mich noch ein Schock sein. Und auch wieder nicht. Plötzlich fällst du nicht mehr auf und bist eine von Millionen. Und das kann entspannend sein.

    Über die Herkunft der Japaner gibt es eigentlich kein Rätsel. Nur mit Korea gibt es ein etwas unentspanntes Verhältnis, um es milde auszudrücken. Es ist durchaus besser geworden und mit Deutschland – England zu vergleichen. Man mag sich schon, aber stichelt gern.

    Japan heute? Das Land verändert sich schon. Aber langsamer, als der Rest der Welt. Traditionen stehen noch immer hoch im Kurs. Oder wieder. Nur das dort noch immer übertrieben vorhandene Obrigkeitsdenken stört.

    Was das Lächeln betrifft, so ist das kaum anders als sonst in Asien. Kann aber für Westler durchaus seltsam wirken.

      • Ich habe das große Glück dort noch Familie zu haben. Der Aufenthalt dort kostet uns ein Gastgeschenk.

        Vielleicht hast du dort unbewusst China mit Japan verglichen. Ähnlich und doch so völlig anders. 🙂