Von der Angst unterwegs: Schlechte Straßen, tiefe Schluchten

Jiuzhaigou 1987 1. Teil

Es gibt Erlebnisse, die mir noch Jahre danach einen Schauer über den Rücken laufen lassen. So eines war der Ausflug zum 1987 fast unbekannten Naturschutzgebiet Jiuzhaigou. Das ganze Unternehmen war eigentlich der reine Wahnsinn! Dabei war nicht nur die Fahrt über steile Gebirgsstraßen beunruhigend, sondern der gesamte Ausflug. Nie wussten wir, was als nächstes kam, wie wir weiter kommen sollten, wo wir übernachten würden und was wir essen konnten. Für Aufregung sorgte auch ein Schneesturm unterwegs. Ein weiterer Faktor für Sorge und Unruhe war die Tatsache, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder in Hongkong sein musste, um meinen Rückflug zu erreichen. Aber tief in mir wusste ich, dass es irgendwie weiter gehen und alles gut werden würde. Und damit Ihr wisst, was da alles passiert ist, gibt es hier nicht nur die Geschichte von einer furchtbaren Busfahrt sondern das ganze Abenteuer. Viel Spaß! Ach, und bedenkt bitte, dass dies 1987 war: Westler, die mit dem Rucksack durch China reisten, waren selten, es gab noch die Spezialwährung für Ausländer FEC und Fahrkarten kosteten für Nicht-Chinesen schnell mal das Doppelte.

Wie ich auf die Idee gekommen bin, nach Jiuzhaigou zu fahren, könnte Ihr hier nachlesen: Chengdu 87: Smog, Pandas und ein abenteuerlicher Plan

29. – 30.10.87 Aufbruch ins Ungewisse

Am nächsten Morgen geht es früh los. Den Großteil unseres Gepäcks lassen wir im Luggage-Room des Jinjiang-Hotels und nehmen nur das Allernotwendigste für ein paar Tage mit. Auf ins Unbekannte!

An der Busstation herrscht dagegen schon lebhaftes Gedränge. Etliche Busse stehen abfahrbereit. Wir zeigen unsere Bustickets einem offiziell wirkenden Mann in Uniform, der uns zu unserem Bus weist. Der ist relativ klein. Ich froh, dass wir unsere großen Rucksäcke nicht dabei haben. Die hätten bestimmt auf dem Dach des Busses untergebracht werden müssen. Anita kauft noch schnell ein paar Kekse und eine Flasche Cola, dann steigen wir ein. Die Sitze sind schmal und der Abstand zwischen den Reihen gering. Nicht gerade für westliche Maße geeignet. Anita hat nicht so viele Probleme, da sie nicht grösser als die meisten Chinesen ist. Doch ich stosse mit den Knien an den Sitz vor mir, was nicht sehr bequem ist. Bald merke ich, dass die Fahrt strapaziös für mich werden wird. Meine Knie reiben sich an dem Sitz und jeder Stoss des Busses schlägt sie mir wund. Es dauert nicht lange, bis ich keine neue Stellung mehr finde, bei der meine Knie nicht schmerzen. Doch mit der Zeit gewöhne ich mich daran.

Ausser uns und einigen anderen Leuten sind noch Studenten mit im Bus, die ein wenig Englisch sprechen. Wirklich nur wenig. Nach und nach finden wir heraus, dass sie aus Shanghai kommen und dort Design studieren. Sie fahren mit ihrem Professor zu Studienzwecken nach Jiuzhaigou.

Am ersten Tag ist die Fahrt noch recht entspannt. Es geht zunächst durch die fruchtbaren Ebenen westlich von Chengdu. Aus den Hügeln werden schließlich Berge. Die Straße ist gut und führt immer an einem Fluss entlang. Die Gegend ist wenig besiedelt. Im Fluss stehen manchmal Menschen und waschen etwas aus dem Sand: Gold? Jade? Die meisten Wagen, die uns unterwegs begegnen, sind hoch mit Kies oder Holz beladenen LKWs.

Als es dunkel wird, erreichen wir eine Stelle, wo sich das Tal weitet. Eine kleine Stadt glitzert in der Dunkelheit. Hier hält der Bus im Hof eines Hotels. Die Studenten erklären uns, dass wir hier übernachten und dass der Bus morgen früh um 7:00 Uhr weiterfahren wird. Wie der Ort heisst, erfahren wir nicht. Wir laufen also immer hinter den Studenten her, die sich in einer Reihe an einem Tisch aufstellen, der wohl die Rezeption darstellen soll. Dort bekommen wir eine Karte mit der Nummer unseres Zimmers, das uns von einem Mädchen aufgeschlossen wird. Wir haben ein kleines sauberes Zimmer mit zwei richtigen Himmelbetten mit Moskitonetzen. In einer Ecke steht ein Ständer mit bunten Emaillewaschschüsseln. Fliessend Wasser gibt es an einem Becken auf dem Flur, Toiletten sind auf der anderen Seite des Hofes, Wir machen es uns bequem. Ich bin froh, dass ich meine schmerzenden Beine ausstrecken kann.

Nach einer Katzenwäsche gehen wir in den Ort. Mittlerweile ist es stockdunkel. Trotzdem ist im Schein der Strassenlaternen entlang der Hauptstrasse ein kleiner Markt aufgebaut.Plötzlich gehen die Lichter aus. Stromausfall! Im Nu leuchten überall Kerzen auf. Meine Taschenlampe liegt natürlich im Hotel! Vorsichtig tasten wir uns durch die dunkle Nacht. Beim flackernden Schein der Kerzen kaufen wir auf dem Markt einige winzige saure Kiwis als Ergänzung zu unserem Proviant. (Übrigens: die Kiwi stammt ursprünglich aus China!) Wir gehen weiter, bis wir zu einer dicken Mauer kommen. Es sieht aus wie Reste einer alten Stadtmauer. Schade, dass wir in der Dunkelheit nicht mehr erkennen können!

Gerade rechtzeitig zur Essenszeit erreichen wir wieder unser Hotel. Es gibt Tofu, süsssaure Mehlklösschen und natürlich Reis und Bier. Der Tofu ist sauer, doch die Mehlklösschen schmecken köstlich, auch wenn sie immer wieder von den Stäbchen rutschen.

Am nächsten Morgen sind wir spät dran und erreichen gerade noch den Bus – ohne Frühstück. Ab jetzt wird das Tal mit jedem Kilometer bergauf schmaler, der Fluss dünner, die Strasse schlechter. Über enge Kurven kriecht der Bus die Berge hinauf. Der Busfahrer kämpft mit den Gängen, hat manchmal Mühe, den Bus zum Weiterfahren zu bringen. Die Strasse wird bald so schmal, dass unser Bus, wenn er entgegenkommenden, schwer mit Holz beladenen Lkws ausweichen will, so weit wie möglich nach links an den Abhang fährt, damit die Lkws an der Bergseite an uns vorbeifahren können. Je höher wir kommen, desto atemberaubender wird der Blick in die tiefe Schlucht links von uns, während die Berge jenseits des Flusses riesig hoch zu sein scheinen. Schmale hohe Wasserfälle rauschen aus dem Nirgendwo über uns auf die Straße. Im blauen Himmel kreist ein Raubvogel.

Der zweite Tag

Der zweite Tag

Mir ist ganz schlecht vor Angst. Die Strasse wirkt gar nicht mehr sehr vertrauenerweckend. Auch zu dem klapprigen Bus habe ich kaum noch Vertrauen. Anita und ich halten uns fest an den Händen. Worauf haben wir uns da nur eingelassen?! Wir sitzen glücklicherweise auf der Bergseite. Irgendwann muss das ja ein Ende haben! Wir werfen uns mutmachende Blicke zu und lächeln gequält. Auch die übrigen Leute im Bus sind still geworden. In den engen Kurven rammt der Busfahrer den nächsten Gang ins Getriebe. Es kracht, dass es uns durch alle Glieder fährt. Einmal würgt er dabei den Motor ab, der Bus rollt langsam rückwärts, abwärts. Wir halten den Atem an. Aber kurz vor dem Abgrund hat der Fahrer den Bus wieder unter Kontrolle. Erleichterung bringt die Leute zum Lachen. Konzentriert fährt der Busfahrer seinen rappelnden und wiegenden Bus weiter.

Ich kann die wunderbare Landschaft, die uns umgibt, gar nicht richtig genießen. Die Berge sind dicht mit Mischwald bewachsen. Die Blätter strahlen in roten und goldenen Herbstfarben. Unter uns tost das Wasser des Flusses am Fusse der Schlucht. Von allen Seiten ergiessen sich Wasserfälle in das Tal. Wir verlassen den Fluss und fahren einen Pass hinauf. Die Bewaldung wird weniger. Als wir die höchste Stelle erreichen, herrscht dichter Nebel, was nicht gerade zu unserer Beruhigung beiträgt. Es ist empfindlich kalt und feucht. Als wir den Pass überwunden haben und der Himmel etwas heller wird, sehen wir in der Ferne Gletscher auf hohen Berggipfeln leuchten. Dann macht der Bus eine Pause. Ich glaube, der Busfahrer muss seine zitternden Knie beruhigen. Ich stehe Zähne klappernd vor Kälte eine kurze Weile in der frischen Luft. Ich atme tief ein. Das ist besser als die gelbe Smogwolke von Chengdu! Und der Blick auf die Bergkette in der Ferne entschädigt für die mörderische Fahrt.

Unterwegs nach Jiuzhaigou

Unterwegs nach Jiuzhaigou

Jiu Strasse im NebelDie Abfahrt ist dann etwas angenehmer. Der Weg ist zwar nur noch ein besserer Feldweg, aber es befindet sich kein tiefer Abgrund mehr neben der Strasse. Das einzige, was mich jetzt noch stört, sind meine wunden Knie und der alte Chinese, der auf der anderen Seite des Ganges ständig hustet und spuckt. Manchmal komme ich mir vor wie auf dem Ausflug eines Lungensanatoriums.

Da wir schon lange kein Dorf mehr passiert haben, gibt es auch keine Gelegenheit für ein Mittagessen. Glücklicherweise haben wir unsere Kekse, die Cola und die kleinen Kiwis. Wir malen uns aus, dass das Wein und köstliche Delikatessen wären. Essen ist für einige Zeit unser einziges Gesprächsthema. Wir haben viel Spass dabei. Zwischendurch merken wir, dass der Busfahrer ein paar Mal besorgt aus dem Fenster am Bus entlang schaut. Probleme?

Im nächsten Dorf hält er an. Nach eingehender Prüfung steht fest, dass ein Reifen gewechselt werden muss. Erst jetzt fällt uns auf, dass die Reifen eigentlich gar kein Profil mehr haben. Wie gut, dass wir das nicht vorher gesehen haben! Denn dann hätten wir noch mehr geschwitzt.

Jiu ReifenwechselWir stellen als erstes bedauernd fest, dass das Dorf kein Restaurant hat. Die chinesischen Studentinnen, die mit von der Partie sind, bedeuten uns, dass die öffentlichen Toiletten nicht zumutbar seien. Wir schlagen uns deshalb lieber gleich in die Büsche. Nach einem kurzen Bummel durch das Dorf stehen wir rum und warten darauf, dass es weitergeht. Die Kinder des Ortes beobachten uns von weitem. Sie trauen sich nicht so recht an uns ran. Kichernd versuchen die kleinen Mädchen, sich alle gleichzeitig hinter einem dünnen Baum zu verstecken. Die Jungen turnen derweil auf der Schulhofmauer herum.

Nach den bunten Jacken zu urteilen, die die Erwachsenen hier tragen, gehört die Bevölkerung zu den Tibetern. Das Dorf ist klein, sieht aber mit seinen stattlichen Holzhäusern nicht arm aus. Eine Schule gibt es auch. Die Kinder sind einfach aber ordentlich gekleidet. Sie tragen alle Schuhe.

Eine Stunde dauert die Reparatur, dann geht es endlich weiter. Wir unterhalten uns mit den Studenten. Dabei kommt nicht viel heraus, denn ihr Englisch ist zwar besser als unser Chinesisch aber doch immer noch ziemlich begrenzt.

Gegen 16:00 Uhr erreichen wir ein kleines Städtchen, Nanping. Hier müssen wir umsteigen. Die Studenten rennen mit uns zu dem anderen Bus, der schon auf uns wartet. Der Bus wird ziemlich voll. Doch der Professor scheucht sie so lange, bis Anita und ich Sitzplätze haben. Das wäre sicherer für uns, meint er in oberlehrerhafter Manie, denn der Weg sei unbefestigt und sehr beschwerlich für uns. Das ist ja recht freundlich von ihm. Aber er verscherzt sich gleich wieder alle Sympathien bei uns, indem er dem Schaffner erklärt, dass er von uns den doppelten Fahrpreis kassieren müsse. Denn Ausländer zahlen immer doppelt, erklärt er uns zu unserer Verblüffung. Wir wissen, dass das mehr oder weniger auf Bahnfahrten oder Hotelzimmer zutrifft. Für Bustickets bezahlt man in China auch als Ausländer den gleichen Preis wie die Chinesen. Aber diskutieren hat keinen Zweck. Wir wollen keinen Streit. Ausserdem ist der Fahrpreis auch so noch sehr gering.

Für die letzten 45 Km – wir haben einen Wegweiser gesehen! – benötigt der Bus 2 Stunden über holprige Wege. Es wird recht spät. Deshalb beschliessen wir, mit den Studenten in einem kleinen Hotel am Eingang des Naturreservates zu übernachten. Die Studenten organisieren zwei Betten für uns im großen Schlafsaal des Hotels. Zwei Studentinnen belegen weitere Betten. Die übrigen bleiben leer. Warmes Wasser gibt es nur in Thermosflaschen. Abfalleimer findet man anscheinend in solchen Hotels nie. Der Weg zur Toilette auf der anderen Seite des Hofes ist unbeleuchtet und abenteuerlich.

Dann gehen wir zum Restaurant. Erst muss bestellt und bezahlt werden. Freund Oberlehrer empfiehlt uns ungefragt ein Gericht, kann uns aber nicht auf Englisch sagen, was es ist. Wir bestellen es trotzdem, leider. Was wir bekommen sieht aus wie gekochtes Stroh und schmeckt auch so. Ich bestelle mal wieder Suppe, obwohl ich langsam wissen müsste, dass Suppe in China nie das ist, was ich erwarte. Wieder einmal bekommen wir einen großen Topf mit Grünzeug und Wasser. Alles in Allem ist das Essen nicht berühmt. Doch wir haben Hunger und essen mit großem Appetit. Bier gibt es nicht. Schliesslich sinken wir erschöpft auf unsere Betten und schlafen tief und fest.

Am nächsten Morgen sind wir pünktlich zum Frühstück wach. Zusammen mit den Studenten essen wir Nudelsuppe. Ich kann mich eigentlich nicht so recht mit dieser Art Frühstück anfreunden und sehne mich insgeheim mal wieder nach Spiegeleiern mit Toast. In dem kleinen Laden an der Bushaltestelle wollen wir uns noch mit ein paar Vorräten eindecken. Doch Tee oder Softdrinks gibt es leider nicht. Statt dessen kaufen wir eine Flasche Rotwein. Instantnudelsuppen und eine Dose Schweinefleisch (so ähnlich wie Frühstücksfleisch) ergänzen unsere spärlichen Lebensmittel. Auch Postkarten und einen Plan des Naturschutzgebietes können wir hier erstehen.

Bei wunderbarem Sonnenschein fahren wir bergauf. Herr Oberlehrer und seine Studenten sitzen mit uns im übervollen Bus. In weiten Kurven geht es an einem Fluss entlang durch tiefen Wald. An manchen Stellen fällt das Wasser in schäumenden Kaskaden talabwärts, an anderen stehen große Flächen des Tales unter Wasser. Darin spiegeln sich die herbstlich bunten Laubbäume. Als wir höher kommen, überwiegen dunkle Fichten und Kiefern. In einem kleinen Ort steigen die meisten Leute aus. Wir sehen von weitem ein Schild „Hotel“. Das ist sicher der zentrale Ort, der auf unserer Karte eingezeichnet ist. Also packen wir unsere Sachen, um auch auszusteigen. Doch der Oberlehrer und seine Studenten überzeugen uns, dass wir zu noch schöneren Plätzen weiter mitfahren müssen.

Jiu SeeIn atemberaubenden Kurven geht es nun laut Karte auf 3500 m hoch. Die Berge ringsum sind bis zu 4500 m hoch. Die Fichten sind riesig. Blaue Seen leuchten in der Sonne. Schliesslich kommen wir am Endpunkt der Strasse an. Eine Stunde Pause, bevor der Bus wieder zurückfährt. Vor uns liegt tief dunkelblau der Lange See. Sein Wasser ist kristallklar und eiskalt. Rundherum hohe Berge. Von weitem blinkt Schnee in der Sonne. Am Seeufer wachsen Nadelbäume und sogar eine kleine fedrige Bambusart. Ich sehe mich ein wenig um. Es gibt Wanderwege und ich finde sogar eine öffentliche Toilette. Natürlich darf auch der übliche Aussichtspavillon nicht fehlen. Wie um zu zeigen, dass wir tatsächlich noch in China sind, sitzen zwei Tibeter malerisch am Wegesrand. Eigentlich habe ich mir eine solche Landschaft eher in den Rocky Mountains vorgestellt als in China. Kein Wunder, dass es sich um ein beliebtes Ausflugsziel für die Chinesen handelt!

 

Jiu TibeterAuf dem Rückweg hält unser Bus noch einmal kurz an, damit wir Gelegenheit haben, einen weiteren See anzuschauen. Der leuchtet in den verschiedensten Farbschattierungen vom hellen Türkis bis zu fast schwarzem Blau. Deshalb heisst er auch 5-Farben-See. Tief unten auf dem Grund des Sees kann ich im klaren, ruhigen Wasser den Stamm eines gefallenen Baumriesen erkennen.

Wieder in dem kleinen Ort mit den Hotels angekommen, will uns Herr Oberlehrer dazu überreden, ein weiteres Tal hinaufzufahren und dann dort mit ihm und den Studenten zu übernachten. Aber dazu haben wir keine Lust mehr. Wir sind müde vom vielen Bus fahren in den letzten Tagen. Außerdem möchten wir den Oberlehrer abschütteln, denn er geht uns mit seiner Besserwisserei etwas auf die Nerven.

 

Jiu FarbenseeWir finden ein kleines, hübsch aussehendes Hotel, in dem wir auch ein Zimmerchen bekommen. Von außen sieht unser Hotel fast wie ein Schweizer Chalet aus. Der erste Stock besteht ganz aus Holz mit einem Holzbalkon rundherum. Unser Wirt ist ein junger Chinese, der sogar ein paar Worte Englisch spricht. Er bringt uns zwei zusätzliche Decken. Die Wände sind nicht sehr dicht. Der Wind pfeift durch die Ritzen zwischen den Brettern. Das kleine Fenster hat statt der Glasscheiben Papier an den Rahmen geklebt, das schon Löcher hat. Die Betten sind hart und die Matratzen dünn. Eine Toilette gibt es in dem ganzen Haus nicht. Statt dessen befindet sich eine öffentliche Toilette für das halbe Dorf 100 m hinter unserem Hotel. Diese Toilette ist, den Geräuschen nach zu schliessen, dem Gemeindeschweinestall angeschlossen.

Wir haben Hunger und gehen ins Dorf. Eigentlich ist es kein richtiges Dorf sondern eine Ansammlung von kleinen Hotels. Es gibt einen zentralen Platz, um den sich ein Laden, ein Busbüro und ein Café gruppieren. Eine hässliche Halle, die die anderen Gebäude überragt, ist die Ortskantine. Wieder einmal müssen wir am Eingang Essensbons kaufen. Und wieder einmal wissen wir nicht, was wir bestellen, als wir auf die für uns unleserliche Speisekarte zeigen. Die Halle ist hoch und weit und voller großer runder Tische, an denen viele Chinesen sitzen und essen. Durch schön bemalte Paravents sind Ecken abgeteilt, wo gerade einige Offiziere oder andere wichtige Leute ein Festmahl halten. Da sie vorrangig bedient werden, müssen wir lange an der Küchentür warten, bis uns jemand unser Essen gibt. Währenddessen können wir beobachten, wie hinter der Küche eine frisch geschlachtete Kuh ausgenommen und gehäutet wird. In der Küche selbst stehen riesige Woks auf den Herden. Es brodelt und zischt. Dazwischen laufen die Köche halbnackt herum. Es ist laut und heiss.

Jiu Dorf SchneeBevor es dunkel wird, ist noch Zeit für einen Spaziergang. Gleich in der Nähe liegt ein Tibeterdorf. Unterwegs dorthin kommen uns eine Herde Yaks und kleine zottige Pferdchen entgegen. Einen Hirten können wir allerdings nicht entdecken. Einige von den Pferdchen lassen sich streicheln. Die schwarzen, langhaarigen Yaks sind ziemlich klein. Sie scheuen sofort vor uns zurück oder starren uns böse an, so dass uns die Lust, sie zu streicheln, vergeht. Im Dorf laufen kleine schwarze Hängebauchschweine und struppige Hühner frei herum. Sie haben ihr Domizil offensichtlich zwischen den hölzernen Stelzen der Häuser, zu deren Wohnflächen im ersten Stock einfache aus einem gekerbten Holzstamm bestehende Leitern hinauf führen. Vor den Häusern stehen hohe Masten mit Gebetsfahnen, ein sicheres Zeichen dafür, dass die Bewohner Tibeter sind. Anita ist ganz hingerissen. Am Rande des Dorfes liegt eine Fläche mit Trockengestellen für Stroh und Gemüse. Mit einem einfachen Dreschflegel drischt eine Frau das Getreide. Ein kleines Kind hilft ihr dabei. Weitere Menschen sehen wir nicht. Sie sind wohl alle auf dem Feld oder in den nahen Hotels bei der Arbeit.

Als es dunkel wird, gehen wir zum Café im Ort mit den Hotels zurück. Dort herrscht jetzt reger Betrieb. Viele Chinesen sitzen in den Plüschsesseln, trinken Kaffee oder Bier und sehen fern. Es läuft ein Video über Jiuzhaigou. Die Naturschönheiten, die wir heute in Wirklichkeit gesehen haben, können wir nun noch einmal bewundern. Sogar wilde Pandas soll es hier geben!

Während wir zu unserem Hotel zurück gehen, fängt es an zu schneien. Dann blitzt und donnert es. Es ist empfindlich kalt geworden. Deshalb gehen wir fast vollständig bekleidet ins Bett. Angeregt unterhalten wir uns noch eine ganze Weile im Dunkeln. In dieser Nacht finde ich kaum Ruhe. Das Gewitter dauert Stunden. Ich liege stundenlang wach und lausche auf den Regen, der ununterbrochen aufs Dach prasselt. Hinzu kommt, dass ich auf dem harten Bett keine gemütliche Stellung finde.

Mit dem Gefühl, gerade erst warm geworden zu sein, wache ich auf. Anita schläft noch. Draussen fällt noch immer heftiger Regen. Der Wind bläst durch die Ritzen. Das Licht, das durch die Fenster dringt, ist trübe. Ich habe gar keine Lust aufzustehen und kuschele mich wieder in die dicken Decken. In unsere Decken gehüllt machen wir uns an die Zubereitung unseres Frühstücks. Mit dem heissen Wasser, das wir in einer Thermosflasche vom Wirt vor die Tür gestellt bekommen haben, “kochen” wir eine Suppe aus Instantnudeln und Frühstücksfleisch. Ein Schluck Rotwein rundet den Geschmack ab. Dazu gibt es süße Kekse.

Das Wetter draußen ist so unfreundlich, dass wir erst gegen Mittag hinausgehen, weil uns ein dringendes Bedürfnis dazu zwingt. Verblüfft stehen wir vor einer verwandelten Landschaft. Es ist noch kälter geworden. In den letzten Stunden hat es nicht mehr geregnet, sondern geschneit. Alles ist mit einer dünnen weissen Decke bedeckt. Immer noch sinken dicke Schneeflocken langsam zu Boden.

Zuerst sind wir ganz sprachlos von dieser wie verzaubert wirkenden Landschaft. Jeder Laut wird durch den Schnee gedämpft. Auch die schäbigste Hütte wirkt sauber und schön. Aber dann muss ich an unseren Rückweg denken. Wer weiß, wo es überall geschneit hat?! Möglicherweise liegt der hohe Pass, über den wir hierher gefahren sind, jetzt unter einer dicken Schneeschicht! Oder aber der Regen der vergangenen Nacht hat Erdrutsche ausgelöst und die Strasse unpassierbar gemach!

Also gehen wir zur Busstation, um zu fragen, wann der nächste Bus zum Eingang des Nationalparks zurückfährt. Eigentlich sind wir uns noch nicht einmal sicher, ob es sich wirklich um ein Busbüro handelt oder nicht doch um eine Hotelrezeption. Auch nach hartnäckigstem Fragen mit Hilfe unseres chinesischen Sprachführers erreichen wir nur ein wiederholtes „Mei you! – Gibt es nicht!“ Wobei sich die Frage stellt, ob es tatsächlich heute keinen Bus gibt oder ob wir nur einfach nicht verstanden werden. Etwas frustriert kehren wir zu unserem Hotel zurück. Was sollen wir jetzt tun?

Jiu HängebrückeUnterwegs treffen wir ein paar junge Chinesen, die uns in ihrem bruchstückhaften Englisch erzählen, dass sie zu Fuss die 25 Km bis zum Eingang gehen wollen, weil es keinen Bus gibt. Wenn die schon zu solchen drastischen Taten bereit sind, sollten wir uns wohl auch überlegen, ob wir nicht zurückgehen wollen. Wer weiss, wann dann von dort ein Bus nach Nanping oder nach Chengdu fährt?! Wir beschliessen, unseren Wirt um Rat zu fragen. Er ist nett und hilfsbereit. In seinem Zimmer können wir uns an einem Becken mit glühender Kohle aufwärmen. Nein, es gibt keinen Bus heute. Morgen? Keine Ahnung!

Notgedrungen brechen wir auch auf. Wir haben ja nur unsere Tagesrucksäcke und zwei kleine Taschen zu tragen. Die 25 Km Fussmarsch werden ein neues Abenteuer sein. Wir verabschieden uns herzlich von unserem Wirt. Schade, dass wir nicht länger bleiben können! Leider gelingt es uns nicht, Getränke für unterwegs zu besorgen. Es bleibt uns nur der Rest des süßen Rotweins.

Jiu ichJe weiter wir bergab gehen, desto weniger schneit es. Wir haben alle unsere mitgebrachte Kleidung übereinander gezogen. Nach einer Stunde fangen wir an zu schwitzen. Nach und nach leeren wir (gegen besseres Wissen) die Flasche Rotwein. Unsere Stimmung wird besser und schließlich sogar regelrecht ausgelassen. Wieder treffen wir chinesische Touristen, die auch auf dem Weg zurück sind. Das bestätigt uns noch einmal in unserem Beschluss, zurückzugehen. Dann passiert uns doch ein Bus, aus dem uns die Studenten, mit denen wir gestern hochgefahren sind, fröhlich zuwinken. Wir sind nicht ganz so begeistert. Der Bus hält leider nicht an, um uns mitzunehmen.

Wir kommen durch ein Tibeterdorf, in dem gerade einige kleine Hotels vom Typ unseres Schweizer Chalets gebaut werden. Am Rande des Ortes steht eine Stupa und wehen viele dünne Gebetsfahnen im schwachen Wind. Hier liegt kein Schnee mehr. Nur die umliegenden Berge sind wie mit Puderzucker bestreut. Nachdem wir die Schneegrenze passiert haben und endlich durch die leuchtenden bunten Herbstwälder gehen, scheint sogar die Sonne. Es herrscht ideales Wanderwetter. Der winterliche Morgen liegt weit hinter uns. Vorbei geht es an den tosenden Wasserfällen und durch tiefen Wald. Eine Yakherde kommt uns entgegen. Der tibetische Hirt nickt uns erst erstaunt dann freundlich lachend zu.

Jiu LamatempelWir freuen uns an dem schönen Wetter. Sicher trägt auch der rote Wein zu unserer Hochstimmung bei. Doch nachdem wir drei Stunden gegangen sind, wird das Wandern anstrengend und wir wünschen uns nichts sehnlicher, als dass wir endlich ankommen und etwas Erfrischendes trinken können. Für eine kurze Pause gehen wir ein paar Schritte in einen Weg hinein, der von unserer Strasse wegführt. Schon nach wenigen Metern stossen wir auf eine bunte überdachte Holzbrücke. Unsere Neugier lässt uns unsere Müdigkeit vergessen und sorgt für neue Energie. Wir folgen dem Weg. Bald können wir von weitem das Dach eines Tempels* sehen. Es ist mit golden leuchtenden Ornamenten verziert. Wir steigen über eine verfallene Mauer. Dahinter liegt ein vernachlässigter Garten, in dem zwei tibetische Frauen die Erde bearbeiten. Wir lächeln verlegen, während ihnen vor lauter Erstaunen, dass da so plötzlich zwei Westler auftauchen, die Hacke aus den Händen fällt. Wir verschwinden durch das Gartentor. Dann stehen wir vor einem gerade renovierten tibetischen Tempel. Alles riecht herrlich nach frischem Holz. Ausser den beiden Frauen, die uns nachgekommen sind, ist niemand zu sehen. Der Tempel ist verschlossen. Rundherum sehen wir viele verfallene Mauern und Häuserreste, die zum Teil von Gestrüpp überwachsen sind. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Dorf mit dem Tempel während der Kulturrevolution abgebrannt ist. Doch es gibt niemanden, den wir fragen können. Und so bleibt dieser eigenartige Platz namenlos für uns. Er ist auch nicht auf unserem Plan von Jiuzhaigou eingezeichnet.

Ich nerve jetzt Anita, indem ich an jeder Kurve behaupte, dass wir nun bald da sind. Sie ist wirklich erschöpft. Auch ich halte mich gerade noch aufrecht. Schliesslich sind wir beide keine großen Sportler und waren in keiner Weise auf diesen endlos erscheinenden Fussmarsch vorbereitet. Als es schon anfängt zu dämmern, erreichen wir endlich das Hotel, in dem wir vor zwei Tagen übernachtet haben. Anita lässt sich müde auf die Stufen zur Kantine fallen. Ich kann mich nicht hinsetzen, denn ich weiss, dass ich dann nicht mehr hoch komme.

In der Nähe vom Hoteleingang stehen einige Chinesen in heftiger Debatte zusammen. Ich frage sie, ob und wann der nächste Bus nach Chengdu fährt. Dabei habe ich wieder meinen chinesischen Sprachführer in der Hand. Aus den Antworten entnehme ich, dass es erst übermorgen weitergeht. Ich wundere mich nur, warum sie weiter mit ihrem Gepäck herumstehen und diskutieren. Ob ich irgend etwas nicht richtig verstanden habe? Ich frage noch andere Leute nach dem nächsten Bus nach Chengdu und bekomme immer wieder die Antwort „Übermorgen!“. Dies ist gar nicht so leicht zu verstehen. Schließlich einigen wir uns auf Dienstag (heute ist Sonntag) bzw. den 3. November. Aber ganz sicher bin ich immer noch nicht.

Für Anita, die immer noch nicht zum Aufstehen und Handeln zu bewegen ist, und mich besorge ich ein Zimmer. Beim Ausfüllen der üblichen Formulare spielt es keine Rolle, dass ich Anitas Visanummer nicht weiss. Viel wichtiger ist, dass ich in ihrem Meldeformular vergessen habe, ihr Geschlecht einzutragen. Leider gibt man mir nicht einfach das Formular zurück. Meine Bemühungen, durch Zeichensprache deutlich zu machen, dass Anita eine Frau ist, amüsieren die Chinesen königlich. Die anderen stehen immer noch am Eingang und diskutieren. Unterdessen ist es dunkel geworden.

Schliesslich kann ich Anita mit dem Hinweis auf baldiges Essen dazu bewegen, mit mir unser Zimmer zu beziehen. Da wir heute nur Kekse mit Dosenfleisch gegessen haben, knurrt uns der Magen deutlich vor Hunger. Das Essen holen ist wieder mal mit Anstehen und Kampf verbunden, denn an der Essensausgabe bekommt derjenige zuerst, der sich am besten mit seinen Ellbogen nach vorne kämpft. Mein Kampfgeist ist etwas schwach heute Abend. Als wir das lauwarme und wenig appetitlich aussehende Essen endlich haben, habe ich vor Erschöpfung keinen Appetit mehr. Ich bin total fertig. Aber dann sehe ich, wie jemand einen Teller mit einem Kartoffelgericht vorbei trägt. Hmmmh! Kartoffeln. Schon der Anblick weckt meine Lebensgeister wieder und ich gehe noch einmal zur Essensausgabe und hole mir dieses Gericht.

Zurück in unserem Zimmer gönnen wir uns ein „Vollbad“ in der Waschschüssel. Aus einem nahegelegenen Waschhaus können wir uns heute heisses Wasser holen, so viel wir wollen. Frisch gewaschen und etwas erholt gehe ich zum Laden und versuche  – leider vergeblich -, Tee zu kaufen. Mit meinem Sprachführer (was würde ich ohne ihn tun?!) mache ich deutlich, dass ich gerne ein nichtalkoholisches Getränk haben möchte. Aber ich bekomme nur ein „Mei you!“ (Gibt es nicht!) zur Antwort. Auch meine nur zum Teil gespielte Enttäuschung – ich werde noch zum Schauspieler hier! – bringt kein anderes Ergebnis. Ohne Beute muss ich zurück zu Anita.

Wie es weiter ging und ob wir heil und rechtzeitig nach Chengdu zurückgekommen sind, erfahrt Ihr hier: Alles wird gut!

Und wie es heute dort aussieht, könnt Ihr hier nachlesen: Jiuzhaigou – zauberhaftes Land im Westen Sichuans

* Anmerkung 2014: Der tibetische Tempel ist der Zharu Tempel

12 Kommentare

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  • Wieder ein schöner Bericht von dir. Und wieder war ich mittendrin statt nur dabei. Aber eine ganze Woche auf die Fortsetzung warten? Wie gemein! 😀

  • Kontrastprogramm 2009: Wir FLIEGEN von Chengdu nach Jiuzhaigou! Gegen Ende des Fluges fliegen wir zwar zwischen Bergen, aber das ist eher eindrucksvoll als gefährlich. Jiuzhaigou (und Huanglong) sind Landschaften. die man unbedingt sehen muss. Der Rückflug geht mit Fliegern, die am Morgen erst von Chengdu kommen. Wegen Nebel geht es aber erst mittags los. Nach der Ankunft rast der Reisebus los, damit wir gerade noch die letzte Schifffahrt zum großen Buddha von Leshan erwischen. Leider können wir nicht auf den Fußzehen der Statue herumklettern. So ist es nun mal, das Reisen ist einfacher und bequemer geworden, aber dennoch nicht schöner oder interessanter als früher, eher im Gegenteil.

    • Ja, und zu manchen Zeiten drängen sich tausende an den schönsten Stellen in Jiuzhaigou… Und auf den Zehen des großen Buddhas sollte man schon aus Denkmalschutzgründen nicht rum krabbeln 😉 Auf die heutigen Stand der Dinge in Jiuzhaigou werde ich später noch eingehen. Bis dahin: stay tuned

  • Wahrlich ein Abenteuer! Übrigens bin ich immer ziemlich dickköpfig, wenn mir jemand den doppelten oder aber einen höheren Preis für etwas abverlangen will, als einem Local. Ich sehe es einfach nicht ein. Weiß nicht, ob es richtig oder falsch ist. Aber so bin ich halt : ) Viele Grüße, Jutta

    • In China war das mal offizielle Politik. Da konnte man nicht viel machen. Für Zugfahrkarten gab es damals einen blühenden Schwarzmarkt. Da bekam man dann Chinesen-Karten zu einem günstigen Preis. Bei Kontrollen war das den Schaffnern dann egal. Heute ist das anders: da bezahlen alle den gleichen Preis, was für die chinesischen Reisenden nicht unbedingt von Vorteil ist.

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