23.06.1991: Regenzeit in Japan!

Die Sommermonate in Asien sind nichts für Reiseweicheier 😉 . Da herrscht dort fast überall Regenzeit. Aber, wenn es nicht anders geht, dann kann man gleich mal ausprobieren, ob man aus Zucker ist oder nicht. Mich hat es schon öfters während der Regenzeit in die unpassendsten Gebiete verschlagen (siehe Regenzeit in Madagaskar). Das ist eine große Herausforderung für den Reisenden und für die Fotografin. Schlechte Lichtverhältnisse, Regentropfen auf dem Objektiv und auf der Brille. Andererseits hat es den Vorteil, dass in der Regenzeit nicht so viele Touristen unterwegs sind. Das Reisen ist entspannter, es sei denn man übernachtet in einer Jugendherberge in Japan. Und eins garantiere ich Euch: Es regnet meistens nicht permanent und tagelang! Es sei denn, man befindet sich gerade in Nikko, Japan.

Da stehe ich vor den prachtvollen Tempeln von Nikko und freue mich, dass es nicht regnet

Da stehe ich vor den prachtvollen Tempeln von Nikko und freue mich, dass es gerade mal nicht regnet

Angekommen in Japan hatte ich gleich an einem der ersten Tage erlebt, was es heißt, wenn es in Kyoto „Hunde und Katzen“ regnet. Dann kommt der Verkehr zum Erliegen, dann geht gar nichts mehr. Wie gut, dass es Sommer ist und der Regen nicht so kalt ist, wie er hier in Hamburg in der Regel ist. Naja, und Nikko war der absolute Höhepunkt meiner Regenzeit in Japan! Verschärft durch die Tatsache, dass ich mich nicht ins Bett kuscheln konnte und abwarten, bis der Regen vorbei ist. Aber wer weiß: Vielleicht hätte ich sonst nie erfahren, wie eindrucksvoll ein Kabuki-Theater sein kann. Lest selbst! Und den sonnigen Teil mit den tollen Tempeln in Nikko will ich Euch auch nicht vorenthalten.

Aus meinem Reisetagebuch:

22.06.1991 Tokyo – Nikko
Der Hauptbahnhof von Tokyo bedeutet Chaos in Reinkultur! Er hat mehrere Ausgänge. Wenn man ihn durchquert, wird ein paar Mal die Fahrkarte kontrolliert. Menschen wimmeln hin und her. Dazwischen eine Gruppe Sumo-Ringer – wahre Kolosse im kurzen Kimono! Die Beschilderung ist fast nur in Japanisch. Bis ich die Gepäckaufbewahrung und danach den richtigen Ausgang zur Post finde, ist es bereits 13:00 Uhr. Beim Poste Restante-Schalter stehe ich vor verschlossener Tür, denn der schließt schon um 12:30 Uhr! Mittlerweile hat es wieder angefangen zu regnen. Verärgert und enttäuscht kehre ich zum Bahnhof zurück. Ich hatte mich so sehr auf Post gefreut! Hinzu kommt, dass ich kein Bett in einer der Jugendherbergen Tokyos bekomme. Ich telefoniere herum: alles besetzt!

Was mache ich nun? Nach intensivem Studium meiner Japankarte entschließe ich mich, nach Nikko zu fahren. Dieser Ort mit sehr berühmten Tempeln liegt nur 2 Stunden Zugfahrt von Tokyo entfernt. Im Zug treffe ich einen Engländer wieder, den ich in Kyoto kennen gelernt hatte. Wir gehen zusammen in Nikko durch strömenden Regen zur Jugendherberge. Als wir nach 45 Minuten Fußmarsch dort ankommen, nass bis auf die Haut, erklärt uns der Herbergsvater mit einem Lächeln bedauernd, dass sie leider geschlossen sei. Er muss uns unsere Enttäuschung angesehen haben, als er uns den Weg zur anderen Jugendherberge beschreibt, die am entgegengesetzten Ende des Ortes liegt, denn er bietet uns an, uns mit dem Auto dorthin zu fahren. Das Angebot nehmen wir gerne und erleichtert an. Hoffentlich machen wir ihm die Sitze nicht zu nass! Ich bin unendlich froh, auf so bequeme Art durch den Regen befördert zu werden.

Die andere Jugendherberge ist sehr klein, aber es gibt noch Platz für uns. Ich bekomme ein Bett in einem geräumigen Alkoven, weich und westlicher Stil. Ich treffe auf einige Westler, mit denen ich in dem gemütlichen Aufenthaltsraum bei einem Nescafé Reiseerfahrungen austauschen kann. Alle stöhnen sie, dass Japan so teuer ist.

23.06. – 26.06.91 Die goldenen Tempel von Nikko
Mein erster Blick aus dem Fenster bestätigt am nächsten Morgen, was ich schon befürchtet hatte: Es regnet in Strömen! Um genau zu sein: der Regen steht wie eine massive Wand vor den Fenstern!!! Ein paar der anderen Gäste und ich flehen die Herbergsmutter an, uns bei diesem Wetter in der Herberge bleiben zu lassen. Aber sie lässt sich nicht erweichen. Sie muss zur Arbeit und bis spätestens ½ 9 Uhr müssen wir raus sein.

Ich denke daran, dass ich meinen Railpass habe und dass in Tokyo wahrscheinlich Post für mich liegt. Die Aussicht, Nikkos Tempel bei strömendem Regen zu besichtigen, wirkt nicht gerade verlockend auf mich. Und vielleicht ist das Wetter morgen besser! Also, auf nach Tokyo! Es scheint mir zwar ein großer Aufwand, nur wegen ein paar Briefen insgesamt 4 Stunden in der Bahn zu sitzen, aber ich mir fällt keine Alternative ein.

Natürlich regnet es auch in Tokyo Bindfäden! Ich habe einen ganzen Packen Briefe bekommen, die ich in einem Fast-Food-Restaurant bei einer Cola lese. Dadurch steigt meine regentrübe Laune ungemein. Weil es wenig sinnvoll ist, bei dem schlechten Wetter Tempel zu besichtigen, mache ich einen Schaufensterbummel durch die unterirdischen Ladenpassagen beim Bahnhof. Kilometerlang reiht sich Geschäft an Geschäft.

Kabuki Theater (Foto: Wikipedia)

Kabuki Theater (Foto: Wikipedia)

In der Touristinformation bekomme ich einen Prospekt für die Fähre nach Korea und ein Hinweisblatt über ein Kabuki-Theater in der Nähe. Dort verbringe ich den Rest des Tages. Natürlich verstehe ich kein Wort von dem, was auf der Bühne vor sich geht. Aber ich freue mich über die bunten Kimonos der Frauen und genieße die Atmosphäre. Kabuki ist eine sehr alte Form des japanischen Theaters. Die Vorstellungen dauern mehrere Stunden. Es ist aber völlig normal, sich nur einen Teil davon anzuschauen.

Am nächsten Tag ist der Himmel zwar bedeckt, aber es regnet glücklicherweise nicht mehr. Also breche ich schon früh auf, um die berühmten Tempel von Nikko zu besichtigen. Sie liegen nur eine kurze Strecke von der Jugendherberge entfernt. In einem kleinen Museum in der Nähe sind wunderschönes Porzellan und sehr alte Bronzearbeiten ausgestellt. Je länger ich in Asien unterwegs bin, desto mehr interessiere ich mich für Porzellan. Mir gefallen die klaren, strahlenden Farben und die schlichten Formen der japanischen Vasen und Teller. Dann fällt mir auf, dass jedes Ausstellungsstück zusätzlich zu den üblichen Ständern noch mit feinen Fäden befestigt ist. Ich überlege eine Weile, was es damit auf sich hat, bis mir einfällt, dass es in Japan sehr viele Erdbeben gibt. Deshalb müssen die kostbaren Vasen etc. speziell vor dem Umfallen gesichert werden. Im Garten des Museums blühen große Azaleen-Büsche in verschwenderischer Fülle.

Das Tor Yomeimon des Toshogu-Schreins

Das Tor Yomeimon des Toshogu-Schreins aus dem 17. Jahrhundert

Dann stehe ich vor dem großen Tor des Toshogu-Schreins. Nichts lässt sich mit der Pracht der Tempel von Nikko vergleichen! Sie stehen in einem völligen Gegensatz zu den japanischen Tempeln, die ich bisher in Kyoto und Nara gesehen habe. Dort überwiegen dunkle Farben und ruhige Formen. Doch hier liegen unter uralten hohen Kiefern Tempel mit geradezu barockem Prunk: Ziergiebel überall. Geschnitzte Heilige und Blumen verzieren Wände und Tore. Alles ist mit Blattgold verziert und zum Teil bunt bemalt. Die Touristen zieht es in Scharen hierher.

An einem der Gebäude des Toshogu-schreins findet man auch die berühmte Darstellung der Drei Affen: "Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen"

An einem der Gebäude des Toshogu-schreins findet man auch die berühmte Darstellung der Drei Affen: “Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen” (Foto: Wikipedia)

Die Mönche bzw. Priester des Tempels verstehen es, aus dem großen Interesse der Menschen viel Geld zu machen. Da kann man seinen Namen auf einen Dachziegel schreiben lassen, mit dem der Tempel renoviert werden soll. Oder ein Priester malt eine Kalligrafie auf ein Blatt Papier. Dann gibt es natürlich auch Wahrsager. Man ist sogar auf ausländische Touristen eingerichtet, denn der Fremde kann die Zukunft auch in englischer Sprache erfahren. Natürlich kostet das alles eine kleine Gebühr.

Ich ziehe im Abstand von einer Stunde zweimal meine Vorschau auf die nächsten Tage: einmal „ Extremely Bad Luck“, das andere Mal „Extremely Good Luck“. Das erste Blatt werfe ich gleich weg. Was soll ich mit „extremem Pech“ anfangen?! Ich lasse nur das „extreme Glück“ gelten, in dem mir für meine Reise prophezeit wird, dass ich reisen kann, wohin ich will, es wird immer gut gehen. Außerdem heißt es, dass mir bald jemand einen Heiratsantrag machen wird. Hmmm…

Obwohl das Orakel keine Aussage über das Wetter macht, scheint es zu meinem Glück zu gehören, dass die Sonne ihren Weg durch die Wolken findet. Ich wandere von einem Tempelgebäude zum nächsten und freue mich an Sonnenschein und Vogelgezwitscher. Mit dem Bus fahre ich zu einem See in der Nähe. Ich bin überrascht, dass es hier so viel Wald gibt. Die frische Waldluft ist eine nette Abwechslung von der abgasgefüllten Luft der Städte.

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur nächsten Etappe: Japan bringt mich zum Verzweifeln!

Zur vorangegangenen Etappe: 18.06.1991 Kyoto bis Nara: Verwirrende Tage

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